Die Deutschsprachige Gegenwartsprosa seit 1970Irmgard Scheitler: Deutschsprachige Gegenwartsprosa seit 1970, Tübingen u. Basel 2001, 386 Seiten ISBN 3-8252-2262-4 ist eine Monografie von Irmgard Scheitler aus dem Jahr 2001, die ihren Gegenstand in dreifacher Perspektive darstellt: in einer Theorie der wichtigsten Schreibtraditionen, einer kurzen Geschichte der Prosa von 1945 bis zum Ende der 1990er Jahre und in einer Übersicht nach Gattungen und Themen. Dieses HandbuchDas Buch ist zwar „aus dem akademischen Unterricht entstanden“ und eine „Orientierungshilfe“ für Studenten und Interessierte, da es aber keine didaktisch speziell aufbereiteten Materialien enthält, ist es weniger ein Lehrbuch als ein Handbuch. Scheitler, Gegenwartsprosa, Vorwort. soll „ein Wegweiser durch das Dickicht der neuen deutschsprachigen Prosa“, eine Orientierungshilfe für Leser sein, die auf neue Leseerlebnisse hoffen. Das Potenzial hierfür sieht Scheitler weniger in avantgardistischen Experimenten und mehr in den Werken eines neuen Erzählens.

Übersicht Die Gegenwartsprosa wird „um der schärferen Konturierung willen“Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 9. vom Standpunkt des realistischen Erzählens der Vergangenheit betrachtet und die von dieser Folie abweichenden Merkmale der modernen Literatur – oft distanzierend  – hervorgehoben. Noch im Realismus hätten Autor und Leser die weitgehend gleichen Werte besessen, aber die Welterfahrung der Moderne sei durch Pluralität und daher durch unverbindliche Weltmodelle gekennzeichnet. Diese grundsätzliche Lage präge seit bald 100 Jahren und vor allem nach 1945 die Gegenwartsprosa, in der sich einerseits das „end of fiction“ bis hin zu sperrigen und unlesbaren Wortkonstrukten einer autistischen Avantgarde,Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 71, 86. andererseits aber auch ein Neues Erzählen für Welthaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung entwickelte.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 65 ff., 74 f. Das Handbuch beschließt ein umfangreicher Anhang mit Begriffsklärungen, Abkürzungen, Literaturangaben und einem Register.

Erzähltheorie der Gegenwartsprosa Der einleitende erste Teil liefere eine „kleine Theorie der Gegenwartsprosa“,Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 6, 9 ff. Als Beispiel für ihre systematischen Analyseabschnitte nutzt Scheitler Dieter Kühns 1990 erschienenen Roman Beethoven und der schwarze Geiger. die die epische Illusion wegen ihres Zweifels an der Verlässlichkeit der Realität und an der Berechtigung der Leserverführung beende. Daher ihr Widerwille gegen erfundene Geschichten und geschlossene Romane.Daher auch der Trend zur Wiederverwendung sprachlichen Materials zur Gewinnung eines Stoffs (Intertextualität). Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 20. Sie verabschiede sich zum Beispiel von der „Welthaltigkeit“ oder Referenz auf die Außenwelt und arbeite stattdessen mit dem Bewusstseinsstrom und offenen Enden. Oder sie betone genau diese Welthaltigkeit, aber durch Wahrheitssignale wie Bildmaterial, Zeitungsausschnitte, Fußnoten, Referenzen auf andere Werke, reale Personen, Orte und Ereignisse und gebe damit Fiktion als Faktum aus, „was der Leser aufgrund seiner Leseerfahrung (…) als ´Tarnung´ zu dechiffrieren“ wisse.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 14, 17, 26 ff. Nicht weniger illusionserschwerend seien Untertitel wie „Roman“, Hinweise auf narrative Alternativen und rhetorische „Werkstattgespräche“.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 20. Sofern sich illusionsstützende und fiktionsstörende Hinweise abwechseln, entstehe ein „Fiktionsrelief“, das den Leser irritiere und ihm ein eigenes Urteil über den „ontologischen Status“ der Erzählung abfordere.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 15, 17, 19 f.

