mini|Alexandre Galopin
Alexandre Galopin (* 26. September 1879 in Gent; † 28. Februar 1944 in Etterbeek) war ein belgischer Industrieller und Bankier, war seit März 1935 Gouverneur der Société générale de Belgique (SGB).
Er gilt als eine herausragende Persönlichkeit des belgischen Unternehmertums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als ausgebildeter Zivilingenieur stand er vor 1914 an der Spitze der Generaldirektion der Fabrique Nationale Herstal bei Lüttich und spielte während des Ersten Weltkriegs in Paris eine entscheidende Rolle bei der standardisierten Herstellung von Rüstungen – hauptsächlich Gewehren – für die französische und die belgische Armee. Als wirtschaftlicher Berater der belgischen Regierung am Ende des Krieges wirkte er an der Vorbereitung und Umsetzung der Politik zur Wiederbelebung der belgischen Industrie nach 1918 mit.
Im Jahr 1919 gehörte er zu den belgischen Experten bei den Verhandlungen über den Friedensvertrag von Versailles, der den Ersten Weltkrieg beendete. Er vertrat zudem die belgische Zentralbank bei der 1930 in Basel gegründeten Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS).
Galopin ist für seine Rolle während des Zweiten Weltkriegs bekannt, als er an der Spitze des Comité Galopin stand, das am 15. Mai 1940 vom belgischen Staat kurz vor dessen Abreise nach England mit einer Mission de confiance (Vertrauensmission) betraut wurde. In dieser Funktion spielte er eine zentrale Rolle bei der Ausrichtung der wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungen des besetzten Belgien gegenüber dem nationalsozialistischen Besatzer.
Im Februar 1944 wurde Gouverneur Galopin auf Befehl von Heinrich Himmler, dem Chef der SS, ermordet. Nach 1945 wurden die Entscheidungen, die Alexandre Galopin und sein Umfeld während der nationalsozialistischen Besatzung trafen, Gegenstand juristischer wie auch historiografischer Debatten.
Die ersten Jahre Alexandre Galopin war der Sohn des Rechtswissenschaftlers und späteren Rektors der Universität Lüttich Gérard Galopin (1849–1921) und der Marie Schindeler. Er absolvierte bis 1902 ein Studium als Bauingenieur und vertiefte dieses mit Studienaufenthalten in Frankreich, England und Deutschland.
Nach seiner Rückkehr nach Lüttich im Jahr 1904 wurde er von der Fabrique Nationale d’Armes de Guerre (FN) engagiert, wo er mit der Arbeiterwelt in Berührung kam, indem er – auf eigenen Wunsch – während zwei Jahren als Werkzeugmaschinenjustierer und technischer Zeichner arbeitete. Schon zu Beginn seiner Laufbahn zeigte Galopin besonderes Interesse für die Arbeiterbedingungen. Er machte sich durch seine organisatorischen Fähigkeiten bemerkbar und stattete die FN mit einem hochmodernen Labor aus. Im Jahr 1913 wurde er Generaldirektor der FN.
Am Vorabend des Kriegsausbruchs produzierte die FN nicht nur Jagdgewehre, sondern auch Kriegswaffen, Munition, Fahrräder, Motorräder, Automobile und Lastwagen. Galopin spielte eine zentrale Rolle in dieser industriellen Diversifizierung.
Erster Weltkrieg und Exil in Frankreich Die deutsche Invasion Belgiens ab dem 2. August 1914 setzte die Region Lüttich rasch der Gewalt des Angreifers aus. Aufgrund der strategischen Bedeutung der Produktion beschloss der Verwaltungsrat der Fabrique Nationale, die Tätigkeit einzustellen und die Werke zu schließen. Die deutsche Besatzungsmacht stellte die FN unter Sequester und verlegte ihre Werkzeugmaschinen in deutsche Arsenale. Galopin begab sich daraufhin nach Antwerpen, wo sich die belgische Armee sammelte und einen nationalen Rückzugsraum bildete. Anschließend reiste er nach Le Havre, wo die belgische Regierung Zuflucht gefunden hatte und bei der er sich zur Verfügung stellte.
In der Zwischenzeit ernannte die französische Regierung den Sozialisten Albert Thomas zum Organisator der Produktion von Kriegsmaterial. Als zum Unterstaatssekretär für Artillerie und Munition ernannter Verantwortlicher verhandelte er mit dem belgischen Premierminister Charles de Broqueville über die Bereitstellung Galopins zugunsten der französischen Kriegsanstrengung. Im Austausch für die Lieferung von 15000 Gewehren an die belgische Armee, die an der Yser stationiert war, stimmte die belgische Regierung diesem Abkommen zu.
