Die Operation Seydlitz von Mai bis Juli 1942 war der Deckname einer deutschen Militäroperation der deutschen Wehrmacht im Dreieck zwischen Smolensk, Wjasma und Spas-Demensk sowie zwischen Rschew und Bely zur Bekämpfung der während der sowjetischen Winteroffensive im Rücken der Heeresgruppe Mitte eingedrungenen Teile der 39. Armee sowie von Kavallerie-, Partisanen- und Luftlandeeinheiten der Roten Armee.

Vorgeschichte Im Rahmen der Winteroffensive und der Rschew-Wjasmaer Operation (8. Januar bis 20. April 1942) erteilte die Stawka dem Armeegeneral Georgi K. Schukow, dem Oberbefehlshaber der Westfront der Roten Armee, die Aufgabe, eine Lufttransportoperation zur Verstärkung der im Rücken des Gegners kämpfenden Kavalleriegruppe des Generalleutnant P. A. Below durchzuführen. Sie sollten personell sowie mit Bewaffnung und materiell-technischen Mitteln aufgefüllt werden. Die Truppen im Kessel sollten ihren Raum behaupten und ausweiten, aber auch Verbindungswege, Eisenbahnlinien und Basen des Gegners im Gebiet von Smolensk, Jarzewo, Wjasma und Potschinok angreifen.Geschichte des Zweiten Weltkrieges 1939–1945 in zwölf Bänden. Fünfter Band. - Militärverlag der DDR, 1980. - S. 144

Am 17. Januar 1942 war Generalmajor G. T. Timofejew als Nachfolger des Obersten Nikolai W. Gorin zum neuen Kommandeur des 11. Kavalleriekorps (18., 24., 36. und 82. Kavalleriedivision) ernannt worden, welches zusammen mit der 39. Armee (General I. I. Maslennikow) begonnen hatte, nordwestlich von Wjasma im Rücken der deutschen 9. Armee die Verbindungen zu stören und deutsche Streitkräfte zu binden. Seit Februar völlig abgeschnitten, forderte General Timofejew und der stellvertretende Befehlshaber der 39. Armee, Generalleutnant I. A. Bogdanow, das Hauptquartier der Kalininer Front auf, ihre Truppen zurückziehen zu dürfen und verwiesen auf den Mangel an Futter, Nahrung und Munition. Mit Anordnung der Stawka vom 3. März 1942 wurden die im Kessel befindliche 82. Kavalleriedivision samt der Verwaltung des 12. Kavalleriekorps aufgelöst und dem 11. Kavalleriekorps die 46. und 76. Kavalleriedivision als Verstärkung übertragen. Am 19. Mai wurde Generalmajor Timofejew auf Befehl des Kommandeurs der Kalinin-Front durch General S. W. Sokolow ersetzt.

Zu Beginn des Sommers 1942 hielten die sowjetischen Truppen zwischen den Regionen Kalinin und Smolensk noch ein Gebiet mit einer Fläche von fast 5.000 Quadratkilometern besetzt. Am 25. Mai war die „Sondergruppe des Generals Below“ unter Führung des Kavalleriegenerals Pawel Alexejewitsch Below gebildet worden, zu der neben dem 1. Garde-Kavalleriekorps (5. und 6. Garde-Kavalleriedivision), auch die 329. Schützendivision, Teile des 4. Luftlandekorps und die 1. und 2. Partisanendivision gehörten, welche im Raum südwestlich von Wjasma abgeschnitten war. Nördlich davon operierte die 39. Armee, welche am 2. Juni die 21. Garde-, die 252., 256., 357., 373. und 381. Schützendivision umfasste. Zusätzlich hielten das 11. Kavalleriekorps und Partisanengruppen auf breiter Front einen Frontvorsprung rund um Cholm-Schirkowski. Die Position der 39. Armee und des Kavalleriekorps Sokolow ähnelte in vielerlei Hinsicht der Situation der 2. Stoßarmee in der Endphase der Ljubaner Operation. Die deutsche Gegenoffensive im Winter 1942 hatte alle Verbindungen der 39. Armee unterbrochen. Ein Korridor nach Nelidowo ermöglichte jedoch die Versorgung der 39. Armee zwischen den von deutschen Truppen gehaltenen Städten Olenino und Bely. An seiner engsten Stelle betrug die Breite dieses Korridors 27–28 Kilometer. Westlich davon sicherten die 22. und 41. Armee der Kalinin-Front. Die 41. Armee war am 15. Mai auf Grundlage des Führungskommandos der Einsatzgruppen der Generäle Tarassow und Beresin aufgestellt worden. Die Führung der 41. Armee hatte Generalmajor G. F. Tarassow erhalten, der sich im Verband der 4. Stoßarmee als Kommandeur der 249. Schützendivision in der Toropez-Cholmer Operation bewährt hatte.