In der realistischen Erzählung wirkten die Struktur und ihre Teile durch Akzente der Sinngebung des Ganzen zusammen, in der Gegenwartsprosa reduziere die Unsicherheit der Welt die Möglichkeit eines die Episoden übergreifenden Sinnes; der Text vermittle seine Botschaften nur noch in seiner Struktur: Das Wie und das Was seien nicht zu trennen.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 12, 39 ff. Traditionell seien Fabeln linear erzählt und früher mit Anfang, Mitte und Schluss den Erwartungen der Leser entsprechend konstruiert worden. Das habe logische Zumutungen für den Leser vermieden, während in der Gegenwartsprosa die Fabeln inkonsistent und undurchschaubar seien wie die Welt. Die Struktur der Prosa verliere Linearität, Finalität und ihre Gliederung in Sinnschritte und in der Struktur, im „Kosmos eines Romans“ und der von ihm bewirkten Verunsicherung des Lesers liege die Botschaft, mit der er sich abfinden müsse. (Würde die Inkonsistenz einer Fabel aber mit dem Wirrwarr der Welt begründet, würde die Abbildfunktion von Literatur durch die Hintertür wieder eingeführt.)Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 12, 21 ff., 39 ff.

Gegenwartsprosa verabschiede sich vom allwissenden Erzähler und seiner Sympathielenkung, arbeite stattdessen mit einer Fülle von Perspektiven und ihrem Wechsel. Eine einzelne Instanz im Besitz der Geschichte gebe es nicht mehr und in dieser Verunsicherung distanziere sich der Erzähler auch von sich selbst – seine Identität sei immer „unfertig“.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 11 f., 29 ff., 75. Dem schwankenden Charakter des Erzählers entsprechen die weniger „runden“ und eher „flachen Charaktere“ der Figuren, von denen ebenso wenig zu sagen sei, wie von der Beschaffenheit der Welt.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 35 ff., 75 f.

Die Experimente der Inkohärenz in der Konstruktion, Kombination, Segmentierung, bei Tempus und Sprache suchten nach Ausdrucksmöglichkeiten jenseits aller Traditionen und überfordern damit teilweise auch die Rezipienten, wodurch Lesen zu einem Thema von Spezialisten werde.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 11, 39 ff. Dazu gehöre auch das Spiel mit Autorreferenzen wie zum Beispiel anachronistischem Verhalten und Selbstkorrekturen. Während „die herkömmliche Narratologie (…) mit dem Erzähltempus Präteritum“ arbeite, verwende die Gegenwartsprosa das Präsens als „Leittempus“.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 45 ff. Damit werde auf eine noch schwebende Entwicklung, auf Unfertigkeit und Offenheit der Welt für weitere Erschütterungen verwiesen. Der Leser habe keinen festen Bezugspunkt mehr und könne sich auf die fiktive Welt nicht mehr verlassen. Das Verständnis auch disparater Teile und des Ganzen geschehe in dem bekannten Kreislauf, im Wechselschritt auf dem Boden der Materialhinweise, was weniger ein „finden“ als ein „erfinden“, ein konstruieren sei – der Leser werde zur „sinnstiftenden Mitarbeit“ und „als Ko-Autor gefordert.“Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 13, 44, 48 ff., 76.

Die Gattungserwartungen der Leser an historische, Künstler-, Reiseroman und andere Romangattungen würden in der Gegenwartsprosa intensiv genutzt und ironisch umspielt. In der Erfüllung und Verweigerung dieser Erwartungen bestehe ein Reiz der Lektüre und führe dem Leser vor allem bei der Nichterfüllung seine Manipulierbarkeit vor Augen.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 57 ff.

Kurze Geschichte der Gegenwartsprosa Bevor Scheitler insgesamt vierzehn Themengruppen bzw. Genres der Gegenwartsprosa beschreibt, fasst sie in ihrer zweiten Einleitung auf 20 Seiten die Geschichte der Gegenwartsprosa seit 1945 zusammen. Diese entwickle ihre Themen und Trends im Zusammenhang mit der sozialen und politischen Geschichte der beiden später wiedervereinigten Teile Deutschlands. Die Politisierung der literarischen Intelligenz in den 1960er Jahren habe die Gruppe 47 zerbrochen und zunächst „zu einer Literatur des Engagements für die Öffentlichkeit“ geführt.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 66. Als unter dem Einfluss des RAF-Terrors „der Rückhalt der Linken in der Gesellschaft dahinschwand“, wurde wieder mehr erzählt als agitiert, obgleich die Auseinandersetzung um die atomare Nachrüstung den Erzählungen den Stempel der „Endzeitstimmung“ aufdrückte und das „unzusammenhängende Schreiben“ von Collagen, die „Schnipseltechnik“, das „passantische Schreiben“ verbreitete.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 70 f. Diese Unterschiede befeuerten „bereits um die Mitte der 80er Jahre jene Debatte um den Wert des Erzählens“,Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 71. in der sich erzählende „Aufklärer“ und postmoderne Avantgarde mit ihren kleinen Auflagen gegenüberstanden. Die gewollt antipopulären Avantgardespiele der Literatur zu entschlüsseln sei für Leser eine minderinteressante Aufgabe, zumal diese oft nur „Langeweile, Leere, die nicht nur vorhanden sind, sondern zelebriert werden“, zu entdecken hatten.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 77.

