Eine Oberleitungsinselanlage (OLIA) ist eine Anlage mit einem kurzen Oberleitungsabschnitt in einem Bahnhof oder auf der freien Strecke, die von nicht elektrifizierten Strecken umschlossen ist. Sie werden überwiegend zur Ladung der Akkus von Akkumulatortriebzügen (BEMU) eingesetzt, um längere Bereiche ohne Oberleitung befahren zu können.

Mehrere SPNV-Aufgabenträger in Deutschland planen seit Beginn der 2020er-Jahre die Umsetzung von Oberleitungsinselanlagen. Seit 2024 sind die ersten Anlagen, die speziell für das Laden von BEMU konzipiert sind, im regulären Betrieb.

Funktion Die Hauptfunktion der Oberleitungsinselanlagen (OLIA) besteht darin, eine flexible und effiziente Lösung für die Energieversorgung von akkubetriebenen Zügen zu bieten. Durch die Installation von OLIA an strategischen Punkten entlang der Bahnstrecke können die Züge ihre Batterien nachladen, ohne dass eine vollständige Elektrifizierung der gesamten Strecke erforderlich ist. Dies reduziert die Notwendigkeit für umfangreiche Infrastrukturinvestitionen und ermöglicht gleichzeitig einen umweltfreundlicheren und leiseren Bahnverkehr, indem Dieseltriebwagen durch akkubetriebene Züge ersetzt werden.

Eine OLIA kann sowohl für das Laden im Stand als auch während der Fahrt konzipiert sein. Im Falle des Ladens im Stand wird die Oberleitungsinselanlage typischerweise an Bahnhöfen installiert, wo die Züge während ihrer regulären Aufenthaltszeiten ohne zusätzlichen Zeitverlust aufgeladen werden können. Für das Laden während der Fahrt werden kurze Oberleitungsabschnitte auf der freien Strecke eingerichtet, durch die die Züge fahren und dabei ihre Batterien nachladen. Die technische Ausführung der OLIA muss dabei so gestaltet sein, dass eine sichere und effiziente Energieübertragung sowohl im Stillstand als auch bei Bewegung des Zuges gewährleistet ist.

Einsatz Deutschland

Ammerbuch-Pfäffingen Der erste Prototyp für eine Anlage speziell für die Aufladung von BEMU befindet sich in Ammerbuch-Pfäffingen an der nichtbundeseigenen Ammertalbahn. Die Anlage wird von VOLTTAP betrieben, einer Kooperation der Stadtwerke Tübingen und Furrer+Frey. Die Station kann Züge im Stand mit einer Spannung von AC 15 kV 50 Hz oder AC 25 kV 50 Hz und einem maximalen Strom von 80 A versorgen, was einer maximalen Ladeleistung von 1,2 MW bzw. 2 MW entspricht. Dafür wird ein kurzes Stück Oberleitungsstromschiene und der Stromabnehmer des Batteriefahrzeugs verwendet. Die Trafostation ist am 20-kV-Mittelspannungsnetz angeschlossen und verfügt über eine Scottschaltung der Transformatoren, damit die einphasige Last des BEMU gleichmäßig auf die drei Phasen des Mittelspannungsnetzes aufgeteilt wird.

Im Oktober 2021 wurden eine Woche lang umfangreiche Tests an einem Prototyps des Flirt Akku von Stadler Rail durchgeführt. Im September 2023 wurden zwei Tage lang weitere Tests an einem Siemens Mireo Plus B durchgeführt.

Im Dezember 2022 wurde die durchgängige Elektrifizierung der Ammertalbahn mit 15 kV und der Bahnstromfrequenz von 16,7 Hz in Betrieb genommen. Die VOLTTAP-Ladestation befindet sich elektrisch isoliert an einem Nebengleis, das nicht Teil der durchgängigen Oberleitung ist.

Annaberg-Buchholz Süd mini|Oberleitungsinselanlage Bahnhof Annaberg-Buchholz Süd Im Bahnhof Annaberg-Buchholz Süd wurde 2023 ein weiterer Prototyp in Betrieb genommen.schr: 50-Hz-Ladestation in Annaberg-Buchholz betriebsbereit. In: Eisenbahn-Revue International 11/2023, S. 507. Es handelt sich hierbei um ein Kooperationsprojekt von Rail Power Systems, F&S Prozessautomation, DB Energie, DB Erzgebirgsbahn, Technischer Universität Dresden, Smart Rail Connectivity Campus (SRCC) und vom Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS). Die Anlage in Annaberg-Buchholz verfügt über einen Leistungstransformator, über den Akkuzüge aus dem Mittelspannungsnetz mit 15 kV und 50 Hz geladen werden können. Da die einphasige Last des Akkutriebwagens das speisende dreiphasige Stromnetz asymmetrisch belasten würde, es käme dabei zu sogenannten Schieflasten, welche den technischen Anschlussbedingungen widersprechen, verfügt die Anlage über einen Symmetrierumrichter. Der Symmetrierumrichter ist über eine Hilfswicklung in den magnetischen Kreis des Leistungstransformators eingebunden und kann so die Momentanleistung auf die drei Außenleiter symmetrisch verteilen. Im Unterschied zu Vollumrichtern wird nicht der gesamte Leistungsfluss über den Symmetrierumrichter übertragen, sondern nur der Teil, der zur Vermeidung der Schieflast nötig ist, dafür ist keine Veränderung der Netzfrequenz von 50 Hz möglich. Systeme mit Symmetrierumrichter sind im Vergleich zu gleich leistungsfähigen Vollumrichtersystemen kostengünstiger und kleiner im Aufbau.

