Der Begriff „sanfter Despotismus“ (im frz. Original despotisme doux, auch als „sanfte Despotie“, „weiche Despotie“, „weicher Despotismus“ wiedergegeben) wurde von Alexis de Tocqueville in seinem Werk Über die Demokratie in Amerika geprägt. Die „sanfte“ Despotie unterscheidet sich von der üblichen „harten“ Despotie dadurch, dass es für das Volk nicht offensichtlich ist, in Unfreiheit zu leben. Sie vermittelt die Illusion, Einfluss auf die Politik und die Regierung zu haben, kann jedoch auch Angst, Unsicherheit und Zweifel hervorrufen. Sie kann in einem Land entstehen, das von „einem Netz kleiner, komplizierter Regeln“ beherrscht wird.

Alexis de Tocqueville stellte fest, dass dieser Trend in Amerika anfangs noch durch die gemeinwohlorientierten „Gewohnheiten des Herzens“ der Bevölkerung des 19. Jahrhunderts vermieden werden konnte. Der Wille zur sozialen Teilnahme schwindet jedoch in dem Maße, wie sich eine privatistische (aufs Privatleben konzentrierte) und konsumorientierte Massenkultur als Folge des gesellschaftlichen Wohlstandes und der Freiheit der Selbstentfaltung ausbreitet. Die sanfte Despotie steht dementsprechend nach Auffassung Charles Taylors am Ende eines Teufelskreises: Der Rückzug der Menschen aus dem Gemeinwesen ins Privatleben verstärkt zentralistische und bürokratische Tendenzen des Staates, diese schließen den einzelnen aus, sodass er sich noch mehr zurückzieht und schließlich apathisch wird, womit er sich dem Staat vollständig ausliefert. Sanfte Despotie ist dabei nicht zu verwechseln mit sanfter Tyrannei, erstere kann wohlwollend sein, die zweite ist immer schädlich, weil im eigennützigen Interesse der Herrschenden begründet.

Vorläufer des Konzepts der sanften Despotie waren Montesquieus Beobachtungen zu negativen Auswirkungen des französischen Zentralismus.

Darstellung Tocquevilles im Wortlaut

Der „sanfte Despotismus“ wird von Tocqueville in seinem 1836 erstmals in deutscher Sprache erschienenen Werk Über die Demokratie in Amerika ausführlich beschrieben:

Kommentar

Montesquieu und die Kritik am Zentralismus In seinem Buch Soft Despotism, Democracy's Drift: Montesquieu, Rousseau, Tocqueville, and the Modern Prospect (2009) stellt der Historiker Paul Anthony Rahe das Konzept in einen größeren historischen Zusammenhang und erläutert es. David Gordon, Professor am Ludwig-von-Mises-Institut, hebt in der Rezension dieses Werkes hervor, Rahe habe den Gedanken der sanften Despotie auf Montesquieu zurückgeführt. Dieser hatte in seinen Überlegungen zu den Ursachen der Größe der Römer und ihres Niedergangs die Wiedererweckung antiker Bürgertugenden für unmöglich erklärt. Die englische Handelsnation war für ihn das sinnvollere Modell, das auch ohne besondere moralische Qualitäten der Bürger und als Monarchie den Wohlstand und die Freiheit förderte. Dieser Wohlstand führe jedoch im Verständnis Pascals und Pierre Nicoles nicht zur Zufriedenheit, sondern zur Angst (inquiétude). Die Begierde (amour-propre) werde zur Grundlage der öffentlichen Ordnung. Montesquieu habe so Montaignes Ideen säkularisiert und sei zur Hauptquelle von Bernard Mandevilles Verständnis der modernen Gesellschaft geworden.

Montesquieu sehe dabei die Gefahr, dass die Exekutive die Macht übernehmen und die Gesellschaft in ein despotisches System verwandeln könne. Zur Verhinderung dieser Entwicklung schlägt er vor, den Adel und das Militär als Zwischeninstanz zwischen Regierung und Volk zu stärken. Diese von Montesquieu dargestellte Gefahr war schon von Malesherbes, dem Urgroßvater Tocquevilles, als bedrohliche Konsequenz des französischen Zentralismus erkannt worden.

Tocqueville kritisierte wie Montesquieu und Malherbes die Folgen des immer stärker werdenden administrativen Zentralismus in Frankreich. Im Unterschied dazu schien das föderale Amerika lokale Institutionen zu betonen, was den Gleichheitsdrang eher mit Freiheit in Einklang bringen könnte.

Emotionalisierung des Politischen Sarah Rebecca Strömel weist auf die besondere Bedeutung der Emotionen und des Individualismus in Tocquevilles Politikverständnis hin. Der Individualismus mündet in den Egoismus. Die typische Emotionalität des demokratischen Bürgers (die gemeinsame Begeisterung für das Gemeinwesen) weicht einem privatisierten Gefühlsleben, das wiederum den politischen Prozess und dessen Entscheidungen emotionalisiert und privatisiert. Der sanfte Despotismus verbindet sich dabei mit dem Individualismus und „mauert“ die einzelnen Menschen in ihrem Privatleben ein.

Gefahren des sanften Despotismus Charles Taylor bestimmt unter Rückgriff auf TocquevilleCharles Taylor: Tocqueville statt Marx. Über Identität, Entfremdung und die Konsequenzen des 11. September, Interview mit Hartmut Rosa und Arto Laitinen. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 50, H.l, 2002, S. 127–148. folgende Faktoren, die das Entstehen des sanften Despotismus begünstigen und bedingen:Charles Taylor: “Three Malaises”. In: The Ethics of Authenticity. Harvard University Press, 1991, S. 1–12. JSTOR, Charles Taylor: The Dangers of Soft Despotism. In: Amitai Etzioni (Hrsg.): The Essential Communitarian Reader, Lanham, MD: Rowman & Littlefield 1998, S. 47–54.

Zentralismus und eine reduzierte Sphäre der Öffentlichkeit, Ausgrenzung von Minderheitenpositionen und die dadurch begründete Spaltung der Öffentlichkeit, politische Fraktionierung und Atomisierung der Gruppen, Interessenpolitik für bestimmte Klientelen und die Unfähigkeit zu Konsens und Kompromiss.

Ein Gegengewicht sieht Taylor im Sinne seiner expansiven Demokratietheorie hauptsächlich in Partizipation und lebendigen Bürgerbewegungen.Paul Sörensen, Hartmut Rosa: Wenn die Kommandobrücken verstummen. Politiktheoretische und sozialphilosophische Perspektiven auf Entfremdung im Werk Charles Taylors. In: Ulf Bohmann (Hrsg.): Wie wollen wir leben? Das politische Denken und Staatsverständnis von Charles Taylor. Baden-Baden: Nomos 2014, S. 117–139.

Literatur

Paul A. Rahe: Soft Despotism, Democracy's Drift: Montesquieu, Rousseau, Tocqueville and the Modern Prospect. Yale University Press, New Haven/London 2009, ISBN 978-0-300-14492-5.

Einzelnachweise

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