Planungen mini|Skizze auf Basis der Karte 37 Kampfhandlungen Sommer Herbst 1942, Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion, Band 2, Militärverlag, 1962

Nach der Winteroffensive und der Rschew-Wjasma-Operation (8. Januar bis 20. April 1942) stand die Heeresgruppe Mitte im Ausgang des Winters 1942 wieder in einer geschlossenen, jedoch infolge zahlreicher Einbuchtungen, Rückenfronten und Kesselbildungen weit überdehnten Front von 1400 Kilometer Länge, von welchen nicht weniger als 600 Kilometer auf die „innere“ Front zum Schutz des Rückens der Heeresgruppe entfielen. Gemäß den deutschen Planungen für den Sommerfeldzug 1942 war der Mittelabschnitt der Ostfront nur eine Nebenfront.Vgl. OKH-Weisung betr. „Kampfführung im Osten nach Abschluß des Winters“ vom 12. Februar 1942, KTB OKW, Bd. 1, S. 1093 ff. Eine Rücknahme der Front auf eine kräftesparende Linie kam für Hitler nicht infrage.Siehe: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4, S. 641 (Klink). Unter diesen Umständen musste sich die Heeresgruppe darauf beschränken, die noch in ihrem Rücken stehenden Feindteile mittels örtlich begrenzter Offensiven zu bekämpfen. Diesem Zweck dienten drei im Mai und Juni unter dem Decknamen „Hannover“ (I und II) von der 4. Armee (Heinrici) sowie von der 9. Armee (Model) Anfang Juli unter der Bezeichnung „Seydlitz“ durchgeführte Operationen.

Bisher waren selbstständige Unternehmen zur Partisanenbekämpfung an der Front durch einzelne Dienststellen und Einheiten strikt verboten. Es gab die Ansicht, dass die Truppe zur Nachsicht gegenüber der Zivilbevölkerung neigen würde. Solche Unternehmen wurden Sicherungsdivisionen wie der 221. Infanterie-Division überlassen. Diese hatten, neben dem militärischen Auftrag, die Aufgabe, die Besatzungsherrschaft im Hinterland der Front zu errichten und zu erhalten. Für einen echten militärischen Einsatz war diese weder ausgerüstet noch befähigt. Die 221. war seit März 42 im Operationsraum zur Bekämpfung der Partisanen eingesetzt und hatte dort einen äußerst grausamen Krieg mit den Partisanen geführt, der hauptsächlich auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen wurde. Auch die Partisanen vernichteten jeden, der im bloßen Verdacht stand, mit den Deutschen zu kooperieren. Das Problem für die Deutschen war, dass die Partisanen erfolgreicher waren. Im April 1942 sollen sie 40 % aller Wälder im Besatzungsgebiet kontrolliert haben. Resigniert stellte die 221. Infanteriedivision damals fest, der Feind habe „mit einzelnen Gruppen von 10 bis 30 Mann die einzelnen Ortschaften besetzt“ und beherrsche „so den Raum nördlich und südlich des Divisionsraumes fast völlig.“ Aus „kleinen Feindnestern“ seien nun „zahlenmäßig nicht unbedeutende Widerstandszentren“ geworden. Die Partisanen könne man nur dann besiegen, wenn sie „in großangelegten, energisch angeführten Angriffen umfasst, eingeschlossen und vernichtet“ würden.Siehe auch: Hartmann, Christian: Wehrmacht im Ostkrieg: Front und militärisches Hinterland 1941/42 : Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Band 75, 2., München, Deutschland: De Gruyter Oldenbourg, 2010. - S. 742-747

