Der Krieg im Donbass ist ein bewaffneter Konflikt im Donezbecken (Donbass) im Osten der Ukraine seit 2014, der die Anfangsphase des umfassenderen Russisch-Ukrainischen Krieges darstellt. Nach den Protesten des Euromaidan ab Spätherbst 2013 und dem Sturz einer pro-russischen Regierung unter Wiktor Janukowytsch fanden im April 2014 in den ukrainischen Oblast Donezk und Luhansk, die gemeinsam als „Donbass“ bezeichnet werden, Interventionen von Gruppen statt, die von Russland gesteuert wurden, zeitgleich mit der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim durch Russland. Bewaffnete riefen die Volksrepubliken Donezk (DNR) und Lugansk (LNR) aus. Im April 2014 wurde von der Ukraine der Beginn der militärischen Anti-Terror-Operation (ATO) gegen die ‚Autonomisten‘ im Donbass, auf der Krim und in Sewastopol erklärt. Als der Konflikt im Mai 2014 eskalierte, wandte Russland einen „hybriden Ansatz“ an und setzte eine Kombination aus Desinformation, irregulären Milizen, regulären russischen Truppen und konventioneller militärischer Unterstützung ein, in dem Versuch, den Donbass zu erobern. Trotz zweier Waffenstillstandsabkommen (Minsk I und Minsk II) dauerte der Konflikt unter zeitweisem Abflauen und bei weitgehendem Desinteresse der westlichen Öffentlichkeit bis zum umfassenden russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 fort.

Die Donbass-Region mini|Bevölkerungsanteil ethnischer Russen in der Ukraine 2001 in Prozent Die Donbass-Region umfasst die beiden ukrainischen Oblaste Donezk und Luhansk. Der Begriff selbst – „Donbass“ auf Russisch oder „Donbas“ auf Ukrainisch – ist eine Abkürzung für „das Donez-Kohlebecken“ und war zu Sowjetzeiten in zwei nach ihren Hauptstädten benannten Provinzen unterteilt, die auch in der unabhängigen Ukraine fortbestanden.Serhy Yekelchyk: Ukraine. What Everyone Needs to Know. 2. Ausgabe. Oxford University Press, Oxford 2020, ISBN 978-0-19-753211-9, S. 120 (englisch, ). Der Donbass war die einzige Region in der Ukraine mit einer ethnisch ukrainischen Bevölkerungsmehrheit und gleichzeitig einer Mehrheit russischsprachiger Einwohner. Im Jahr 2014 machte der Donbass etwa 9 Prozent des ukrainischen Territoriums und 15 Prozent der Bevölkerung des Landes aus.Hiroaki Kuromiya: Vorwort. In: Jakob Hauter: Russlands unbemerkte Invasion. Die Ursachen des Kriegsausbruchs im ukrainischen Donbas im Jahr 2014. Ibidem-Verlag, Hannover/Stuttgart 2024, ISBN 978-3-8382-2003-1, S. 16.

Der Donbass gehörte zum russischen Kaiserreich und bestand aus einer multiethnischen Bevölkerung. Zum Zeitpunkt der ersten Volkszählung im Jahr 1897 stellten Ukrainer die Bevölkerungsmehrheit. Der Anteil ethnischer Russen, die überwiegend im Süden und Osten lebten, erhöhte sich in der gesamten Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik stetig, von 9,2 Prozent im Jahr 1926, auf 12,9 Prozent im Jahr 1939, 16,9 Prozent im Jahr 1959 auf 22,1 Prozent im Jahr 1989.Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Erweiterte Neuausgabe. C. H. Beck, München 2023, ISBN 978-3-406-80042-9, S. 185. Für den Donbass stieg der Anteil der ethnischen Russen von 31,4 Prozent im Jahr 1926, 38 Prozent im Jahr 1959 auf 44 Prozent im Jahr 1989 an. Die letzte ukrainische Volkszählung fand im Jahr 2001 statt, nach der in der gesamten Ukraine der Anteil ethnischer Russen auf 17,3 Prozent (8,3 Millionen) zurückgegangen war. In der Oblast Donezk betrug der Anteil ethnischer Russen rund 38,2 Prozent (gegenüber 56,9 Prozent ethnischer Ukrainer) und in der Oblast Luhansk 39,1 Prozent (gegenüber 58 Prozent ethnischer Ukrainer). Damit war der Donbass die Region in der Ukraine mit dem höchsten Anteil ethnischer Russen nach der Krim.

