Franz Bernhard Gerhard Schnabel (* 18. Dezember 1887 in Mannheim; † 25. Februar 1966 in München) war ein deutscher Historiker und Hochschullehrer.
Leben und Wirken mini|Deckblatt der Heidelberger Dissertation von 1910 Franz Schnabel kam als Sohn des Kaufmanns Karl Schnabel (1856–1930) und dessen Frau Maria, geb. Guillemin (* 1856), in Mannheim zur Welt. Schnabels Großvater väterlicherseits war Buchdrucker in Kreuznach; seine Mutter war die Tochter eines Ziegeleibesitzers aus Frankenthal (Pfalz). Schnabels Eltern, der Vater evangelisch, die Mutter katholisch, hatten 1885 geheiratet und erzogen ihre drei Kinder katholisch: der zweitgeborene Franz hatte eine ältere und eine jüngere Schwester.
Schnabel wuchs im Milieu des liberalen badischen Bürgertums seiner Geburtsstadt auf und maß im Rückblick der engen Beziehung zu Frankreich, die über die Familie mütterlicherseits gegeben war, prägenden Einfluss auf seine Persönlichkeitsentwicklung bei: „Dank den Verwandten meiner Mutter kam ich schon als Knabe nach der Normandie und nach Paris. Wer aber in seiner Jugend französischen Boden betritt, wird immer den Sinn für die großen Konturen der Weltgeschichte mitnehmen.“Aus dem Nachlass zitiert bei Heinrich Lutz: Einleitung. In: Franz Schnabel: Abhandlungen und Vorträge 1914–1965. Hrsg. von Heinrich Lutz. Freiburg/Basel/Wien 1970, S. X–XXIV, hier: S. XIII Anm. 8. Schnabel besuchte das humanistische Gymnasium in Mannheim, das er 1906 abschloss. Anschließend studierte er an den Universitäten Berlin und Heidelberg Geschichte, Germanistik, Französisch und Latein. Im Jahr 1910 legte er das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab und wurde noch im selben Jahr bei Hermann Oncken mit der Arbeit Der Zusammenschluß des politischen Katholizismus in Deutschland im Jahre 1848 zum Dr. phil. promoviert.Thomas Hertfelder: Franz Schnabel. In: Katharina Weigand (Hrsg.): Münchner Historiker zwischen Politik und Wissenschaft. 150 Jahre Historisches Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität. München 2010, S. 233–258, hier: S. 337 f.
Im Jahr 1911 trat Schnabel als Lehramtskandidat in den badischen Schuldienst ein, ließ sich aber Anfang 1914 beurlauben, um im Auftrag der Badischen Historischen Kommission eine Geschichte der badischen Landstände zu erarbeiten. Das Projekt konnte wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht verwirklicht werden: Im April 1915 wurde Schnabel einberufen, diente während des gesamten Krieges an der Westfront und wurde erst im Februar 1919 aus der Armee entlassen. Umgehend kehrte er in den badischen Schuldienst zurück und unterrichtete Latein, Französisch und Geschichte an Karlsruher Schulen: 1919/20 am Lessing-Gymnasium, Deutschlands erstem Mädchengymnasium, und 1920 bis 1922 am Goethe-Gymnasium, einem Realgymnasium für Jungen.Angela Borgstedt: Bildungskonzeption und Bildungspraxis bei Franz Schnabel. In: Peter Steinbach, Angela Borgstedt (Hrsg.): Franz Schnabel. Der Historiker des freiheitlichen Verfassungsstaates. Berlin 2009, S. 333–345, hier: S. 334. Parallel zum Schuldienst verfolgte Schnabel, ermutigt durch den Lehrer Oncken, seine wissenschaftliche Laufbahn und habilitierte sich schon 1920 an der Technischen Hochschule Karlsruhe mit der von Hermann Wätjen betreuten Schrift Geschichte der Ministerverantwortlichkeit in Baden. Bereits 1922 wurde er auf den historischen Lehrstuhl der Technischen Hochschule Karlsruhe berufen, den er bis zu seiner Entlassung im Jahr 1936 innehatte. Neben seiner Professur fungierte Schnabel von 1924 bis 1927 als Leiter des Badischen Generallandesarchivs.Friedrich Hermann Schubert: Franz Schnabel und die Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts. In: Historische Zeitschrift 205 (1967), S. 323–357, hier: S. 331.
