Valentin und Namelos (VuN) ist ein mittelniederdeutscher Versroman eines unbekannten Autors, welcher in zwei Handschriften aus dem 15. Jahrhundert überliefert ist und 2291 Verse umfasst. VuN ist eine Erzählung über zwei an verschiedenen Orten ausgesetzte Zwillingsbrüder, die auf der Suche nach ihren Eltern verschiedene Herausforderungen bestehen, herausfinden, dass sie Brüder sind, und letzten Endes Könige werden. Der Stoff basiert wahrscheinlich auf einem nicht erhaltenen französischen Original und wurde über den mittelniederdeutschen Sprachraum verbreitet. Am bekanntesten ist die englische Bearbeitung namens «Valentin and Orson».

Inhalt Zu Beginn der Handlung herrscht in Frankreich König Pipping. Er hat eine schöne Schwester namens Phila und eine zwölfjährige Tochter Clarina. Der ungarische König Crisosmus hält um die Hand Philas an, doch dessen Mutter und der dortige Bischof namens Vrankart sind gegen die Heirat und versuchen, die Abreise nach Frankreich zu verhindern. Diese findet dennoch statt und ein Jahr später ist Phila mit zwei Jungen schwanger. Die Mutter und Vrankart stiften eine Magd an, die beiden Kinder zu entführen und zu töten. Diese jedoch setzt beide aus, eines im Wald und das andere in einem Kästchen auf dem See. Ersteres wird von einem Wolf aufgenommen und genährt und das zweite wird von Clarina gefunden und heimlich zurück ins Schloss gebracht. Die Mutter des ungarischen Königs beschuldigt Phila, ihre Kinder böswillig umgebracht zu haben, was von Vrankart bekräftigt wird. Als Phila vor Gericht angeklagt wird, beißt sie dem Bischof vor Wut die Nase ab. Allerdings findet Phila im Ritter Blandemer einen loyalen Verbündeten und dieser beschuldigt Vrankart, über den angeblichen Kindsmord Bescheid zu wissen. Boldewin, der Vater von Blandemer, schlägt vor, dass sein Sohn und Phila verbannt werden und sie ihre Ländereien aufgeben sollen.

Blandemer und Phila ziehen los und sehen auf ihrer Reise, wie ein schwarz gekleideter Ritter ein Mädchen schlägt. Daraufhin fordert Blandemer diesen zum Kampf auf und erschlägt ihn. Es stellt sich heraus, dass das Mädchen die Tochter des Königs von Arabien ist und sie bietet ihrem Retter die Hand an. Diese lehnt Blandemer aber ab, da er nur seiner Herrin, Phila, dient. Die drei ziehen gemeinsam weiter und entdecken einen Mann, der im Gras liegt. Dieser erkundigt sich, ob jemand einen schwarz gekleideten Ritter gesehen habe, worauf Blandemer gesteht, ihn ermordet zu haben. Der Mann, ein Anhänger des schwarz gekleideten Ritters, sinnt auf Rache und gibt ihnen einen Schlaftrunk, worauf er Blandemer in seine Burg entführt. Dieser wacht erst wieder im Kerker auf. Währenddessen werden die beiden Frauen von einem Leoparden geweckt und flüchten in den Wald, bis sie kurz darauf auf eine Burg in der Ferne stoßen, welche das Mädchen als die Burg ihres Vaters wiedererkennt und wo sie herzlich aufgenommen werden. Phila bleibt zwölf Jahre auf der Burg, wo sich ein Kammerdiener namens Gawin einseitig in sie verliebt.

Die Handlung wechselt zu Clarina, welche das ausgesetzte Kind aufgezogen und Valentin genannt hat. Als er zwölf Jahre alt ist, erklärt Clarina ihm ihre Liebe, die Valentin mit der Begründung ablehnt, er müsse zuerst seine Tapferkeit beweisen. Der Kammerdiener hört das Gespräch und hinterfragt diese Liebe, woraufhin Valentin in Rage gerät, den Kammerdiener bis in den Königssaal verfolgt und ihn vor dem König und all seinen Gästen ermordet. Erst als sich vierzig Männer auf ihn stürzen, kann er festgenommen und in den Turm gesperrt werden.