Schleswig-Holstein Die ersten im Regelbetrieb eingesetzten Oberleitungsinselanlagen befinden sich in den Bahnhöfen Tönning, Heide (Holst) und Husum in Schleswig-Holstein. Diese wurden von Rail Power Systems (RPS) und F&S Prozessautomation GmbH (F&S) errichtet. Die Ladeunterwerke werden aus dem 20-kV-Mittelspannungsnetz gespeist und verfügen über Vollumrichter zum einphasigen Laden von Akkuzügen mit AC 15 kV 16,7 Hz. Im April 2024 eröffneten Bahnbetriebswerk Rendsburg entstand ebenfalls eine Oberleitungsinselanlage.

Teilweise konnte im Februar 2024 bereits der Testbetrieb aufgenommen werden. Der Regelbetrieb des rund 460 km langen Streckennetzes konnte zum Fahrplanwechsel im Dezember 2024 erfolgreich aufgenommen werden.

Ortenau-Netz Das Ortenau-Netz umfasst zwei neue Oberleitungsinselanlagen in Achern und Biberach (Baden). Sie befinden sich auf der Infrastruktur der SWEG Schienenwege GmbH und gingen zum Fahrplanwechsel im Dezember 2024 in den planmäßigen Betrieb über. An beiden Bahnhöfen erfolgt die Speisung der OLIA aus dem DB-InfraGO-Oberleitungsnetz der benachbarten Gleise. Es werden klassische Doppelfahrdrähte nach Regelbauart für S-Bahnen (Re S-Bahn) verwendet.

Ostbrandenburg mini|Siemens Mireo Plus B Seit Dezember 2025 sind auf dem Netz Ostbrandenburg Akkuzüge der Niederbarnimer Eisenbahn im Einsatz. Die Züge verkehren dabei auch auf eigenen Strecken der Niederbarnimer Eisenbahn, wo auch eigene Ladestationen in den Bahnhöfen Beeskow, Templin, Werneuchen und Wriezen vorgesehen sind. Es werden Anlagen von VOLTTAP verwendet, die bereits in Ammerbruch-Pfäffingen erprobt wurden. Die Spannung der Oberleitung beträgt AC 25 kV 50 Hz.

Im Mai 2025 wurden an der Anlage in Beeskow erste erfolgreiche Abnahmeprüfungen durchgeführt. Die endgültige Inbetriebnahme steht allerdings noch aus.

Pfalznetz mini|Stadler Flirt Akku in Kaiserslautern Das Pfalznetz umfasst ein rund 240 km langes Streckennetz im südlichen Teil der Rheinland-Pfalz. Die Standorte der OLIA sind in den Bahnhöfen Winden (Pfalz), Landau (Pfalz), Kusel, Lauterecken-Grumbach sowie Pirmasens Nord vorgesehen. Ähnlich wie beim Akkunetz Schleswig-Holstein werden reguläre Oberleitungen mit einer Spannung von AC 15 kV 16,7 Hz und Ladeunterwerke mit Vollumrichtern verwendet. Als Unterschied besteht jedoch, dass die Oberleitungen über die Weichenstraßen der Bahnhöfe verlängert werden, um eine leichtere Integration durchgängiger Oberleitungen zu ermöglichen. In Pirmasens Nord wird die OLIA zusätzlich über die Biebermühlbahn bis zum Fehrbacher Tunnel verlängert.

Die Betriebsaufnahme der ersten elektrischen Stadler Flirt Akku wird bereits im Frühjahr 2026 starten und schrittweise die derzeitigen Dieselfahrzeuge ablösen. Die Inbetriebnahme der OLIA wird jedoch erst deutlich später zwischen Dezember 2028 und Dezember 2029 erfolgen.

Niederrhein-Münsterland-Netz Für eine ursprünglich bis 2025 zu erstellende Anlage in Kleve in Nordrhein-Westfalen hat die Vorplanung begonnen. Inzwischen wird der Dezember 2028 als Termin für eine Inbetriebnahme genannt.bhauf: Oberleitungsinselanlage für CAF-Batteriezüge in Kleve. In: Eisenbahn-Revue International 5/2024, S. 194f.

