Verrohung bezeichnet als Begriff der Umgangssprache in verschiedenen Zusammenhängen dreierlei: ein von der sozialen Norm abweichendes Verhalten, sprachliche Entgleisungen und eine Einflussnahme auf Menschen mit dem Ziel, sie zur Ausübung von Gewalt anzustiften. Verrohung kann auf Entgrenzung verweisen und im Einzelfall ursächlich in einer Triebentmischung begründet sein. Seit dem Jahr 2000 lässt sich ein starker Anstieg der Begriffsverwendung in den Medien, aber auch in Politik und diversen wissenschaftlichen Disziplinen verzeichnen, bevorzugt in den Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften. Die möglichen Folgen sind – in Abhängigkeit vom konkreten Geschehen – vielfältig. Mit den sozialen Folgen befasst sich die Sozialpsychologie.

Der Begriff Wann der Begriff Verrohung aufkam, lässt sich nicht rekonstruieren. Eine frühe Verwendung des Wortes findet sich bei Johann Gottlieb Radlof im Jahr 1804. Im Jahr 1815 klagte Carl Wilhelm Kolbe (1757–1835) über die Verrohung der Sprache. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache wirft allein für die Jahre 1598–1913 elf Literaturstellen aus, die sich des Begriffs bedienen – beginnend 1878 mit einem Werk von Wilhelm Liebknecht. Auch zur Jahrhundertwende im Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert – dem sog. Fin de Siècle – wurde darüber geklagt. Beispielsweise kam es zu einer Kontroverse über die Verrohung in der Theaterkritik, wie Hermann Sudermann im Jahr 1902 seine Schrift titelte. Karl Bleibtreu konterte 1903 mit seiner Replik, der er den Untertitel Ein Beitrag zur Haupt- und Sudermännerei gab.

Björn Rothstein, Sprachdidaktiker an der Universität Tübingen, betrachtet Verrohung zunächst lexikalisch, und in diesem Zusammenhang handele es sich bei dem Wort um „eine Nominalisierung des Verbs verrohen“, „dessen Wurzel das Adjektiv roh“ sei. In Anlehnung an Kluge und dessen Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache verweist Rothstein auf verschiedene Bedeutungen des Adjektivs in Abhängigkeit vom Bedeutungszusammenhang: Ein „rohes Ei“ sei weder gekocht noch gebraten, ein „rohes Holz“ unbearbeitet, ein „roher Entwurf“ ungenau und ein „roher Mensch“ sei „verletzend“. Der Zusammenhang zwischen diesen vier „Verwendungen“ lasse sich „in etwa als ‚unbearbeitet‘ paraphrasieren“, so Rothstein.

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) schlägt in seiner Übersicht drei Bedeutungsräume für den Begriff der Verrohung vor und ergänzt jeweils einige Beispiele. Er bezeichne erstens eine „zunehmende Brutalität, Gewalttätigkeit und Rücksichtslosigkeit“, zeige zweitens den „Niedergang gesellschaftlicher, kultureller Normen und Werte“ und eine „zunehmende geistige und sittliche Verwahrlosung, Derbheit, Unkultiviertheit“ an und bedeute drittens die „Formung von Menschen zur Ausübung von Gewalt und zur Unsensibilität gegenüber Rohheit“ und ein „gezieltes Hinwirken auf den Verlust bestimmter Werte“. Eine beigefügte „Wortverlaufskurve“ weist für die Zeit nach dem Jahr 2000 einen steilen Anstieg für die Begriffsverwendung aus. In „Kombination mit Wörtern wie Abstumpfung, Brutalisierung, Verarmung, Verwahrlosung“, wie sie im DWDS zum Teil beispielhaft aufgeführt werden, beschreibe der Begriff aus sprachwissenschaftlicher Sicht „ein emotionales Erkalten“ und „eine zunehmende Bereitschaft zur Brutalität“.

