mini|hochkant=1.2|Shireen Abu Akleh Shireen Nasri Antun Abu Akleh (; auch Schirin Abu Akle; * 3. April 1971 in Jerusalem; † 11. Mai 2022 in Dschenin) war eine palästinensisch-amerikanische Journalistin. Sie arbeitete 25 Jahre lang als Reporterin für den arabischsprachigen Sender Al Jazeera, bevor sie am 11. Mai 2022 bei der Berichterstattung über eine Operation der israelischen Armee in Dschenin im Westjordanland durch einen Schuss getötet wurde. Für ihren Tod machten Palästinenser und Israelis einander zunächst gegenseitig verantwortlich; unabhängige Untersuchungen öffentlich zugänglicher Informationen deuteten darauf hin, dass Abu Akleh von israelischen Soldaten erschossen wurde. Das israelische Militär erklärte nach einer internen Untersuchung, Abu Akleh sei mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Schüsse des israelischen Militärs getroffen worden, sah aber keinen Hinweis auf eine Straftat. Israel leitete keine strafrechtlichen Ermittlungen ein.

Frühes Leben und Ausbildung Abu Akleh wurde 1971 in Jerusalem geboren. Ihre Familie gehört zur arabisch-christlichen Minderheit. Vgl. auch: Sie besuchte die Sekundarschule in Beit Hanina und studierte anschließend zunächst Architektur an der Jordanischen Universität für Wissenschaft und Technologie. Später wechselte sie an die Yarmuk-Universität in Jordanien, wo sie einen Bachelor in Printjournalismus erwarb. Nach ihrem Abschluss kehrte Abu Akleh in die Palästinensischen Autonomiegebiete zurück.

Karriere Abu Akleh arbeitete als Journalistin für Radio Monte Carlo und für die Stimme Palästinas, außerdem arbeitete sie für das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), den Amman Satellite Channel und die 1998 von Hanan Aschrawi gegründete palästinensische Initiative zur Förderung von globalem Dialog und Demokratie (MIFTAH). Sie arbeitete von 1997 bis zu ihrem Tod als Journalistin für den Nachrichtensender Al Jazeera und wurde als Reporterin des arabischsprachigen Programms bekannt. Laut Inga Rogg, der Israel-Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung, war Abu Akleh die berühmteste palästinensische Journalistin in der Konfliktregion. Der US-amerikanische Nachrichtensender CNN zählte sie zu den „bedeutendsten Journalisten der arabischen Welt“.

Sie lebte und arbeitete in Ostjerusalem und berichtete über wichtige regionale Ereignisse. So berichtete sie unter anderem über die Zweite Intifada, den Einmarsch des israelischen Militärs in das Flüchtlingslager in Dschenin im Jahr 2002, den Tod von Jassir Arafat und über israelische Politik.

Tod Das palästinensische Gesundheitsministerium gab am 11. Mai 2022 bekannt, Abu Akleh sei erschossen worden, als sie über einen Einsatz des israelischen Militärs in einem Flüchtlingslager in Dschenin berichtete. Über die Hintergründe dieses Einsatzes gab die israelische Armee kaum Informationen; angenommen wird, dass ein Zusammenhang mit Terroranschlägen im April und Mai 2022 besteht, die von Tätern aus dem Raum Dschenin verübt wurden. Abu Akleh meldete sich letztmals um 6.13 Uhr bei ihrer Redaktion und teilte mit, sie sei auf dem Weg nach Dschenin. Abu Akleh trug einen Helm und eine Splitterschutzweste, die sie als Pressevertreterin kenntlich machten. Sie erlitt einen Kopfschuss und wurde in das Ibn-Sina-Krankenhaus gebracht, wo sie um 7.15 Uhr für tot erklärt wurde. Die israelische Militärführung ändert ihre Argumentation. In einer Stellungnahme vier Monate nach dem Vorfall erklärt sie: Abu Akleh sei höchstwahrscheinlich „versehentlich“ getroffen worden „während eines Schusswechsels, bei dem lebensgefährliche, weitreichende und wahllose Schüsse auf IDF-Soldaten gefeuert wurden []– auch aus dem Gebiet, in dem sich Frau Shireen Abu Akleh aufhielt“. Ein Video zeigt, dass vor Shireen Abu Aklehs Tod keine Schüsse zu hören waren. Der Forensiker Dirk Labudde von der Hochschule Mittweida rekonstruierte das Geschehen anhand von Drohnen-Aufnahmen und kam zum Schluss: „Sowohl unsere Modellierung und Nachstellung als auch das Modell, was durch Forensic Architecture erstellt wurde, kommt zu der gleichen Aussage, dass also die Person ist beobachtbar. Die Weste ist beobachtbar, der Schriftzug, der Schriftzug ist beobachtbar und auch die Möglichkeit, einen Schuss abzugeben, der zur Tötung führt, in beiden Studien als positiv beurteilt.“

Ali al-Samoudi, einem Journalisten der Zeitung Al-Quds, wurde bei dem Vorfall in den Rücken geschossen; er überlebte jedoch. Zwei weitere Palästinenser wurden verletzt in ein Krankenhaus gebracht.

