Mignon ist der Titel einer zwischen 1938 und 1944 entstandenen und 1947bei Suhrkamp Berlin publizierten Novelle Gerhart Hauptmanns. Erzählt werden surreale Urlaubserlebnisse am Lago Maggiore, in denen Personen auftauchen, die Figuren aus Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ähneln. Inhalt Vorspruch

Goethe: Ich will nun an die Gespenstergeschichten gehen (23. Dezember 1794).

1. Teil

Die Reise mini|Lago Maggiore mit den Borromäischen Inseln „Madre“, „Pescatori“ und „Bella“ vom Mottarone aus Ein etwa 50-jähriger Schriftsteller reist Mitte Oktober ohne seine Familie über die Alpen nach Stresa am Lago Maggiore. Es ist eine Flucht aus einem „ermüdete[n], freudlose[n] Dasein“, aus „Überdruss an der menschlichen Existenz und ihrer vielfach tieftragischen Brüchigkeit“. Er sucht in einer ihm auch aus der Literatur, u. a. aus Jean Pauls „Titan“, bekannten „südlichen Bergnatur“ seine „Erneuerung“. Einerseits hat er eine „Neigung zum Anachoreten“, andererseits lebt er „eine Art Geselligkeit“, die sich in dem „Zauberspiegel der Seele“ abspielt, nach dem Faust-Zitat: „Die Geisterwelt ist nicht verschlossen. Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!“zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Mignon“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 382, 384 ff.

Gegenüber den im „Titan“ glorifizierten Borromäischen Inseln logiert er in Commendatore Barratinis „Hôtel des Ĭles Boromées“ mit Blick auf die Ĭsola Bella und Isola Madre. Doch statt der ersehnten Stimmung plagen ihn Träume. Am nächsten Tag läuft er bei Regen über den Corso Umberto. Auf der Piazza wartet eine ärmliche Gauklerfamilie mit einem halbwüchsigen Mädchen auf ihren Auftritt. Der Erzähler fühlt sich anderthalb Jahrhunderte in Goethes Wilhelm-Meister-Roman zurückversetzt. Aus Mitleid schenkt er der Artistin einige Banknoten. Sie reagiert mit misstrauisch lauerndem, fast feindseligem Blick und wirft das Geld mit einer verächtlichen Handbewegung dem Vater zu. Der beschimpft und ohrfeigt seine Tochter und zwingt sie, dem Spender die Hand zu küssen. Nach Abzug des Gewitters beginnt die Vorstellung, die dem Erzähler nicht gefällt. Nachts träumt er endlos von der Backbending-Akrobatin, die wie knochenlos zurückgebogen ihren Kopf zwischen die Füße steckt.

Goethe Am nächsten Tag setzt sich bei einem Café-Besuch die geistige Reise in eine literarische Landschaft fort. Im Kreise lebhafter Damen sitzt ein älterer Herr, der von Kopf bis Fuß Goethe ähnelt und, wie der Schriftsteller herausfindet, bei den Einheimischen unbekannt ist. Im weiteren Verlauf seines Urlaubs wiederholt sich diese Erscheinung, die jeweils in Verbindung mit dem Gauklermädchen steht: Auf der Suche nach ihr in Como steht am Abend „Goethe“ vor dem Dom. Bei einer Wanderung zum vom Hotelier Barratini erwähnten Observatorium eines sonderbaren Engländers auf dem Mottarone sieht er zum dritten Mal den Goetheähnlichen aus dem Kuppelbau heraustreten. Da alle Nachforschungen über dessen Herkunft ergebnislos verlaufen, die Begegnungen jedoch für den Schriftsteller „volle Realität“ haben, überdenkt er verschiedene Erklärungen: ein Nachkomme aus einer geheimen Beziehung Goethes während seiner Italienreise, ein Tagtraum, ein Scherz Barratinis, der ihm von den „Mottaronegespenstern“ erzählt hat, die als Sonderlinge bei dem Engländer verkehrten und vielleicht beim Betrachter die Gestalt eines Abgeschiedenen hervorriefen. Der Erzähler neigt zum Glauben an übersinnliche Erscheinungen und fragt sich, ob wir jemals außerhalb einer „Aura magica“ seien.zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Mignon“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 395 ff. Eine Bestätigung dieser Annahme finden er Ende der Novelle, als ihm zwei Bekannte, einer davon ein Atheist, unabhängig voneinander berichten, sie hätten in der Nähe des Hospitals den alten Dichter Goethe gesehen.

Die Goethe-Auftritte begleiten andere Erlebnisse, die am Ende als real-surreale Überlagerungen bzw. Materialisationen gedeutet werden. In verschiedenen Situationen begegnet der Schriftsteller einer Artistengruppe mit einer jungen Akrobatin oder einem alten Harfner und Sänger, der von einem tanzenden oder musizierenden Mädchen begleitet wird. Trotz den verschiedenen Begleitumständen und Informationen nennt der Erzähler das Mädchen immer, nach dem Vorbild aus Goethes Roman, „Mignon“.

