mini|hochkant=1.8|Wohnzimmer einer Neubauwohnung (Plattenbautyp P2) in Ost-Berlin, 1974

Die Geschichte des Wohnens beginnt mit der Sesshaftwerdung des Menschen seit der neolithischen Revolution. Seither bildeten sich unterschiedliche Wohnformen und -kulturen heraus, die für jede historische Epoche prägend waren und die Kultur- und Sozialgeschichte von Gesellschaften maßgeblich beeinflussten.

Weltweit weisen Wohnformen in historischer Perspektive sehr vielschichtige und disparate Entwicklungen auf, weshalb hier der Fokus exemplarisch auf die vielfältigen Forschungen und Veröffentlichungen zur Entwicklung im heute deutschsprachigen Raum gelegt wird, die im Zusammenhang der Alltagsgeschichtsschreibung in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft von den 1970er bis 1990er Jahren entstanden sind.

Forschungen zur Geschichte des Wohnens erweisen sich aufgrund mangelnder Überlieferung oft als schwierig. Archäologische Funde oder Bild- und Textquellen geben weit häufiger Auskunft über die Wohnverhältnisse privilegierter Bevölkerungsschichten, während das Wohnen oder Hausen der nichtprivilegierten Menschen oft gar nicht zu rekonstruieren ist.

Begriff Wohnen Das Verb „wohnen“ geht auf mhd. wonen, ahd. wonên (weilen, wohnen, hausen, bleiben, leben, sich aufhalten, verharren, ruhen, sein) und protogermanisch *wunēn, *wunǣn (gewohnt sein, zufrieden sein, wohnen) zurück.

Das heutige Begriffsverständnis des Wohnens und der Wohnung wurde stark durch die Etablierung des Bürgertums im 19. Jahrhundert geprägt und bezeichnet daher tendenziell privilegierte Wohnformen, wie sie heute den mitteleuropäischen Standards entsprechen. Wohnen gilt dabei nach Marcel Mauss als soziales TotalphänomenMarcel Mauss: Essai sur le don. Forme et raison de l’échange dans les sociétés archaïques. In: L’Année Sociologique, 1 (1923/24), Alcan, Paris 1925, S. 30–186; siehe hierzu auch Hans-Jürgen Teuteberg: Betrachtungen zu einer Geschichte des Wohnens. In: Homo habitans. Münster 1985, S. 1–23, hier S. 1. und zählt zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Als Wohnungen werden dabei Gebäude und Räume, die als Wohnsitz dienen können, verstanden, damit sind heute insbesondere Einfamilienhäuser oder Etagenwohnungen gemeint. Dieses Verständnis von Wohnen lässt sich nicht ohne Weiteres auf die vorherige Vergangenheit übertragen. Nichtprivilegierte und arme Menschen lebten in früheren Epochen oft unter aus heutiger Sicht äußerst widrigen Bedingungen. Statt von Wohnen muss gemessen am heutigen Begriffsverständnis also eher von Hausen gesprochen werden.

Die Historikerin Adelheid von Saldern erklärt den Begriff Wohnen soziologisch „als eine aktive Auseinandersetzung des Menschen mit dem Raum und dessen Einrichtung“ und führt weiter aus: „Tiere können nicht wohnen. Auch ein Haus, in dem keine Menschen leben, gilt zurecht als unbewohnt. […] Im Umgang der Menschen mit den Räumen vollziehen sich komplexe Aneignungsprozesse.“S. Adelheid von Saldern: Im Hause, zu Hause. Wohnen im Spannungsfeld von Gegebenheiten und Aneignungen. In: Jürgen Reulecke (Hrsg.): Geschichte des Wohnens, Band 3: 1800–1918. Das bürgerliche Zeitalter. Stuttgart 1997, S. 145–332, hier S. 148.