Palästinensische Ermittlungen Die Autopsie Shireen Abu Aklehs wurde im Pathologischen Institut der Universität Nablus durchgeführt. Das tödliche Geschoss stammte aus einer Patrone des Typs 5,56 × 45 mm NATO. Diese Munitionsart wird sowohl von Palästinensern als auch von israelischen Einheiten genutzt. Die palästinensischen Ermittler erklärten in einer vorläufigen Stellungnahme, es sei unmöglich, festzustellen, ob der Schuss von einem israelischen Soldaten oder einem Palästinenser abgefeuert worden sei. Jedoch sei Abu Akleh nicht aus unmittelbarer Nähe erschossen worden.

Die palästinensischen Ermittler lehnen eine gemeinsame Untersuchung mit den israelischen Behörden ab; nach israelischen Presseberichten vermitteln die Vereinigten Staaten zwischen beiden Seiten. Am 2. Juli 2022 gab der palästinensische Generalstaatsanwalt Akram Chatib bekannt, dass die tödliche Kugel zur Untersuchung an Rechtsmediziner der Vereinigten Staaten übergeben worden sei. Dort konnte man aus der Kugel keine Rückschlüsse auf den Urheber ziehen, teilte jedoch mit, dass man davon ausgehe, dass wahrscheinlich Schüsse der israelischen Streitkräfte für den Tod verantwortlich waren.

Israelische Angaben und interne „operative Untersuchung“ des israelischen Militärs Die israelischen Behörden haben zum Tod Abu Aklehs weder strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet noch Anklagen erhoben (Stand: November 2022).

Das israelische Militär leitete kurz nach dem Tod Abu Aklehs eine interne „operative Untersuchung“ ein und erklärte nach deren Abschluss im September 2022, dass keine eindeutige Bestimmung der Quelle der Schüsse möglich sei, die Abu Aklehs getroffen hatten. Die Erklärung des Militärs räumte zwar ein, dass Abu Aklehs mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ und „versehentlich“ von Schüssen des israelischen Militärs getroffen worden sei, dass aber keine Befunde vorliegen würden, die die Einleitung einer Untersuchung durch die Militärpolizei rechtfertigen würden. Nach israelischen Angaben waren somit die tödlichen Schüsse auf Abu Akleh auch nach Abschluss der internen Untersuchung des israelischen Militärs nicht eindeutig zuzuordnen. Strafrechtliche Ermittlungen sollten nicht eingeleitet werden. Nach Darstellung des israelischen Militärs blieb eine Möglichkeit fortbestehen, dass die Schüsse von bewaffneten Palästinensern abgegeben worden waren. Wörtlich sagte der Generalstaatsanwalt des israelischen Militärs: „Es gibt keinen Verdacht auf eine Straftat“.

Erste Darstellungen des israelischen Militärs hatten davon gesprochen, dass davon auszugehen sei, dass Abu Akleh nicht durch Schüsse des israelischen Militärs getötet wurde. Israelische Einheiten im Flüchtlingslager von Dschenin seien unter Beschuss geraten und mit Explosivmaterialien beworfen worden. Daraufhin hätten Angehörige der Spezialeinheit Jechidat Duvdevan den Beschuss erwidert. Das israelische Militär prüfe die Möglichkeit, dass Abu Akleh von Schüssen palästinensischer Bewaffneter getroffen wurden. Bereits am Tag der Tötung Abu Aklehs hatte die israelische Regierung ein Video verbreitet, das einen vermummten Palästinenser zeigen soll, der mit einem Maschinengewehr um sich schießt. Nach Recherchen von B’Tselem und Haaretz wurde dieses Video jedoch mehrere hundert Meter entfernt vom Tatort aufgenommen. Zudem befinden sich zwischen beiden Orten mehrere Gebäude. Im weiteren Verlauf gab ein Vertreter des israelischen Militärs an, man könne derzeit nicht feststellen, wer für den Tod Abu Aklehs verantwortlich sei.