Beim Besuch des Cavaliere Graupe, eines 60-jährigen Sonderlings, und der Marchesa Gropallo in ihrer Eremitage in Pallanza trifft er als Gäste namhafte Männer aus Kunst und Wissenschaft, mit denen er sich über Kultur, den „Homo sapiens ferus“, die Kräfte des Dämonischen und die Seele und ihre Spannung zur Rationalität in Forschung und Wissenschaft unterhält. Ein Afrika-Forscher berichtet von seinen Reisen und erklärt, dass beide Sichtweisen zusammenpassen. Auch Goethe sei Dichter und Forscher gewesen. Kultur habe etwas Seelenhaftes, das einer ungeheuren Gemeinsamkeit entstamme und darauf fortgesetzt übertragen werde. Graupe erzählt von einer Goethe-Erscheinung am Lago Maggiore. Nach einer Wanderung zu Graupes Naturpark am Berg betreten sie ein Zypressenrondell mit einem Theaterplatz. Aus dem Nebel tritt ein alter Mann mit Harfe, der von einem Mädchen, ähnlich der Stresa-Akrobatin, begleitet wird. Der an Homer erinnernde Sänger trägt eine Ballade vor.

2. Teil

Mignon Der Graupe-Besuch mit dem Mignon-Auftritt entwurzelt den Erzähler. Er wandert zum Observatorium des Engländers auf dem Monte Mottarone. Dort versetzt ihn Musik in einen mystisch-entrückten Zustand. Eine Stimme spricht zu ihm: „Dein Genius hat dich blind über eine gewisse Grenze geführt. Nutze die Zeit.“zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Mignon“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 407. Ihm erscheint eine Schafherde mit einer 15-jährigen Hirtin, die sich ihm als Tochter des Großschäfers „Der gute Hirte“ vorstellt. Diese Gestalt ist für ihn zugleich Jungfrau, Mutter, Königin. In diesem Augenblick ist sein 50-jähriges Leben zusammengefasst: Die holde Hirtin wird geboren, wächst, blüht, verblüht. Nachdem die Vision verschwunden ist, tritt der Goetheähnliche aus dem Kuppelbau und stützt sich mit der Hand auf die Schulter eines Mädchens. Der Erzähler denkt, es müsse Mignon sein, die ihm zuvor als Artistin und Begleiterin des Harfners begegnet ist. Er will sie suchen und aus der üblen Gewalt, von wem auch immer, befreien. Er muss sich eingestehen, dass sich sein Beschützergefühl mit „erwachender Leidenschaft“ mischt.

Der Erzähler bittet Barratini um Nachforschungen, und dieser erfährt, ein Kunstreiter verfolge den Alten und das Mädchen, weil er mit der Artistin Geld verdienen wolle. Nach Hinweisen des Hoteliers findet der Schriftsteller in der Nacht den Sänger und Mignon in einer Ruine. Der Harfner erzählt ihm seine Lebensgeschichte: Das Mädchen sei erniedrigt und missbraucht worden und aus Sehnsucht und Traurigkeit aus dem Norden nach Italien gewandert. Der Erzähler spürt Hass und Eifersucht dem Sänger gegenüber, der seiner Meinung nach seine Mignon gefangen hält. Er will ihr Retter sein und verabredet mit den beiden ein Treffen, zu dem sie jedoch nicht erscheinen.

Acht Tage später übernachtet der Schriftsteller nach einer Wanderung in einem Gasthaus und hört, dass der Wirt zwei Bettler, den Harfner und das Mädchen, nicht einlassen will. Er verbürgt sich für sie, und sie dürfen die Gaststube betreten. Der Spielmann trägt Lieder vor und seine Begleiterin sammelt Geld ein. Sie hat Spangen am Arm und am Fußgelenk, und der Erzähler interpretiert dies als Schmuck einer ehemaligen Sklavin. Er verliebt sich in sie und fühlt eine seltsame universelle Beziehung zu ihr, ohne Anfang und Ende, als wären sie von jeher vereinigt gewesen. Der Harfner drängt das Mädchen, vor den Gästen zu tanzen. Es beginnt langsam wie schlaftrunken, wird dann wütend und rasend, fällt schließlich bewusstlos in die Arme des Erzählers und beißt ihm in die Hand. Ein mit Kapuze und Radmantel verhüllter Mann, der Gaukler von Stresa, tritt auf und wirft dem Harfner vor, das Mädchen zu ruinieren. Der wiederum beschuldigt ihn, er habe das Kind seiner Mutter geraubt und in seinem Landstreicherwagen weggebracht, dann dressiert und sich gefügig gemacht. Darauf wird der Gaukler von den Gästen vertrieben. Der Erzähler fühlt sich verantwortlich für die beiden und bezahlt ihre Übernachtung. Doch am nächsten Morgen sind sie spurlos verschwunden. Er fühlt eine Bestimmung in sich, mit Mignon zusammen zu sein. Sein altes Leben mit Familie und Beruf möchte er hinter sich lassen und er wünscht sich, „verschollen“ zu sein.

Mignon wird zu einer fixen Idee des Schriftstellers. Er meint, ihr Biss habe ihn krank gemacht. Er sucht sie, den Gaukler und den Harfner vergeblich in der Umgebung, doch Mignon besucht ihn im Traum und er bummelt, wie in der Realität, mit der Geliebten durch die Stadt und kauft ihr Geschenke. Dann fährt er zur Isola Madre und stellt sich vor, Mignon sei hier gewesen und habe die Bäume berührt. Alles in seinem Denken ist auf sie konzentriert und seine Liebe zu ihr vermischt sich mit Mitleid: Er will sie beschützen und retten.