Obgleich Hans Magnus Enzensberger 1968 den „Tod der Literatur“ aus politischen Gründen und Wolfgang Hildesheimer 1976 „The End of Fiction“ aus ästhetischen Gründen proklamierten, gab es immer wieder Strömungen des Erzählens, die sich sogar seit den späten 90er Jahren verfestigten. Aber diese normative bzw. ästhetische Offenheit mache es heute nicht nur den Literaten, sondern auch den Kritikern schwer, Kriterien guter Literatur zu entwickeln.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 65, 77 ff. Das aber wirke sich einschneidend auf den Literaturbetrieb aus: „Die bedrängendste Frage scheint gegenwärtig zu sein: Wie kommen wir zu einer Literatur, die gekauft und gelesen wird?“Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 98.

Themengruppen der Gegenwartsprosa Scheitler beschreibt insgesamt vierzehn Themengruppen bzw. Genres der Gegenwartsprosa, denen sie jeweils zwischen zehn (experimentelle und erzählfreie Prosa) und dreiundzwanzig Seiten (Dokumentarismus, Besonderheiten deutschsprachiger Literaturen) widmet. Neben den genrespezifischen Schreibtraditionen, den Themen und der Handhabung der narrativen Kategorien werden in den Kapiteln stets Werke verschiedener Autoren eines Genres ausführlich analysiert.

Realismus Nach 1945 wurde der literarische Realismus in Ost- und Westdeutschland als Heilmittel angesehen – in der DDR in Form des „sozialistischen Realismus“ für den Aufbau einer neuen Gesellschaft, in der BRD aus Sorge um die Popularität von Literatur und um den Leser. Für Autoren eines neuen Erzählens waren Unterhaltung und Lesevergnügen kein Manko der Literatur und wie in der DDR Herman Kants Die Aula ihre Leser fand und diese unterhielt, so in der BRD zum Beispiel die Werke von Max von der Grün, Gerd Fuchs, Uwe Timm, Helmut Heißenbüttel, Dieter Wellershoff, Maxim Biller und Josef Haslinger, die aber auch an die Grenzen der Inselhaftigkeit und Individualität aller Erfahrung stießen.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 86 ff.

Dokumentarismus Die Skepsis gegenüber erfundenen Geschichten führte auch zum Dokumentarismus, der in der Verarbeitung von Dokumenten mehr „Wahrheiten aus erster Hand“ liefern und „authentisches Leben“ einfangen wollte. Neben anderen suchten Erika Runge, Alexander Kluge, Heinrich Böll, Peter Schneider, Günter Wallraff und Walter Kempowski einen unmittelbareren Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und nutzten verschiedene Formen von Dokumenten und Quellen zur Untermauerung ihrer politischen Ansprüche.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 103 ff.

Neue Subjektivität Mit der Auflösung der Studentenbewegung Anfang der 1970er Jahre verbreitete sich eine bisher durch die Politisierung verdrängte Arbeit an Liebes- und Partnerbeziehungen. Den Autoren der neuen Subjektivität ging es im Zeitraum von vor 1968 bis nach 1980 um „Schicksalsbewältigung oder doch Schicksalsdarstellung. (…) Egozentrik, Beziehungsarmut, Einsamkeit, Scheitern, Krankheit, Wahnsinn, letztlich Tod – auffallend viele Autoren widmen sich diesen Themen. (…) Es sind ja alles Geschichten von Scheiternden, Gescheiterten, Verlustgeschichten, Zerfallsgeschichten“.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 129, 137, 142. Wichtige Autoren waren Karin Struck, Peter Schneider, Nicolas Born, Peter Handke, Christa Wolf, Gerlind Reinshagen und Martin Walser. Die jüngste Autorengeneration seit den 90er Jahren konnte aber mit dieser Gefühligkeit nichts mehr anfangen.Scheitler, Gegenwartsprosa, S. 127 ff.

Autobiografische Literatur