Am 12. Mai informierte ein Mitarbeiter der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), der anonym blieb, die Presse über die laufenden internen Untersuchungen des israelischen Militärs. Das israelische Militär untersuche die Möglichkeit, dass Shireen Abu Akleh von einer israelischen Kugel getroffen worden sei. Dazu würden drei Schusswechsel durch das israelische Militär analysiert. Die internen Ermittlungen des israelischen Militärs konzentrierten sich auf einen Vorfall, der sich etwa 150 Meter entfernt von dem Ort, wo sich Abu Akleh befand, auf einer Straße ereignet habe: Ein Fahrzeug des israelischen Militärs sei von einem oder mehreren militanten Palästinensern beschossen worden. Die Soldaten hätten aus dem Fahrzeug heraus das Feuer erwidert. Ein Soldat habe bei klarer Sicht mit einem M16-Sturmgewehr auf einen Kämpfer geschossen. Untersucht werde, wo genau sich die Journalistin in diesem Moment befunden habe. Am 19. Mai wurde gemeldet, dass das israelische Militär die Waffe eines Soldaten identifiziert habe, mit der Abu Akleh möglicherweise erschossen worden ist. Um diesen Sachverhalt zu klären, sei aber eine forensische Untersuchung der Kugel notwendig.

US-amerikanische Ermittlungen Nach einer Untersuchung des Vorfalls durch ein US-amerikanisches Expertenteam Anfang Juli 2022 erklärte die Biden-Administration, dass wahrscheinlich Schüsse von israelischen Positionen den Tod Abu Aklehs verursacht hätten. Es gebe jedoch „keinen Grund, anzunehmen, dass dies absichtlich geschah“; ihr Tod sei vielmehr „das Ergebnis tragischer Umstände“. Ende Oktober 2025 erklärten fünf der damals beteiligten Experten, dass das Team tatsächlich in seiner Einschätzung gespalten war: Einige von ihnen waren sich sicher, dass Abu Akleh absichtlich erschossen wurde, darunter der Veteran Colonel Gabavics, der sich nach seiner Pensionierung öffentlich zu dem Fall äußerte. Seine Einschätzung beruhte auf Funkaufnahmen, den örtlichen Begebenheiten und der Präzision der Schüsse, die Abu Akleh trafen. Gabavics erklärte, dass seine Kollegen und er vom Statement der Biden-Administration „entgeistert“ gewesen seien.

Die US-amerikanische Bundespolizei (FBI) wollte israelischen Medienberichten des Novembers 2022 zufolge eine Untersuchung der Todesumstände der Journalistin einleiten. Der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz kündigte an, dass Israel einer externen Untersuchung die Zusammenarbeit verweigern werde. Gantz bezeichnete die Entscheidung des US-amerikanischen Justizministeriums als „Fehler“. Aktuell hat das FBI keinerlei Ergebnisse seiner Ermittlungen veröffentlicht. Das Komitee zum Schutz von Journalisten forderte daher im Mai 2024, zwei Jahre nach Abu Aklehs Tod, die Behörde öffentlich dazu auf, einen Zeitplan zur Beendigung der Ermittlungen vorzulegen. Stand November 2025 hat das FBI weder einen Zeitplan noch ein Ergebnis vorgelegt.

Nichtstaatliche und internationale Untersuchungen Das journalistische Recherchenetzwerk Bellingcat ließ unmittelbar nach Abu Aklehs Tod öffentlich zugängliche Video- und Audioaufnahmen analysieren. In den am 14. Mai 2022 veröffentlichten Ergebnissen kam Bellingcat zu dem Schluss, dass das ausgewertete Material zwar nicht den genauen Schuss oder den exakten Moment des Todesschusses zu bestimmen gestatte, aber konsistent mit den Aussagen der als Augenzeugen am Vorfall beteiligten arabischen Journalisten sei, denen zufolge der tödliche Schuss sowie die anschließenden Schüsse auf Personen, die Abu Akleh zu Hilfe kommen wollten, vom israelischen Militär abgegeben worden seien. Dafür sprächen der aus den Aufnahmen rekonstruierbare zeitliche und geographische Ablauf der israelischen Militäroperation, insbesondere der Standorte von Soldaten, palästinensischen Kämpfern und Journalisten, sowie forensische Untersuchungen der Tonspuren und der darauf zu hörenden Schüsse.