mini|Kurt Ströer (ca. Anfang der 1970er Jahre) Kurt Ströer (* 17. Juni 1921 in Glauchau; † 26. April 2013 in Chemnitz) war ein Diakon und Jugendwart der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Wegen seines besonderen Engagements wirkte er als Vorbild und gilt als „Vater der evangelischen Jugendarbeit“ in Sachsen. Im Rahmen seiner Seelsorge beging er jedoch auch spirituellen und sexuellen Missbrauch an mindestens 38 minderjährigen Jugendlichen.Über 100 Betroffene sexueller Gewalt in Landeskirche bekannt web.de, aktualisiert am 26. April 2024.
Leben Werdegang Ströer wuchs in sächsischen Glauchau auf als einziges Kind eines Karosseriestellmachers und einer Heimarbeiterin. Seine Eltern waren nicht kirchlich verankert, ließen Kurt jedoch nach volkskirchlicher Sitte taufen und konfirmieren. Er schreibt über sie: „So indifferent sich meine Eltern zum Thema Glaube und Kirche verhielten, so besaßen sie andererseits […] politisch […] eine erstaunlich konsequente Haltung. Ihnen habe ich letztendlich zu danken, dass ich in keine nationalsozialistische Jugendorganisation eintrat und schon sehr jung ziemlich ‚klare Sicht‘ bekam.“Dick/Gotter 2000, S. 20. Ströer schilderte, dass er vom Alter von 11 Jahren an bewusst am evangelischen Gemeindeleben teilnahm. Kurz nach seiner Konfirmation habe er „eine tiefe Buße und zugleich einen herrlichen Neuanfang“ erlebt.Dick/Gotter 2000, S. 23 f.
Während seiner Einsätze im Zweiten Weltkrieg fiel Ströer durch seine Angewohnheit auf, täglich in der Bibel zu lesen. Wegen seiner Fertigkeiten in Maschineschreiben und Steno erhielt er mehrmals (zuerst beim Reichsarbeitsdienst, später beim Bodenpersonal der Luftwaffe) die Vergünstigung der Tätigkeit im Innendienst. Indem er dies als lebensrettende Bevorzugung schätzen lernte, entwickelte er daraus ein christliches Sendungsbewusstsein. Ihm sei „überwältigend“ klar geworden: „Kurt, du bist fest eingeplant […] an ganz anderer Stelle und in alle Ewigkeit im Weltenplan des großen Gottes ‚als lebendiger Stein in seinem Haus‘!“Dick/Gotter 2000, S. 34 f.
Nachdem Ströer im weiteren Kriegsverlauf durch eine Schussverletzung das rechte Auge verloren hatte, musste er für langwierige Lazarett-Aufenthalte in Baden-Württemberg bleiben. Anschließend kehrte er in seine Heimatstadt Glauchau zurück, arbeitete aber nicht wieder in seinem erlernten Beruf als Weber,Thomas Schneider: „Vater sächsischer Jugendarbeit“ heimgegangen schneider-breitenbrunn.de, 2. Mai 2013. sondern sieben Jahre lang in der Kirchenkanzlei. In dieser Zeit absolvierte er auch eine 11-monatige Kurzausbildung zum Diakon in Moritzburg.Dick/Gotter 2000, S. 35–50.
Einfluss als Jugendwart Von 1956 bis 1986 war Kurt Ströer für den Kirchenbezirk Karl-Marx-Stadt II Jugendwart mit Sitz in Wittgensdorf. Wegen seiner lebendigen Art der Vermittlung von Glaubensinhalten hatten seine Jugendgruppen großen Zulauf. Auch die musikalischen Teile seiner Veranstaltungen gestaltete er weitestgehend allein in sehr ansprechender Form. Ein Teilnehmer berichtete: „Kurts unübetroffene Musikalität an jedem Tasteninstrument riss auch die unbegabtesten Sänger mit. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass er zu jeder Jahreslosung einen Kanon komponierte, deren Anzahl vermutlich ein eigenes Heft füllen dürfte.“Ehrenfried Winkler in: Dick/Gotter 2000, S. 72.
