mini|Zionskirche von Norden inmitten des Friedhofs, 2020
Die Zionskirche () ist eine evangelisch-lutherische Pfarrkirche im niedersächsischen Worpswede. Die Kirche ist im Eigentum der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Worpswede in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die Kirche, gelegen inmitten des Kirchfriedhofs am Weyerberg, wurde 1759 fertiggestellt und ist eine Landmarke im Teufelsmoor.
Das Gebäude und der Friedhof stehen unter Denkmalschutz (siehe auch Liste der Baudenkmale in Worpswede).Beschreibung/Bilder im Denkmalatlas Niedersachsen
Geschichte Im Zuge der Moorkolonisation gründeten Kolonisten um Worpswede, das selbst auf und am sandigen Weyerberg gelegen älteren Ursprungs ist, manches neue Dorf, wie Neu Sankt Jürgen, Wörpedorf, Heudorf und Eickedorf, und vergrößerten das Kirchenvolk in der Gegend, sodass der brem-verdensche Generalsuperintendent Johann Hinrich Pratje 1751 den Bau einer Kirche für notwendig erachtete. „Sollten die vier neuen Dörfer nicht gänzlich verwildern und eine Nation erzeugen, die außer dem Namen wenig Christliches an sich hat und die größten Bosheiten zu begehen fähig wäre, so wird für notwendig erachtet, eine neue Kirche zu bauen, die den Moorbauern räumlich näher liegt.“Johann Hinrich Pratje zitiert nach: Karl Lilienthal, Jürgen Christian Findorffs Erbe: Ein Beitrag zur Darstellung der kolonisatorischen und kulturellen Entwicklung der Moore des Alten Herzogtums Bremen, Osterholz-Scharmbeck: Saade, 1931, S. 68.
Mit der Kirche war auch ein Friedhof anzulegen, denn bei winterlichen und anderen gelegentlichen Überschwemmungen war die Geest für die Moorbauern unerreichbar und so blieben die Leichen ihrer Verstorbenen mitunter bis zu drei Wochen in den Häusern, bevor sie auf dem Friedhof von St. Willehadi in Scharmbeck, zu dessen Parochianen sie zählten, beigesetzt werden konnten.Guido Boulboullé und Michael Zeiss, Worpswede: Kulturgeschichte eines Künstlerdorfes, Köln: DuMont, 1989, S. 23. ISBN 3-7701-1847-2. Auch war bei den weiten Wegen eine christliche Unterweisung der Moorbauern nicht möglich, deren Verrohung somit in den Augen der Kirchenoberen quasi vorprogrammiert.
Am 30. August 1755 beschloss die kurhannoversche Domänenkammer die Kirche zu errichten und legte fest, dass diese kein unnützer Schmuck zu zieren habe. Jürgen Christian Findorff, der als Landvermesser bei Oberlandbaumeister Otto Heinrich von Bonn an Moorkolonisationen mitwirkte, hatte entsprechende Pläne eingereicht, doch die wurden verworfen und er errichtete den Bau nach den Plänen Johann Paul Heumanns, kurhannoverscher Oberhofbaumeister unter König und Kurfürst Georg II. August von Großbritannien und Hannover.Hans-Christoph Hoffmann, „Die Kunstlandschaft zwischen Elbe und Weser vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit“, in: Geschichte des Landes zwischen Elbe und Weser: 3 Bde., Hans-Eckhard Dannenberg und Heinz-Joachim Schulze (Hrsg.), Stade: Landschaftsverband der ehem. Herzogtümer Bremen und Verden, 1995 und 2008, Bd. I 'Vor- und Frühgeschichte' (1995; ISBN 978-3-9801919-7-5), Bd. II 'Mittelalter (einschl. Kunstgeschichte)' (1995; ISBN 978-3-9801919-8-2), Bd. III 'Neuzeit' (2008; ISBN 978-3-9801919-9-9), (=Schriftenreihe des Landschaftsverbandes der ehem. Herzogtümer Bremen und Verden; Bde. 7–9), Bd. II: S. 389–517, hier S. 487. Als summus episcopus der kurhannoverschen Generaldiözese Bremen-Verden, zu der die Kirchengemeinde gehörte, steuerte er 3.880,- Taler Courant Bauzuschuss aus seiner Privatschatulle bei. Die Wahl des Standorts fiel auf den Weyerberg, der dank Höhe vor Hochwasser sicher und sandigem Boden als Friedhof geeignet war, wohingegen Moorboden Leichen eher konserviert.Brigitta Rehage, „Ehre sei Gott in der Einöde“, in: Die Findorff-Siedlungen im Teufelsmoor bei Worpswede: Ein Heimatbuch, Wolfgang Konukiewitz und Dieter Weiser (Hrsg.), 2., durchgeseh. aufl., Bremen: Edition Temmen, 2013, S. 204–220, hier S. 206. ISBN 978-3-8378-1003-5.