+Anteil von Ukrainern und Russen im Donbass18971926195919892001Ukrainer55,2 %60,0 %56,4 %51,1 %57,3 %Russen26,2 %31,4 %38,0 %44,0 %38,5 %

mini|Anteil der russischen Muttersprachler in der Ukraine (2001) Während ethnische Russen im Donbass nicht die Bevölkerungsmehrheit stellten, dominierte die russische Sprache in beiden Oblasten. Nach der Volkszählung von 2001 sprachen in der Oblast Donezk 74,9 Prozent und in der Oblast Luhansk 68,8 Prozent russisch als Muttersprache (siehe auch: Russische Sprache in der Ukraine).

In der Sowjetunion hatte sich im Donbass eine spezifische regionale Identität herausgebildet. Die Industriearbeiter waren nach der kommunistischen Ideologie als Avantgarde der neuen Gesellschaft Träger des universellen technischen, wissenschaftlichen und sozialen Fortschritts. In der unabhängigen Ukraine war der Staat im Donbass wenig präsent. Der Tag des Bergarbeiters in Donezk oder der Tag des Metallarbeiters in Mariupol wurden ausgiebiger gefeiert als der Unabhängigkeitstag der Ukraine. Die Partei der Regionen versuchte, dieses Selbstbild einer stolzen Industrieregion wiederzubeleben. Die Partei pflegte ein regionales Selbstbild, wonach der Donbass das wirtschaftliche Rückgrat der Ukraine bildete, während die Bürokraten in Kiew die Mittel ungerecht unter den einzelnen Regionen verteilten.

Die Anzahl der Einwohner, deren primäre Identität „sowjetisch“ war ging nach der Unabhängigkeit zurück. In der Stadt Donezk sank der Anteil von 1994 bis 2004 von 40,1 Prozent auf 9,9 Prozent. Die Zahl derjenigen, die sich mit der Region Donbass identifizierten, stieg von 1994 mit 55,7 Prozent bis 2004 auf 69,5 Prozent an. Der Anteil derjenigen, die sich selbst als „Ukrainer“ bezeichneten, stieg leicht von 39,4 Prozent auf 42,7 Prozent an, während die Zahl der „Russen“ von 30,1 Prozent auf 21,1 Prozent zurückging.

mini|Karte Krieg im Donbass, 16. Mai 2022 mini|Veränderungen der von Aufständischen (rot) kontrollierten Gebiete. Erstes Bild vom 1. Juli 2014, letztes Bild vom 12. September 2014. mini|Russische Truppen marschieren auf der Krim ein und beginnen mit Militärübungen an der ukrainischen Grenze. Februar bis Anfang März 2014. Basierend auf Gene Thorp/The Washington Post. Quelle: RUSI

Auslösung des Konflikts mini|Leichen in der zum provisorischen Krankenhaus umfunktionierten Lobby des Hotels Ukrajina (20. Februar 2014) Nachdem die Regierung Janukowytschs im November 2013 die Unterzeichnung eines Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union ausgesetzt hatte, kam es in den folgenden Wochen zu Massenprotesten. Vom 18. bis 20. Februar eskalierte die Gewalt und viele Demonstranten wurden Opfer von auf Gebäuden postierten Scharfschützen. Innerhalb von 48 Stunden kamen 75 Personen ums Leben. Die Identität der Scharfschützen ist bis heute (Stand 2023) ungeklärt.Paul D’Anieri: Ukraine and Russia. From Civilized Divorce to Uncivil War. 2. Ausgabe. Cambridge University Press, Cambridge 2023, ISBN 978-1-00-931554-8, S. 208–214, (englisch, ). Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) berichtete, dass 108 Demonstranten und 13 Sicherheitskräfte zwischen November 2013 und Februar 2014 getötet wurden.

Wenig später stürzte die Regierung Janukowytschs. Im April 2014 intervenierten daraufhin in den ukrainischen Oblast Donezk und Luhansk russische paramilitärische Gruppen. Bewaffnete, von Russen angeführte Gruppen riefen die Volksrepubliken Donezk und Luhansk (DVR bzw. LVR) aus, griffen im gesamten Donbass Beamte an und stürmten Regierungsgebäude. Am 14. April erklärte die neue ukrainische Regierung den Beginn der militärischen Anti-Terror-Operation (ATO) gegen die ‚Autonomisten‘ im Donbass, auf der Krim und in Sewastopol.ERLASS des Präsidenten der Ukraine № 405/2014 vom 13. April 2014 Zum Beschluss des Rats für Nationale Sicherheit und Verteidigung der Ukraine vom 13. April 2014 „Über dringende Maßnahmen zur Überwindung der terroristischen Bedrohung und zur Wahrung der territorialen Integrität der Ukraine“. Übersetzung aus dem Ukrainischen von Rainer Böhme. In: DGKSP-Diskussionspapiere, Dresden 2022, Mai, . S. 20.

