Albert Ernest Glock (* 14. September 1925 in Gifford (Idaho); † 19. Januar 1992 im Westjordanland)Das E für seinen zweiten Vornamen stand für Ernst, wurde aber auch als Ernest wiedergegeben. war ein amerikanischer Theologe und Archäologe, der in Palästina, vor allem in dem von Israel besetzten Westjordanland, forschte und lehrte.

Seine Ermordung gab Anlass zu sehr unterschiedlichen Spekulationen über die Hintergründe der Tat im Spannungsverhältnis der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen und dem Ausklingen der ersten Intifada. Inzwischen gilt als wahrscheinlichste Hypothese, dass Adel Awadallah, führendes Mitglied der islamistischen Terrororganisation Hamas,Siehe hierzu den Artikel von Deborah Sontag: Hamas Vows Revenge as Israel Kills 2 Militants. In: The New York Times. 12. September 1998 (Online). den Mord an Glock begangen hat. Die Motive der Tat liegen allerdings weiter im Dunkeln.Edward Fox: The mysterious death of Dr Glock

Familie, Schule, Studium Glocks Eltern waren tief religiöse Lutheraner deutscher Abstammung und standen der Lutheran Church – Missouri Synod nahe.Die Familiengeschichte ist ausführlich dargestellt in den Büchern von Edward Fox. Nach Sari Nusseibeh, Glocks späterem Kollegen an der Birzeit University, gehörte die Familie zu einer „fundamentalistischen Sekte“, die behauptete, „die Bibel sei bis zum letzten Punkt und Komma das unfehlbare Wort Gottes“.Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land.

Fox beschrieb das Elternhaus von Glock als Ort einer klaustrophobischen und beengende Erziehung an dem der Vater mit einer Rute für Disziplin sorgte.Edward Fox: Palestinian Twilight Dennoch durfte Albert ab seinem 13. Lebensjahr, die Familie lebte damals in Washburn (Illinois), ein deutsches Gymnasium für Jungen im 200 Meilen entfernten Milwaukee besuchen. Die Schule, an der die Schüler Latein, Griechisch und Hebräisch lernten, sollte die Jungen auf den lutherischen Predigerdienst vorbereiten. Da die Eltern zwar das jährlich Schulgeld, nicht aber die Fahrtkosten aufbringen konnten, musste Glock die folgenden fünf Jahre zwischen Washburn und Milwaukee trampen. In dieser Zeit kristallisierte sich auch sein Wunsch heraus, sich später auf das Alte Testament und die antike Zivilisation des Nahen Ostens spezialisieren zu wollen.

Nach dem Schulabschluss studierte Glock an der University of Chicago, der Brandeis University und der Universität Heidelberg und machte im Jahr 1951 seinen Abschluss am Concordia Seminary in St. Louis.Patty Jo Watson, Ghada Ziadeh: Obituary: Albert Ernest Glock 1925–1992 Ebenfalls 1951 heiratete Glock die Deutsch-Amerikanerin Lois Sohn, Tochter eines lutherischen Theologieprofessors, und lebte die nächsten Jahre als Pastor in Normal (Illinois).

Parallel zu seiner Zeit als Pfarrer studierte Glock bei dem Bibelwissenschaftler George E. Mendenhall (1916–2016)Ausführlicher Nachruf auf George E. Mendenhall auf der Webseite des Departments für Middleeast Studies an der University of Michigan an der University of Michigan. Mendenhalls Gedanken, die laut Fox von einem marxistisch orientierten Modell einer ‘Bauernrevolte’ als Ursprung des alten Israel ausgingen, suggerierten, dass der biblische Bericht einer israelitischen Invasion Kanaans falsch sei und dass hinter der biblischen Version eine Art theokratischer Bauernaufstand aus dem Inneren Kanaans stecken müsse. Diese Theorie hatte nach Fox einen prägender Einfluss auf Glock.

Glock, der mit seiner Rolle als Pastor nicht zurechtkam, wechselte 1957 an das Concordia Teacher’s College in River Forest (Illinois) und unterrichtete dort bis 1976 Geschichte des Alten Testaments und Literatur. In dieser Zeit geriet er auch in Konflikt mit der lutherischen Missouri-Synode und engagierte sich in deren Reformflügel.