Die Kirche entstand zwischen 1757 und 1759 während der langwierigen Kriegshandlungen von Großem Krieg fürs Empire (1754–1763) in Nordamerika und Siebenjährigem Krieg (1756–1763), womit sie auf Europa übergriffen und die in britisch-hannoverscher Personalunion verbundenen Monarchien mit Soldaten im Einsatz personell und Rüstungsaufwand und Kriegsschäden materiell einspannten, wie sie auch für die Bewohner Bremen-Verdens mit Brandschatzungen, Rekrutionen und Einquartierungen von britischem Freund und französischem Feind einhergingen und das Land verheerten.Guido Boulboullé und Michael Zeiss, Worpswede: Kulturgeschichte eines Künstlerdorfes, Köln: DuMont, 1989, S. 22. ISBN 3-7701-1847-2.Beschreibung/Bilder im Denkmalatlas Niedersachsen
mini|Tafel in Latein zu Ehren Georg II. August als Bauherr, eingelassen über dem Nordeingang Daran erinnert die Tafel über dem Eingang zur eigentlichen Hallenkirche mit folgender lateinischer Inschrift:
Inter medios belli tumultus | Haec Aedes Sacra | Annuente DIVINI NUMINIS Gratia | Ecclesiæ Ruricolarum | Ex paludibus circumjectis, ab ævo incultis | collectæ Munificentia REGIS AUGUSTISSIMI GEORGII II | sub Auspiciis et Cura Cameræ REGIÆ DOMINICÆ | FUNDATA, POSITA, DICATA | Anno redemtæ Salutis | MDCCLIX.
Übersetzung ins Deutsche:
Inmitten kriegerischer Tumulte ist dieses heilige Bauwerk durch den Beistand göttlicher Gnade als Kirche der Landbewohner der ringsum liegenden, von Urzeiten her unbebauten Moore durch die Freigiebigkeit des erhabensten Königs Georg II. unter der Aufsicht und Fürsorge der königlichen Domänenkammer gegründet, errichtet, geweiht im Jahre des wiedererlangten Heils 1759.
Die Freigiebigkeit des Landesherrn allein genügte freilich nicht, den Bau zu vollführen, sondern die Parochianen ihrerseits verpflichteten sich zu Hand- und Spanndiensten und Worpsweder steuerten aus ihren Ländereien den Baugrund für Kirche, Pastorat und Küsterhaus sowie das Friedhofsgelände und Gartenland und Felder für Pastor und Organist bei. Noch im Verlauf des Baus erwies sich die Zahl der geplanten Sitzplätze als unzureichend, weil im Laufe der Kriege die Zahl der Kolonisten stark zunahm, da sie vom Kriegsdienst freigestellt waren.Brigitta Rehage, „Ehre sei Gott in der Einöde“, in: Die Findorff-Siedlungen im Teufelsmoor bei Worpswede: Ein Heimatbuch, Wolfgang Konukiewitz und Dieter Weiser (Hrsg.), 2., durchgeseh. aufl., Bremen: Edition Temmen, 2013, S. 204–220, hier S. 209. ISBN 978-3-8378-1003-5. Findorff erhöhte durch Einbau von Emporen das Platzangebot von 650 auf 964 Sitze, die sämtlich auf die Haushalte der Parochie aufgeteilt von diesen zu erwerben waren, womit sie ein Weiteres zur Finanzierung des Kirchbaus beitrugen.
Auch übernahmen die Gemeindeglieder den künftigen Unterhalt der Bauten und des Personals und bewilligten ihnen Akzidentialeinkünfte, jeweils zu entrichten je Haus, anfallender Taufe (mit Strafaufschlag bei unehelichen Täuflingen), Eheschließung, Konfirmation, häuslichem Abendmahl oder Beisetzung. Mit dem Küsteramt war zudem die einzige Kruggerechtsame am Ort verbunden. Schon bald war die Kirche zu klein, denn neben wenigen Familien in Worpswede selbst, vor allem Handwerker und andere Gewerbetreibende, lebten in den Moorkolonien viele Bauern, die zur Parochie gehörten. Sie vollführten durch Dienste und Beiträge ab 1771 unter Bauleitung Findorffs die Erweiterung der Kirche auf ihre heutigen Ausmaße.Guido Boulboullé und Michael Zeiss, Worpswede: Kulturgeschichte eines Künstlerdorfes, Köln: DuMont, 1989, S. 25. ISBN 3-7701-1847-2.
Ab 1771 offiziell als Moorkommissar bestallt, oblag Findorff die Trockenlegung und Kolonisation, d. h. Parzellierung und Besiedlung des Teufelsmoors. Im Rahmen dessen verantwortete er auch den Bau zweier weiterer Kirchen in dem Gebiet, nämlich das Kirchengebäude in Gnarrenburg (1785–1790) und die Kirche Grasberg (1785–1789). Der ursprüngliche einfache hölzerne Glockenstapel der Zionskirche wich dann 1797/1798 dem heutigen Turm aus Backstein.