Forschungsgegenstand Theorie einer Geschichte des Wohnens Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Hans-Jürgen Teuteberg publizierte 1985 einen grundlegenden Aufsatz zur Geschichte des Wohnens, in dem er eine Verschränkung der Forschungen zur Architektur und materiellen Sachkultur mit dem „sozialen Handlungsfeld Wohnen“Siehe Hans-Jürgen Teuteberg: Betrachtungen zu einer Geschichte des Wohnens. In: Homo habitans. Münster 1985, S. 1–23, hier S. 1. sowie eine Kategorisierung der Aspekte Wohnung als gebaute Umwelt, Wohnungseinrichtung und soziale Wohnfunktionen vorschlug. In diesem Verständnis stellt eine Geschichte des Wohnens disparate Lebensbedingungen der Menschen in einen Zusammenhang, bezogen etwa auf Herrschaft und soziale Ungleichheit, dem Leben auf dem Land oder in der Stadt, Geschlechterrollen und Familienformen oder Migration und Interkulturalität. Teuteberg stellte einleitend fest, dass „es bis heute sowohl an einer generellen Theorie als auch an einer umfassenden Geschichte des Wohnens mangelt“, die sich „mit dem sozialen Handlungsfeld Wohnen und seinem psychisch-subjektiven Erlebniswert“ beschäftigt. Es gebe hinreichende Forschungen zur Architektur und zur materiellen Sachkultur, aber nicht über „die Nutzung der Wohnungen, nämlich das tagtägliche Hausen der Menschen in den Räumen und ihre Handlungsmuster, die durch wohnungsexterne wie wohnungsinterne Faktoren beeinflusst werden.“ Zugleich verweist er auf die Schwierigkeit einer definitorischen Festlegung des Begriffs Wohnen: „Der Begriff des Wohnens ist ähnlich wie die Termini Stadt, Siedlung und Gemeinde so schwer definierbar, weil im Grunde fast alle Phänomene menschlichen Daseins hier eingehen und die Wohnung die große Welt draußen noch einmal im Kleinen abspiegelt“.Hans-Jürgen Teuteberg: Betrachtungen zu einer Geschichte des Wohnens. In: Homo habitans. Münster 1985, S. 1–23, hier S. 3.

Teuteberg entwarf ein integrales Konzept der sozialen Wohnverfassung,Hans-Jürgen Teuteberg: Betrachtungen zu einer Geschichte des Wohnens. In: Homo habitans. Münster 1985, S. 1–23, hier S. 3. das verschiedene Aspekte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Verbindung bringen soll, und teilte es in drei Kategorien ein: Wohnung als gebaute Umwelt (mit den Aspekten Außenstruktur der Wohnung, darunter z. B. die Wohnform, Wohnlage oder die Eigentumsform, und die Binnenstruktur der Wohnung, z. B. Wohnräume und die Wohnungsqualität) Wohnungseinrichtung (z. B. Möbel, Hausrat, Arbeitsgeräte, Vorratshaltung) Soziale Wohnfunktionen (mit den Aspekten wohnungsinterne Faktoren, z. B. die Zahl der Bewohner, deren Alter, Geschlecht und Beruf, wohnungsexterne Faktoren, z. B. Nachbarn, Einkaufsmöglichkeiten oder Freizeitmöglichkeiten, sowie den sozialen Interaktionsbereich Wohnen und Wohnerlebnis, z. B. Wohnen als Sozialisation und Enkulturation, als soziale Kommunikation oder als soziales Statussymbol)

Die Kategorisierung macht deutlich, dass in diesem Verständnis einer Geschichte des Wohnens eine Vielzahl von Aspekten historisch zu befragen und in Verbindung zu setzen sind, dabei zuerst die architektonische Gestaltung der Wohnstätte, deren Innenarchitektur und die Wohnkultur, die Wohntypologie und die Aufteilung bestimmter Räume (Küche, Wohn-, Bade-, Kinder- und Schlafzimmer sowie die Toilette) sowie Möbel, Hausrat oder Haushaltsgeräte. Neben grundlegenden Faktoren wie Familienformen, Geschlechterrollen, Herrschaft und sozialer Ungleichheit können auch Aspekte des Wohnumfeldes wie Nachbarschaft oder Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten eine Rolle spielen. Auf übergeordneter Ebene wirken Prozesse wie die Urbanisierung und die Stadtbaugeschichte sowie die Entwicklung von Siedlungsformen und der Einfluss der Wohnungspolitik auf die jeweiligen Wohnsituationen ein. Weil es das Wohnen nicht gibt und bereits seit der Antike gleichzeitig eine Vielzahl verschiedener Wohnformen und -modelle nebeneinander existierten, können auch randständigere Fragen wie das Gewähren von Unterkunft (zum Beispiel in Herbergen oder Hotels), die Hygienezustände und Gesundheitspolitik, das Wohnen in Institutionen (zum Beispiel in Alten- und Kinderheimen oder Studierendenwohnheimen), die Auswirkungen von Migration und Interkulturalität, von Einquartierungen und Umzügen oder von sozialen Protesten um die Wohnungsfrage (zum Beispiel Hausbesetzungen) und das Problem der Wohnungslosigkeit in die Betrachtungen einbezogen werden.