Verlauf Operation Hannover I Ziel der am 24. Mai begonnenen Operation war es, die im Dreieck zwischen Smolensk, Wjasma und Spas-Demensk stehenden Truppen des 1. Garde-Kavalleriekorps (5. und 6. Garde-Kavalleriedivision) an der oberen Ugra beiderseits der Bahnlinie Wjasma—Kirow einzukreisen und zu vernichten. Dazu sollten die 23. und 197. Infanterie- und 5. Panzerdivision von Norden, die 34. Infanterie- und 19. Panzerdivision von Süden sowie die 131. Infanteriedivision von Osten her angreifenVgl. Hofmann, Feldzug im Mittelabschnitt, 4. Teil, S. 10, MGFA, Studie P-114 b. 4. Teil.. Belows Verbände – im Wesentlichen Teile des 1. Garde-Kavalleriekorps, Luftlandetruppen und Partisanen in einer Gesamtstärke von rund 20.000 Mann – waren von jeder direkten Verbindung zur 50. Armee (Rote Armee) abgeschnitten und ein geplanter Entsatz war vorerst nicht realisierbar.Vgl. Schukow, Erinnerungen, S. 349, sowie Erickson, Stalin's War, Bd. 1, S. 332 f., 340 f. Die deutsche Offensive kam infolge starker Regenfälle in den ersten Tagen nur schleppend voran. Insbesondere der Übergang über die Ugra war erschwert. Zudem wussten sich die Verteidiger aufgrund des schwer zugänglichen Waldgeländes leichter als die angreifenden deutschen Verbände zu orientieren. So konnten die nördliche und südliche Angriffsgruppe zwar am 27. Mai bei Fursowo Verbindung zueinander aufnehmen und den Einschließungsring schließen, mussten jedoch in den folgenden Tagen feststellen, dass die Masse der Gruppe Below sich erfolgreich durch die feindlichen Linien durchzuschlagen vermocht hatte.Vgl. Soviet Partisans, S. 437 ff.

Operation Hannover II mini|Bewegungen der 19. Panzerdivision während der Operationen HannoverSkizze basierend auf der Operationsskizze „Rolf Hinze: Die 19. Panzer-Division, S. 89“

Die Operation wurde daraufhin in Richtung Dnjepr geführt, wobei die 5. Panzer- und 23. Infanteriedivision auf Dorogobusch, die 19. Panzer- und 197. Infanteriedivision südlich davon gegen die Straße Femino—Jelnja vorstoßen sollte.Vgl. hierzu und zum Folgenden Hofmann, Feldzug im Mittelabschnitt, 4. Teil, S. 13 f. MGFA. Studie 146, 4. Teil. Die Operationsführung glaubte nun Below in dem Raum bei Jelnja in einem Gebiet einschließen zu können, das im Norden durch den Dnjepr und im Süden durch die 221. SicherungsdivisionBundesarchiv, BArch RH 26-221/32. - enthält: Einsatz der 221. Sich. Div. bei Unternehmen „München“ und „Hannover“ blockiert war. Erneut hatte der Vormarsch der am 3. Juni antretenden Verbände unter der Unübersichtlichkeit und Verschlammung des Geländes sowie dem taktischen Geschick des zumeist unsichtbar operierenden GegnersHalder vermerkte hierzu in seinem Tagebuch (Bd. III, S. 458) am 17. Juni 1942: „Das Kavalleriekorps Below geistert jetzt westlich Kirow herum. Der Mann hat immerhin im ganzen 7 deutsche Divisionen in Bewegung gesetzt.“ zu leiden. In der Nacht vom 8. zum 9. Juni gelang Below ein DurchbruchDer Durchstoß erfolgte beim Wachbataillon 701, das hierbei weitestgehend vernichtet wurde. - Vgl. Munoz/Rumanko, Hitler's White Russians, S. 203 durch die Stellungen 221. Sicherungsdivision nach Süden, während die deutschen Verbände am 11. Juni ohne nennenswerte Feindberührung den Dnjepr erreichten. Dennoch war die Operation kein völliger Fehlschlag, da während der folgenden zwei Wochen Belows Truppen im Zuge ihrer verzweifelten Versuche, sich über die Rollbahn Roslawl-Juchnow zu den eigenen Linien durchzuschlagen, größtenteils noch vernichtet werden konnten.Zu den differierenden deutschen und sowjetischen Angaben über den Umfang der Verluste vgl. Ziemke/Bauer, Moscow to Stalingrad, S. 247f.