Bevor Glock diesen langen Weg endgültig beschritt, erwarb er 1963 einen Master-Abschluss an der Lutheran School of Theology in ChicagoSiehe hierzu den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Lutheran School of Theology at Chicago. und wurde 1968 an der University of Michigan mit einer Arbeit über die Kriegsführung in Mari und im alten Israel promoviert.Zu Mari siehe Mari (Stadt).

Palästina Im Sommer 1962 unternahm Glock seine erste Reise nach Palästina. Er reiste zusammen mit einer Handvoll weiterer Bibelwissenschaftler, die unter der Leitung des Harvard-Archäologen George Ernest Wright, eines Schülers von William Foxwell Albright, einen Grundkurs in archäologischen Ausgrabungstechniken in Tell Balata in der Nähe von Nablus absolvieren sollten.

Glock nahm in den Folgejahren unter dem Grabungsleiter Paul W. Lapp an den Ausgrabungen in Tell Ti'innik (Taanach) im damals jordanisch verwalteten Westjordanland teil.

Die Ausgrabungen, die von amerikanischer Seite in der Trägerschaft des Concordia Seminary St. Louis und der American Schools of Oriental Research, dem späteren Albright Institute of Archaeological Research (AIAR) erfolgten, waren vom Sechstagekrieg überschattet, wodurch sie nun unter israelischer statt zuvor jordanischer Zuständigkeit ausgeübt werden mussten. 1970 starb LappDelbert R. Hillers: Paul W. Lapp in Memoriam. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. Nr. 199, 1970, S. 1–4 (JSTOR). und Glock wurde dessen Nachfolger als Grabungsleiter.

Glock war in der Folge von 1970 bis 1977 Forschungsprofessor am AIAR und von 1978 bis 1980 Direktor des Instituts. Er beteiligte sich an oder war Leiter von mehreren Feldprojekten des Instituts in Israel, im Westjordanland und in Jordanien. „Sein grundlegendes Anliegen war nicht methodischer Natur, sondern galt den Menschen, deren Leben und deren Gesellschaften durch die archäologischen Überreste teilweise enthüllt wurden.“„His fundamental concern was not methodological, rather it was for the human beings whose lives and societies were partially revealed by the archaeological remains.“

Birzeit University 1976, noch während seiner Zeit als Forschungsprofessor am AIAR, begann Glock damit, einmal pro Woche an der Birzeit University zu unterrichten, wohin er 1980 nach dem Ende seiner Amtszeit als AIAR-Direktor endgültig wechselte. Er etablierte hier den Fachbereich Archäologie und gründete das Zentrum für palästinensische Archäologie, dessen Direktor er bis zu seinem Tod blieb.In Memoriam: Albert Ernst Glock 1925–1992 Für Fox führte Glocks sich 1976 anbahnende Hinwendung nach Birzeit zu einem Wendepunkt in dessen Leben.

Nach Sari Nusseibeh war es Glock lange vor den Palästinensern selber klar geworden, „dass die Israelis die Alte Geschichte benutzten, um ihre moralischen Ansprüche auf die besetzten Gebiete zu untermauern“. Dem setzte Glock seine eigene Forschungsstrategie für das von ihm gegründete Zentrum für palästinensische Archäologie entgegen.