Forschungsstand Die Geschichtswissenschaft hat sich erst mit Etablierung der Alltags- und Kulturgeschichte auch mit der Geschichte des Wohnens beschäftigt. Hierzu gingen wichtige Impulse von der französischen Annales-Schule ab den 1920er Jahren aus. In der deutschen Geschichtswissenschaft erfolgte die Hinwendung zur Kulturgeschichte vermehrt erst ab den 1970er und 1980er Jahren.Vgl. etwa den Literaturberichte von Günther Schulz: Neue Literatur zur Geschichte des Wohnens und der Wohnungspolitik. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 73 (1986), H. 3, S. 366–391. Ethnologen bzw. Volkskundler hatten bereits seit dem späten 19. Jahrhundert Wohnverhältnisse in der Vergangenheit systematisch zu forschen begonnen, allerdings in der Absicht, „das Wohnen in früheren Jahrhunderten nostalgisch verklärend der angeblich zivilisationsentarteten Großstadt in der eigenen Gegenwart gegenüberzustellen“.Hans-Jürgen Teuteberg: Betrachtungen zu einer Geschichte des Wohnens. In: Homo habitans. Münster 1985, S. 1–23, hier S. 14.

Erste grundlegende sozial- und kulturgeschichtliche Forschungsarbeiten seit Ende der 1970er Jahre dokumentieren der von Lutz Niethammer herausgegebene Sammelband Wohnen in Wandel, die Dissertation Ländliches Wohnen vor der Industrialisierung von Volker Gläntzer und der Aufsatz Betrachtungen zu einer Geschichte des Wohnens von Hans-Jürgen Teuteberg. Ende der 1990er Jahre erschien als Ergebnis eines großen Forschungsprojekts eine fünfbändige, von Ulf Dirlmeier, Ingeborg Flagge, Wolfram Hoepfner, Gert Kähler und Jürgen Reulecke herausgegebene Geschichte des Wohnens über alle historischen Epochen. Weil die Alltagsgeschichte oft mit dem Prinzip „Grabe wo du stehst“ verknüpft wurde, beziehen sich die meisten Forschungen der deutschsprachigen Forschungen auf lokale Wohnformen im deutschsprachigen Raum.

Ein grundsätzliches Problem der Erforschung der Geschichte des Wohnens ist die oft spärliche Überlieferung. Das wird schon an der Verwendung von Baumaterialien deutlich, denn die meisten archäologischen Spuren zu historischen Wohnformen sind Überreste früherer Steinbauten privilegierter Bevölkerungsschichten. Erst ab dem 17. Jahrhundert lassen sich die Wohnverhältnisse besser nachvollziehen, denn ein Teil der bis heute erhaltenen Altstädte stammt noch aus dieser Zeit,Hanna Hilger: Die „dritte Haut“ des Menschen. Zur Geschichte des Wohnens In: Monumente-online.de, August 2015. während es beispielsweise nur noch sehr wenige Häuser oder archäologische Spuren gibt, die aus dem Mittelalter oder früherer Epochen erhalten sind.

Seit Martin Heideggers Vortrag „Bauen, Wohnen, Denken“ von 1951 ist das Wohnen auch Gegenstand der philosophischen Auseinandersetzung.Martin Heidegger: Bauen, Wohnen, Denken. Darmstädter Gespräche des Deutschen Werkbundes 1951. In: Eduard Führ: Bauen und Wohnen. Waxmann, Münster 2000. Vgl. zum Forschungsstand in der Philosophie Florian Rötzer: Sein und Wohnen. Frankfurt/M. 2020, S. 69–85.

Historische Entwicklungen: Beispiel deutschsprachiger Raum Weltweit betrachtet, weist die Geschichte des Wohnens stark unterschiedliche Formen und Ausprägungen auf. Grundlegende Entwicklungen lassen sich sinnvoll nur für abgegrenzte und historisch gewachsene und regional begrenzte Räume darstellen. Deshalb wird die historische Entwicklung geographisch auf den heute deutschsprachigen Raum begrenzt und damit die Absicht verfolgt, Grundzüge der Entwicklung des Wohnens für einen Bezugsraum exemplarisch zu verdeutlichen.Es wären auch andere Begrenzungen sinnvoll und möglich. Mit deutschsprachiger Raum soll ein Bezugsraum eingegrenzt werden, der in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft gründlich erforscht wurde und somit hinreichend belegt werden kann. Das wäre etwa für den Bezugsraum Europa nach Stand der Forschung nicht leistbar. Weil das Wohnen in den verschiedenen Epochen jeweils vielschichtig ist, lässt sich kaum jeder Aspekt der Geschichte des Wohnens abbilden, wohl aber wichtige historische Entwicklungen, wie sie für die Mehrheit der Gesellschaft jeweils prägend waren. Wichtige allgemeine Faktoren dabei sind:

Wohnen spiegelt in der Vergangenheit und bis heute die Ausprägungen sozialer Ungleichheit sowohl bezogen auf Herrschaft, Besitzverhältnisse, Zugehörigkeit oder Geschlechterunterschiede wider.