Galopin wurde vom Minister Thomas mit der Koordination der gesamten Produktion leichter Bewaffnung durch die über das französische Staatsgebiet verstreuten Fabriken betraut. Inspiriert vom Taylorismus, der in den 1900er-Jahren in Nordamerika verbreiteten Methode, führte Galopin eine strenge Standardisierung der Bearbeitung von Gewehrteilen zwischen den verschiedenen Fabriken ein, sodass am Ende nur noch eine abschließende Montage erforderlich war. Die méthode Galopin steigerte die Produktivität erheblich und ermöglichte die rasche Lieferung der für die Front unverzichtbaren Waffen. Anschließend erhielt Galopin, mit Unterstützung von Winston Churchill (britischer Rüstungsminister 1917–1918), den Auftrag, dieselbe Methode auf die Herstellung von Teilen für Maschinengewehre anzuwenden. Ab 1917 wurde ihm zudem die Aufgabe übertragen, die Standardisierung der Produktion von Flugzeugmotoren zu übernehmen.
Am Ende des Konflikts wurde Alexandre Galopin von der französischen Regierung für seine Verdienste mit dem Orden der Ehrenlegion (Ordre de la Légion d'honneur) ausgezeichnet.
Zwischenkriegszeit (1919–1939) Internationale Verhandlungen: der Vertrag von Versailles und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) Am Ende des Krieges wirkte Galopin aktiv im Comité consultatif mit, das im Oktober 1917 in Paris vom Wirtschaftsminister Paul Hymans gegründet worden war, um die belgische Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit zu planen und die Friedensverhandlungen vorzubereiten. Nachdem Paul Hymans zum Außenminister berufen worden war, holte er Galopin 1919 in die belgische Delegation der in Versailles tagenden Friedenskonferenz. Galopin engagierte sich besonders in wirtschaftlichen und finanziellen Fragen, insbesondere hinsichtlich der belgischen Reparationsforderungen an das besiegte Deutschland.
Als Regent der Banque Nationale de Belgique (BNB) nahm Galopin an den Sitzungen der Banque des règlements internationaux (BIS) in Basel teil, die sich in den 1930er-Jahren zu einem zentralen Forum der Zusammenarbeit zwischen Zentralbanken entwickelte.
Restrukturierung und industrielle Wiederaufbauphase Am Ende des Konflikts kehrte Galopin als Generaldirektor und Verwaltungsrat zur FN nach Herstal zurück. Die deutschen Aktionäre wurden zugunsten einer belgischen Verankerung verdrängt. Galopin förderte die Entwicklung der Abteilung moteurs, um die Absatzmärkte des Unternehmens angesichts des Rückgangs der Waffenverkäufe zu diversifizieren. Er stellte eine neue Generation von Ingenieuren und Technikern ein und gründete ab 1921 eine betriebsinterne Berufsschule innerhalb der FN. Galopin stattete die FN zudem mit neuen Werkzeugmaschinen aus, die eine Standardisierung der Teile und eine Steigerung der Produktivität ermöglichten.
Die Société Générale de Belgique (SGB), die wichtigste Holding des Landes, war seit 1919 Mehrheitsaktionär der FN. Galopin wurde vom Gouverneur Jean Jadot aufgefordert, der Direktion der SGB beizutreten. Dieser übertrug ihm die Reorganisation und Modernisierung der belgischen Kohlenindustrie, eines Sektors, der von der SGB dominiert wurde. Um die geringe Wettbewerbsfähigkeit der Kohlenminen in der Region Borinage zu beheben, restrukturierte Galopin die Betriebssitze und schuf einen großen Industriekomplex in der Provinz Hennegau. Die Aufwertung der Kohle wurde durch die Gründung der Gesellschaften Carbonisation centrale und Carbochimique gefördert. Neben der Rationalisierung der Produktion förderte Galopin in Absprache mit Evence III Coppée, der in diesem Sektor die Interessen der Banque de Bruxelles vertrat, die Kartellbildung der Kohleindustrie. Galopin blieb bis zu seinem Tod 1944 einer der wichtigsten Entscheidungsträger der belgischen Kohlenindustrie.