Name Als einzige der drei durch Findorff im Laufe der Jahre im Teufelsmoor erbauten neuen Kirchen erhielt die Zionskirche gleich bei der Einweihung durch Pratje am 1. April 1759 einen Eigennamen.Brigitta Rehage, „Ehre sei Gott in der Einöde“, in: Die Findorff-Siedlungen im Teufelsmoor bei Worpswede: Ein Heimatbuch, Wolfgang Konukiewitz und Dieter Weiser (Hrsg.), 2., durchgeseh. aufl., Bremen: Edition Temmen, 2013, S. 204–220, hier S. 209. ISBN 978-3-8378-1003-5. Dieser nimmt Bezug auf den Psalm 48, der die Freude über Gottes Hilfe in Kriegsnot besingt.
Aber auch an Jesaja 2,2-5 ist gedacht, worin in Weyerberg und Zionskirche als Stätte der Unterweisung der Gläubigen der Berg Zion mit dem Hause des Herrn wiedererkannt wird.
Kirchengebäude und Ausstattung mini|hochkant|Kanzelaltar bekrönt mit dem Tetragrammaton des hebräischen Namens Gottes Die Hallenkirche aus Backstein ist nicht geostet, sondern entlang einer Südwest-Nordost-Achse ausgerichtet, eine abweichende Neuerung wie sie seit dem Barock im Kirchenbau häufiger vorkommt. Die schmucklose Kargheit und schlichte Innenausstattung strahlt die sittliche Strenge aus, zu der die Kirchenoberen der Erbauungszeit die Bauern erzogen wissen wollten.
Vor der Wand der südwestlichen Schmalseite des Baus steht ein typisch protestantischer Kanzelaltar in Rokokoformen. Der Kanzelaltar ist durch Säulen und Pilaster gegliedert mit der Kanzel in der Mitte. Den Kanzelaltar krönt das Tetragrammaton und der Landesherr ließ sich links vom Altar mit den in einer Rocaille ornamentierten Initialen GR (d. h. , im Photo verdeckt durch ein Gemälde einer Ausstellung) verewigen. Rechts vom Kanzelaltar findet sich das Wappen des brem-verdenschen Amtes Osterholz. Diese drei Symbole widerspiegeln geistliche und weltliche Herrschaft.Guido Boulboullé und Michael Zeiss, Worpswede: Kulturgeschichte eines Künstlerdorfes, Köln: DuMont, 1989, S. 24. ISBN 3-7701-1847-2.
Findorffs Emporen erstrecken sich zwischen den Umfassungsmauern und zwei Reihen von je vier italianisierenden Pfeilern, eigentlich hölzerne Ständer, die den Kirchenraum gliedern.Hans-Christoph Hoffmann, „Die Kunstlandschaft zwischen Elbe und Weser vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit“, in: Geschichte des Landes zwischen Elbe und Weser: 3 Bde., Hans-Eckhard Dannenberg und Heinz-Joachim Schulze (Hrsg.), Stade: Landschaftsverband der ehem. Herzogtümer Bremen und Verden, 1995 und 2008, Bd. I 'Vor- und Frühgeschichte' (1995; ISBN 978-3-9801919-7-5), Bd. II 'Mittelalter (einschl. Kunstgeschichte)' (1995; ISBN 978-3-9801919-8-2), Bd. III 'Neuzeit' (2008; ISBN 978-3-9801919-9-9), (=Schriftenreihe des Landschaftsverbandes der ehem. Herzogtümer Bremen und Verden; Bd.e 7–9), Bd. II: S. 389–517, hier S. 488. Die Bauart der Emporen und der tragenden Ständer zeigen im Stil schon klar einen Einfluss des Klassizismus. Zur Decke hin versteifen Kopfbänder in Längsrichtung des Kirchraums die Ständer, die über ihre Breitseiten so verkleidet sind, dass sich Zwickel ergeben.Brigitta Rehage, „Ehre sei Gott in der Einöde“, in: Die Findorff-Siedlungen im Teufelsmoor bei Worpswede: Ein Heimatbuch, Wolfgang Konukiewitz und Dieter Weiser (Hrsg.), 2., durchgeseh. aufl., Bremen: Edition Temmen, 2013, S. 204–220, hier S. 210. ISBN 978-3-8378-1003-5. Zusammen mit den abgerundet geformten Verschalungen an den Schmalseiten unter den Kopfbändern erzeugen die Zwickel die Erscheinung von Scheid- bzw. Gurtbögen über den Abstand zwischen den Ständern. Typisch klassizistisch war ursprünglich die ganze Decke flach, bevor sie bei einem Umbau 1898 im mittleren Bereich durch ein Tonnengewölbe ersetzt wurde.