Einige Zeit später kommt ein Bote aus Spanien mit der Mitteilung angereist, der spanische König bitte um Hilfe, weil die Sarazenen in Spanien eingefallen seien, worauf König Pipping mit seinem Heer auszieht. Der Krieg ist hart und Pipping bittet Clarina, Verstärkung zu schicken. Diese lässt Valentin frei, schlägt ihn zum Ritter, rüstet und segnet ihn und schickt ihn als Hauptmann zu ihrem Vater. Dank Valentin siegen die Christen und als Dank wird er belohnt und offiziell freigelassen. Mit den Sarazenen wird nun Frieden geschlossen.

Nachdem Valentin und der König heimgekehrt sind, geht Pipping auf die Jagd, wo die Jagdgesellschaft von einem kuriosen Tier überrascht und einige Personen sogar verletzt werden. Valentin reitet aus, um selbst das Tier zu bezwingen, ohne zu wissen, dass dies eigentlich sein von einer Wölfin aufgezogener Zwillingsbruder ist. Er kann das vermeintliche Tier (Wilder Mann) gefangen nehmen, lehrt es die höfischen Bräuche und gibt ihm den Namen „Namelos“.

Valentin zieht los, um sich mit seinem Bruder auf die Suche nach seinem Vater zu machen. Sie treffen auf der Reise einen Hirten, der die beiden vor einer Verräter-Bande und deren Schlaftrunk-Einsatz auf einer nahegelegenen Burg warnt. Valentin und Namelos suchen diese auf, kommen der List zuvor und ein blutiger Kampf bricht aus. Die Verräter einigen sich darauf, den Gefangenen (Blandemer) auf Valentin und Namelos anzusetzen. Es kommt zum Kampf zwischen Blandemer und Valentin, bis beide sich über die Unsinnigkeit dessen klar werden und aufhören. Gemeinsam kämpfen sie nun gegen die Bande und besiegen diese. Durch Blandemer erfährt Valentin anschließend von Phila und verspürt einen unerklärlichen Drang, sie zu sehen. Zu dritt reisen sie zu ihr nach Arabien.

Währenddessen überfällt Gawin (aus Rache für die abgewiesenen Gefühle) Phila und die arabische Prinzessin in der Nacht. Er bringt letztere mit einem Messer um und legt es der schlafenden Phila in die Hand, worauf er Phila des Mordes bezichtigt. Der König Arabiens bringt sie vor Gericht, wo entschieden wird, dass sie verbrannt werden sollte. Doch Valentin, Namelos und Blandemer kommen gerade rechtzeitig an und bestehen darauf, dass Phila nicht verbrannt wird, solange der wahre Mörder nicht gefunden worden sei. Gawin fordert Valentin zu einem Zweikampf heraus und als er zu verlieren droht, kommt ihm seine Bande zu Hilfe, woraufhin Blandemer und Namelos ebenfalls eingreifen. Der König unterbricht den Kampf, worauf Gawin öffentlich den Mord gesteht und hingerichtet wird.

Am nächsten Morgen ziehen die drei Ritter gemeinsam mit Phila weiter, bis sich die Gruppe an einer Kreuzung trennt. Blandemer und Phila kommen zur Burg des schrecklichen Riesen Magros, welcher die beiden für einige Jahre gefangen nimmt. Blandemer steckt er ins Gefängnis und Phila bringt er zu anderen Frauen an die Peinigungsstelle am Fluss. Magros erzählt ihr von seiner unerwiderten Liebe, woraufhin sie ihn tröstet.

Unterdessen treffen Valentin und Namelos auf Rosemunt, die von einem Riesen bewacht wird. Sie erzählt den beiden von der Prophezeiung, die besagt, dass sie bald von einem stummen Mann gerettet wird. Und wahrhaftig: Namelos erschlägt den herbeistürmenden Riesen und erhält daraufhin das Ringlein der Dame und sie gehen zur Burg ihres Vaters. Es kommt zum Kampf mit dessen Rittern und nachdem Rosemunt eine Versöhnung bewirkt hat, heiraten sie und Namelos.

Eine Weile später ziehen Valentin und Namelos weiter und begegnen einem Boten, der von seinem König Crisosmos berichtet, der Hilfe braucht. Unwissend, dass dies ihr beider Vater ist, kämpfen sie in Ungarn für den König und nehmen den Sarazenen-Herrscher gefangen. Der Bischof Vrankart versucht erfolglos, sich mit dem Gefangenen zu verbünden, denn dieser weigert sich ehrenhaft und schließt kurz darauf mit dem König von Ungarn Frieden.