Galopin vertrat die SGB in zahlreichen Industrieunternehmen, insbesondere im metallurgischen Sektor, darunter S.A. John Cockerill und La Providence. Er blieb bis 1932 geschäftsführender Verwaltungsrat der FN. Im Jahr 1932 wurde Galopin Vizegouverneur der SGB. Im März 1935 folgte er Lucien Emile Francqui als Gouverneur der SGB nach, einer Holdings, die zu jener Zeit nahezu 30 % der belgischen Wirtschaft kontrollierte. In dieser Funktion stand er zugleich dem Direktionssausschuss wie auch dem Verwaltungsrat vor.
In der Folge der Lehren aus dem Börsenkrach von 1929 in New York trennte der belgische Gesetzgeber die Holdingaktivitäten von den Einlagenbanken. Galopin wurde zwischen 1935 und 1939 auch zum Vorsitzenden der Banque de la Société Générale berufen. In dieser Eigenschaft war er in die Verhandlungen mit dem Finanzminister Max-Léo Gérard über die Währungsreform eingebunden. Er vereitelte das Projekt der sozialistischen Partei, eine Kontrolle der Holdings einzuführen.
Als Mitglied des comité permanent der Société nationale des chemins de fer belges (SNCB) zwischen 1926 und 1935 initiierte er ein internes System sozialer Versicherungen und organisierte die paritätischen Beziehungen zu den Gewerkschaften. Er engagierte sich außerdem im Fonds national de la recherche scientifique (FNRS), der 1928 gegründet worden war, und förderte dort die enge Verbindung zwischen Industrie und Universitäten.
Der Zweite Weltkrieg Unter dem Impuls Galopins traf die Société Générale de Belgique Vorkehrungen zur Sicherung ihrer Interessen angesichts des bevorstehenden Ausbruchs des zweiten Weltkonflikts. Bedeutende Kapitalien werden ins Ausland transferiert, insbesondere in den Kongo und in die Vereinigten Staaten. Der Gouverneur selbst beabsichtigte, im besetzten Belgien zu bleiben, während außerhalb des Staatsgebiets Direktoren mit umfassenden Vollmachten bestimmt wurden, insbesondere um die Leitung der im Belgisch-Kongo ansässigen Tochtergesellschaften sicherzustellen. Galopin und die Leitung der SGB waren sich der strategischen Bedeutung des kongolesischen Urans, im Besitz der Union minière du Haut-Katanga (UMHK), vollkommen bewusst. Edgar Sengier, Direktor der SGB und der UMHK, wurde vom Verwaltungsrat der SGB ausgewählt und mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet; er ließ sich in New York nieder. Bereits 1938 ordnete Sengier an, die Hälfte der Uranbestände aus dem Kongo in einem Lagerhaus im Hafen von New York zu deponieren. Diese Uranreserven wurden später der amerikanischen Armee zur Verfügung gestellt, um die Herstellung der ersten Atombomben zu ermöglichen.
Träger der „Präsenzpolitik“ gegenüber dem nationalsozialistischen Besatzer Am Vorabend ihrer Abreise aus Brüssel berief die belgische Regierung – vertreten durch die Minister Paul-Henri Spaak und Camille Gutt – am 15. Mai 1940 führende Vertreter der Wirtschaft ein. Während dieser Unterredung wurden die Bankiers Galopin (SGB), Max-Léo Gérard (Banque de Bruxelles) und Fernand Collin (Kredietbank) darüber informiert, dass die Regierung angesichts des deutschen Vormarsches vertrauenswürdige Verantwortliche im besetzten Belgien zurücklassen möchte, welche die Ereignisse aufmerksam verfolgten und beratend tätig werden sollten. Auf eine Frage Galopins gaben Spaak und Gutt zu, dass dem Besatzer im wirtschaftlichen Bereich gewisse Zugeständnisse gewährt werden könnten, um das Überleben des Landes zu sichern. Die Bankiers erhielten vom Staat eine allgemeine Mission de confiance, ergänzt durch eine spezifische Aufgabe: die Sicherstellung der Zahlung der Gehälter des Staatspersonals. Zu diesem Zweck übergab Gutt Galopin einen Blanko-Staatschuldschein (Bon du Trésor) zur Absicherung der finanziellen Verpflichtungen der Banken im Namen des belgischen Staates. Die Beteiligten ahnten die späteren, unvorhersehbaren Entwicklungen nicht: die Kapitulation Frankreichs, den Entschluss König Leopolds III., im besetzten Belgien zu bleiben sowie die Abreise eines Teils der Regierung nach London.