Niedersachsen In Niedersachsen plant die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen in den Bahnhöfen die Errichtung von OLIA oder kurzen Streckenelektrifizierungen unter anderem in den Bahnhöfen Soltau (Han), Dannenberg Ost und Holzminden (hier weitergehend bis Höxter Rathaus auf der Bahnstrecke Langeland–Kreiensen). Als Teilnetz Nordharz wird ein rund 35 Kilometer großes Inselnetz im Dreieck zwischen den Bahnhöfen Goslar, Bad Harzburg und Vienenburg bezeichnet.Regionalverband Großraum Braunschweig: Beschlussvorlage - 2023/130, abgerufen am 2. September 2023 Die Umsetzung dieser Anlagen ist bis etwa zum Jahr 2030 vorgesehen. Die Oberleitungsinsel in Soltau (Elektrifizierung der Bahnstrecke Uelzen–Langwedel und gegebenenfalls der Heidebahn) und das Teilnetz Nordharz (Elektrifizierung der Bahnstrecke Hildesheim–Goslar) sollen jedoch langfristig in das bestehende Netz von Bahnstrecken mit Oberleitung eingebunden werden.

Westfalen-Lippe In Nordrhein-Westfalen sollen laut den Planungen des Zweckverbands Nahverkehr Westfalen-Lippe in den Bahnhöfen Brilon Stadt, Erndtebrück und Lüdenscheid-Brügge bis 2032 Oberleitungsinselanlagen entstehen. Perspektivisch sollen rund 21 Kilometer der Oberen Ruhrtalbahn zwischen den Bahnhöfen Bestwig und Hoppecke als Insel elektrifiziert werden. Es wäre damit den aktuellen Planungen nach das langfristig längste Inselnetz in Deutschland ohne geplante Anbindung an andere elektrifizierte Strecken.

Lech-Allgäu Im Freistaat Bayern sollen nach dem Willen der Bayerischen Staatsregierung Ladestationen in Füssen und Krumbach entstehen. Zudem sollen in Oberstdorf und Kempten als Vorabmaßnahmen der geplanten Streckenelektrifizierung Lademöglichkeiten für Akkus geschaffen werden. In den Bahnhöfen Bayreuth und Neustadt an der Waldnaab müssen Lademöglichkeiten hergestellt werden.

Andere Staaten

Dänemark In Dänemark sind drei Oberleitungsladeeinrichtungen in den Bahnhöfen Lemvig, Holstebro und Skjern für ein neues Batteriezugnetz der Midtjyske Jernbaner vorhanden. Die Anlagen in Lemvig und Holstebro wurden im Dezember 2025 offiziell eingeweiht, die in Skjern folgte im Februar 2026. Die Spannung der Oberleitung ist an allen drei Anlagen die in Dänemark übliche Spannung von AC 25 kV 50 Hz. Die Anlage in Lemvig ist im Eigentum der Midtjyske Jernbaner und verfügt über eine Leistung von 4,4 MW (2 × 2,2 MW). Die Trafostation versorgt außerdem Ladestationen für elektrische Linienbusse sowie 1000-V-Elektranten in der eigenen Zugwerkstatt zum Laden der Batteriezüge. Die Anlagen in Holstebro und Skjern gehören dem staatlichen EIU Banedanmark und besitzen jeweils eine Leistung von 2,2 MW. Für die Oberleitungen wurden dabei unterschiedliche Bauformen gewählt, um mit den verschiedenen Ansätzen Erfahrungswerte sammeln zu können: in Holstebro und in Lemvig verschiedene Stromschienenoberleitungen, in Skjern Kettenwerksoberleitungen ohne Tragseil.

Frankreich Im Endbahnhof Les Sables-d’Olonne der Bahnstrecke Les Sables-d’Olonne–Tours im Nordwesten Frankreichs existierte ab 2000 eine Oberleitungsinselanlage. Vom 28. Mai 2000 bis 12. Dezember 2004 wurde sie zur Stromversorgung zwischen Paris und Les Sables-d’Olonne eingesetzter TGV-Züge genutzt. Auf dem damals nicht elektrifizierten Abschnitt zwischen Nantes und Les Sables-d’Olonne wurden die Triebzüge von Diesellokomotiven gezogen, während des Aufenthalts in Les Sables-d’Olonne aber über die stationäre Infrastruktur versorgt. Im Dezember 2004 wurde die TGV-Verbindung eingestellt und erst mit Elektrifizierung der Streckenabschnitte aus Nantes wieder eingerichtet.

Irland mini|Alstom X’Trapolis (IÉ Class 90000) im Fareview Depot