Schnabels Jahre auf dem Karlsruher Lehrstuhl waren durch eine außerordentliche Produktivität gekennzeichnet. Im Anschluss an seine Habilitationsschrift setzte er die Forschung zum badischen Frühkonstitutionalismus fort und publizierte im Jahr 1927 zwei knappe, aus archivalischem Material erarbeitete Biographien über die badischen Politiker Sigismund von Reitzenstein und Ludwig von Liebenstein.Franz Schnabel: Sigismund von Reitzenstein. Der Begründer des badischen Staates. Heidelberg 1927 und Ludwig von Liebenstein. Ein Geschichtsbild aus den Anfängen des süddeutschen Verfassungslebens. Karlsruhe 1927. Schon 1920 hatte Schnabel die Erarbeitung einer Quellenkunde übernommen, die für die neuzeitliche Geschichte leisten sollte, was Wilhelm Wattenbach für das Mittelalter geleistet hatte; das 1931 veröffentlichte, bis heute relevante Werk, erschloss die Quellen der Reformationszeit bis 1550, wurde von Schnabel aber nicht weitergeführt.Franz Schnabel: Deutschlands geschichtliche Quellen und Darstellungen in der Neuzeit. Teil 1: Das Zeitalter der Reformation, 1500–1550. Leipzig/Berlin 1931. Im selben Jahr 1931 veröffentlichte Schnabel aus Anlass des 100. Todestages des Freiherrn vom Stein eine schmale Biographie des preußischen Reformers, der von Gerhard Ritter die Instrumentalisierung Steins für aktuelle politische Zwecke vorgeworfen wurde; Schnabel und Ritter diskutierten diese Frage kontrovers.Ritters Kritik und Schnabels Replik in: Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Jugendbildung 8 (1932), S. 264–282; Schnabels Entgegnung wurde wieder abgedruckt in: Peter Steinbach, Angela Borgstedt (Hrsg.): Franz Schnabel. Der Historiker des freiheitlichen Verfassungsstaates. Berlin 2009, S. 99–102. Schnabel trat in den Weimarer Jahren auch als Schulbuchautor hervor: Sein 1923 erstmals erschienenes Schulbuch Geschichte der neuesten Zeit im B. G. Teubner Verlag wurde auch als selbständiges Werk für weitere Kreise veröffentlicht,Als Schulbuch: Geschichte der neuesten Zeit (= Teubners geschichtliches Unterrichtswerk für höhere Lehranstalten. Grundriß der Geschichte für die Oberstufe, Teil 3). Leipzig/Berlin 1923; selbständig: 1789–1919. Eine Einführung in die Geschichte der neuesten Zeit. Leipzig/Berlin 1923. erlebte mehrere Auflagen und war noch für Studenten nach 1945 relevant.Eberhard Weis: Einleitung. In: Franz Schnabel: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Band 1: Die Grundlagen. München 1987, S. XI–XXXII, hier: S. XIII. Vor allem aber entstand seit Mitte der 1920er Jahre Schnabels Hauptwerk, die Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert, die in den Jahren 1929, 1933, 1934 und 1937 in vier Bänden erschien. In diesem unvollendet gebliebenen Werk, das nicht über das Jahr 1840 hinauskam, unternahm Schnabel den Versuch, die politische Geschichte sowie die Sozial-, Kultur-, Wirtschafts- und Technikgeschichte des 19. Jahrhunderts in ihrem Zusammenwirken zu analysieren und als Voraussetzungen der „Kulturkrise“ des 20. Jahrhunderts zu deuten. Ein fünfter Band mit dem Titel Das Erwachen des deutschen Volkstums wurde von Schnabel als Manuskript fertiggestellt, konnte wegen der NS-Zensur aber nicht mehr erscheinen.