Motivationen und Drahtzieher Laut ukrainischen Journalisten gibt es Hinweise, dass Pläne für eine militärische Intervention im Donbass zur Bildung eines von Russland kontrollierten Marionettenstaates Neurussland zur Sicherstellung der Versorgung der annektierten Krim lange vor Beginn des Konflikts im April diskutiert wurden. Als Folge der Euromaidan-Revolution verloren im postsowjetischen Raum viele kremlfreundliche Führer ihre Macht. Bald wurden Beamte des 5. Dienstes des FSB (Dienst für operative Informationen und internationale Beziehungen (DPI)) beauftragt, Geheimdienstoperationen auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR durchzuführen und in Belarus, der Republik Moldau und Abchasien wahrgenommen. Es stellte sich heraus, dass ihre Hauptaufgabe dort nicht die klassische Spionage, sondern die Unterstützung kremlfreundlicher Kandidaten bei den Kommunalwahlen war. Für den DPI stellte die Ukraine die Priorität des gesamten postsowjetischen Raumes dar. Sergei Beseda, seit 2009 Leiter des 5. Dienstes des FSB, war kurz vor dem Sturz von Präsident Wiktor Janukowytsch in Kiew, um alles zu tun, um die Ukraine im Einflussbereich Russlands zu halten. Beseda, offiziell in Kiew mit der Ermittlung des erforderlichen Schutzes der russischen Botschaft und weiterer russischer Institutionen beauftragt, war am 20. und 21. Februar 2014, während des Euromaidan dort und stand in Kontakt mit dem Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU). Er bat auch um ein Treffen mit Präsident Janukowitsch zu diesem Thema, was jedoch abgelehnt wurde.

In Telefonaten, die im Februar und März 2014 aufgezeichnet wurden, weist Sergei Glasjew darauf hin, dass die „Halbinsel keinen eigenen Strom, Wasser oder Gas hat“ und eine „schnelle und effektive“ Lösung nach Norden expandieren würde. Im Februar 2014 erteilte Glasjew verschiedenen pro-russischen Parteien in der Ukraine direkte Anweisungen, Unruhen in Donezk, Charkiw, Saporischschja und Odessa anzuzetteln. Er sagte verschiedenen pro-russischen bzw. von Russland kontrollierten Akteuren, sie sollten lokale Verwaltungsbüros einnehmen, was sie danach tun und wie sie ihre Forderungen formulieren sollten, und versprach Unterstützung aus Russland, einschließlich „Senden unserer Jungs“.English translation of audio evidence of Putin’s Adviser Glazyev and other Russian politicians involvement in war in Ukraine www.uaposition.com, abgerufen am 17. Mai 2022Glazyev Tapes: What Moscow’s interference in Ukraine means for the Minsk Agreements (Niederländisch und English), Raam op Rusland (Hubert Smeets), abgerufen am 17. Mai 2022 Russland nutzte die Proteste aus, um eine koordinierte politische und militärische Kampagne gegen die Ukraine zu starten. Russische Bürger führten von April bis August 2014 die Separatistenbewegung in Donezk an und wurden von Freiwilligen und Material aus Russland unterstützt. Die aus Russland in die Ukraine eingedrungene Gruppe von 52 Mann um Igor Girkin, einen Oberst des russischen Militärnachrichtendienstes GRU, fand keine lokalen Anführer und anfangs nur etwa 150 bis 200 Unterstützer.Russian rebel leader claims he started Ukraine war. In: The Times. 24. November 2014, S. 24: Girkin sagte, dass der Krieg in der Ostukraine nicht von den russischsprachigen Donbass-Bewohnern selbst ausging, sondern dass er „den Auslöser zum Krieg […] gedrückt“ habe. Am 4. April 2014 forderte das Außenministerium der Ukraine Russland auf, die Umstände von Besedas Aufenthalt in der Ukraine vom 20. bis 21. Februar 2014 mitzuteilen, um in der vorgerichtlichen Untersuchung die Wahrheit über die Morde zu klären.