Glocks Kampf für eine palästinensische Archäologie scheint mit einer generellen Hinwendung zum Palästinensertum verbunden gewesen zu sein. Gabi Baramki sprach in seiner Begräbnisrede auch davon, dass er und viele andere Glock als Abu Abid kennengelernt hätten, und sie ihn sich „nur als einen Palästinenser denken [könnten], der in dieser schwierigen Zeit mit uns durchhielt“. Noch deutlicher formulierte es Nusseibeh: „In Birseit verwandelte er sich vom religiösen Kreuzritter in einen palästinensischen Nationalisten.“ Katherine Lamie sah das 2007 in ihrem Aufsatz Archaeology in Palestine: The Life and Death of Albert Glock allerdings wesentlich differenzierter. Für sie war sich Glock sehr wohl der politischen Implikationen der Archäologie – gerade in Palästina – bewusst, die zunächst von einer biblischen Archäologie dominiert war, die auf dem Weg zu archäologischen Beweisen für die Texte der Bibel islamischen Ausgrabungsstätten keine Beachtung zumass, diese gar zerstörte, sowie ohne ausreichende Belege Funde bestimmten ethnischen Gruppen zuschrieb. Hieran habe dann ab dem Ende des 19. Jahrhunderts eine zionistische Archäologie angeschlossen, die daran ging, archäologische Funde als Beweise für das Recht auf die Wiederbesiedlung des historischen jüdischen Heimatlandes und die Gründung eines jüdischen Staates im Heiligen Land zu instrumentalisieren.Katherine Lamie: Archaeology in Palestine: The Life and Death of Albert Glock Demgegenüber hätten Glocks Forschungsbemühungen darauf abgezielt, die Fehler der biblischen Archäologie aufzudecken und eine lokale Archäologie zu schaffen, die sich mit der vernachlässigten (d. h. nicht biblischen) Vorgeschichte und Geschichte des geografischen Gebiets Palästinas befassen sollte. Er wollte die Archäologie des Nahen Ostens vom biblischen Mythos befreien und eine Archäologie realisieren, die sich auf den Rest der palästinensischen Vergangenheit, einschließlich der 1.300 Jahre währenden muslimischen Besiedlung, konzentrierte und somit ein authentischeres archäologisches Bild dieser Region entwickeln. Diese Parteinahme für die Interessen der marginalisierten palästinensischen Bevölkerung hätten bei Glock aber nicht dazu geführt, eine Archäologie zu konstruieren, die deren Tradition der Ausgrenzung und ungeprüften Voreingenommenheit reproduziert habe. Hiervor hätten ihn seine Erfahrung mit den intellektuellen Fallstricken der biblischen Archäologie gehindert.

Glocks „problemorientierte Archäologie, die darauf abzielte, die palästinensische Vergangenheit zu erforschen“ brachte ihn in Opposition zu einer ausschließlich die israelischen Interessen verfolgende Archäologie in Palästina. Sie war nach Nusseibeh auch ein Akt des Widerstands gegen Leute wie Mosche Dajan, „der mit der Leidenschaft eines Käptn Ahab Unmengen Land umgegraben hatte, um Spuren alter jüdischer Siedlungen zu finden“. Derselbe Mosche Dajan war es aber auch, der es rechtfertigte, die Erinnerungen an die arabischen Siedlungen zu tilgen, die seit dem Palästinakrieg durch die Israelis dem Erdboden gleichgemacht oder durch jüdische Siedlungen ersetzt wurden.

Diesem weiteren Versuch der Auslöschung der arabischen Geschichte in Palästina widersetzte sich Glock zusammen mit Walid Khalidi mit einem groß angelegten Projekt zur Erforschung der palästinensischen Dörfer, die 1948 von Israel besetzt und entvölkert worden waren. Lamie bezeichnete das Projekt als Ausdruck von Glocks multidisziplinäre Sichtweise, durch die Anthropologen, Historiker, Architekten und Fotografen zur Zusammenarbeit mit Archäologen gekommen seien. Den Palästinensern sollte das helfen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und ihre kulturellen Traditionen trotz jahrzehntelanger politischer und sozialer Umwälzungen auch in Zukunft fortzuführen. Die Veröffentlichung des aus dieser Arbeit hervorgegangenen Buches All That Remains im Jahre 1992 hat Glock nicht mehr erlebt; seine Kollegen gedachten seiner am Ende ihres Vorworts.All That Remains, S. xxiv

Der Mord an Glock Am 19. Januar 1992 wurde Albert E. Glock um 15.15 Uhr auf der Heimfahrt von seinem Arbeitsplatz an der Birzeit University im Dorf Bir Zait erschossen.

Glocks Ermordung erfolgte in der Abklingphase der Intifada, die aber weiterhin beherrscht war von Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern, aber auch von den Spannungen zwischen den unterschiedlichen Palästinenserfraktionen. Vor diesem Hintergrund kann Fox einen Katalog von Verdächtigen präsentieren, in dem sich ein vermeintliches israelisches Killerkommando ebenso wiederfindet wie ein Hamas-Kommando. Auch Spekulationen über einen Täter aus dem beruflichen Umfeld von Glock waren im Umlauf.