Im Unterschied zu den meisten Historikern seiner Zeit stand Schnabel der Weimarer Republik positiv gegenüber, was er publizistisch, in Vorträgen und in seinen wissenschaftlichen Arbeiten zum Ausdruck brachte, ohne sich aber parteipolitisch zu engagieren. Einen Höhepunkt erreichte sein Einsatz im Oktober 1932, als er sich in der Zeitschrift Hochland gegen den Preußenschlag der Regierung Papen wandte. Sein Text Neudeutsche Reichsreform setzte mit den dramatischen Worten ein: „Auch wenn die Diskussion geschlossen sein sollte und künftig nur noch diktiert wird im deutschen Vaterlande, so bleibt es doch die Pflicht der geistig führenden Schicht, so lange ihre Stimme zu erheben, wie dies möglich ist.“Der Text wurde wieder abgedruckt in: Franz Schnabel: Abhandlungen und Vorträge 1914–1965. Hrsg. von Heinrich Lutz. Freiburg/Basel/Wien 1970, S. 106–116, Zitat: S. 106. Trotz seines klaren Bekenntnisses zu Rechtsstaat und Föderalismus ist nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten eine Phase erkennbar, in der sich Schnabel an Bemühungen beteiligte, einen Brückenschlag zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus zu unternehmen, wobei etwa an die Konzeption des Ständestaates oder die Reichsidee angeknüpft wurde.Thomas Hertfelder: Franz Schnabel. In: Katharina Weigand (Hrsg.): Münchner Historiker zwischen Politik und Wissenschaft. 150 Jahre Historisches Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität. München 2010, S. 233–258, hier: S. 245. Diese Phase endete spätestens 1935, als Schnabel indirekt durch das Vorgehen Walter Franks gegen seinen Lehrer Hermann Oncken betroffen wurde. Frank bezeichnete in seinem Artikel gegen Oncken Schnabel nebenbei als „klerikalen Historiker“ und unterstellte eine Regimefeindschaft. Am 15. Juli 1936 wurde Schnabel in Karlsruhe entlassen.Thomas Hertfelder: Franz Schnabel. In: Katharina Weigand (Hrsg.): Münchner Historiker zwischen Politik und Wissenschaft. 150 Jahre Historisches Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität. München 2010, S. 233–258, hier: S. 235. Er siedelte umgehend nach Heidelberg über, wo er bis 1945 als Privatgelehrter lebte. In diesen Jahren publizierte Schnabel vorwiegend kulturgeschichtliche Artikel in der Tagespresse, insbesondere in der Frankfurter Zeitung;Thomas Hertfelder: Franz Schnabel und die deutsche Geschichtswissenschaft. Geschichtsschreibung zwischen Historismus und Kulturkritik (1910–1945). Band 2, Göttingen 1998, S. 769–777 (chronologische Auflistung von Schnabels Beiträgen in der Tages- und Wochenpresse). daneben veröffentlichte er AufsätzeBeispielsweise: Franz Schnabel: Die Legitimität der Nation. In: Hochland, 48. Jg. (1940/41) S. 139–150. und zahlreiche Rezensionen in der Zeitschrift Hochland, bis diese 1941 eingestellt werden musste, sowie in weiteren Fachzeitschriften.Thomas Hertfelder: Franz Schnabel und die deutsche Geschichtswissenschaft. Geschichtsschreibung zwischen Historismus und Kulturkritik (1910–1945). Band 2, Göttingen 1998, S. 759–768 (Liste sämtlicher Beiträge Schnabels in Zeitschriften und Sammelwerken) und S. 778–790 (Liste u. a. sämtlicher Rezensionen Schnabels). Im Jahr 1944 wäre Schnabel trotz seiner inzwischen 57 Jahre beinahe noch zum Wehrdienst eingezogen worden, wurde jedoch durch Intervention des befreundeten Ex-Generals Bernhard Schwertfeger freigestellt.Peter Herde: Zwei gescheiterte Berufungen. In: Helmut Knüppel, Manfred Osten, Uwe Rosenbaum, Julius Schoeps, Peter Steinbach: Verbindungen zwischen Bildung, Wissenschaft, Kultur, Geschichte und Politik, Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2007, S. 761.