Valentin und Namelos verlassen hierauf den König und begegnen auf ihrer Reise einer sprechenden Schlange, die verspricht, ihnen zu verraten, wer ihre Eltern seien. Die Brüder willigen ein, worauf die Schlange zu ihrer Besitzerin, der Burgdame Rosilia und Angebetete des Riesen Magros, zurückkehrt. Die Schlange erzählt ihr, teils prophetisch, von der Zukunft und Vergangenheit der Brüder. Als Valentin und Namelos der Burgdame endlich begegnen und ersterer ihr verspricht, sie zur Ehefrau zu nehmen, erzählt sie ihnen alles, was sie von der Schlange erfahren hat, z. B. wer ihre Eltern sind. Sie trennt eine Sehne durch, welche Namelos verstummen ließ und erklärt beiden, wo ihre Mutter, die Königin, ist. Anschließend verrät sie ihnen, dass der Riese seine Unverwundbarkeit aus der Kraft eines Ringes gewinnt, den die Brüder zuerst finden müssen.

Am Morgen reiten sie los, getrieben von der Liebe zu ihrer Mutter, und finden Phila im Fluss stehend. Der Riese kommt und wird im Kampf besiegt, nachdem Namelos ihm den Arm, an dem er den Ring trägt, mit der Keule abgeschlagen hat. Daraufhin befreien sie Blandemer aus dem Gefängnis und reiten alle zusammen zurück zu Rosilia, welche sich kurzerhand mit Valentin vermählt. Nach der Hochzeit reisen alle gemeinsam nach Ungarn, wo die Brüder ihren Vater treffen. König Crisosmos und Königin Phila versöhnen sich und Bischof Vrankart wird zur Strafe für seine Bösen Taten gevierteilt.

Nach ausgiebigen Feierlichkeiten reiten Valentin, Rosalia, Namelos und Blandemer zurück nach Frankreich, wo König Pipping sie empfängt. Blandemer heiratet Clarina und wird König von Spanien. Als König Pipping stirbt, wird Valentin sein Thronfolger.

Hier wechselt die Geschichte zu Rosemunt, die nun die Initiative ergreift und ihren Mann Namelos suchen geht. Als Sänger verkleidet, reist sie durch die Länder und gelangt schließlich nach Frankreich. Dort kommt sie zur Burg des Königs und trifft Namelos. Sie singt ihm ein Lied vor und gibt sich danach zu erkennen. Als der König von Ungarn stirbt, wird Namelos dessen Nachfolger.

Überlieferung Die vollständig überlieferte mittelniederdeutsche Version liegt in zwei Handschriften vor: Der Stockholmer Handschrift (S) Stockholm, Königl. Bibl., Cod. Vu 73Handschriftenbeschreibung 5800, auf handschriftencensus.de und das sog. Hartebok (H) Hamburg, Staats- und Universitätsbibl., Cod. 102c in scrin.,Handschriftenbeschreibung 3818, auf handschriftencensus.de, abgerufen am 22. August 2022 die beide aus dem 15. Jahrhundert stammen.

Frühere Fassungen sind drei mittelniederländischen Fragmente aus dem 14. Jahrhundert in der Staatsbibliothek Berlin und dem Reichsarchiv Gent. Auf dem mittelniederdeutschen ‘Valentin und Namelos’ beruhen eine mittelhochdeutsche Prosafassung (1465) Breslau / Wrocław, Stadtbibl., Cod. R 304 [Kriegsverlust] und ein mitteldeutsches Bruchstück (K) (15. Jh.) in Kopenhagen, Königl. Bibl., Gramsche Sammlung,Handschriftenbeschreibung 5290, auf handschriftencensus.de, abgerufen am 22. August 2022 ohne Signatur [verschollen]. In Stockholm befinden sich zudem drei altschwedische Handschriften aus dem 16. Jahrhundert.

1521 wurde der Stoff von dem Berner Wilhelm Ziely auf Basis des Lyoner Druckes ‘Valentin et Ourson’ 1489 zum ‘Volksbuch’ umgearbeitet; Vorbild hierfür war eine französische Dichtung, die nicht erhalten ist.

Text- und Stoffgeschichte mini|Verbreitung des „Valentin und Namelos“-Stoffes