Nach Berichten vieler Zeitzeugen prägte Ströer zahlreiche spätere Pfarrer und Diakone maßgeblich, wobei er und seine Anhänger umstritten waren. Harald Bretschneider schrieb: „Eine ganze Generation von Diakonen und Pfarrern hat Kurt Ströer als ihren geistlichen Vater. Manchmal beschimpft, mitunter belächelt, immer wieder hinterfragt als ‚Ströer-Sekte‘, haben sie engagiert, fleißig und treu unserer Kirche gedient. Rainer Dick, Albrecht Kaul, Martin Lerchner, Jörg Pfund, Martin Schirrmeister und viele andere sind zu nennen. Nicht zuletzt auch ich, der eigenwillige ‚Freimaurer‘.“Harald Bretschneider in: Dick/Gotter 2000, S. 14. Landesbischof Tobias Bilz schrieb im Jahr 2022, er sei als Junge und Jugendlicher mehr als zehnmal mit Kurt Ströer auf Rüstzeiten an verschiedenen Orten unterwegs gewesen: „Ich habe ihn vor meinem inneren Auge und bleibend im Gedächtnis: sein lautes Lachen und seine dynamische Art zu erzählen, seinen Eifer gegen das, was ihn ärgerte und seine Sprechweise, die Generationen von Jugendmitarbeitern nachgeahmt haben.“
Über das evangelikale Wirken Ströers schrieb Rainer Dick (gegen Ende von Ströers Dienstjahren evangelisch-lutherischer Landesjugendwart in Sachsen, später beim CVJM Bayern): „Seine direkte und dringliche Verkündigung war manchem Pfarrer ein Stein des Anstoßes. Oft ist er angefeindet und verleumdet worden. […] Im Laufe der Jahre wurde dann die Zahl seiner Kritiker weniger. In ‚seinem‘ Kirchenkreis waren am Ende seiner Dienstzeit fast nur Pfarrer, die seine geistliche Linie bejahten und unterstützten.“Dick/Gotter 2000, S. 54 f.
Die meisten Ko-Autoren von Ströers Biografie Gespräche unter drei Augen (2000) betonten die Einzelbeichte als Ströers Schwerpunkt. Joachim Schöne berichtete, dass Ströer von Kollegen wegen seiner Leidenschaft für das Beichten aufgezogen wurde: „Da konnte man ihn schon mal necken mit ‚Na, wie steht es denn, Kurt? Auf die Knie, Buße, Buße!?‘“Dick/Gotter 2000, S. 88. Ströer hatte seit 1955 über seine Einzelbeichten Buch geführt. In seinem Notizbuch finden sich die Namen von 1473 Jungen und Mädchen.Jakob Anders: Missbrauchsopfer wollen nicht mehr schweigen: Kirche arbeitet Schandtaten eines Gottesmannes aus Sachsen auf tag24.de, 28. März 2023. Die Beichten bei Ströer wurden in den Dresdner Neuesten Nachrichten wie folgt charakterisiert: „Einzelbeichte wurde dort zum Kriterium authentischen Christseins, dazu Themen der Sexualität, also Ehe, Ehebruch, vor- und außereheliche Sexualkontakte, Masturbation.“ Es habe ein „duales Schema“ klarer Gegensätze gegeben zwischen „Gerettet“ und „Verloren“.Charismatiker mit dunkler Seite: Diakon Kurt Ströer und der sexuelle Missbrauch dnn.de, 5. Mai 2023.
Im Mai 2022 – nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe in der Öffentlichkeit – schrieb Frank Manneschmidt, Superintendent des Kirchenbezirks Chemnitz, in dem Ströer einst wirkte, in einer offiziellen Stellungnahme: „Kurt Ströers Verkündigung, so wie sie von Betroffenen, aber auch von vielen anderen im Nachhinein beschrieben wird, lässt sich inhaltlich mit lutherisch-reformatorischer Theologie schwerlich in Einklang bringen. Denn weder sind die Themen Sexualität und Okkultismus […] die Mitte der Heiligen Schrift, noch kann sein moralisches Sünden-, Gesetzes- und Evangeliumsverständnis mit dem reformatorisch-theologischen Verständnis der Rechtfertigungslehre in Übereinstimmung gebracht werden.“Umgang mit sexualisierter Gewalt Evangelisch-Lutherischer Kirchenbezirk Chemnitz, siehe Zu den Fällen sexuellen Missbauchs durch den ehemaligen Chemnitzer Jugendwart Kurt Ströer – Stellungnahme des Superintendenten vom Mai 2022.
Missbrauch von Schutzbefohlenen Vorwürfe Mehrere Jahrzehnte lang, insbesondere während seiner Zeit als Jugendwart, soll Ströer bei Beichtgesprächen mit männlichen Minderjährigen sexuell übergriffig geworden sein, beispielsweise in Form von Zungenküssen und intimen Berührungen.Frank Hommel: Missbrauch in Sachsens Kirche: Der lange Schatten des Jugendwarts freiepresse.de, 4. Dezember 2021.Webseite der Betroffeneninitiative zum Fall Kurt Ströer, Rubrik Taten.
Im Abschlussbericht der ForuM-Studie zum sexuellen Missbrauch in der Evangelischen Kirche in Deutschland, die den Fall Ströer unter dem Pseudonym „[H.P.]“ behandelt, werden die Erfahrungen von neun Betroffenen, mit denen Gespräche geführt wurden, so zusammengefasst:Abschlussbericht der ForuM-Studie, 25. Januar 2024 (PDF; 6 MB), S. 228 f. (= PDF-Seite 235 f.).
Ströer wird nicht nur sexueller Missbrauch vorgeworfen, sondern auch geistlicher Missbrauch. Ströer sagte den pubertierenden Jungen, Onanieren sei Sünde, und wer sündigt, komme in die Hölle; es gebe nur den Ausweg der Beichte. So nötigte Ströer seine männlichen Schutzbefohlenen zur Beichte, bei der er sich dann das Onanieren schildern ließ. Frank Manneschmidt, Superintendent des Kirchenbezirks Chemnitz, schrieb im Mai 2022, dass „Ströers zuweilen angstmachende und moralisch drohende Verkündigung unmittelbar mit seinen sexuellen Übergriffen verbunden war“ und dass darum „nicht nur von körperlichem und seelischem, sondern auch von geistlichem Missbrauch“ die Rede sei. Laut der ForuM-Studie sprechen viele Betroffene selbst nicht nur von sexualisierter Gewalt, sondern auch von „geistiger Manipulation“ oder „geistlichem Missbrauch“.Abschlussbericht der ForuM-Studie, 25. Januar 2024 (PDF; 6 MB), S. 230 (= PDF-Seite 237).
Bekanntwerden innerhalb der Kirche Laut der Betroffenen-Initiative waren die Missbrauchsvorwürfe der Diakonengemeinschaft Moritzburg bereits im Jahr 2000 bekannt und der Kirchenleitung im Jahr 2012.Webseite der Betroffeneninitiative „KURT STRÖER - Missbrauchsaufarbeitung“ zum Fall Kurt Ströer, Rubrik Folgen. Die Diakonengemeinschaft Moritzburg gibt dagegen auf ihrer Website an, sie habe im Jahr 2012 „Kenntnis von Fällen sexualisierter Gewalt“ durch Kurt Ströer erhalten.Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Gemeinschaft Moritzburger Diakone und Diakoninnen diakonenhaus-moritzburg.de.
Die Sächsische Landeskirche setzt das Bekanntwerden innerhalb der Kirche ebenfalls im Jahr 2012 an: „Bereits 2012 hat sich ein Betroffener erstmals an die Gemeinschaft Moritzburger Diakoninnen und Diakone gewandt, welche das Landeskirchenamt darüber informierte.“ Der Name des Täters sei dann im März 2013 in einem Brief benannt worden, der an alle Mitglieder der Gemeinschaft verschickt wurde. Daraufhin habe die Landeskirche alle Superintendenten informiert mit dem Ziel, mögliche weitere Betroffene zu ermitteln.Sächsische Landeskirche informiert über Fälle sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit evlks.de, 4. Dezember 2021.
Kurz vor seinem Tod im April 2013 wurde Ströer mit den Vorwürfen konfrontiert. Er räumte die Taten ein.
Aufarbeitung Der Gemeinschaftsrat des Evangelisch-lutherischen Diakonenhauses Moritzburg setzte im Mai 2021 eine Arbeitsgruppe ein, um den Missbrauch aufzuarbeiten. Die Arbeitsgruppe stand im Austausch mit der Landeskirche und mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, die damals für die wissenschaftliche Aufarbeitung vorgesehen war.Ev.-luth. Diakonenhaus Moritzburg: Informationen über die Arbeit des Diakonenhauses und der Gemeinschaft Moritzburger Diakone und Diakoninnen, Stand 12. März 2022 (; 950 KB), S. 2: AG des Gemeinschaftsrates zum Umgang mit Erfahrungen sexualisierter Gewalt.
Erst ab Dezember 2021 wurde die Öffentlichkeit über die Medien informiert. Ausgangspunkt war eine öffentliche Mitteilung der Sächsischen Landeskirche am 4. Dezember 2021. Zu diesem Zeitpunkt waren der Landeskirche vier Betroffene namentlich bekannt, die über Missbrauch durch Ströer in den 1960er und 1970er Jahren berichtet hatten. Die Landeskirche teilte mit, dass die geschilderten Taten im Rahmen der Jugendarbeit Ströers stattfanden. Dabei habe Ströer oft gezielt „seelsorgerliche Situationen ausgenutzt“. Der Präsident des Landeskirchenamtes Hans-Peter Vollbach sagte: „Die Tatsache, dass solche Taten im Raum unserer Kirche stattfinden konnten und diese während der Dienstzeit von Kurt Ströer nicht erkannt und verhindert wurden, beschämt uns zutiefst.“ Er bat die Missbrauchsopfer öffentlich um Entschuldigung für das, was sie erlitten haben. Die Landeskirche habe in den letzten Jahren bereits wesentliche Präventionsmaßnahmen und gesetzliche Grundlagen geschaffen, die es nun umzusetzen gelte.