Beispiele Beispiele für Verrohung in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Zusammenhängen lassen sich in großer Zahl finden. Nicht nur die Medien sind inzwischen voll davon. In ihren Mediatheken und auf YouTube haben Fernsehsender Dokumentationen und Aufzeichnungen von Diskussionsrunden zum Thema hinterlegt. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung stellt die Aufzeichnung einer öffentlichen Diskussion zur Verfügung. Darüber hinaus befassten sich verschiedene Autoren mit je einzelnen Aspekten, wie beispielsweise Marlis Prinzing, die Cyber-Mobbing beforschte und die Folgen dessen als reichweitend bezeichnete, denn jedes fünfte Opfer habe an Selbstmord gedacht. Im Manifest des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands vom September 2016 werden „Verrohung, Aggressivität, die Sprache des Hasses, die Geringschätzung und Diskriminierung, persönliche Beleidigungen, bewusste Kränkungen und Ausgrenzungen in Wort und Handeln“ als Beispiele genannt und „mit der Kommunikation in den Sozialen Netzwerken in Verbindung gebracht“, wie Konstanze Marx mitteilte. Björn Rothstein trug zahlreiche Beispiele zusammen und unternahm den Versuch, sie zu klassifizieren.

Verrohung der Gesellschaft Im Jahr 2012 erschien unter der Mitherausgeberschaft von Rudolph Bauer der Sammelband Kaltes Land, der zwei Untertitel trägt: Gegen die Verrohung der Bundesrepublik und Für eine humane Demokratie. Die Autorinnen und Autoren, zu denen neben Christoph Butterwegge als Armutsforscher auch Soziologen und Sozialethiker gehören, „rufen auf zum Widerstand gegen die immer brutaler zuschlagende Entmenschlichungspolitik des Neoliberalismus: mit Analysen und Argumenten, aus wissenschaftlicher und Betroffenensicht“. Das Buch widmet sich in einem seiner Abschnitte der Entmenschlichung im Zusammenhang mit Hartz-IV und legt in einem weiteren Abschnitt „Konzepte für eine Wiedervermenschlichung“ jenseits des Kapitalismus vor.

Christian Pfeiffer, Kriminologe und ehemals Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), behauptete 2012, die Annahme einer „Verrohung der Gesellschaft“ lasse „sich nicht empirisch belegen“. Wir würden „mit Bildern von Kriminalität überflutet“, doch die Gewalt nehme ab. Deutlicher äußerte er sich mit seinen Coautoren im Jahr 2018:

Pfeiffers Position wird nicht immer geteilt. Beispielsweise brachte der Journalist Markus Feldenkirchen 2015 die Flüchtlingskrise in Zusammenhang mit der Sorge, es könne sich „ein Klima der Verrohung wie zuletzt in Weimarer Zeiten“ entwickeln. Deutsche Verrohung titelte er und meinte, Deutschland könne die Krise „bewältigen, ohne seine Zivilisation preiszugeben“. Stattdessen liege „eine Wirtshausschlägereistimmung über dem Land“. Er habe Angst, „dass Deutschland verroht“ und begründet seine Befürchtung mit zahlreichen konkreten Beispielen. Eine „Kultur der Verrohung“ habe „maßgeblich zum Scheitern der ersten deutschen Demokratie beigetragen“.

Auch werden Pfeiffers Zahlen nicht mit der Anzeigebereitschaft beispielsweise von Rettungskräften abgeglichen, die „regelmäßig Opfer verbaler oder körperlicher Gewalt“ werden, was nach Veröffentlichung einer Studie des DRK laut Gerda Hasselfeldt „mittlerweile zum Alltag im Rettungsdienst“ gehöre.

Konstanze Marx, Professorin für germanistische Sprachwissenschaft und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Deutsche Philologie an der Universität Greifswald, belegte 2019 mit zahlreichen Beispielen, „dass Verrohung als ein aktuelles Problem unserer Gesellschaft gesehen“ werde. Die Sendung scobel habe sich im Mai 2016 mit der Frage befasst, ob „unsere Gesellschaft“ verrohe, Politiker sprächen von der „Verrohung der Gesellschaft“, und die Tagespresse böte oft entsprechende Schlagzeilen. Marx erinnerte an einige verbale und tätliche Angriffe, die öffentliche Aufmerksamkeit erregten oder strafrechtlich verfolgt wurden. Ihrer reduktionistischen Formel „Verrohung ist ein Resultat der Internetkommunikation“ stellt sie den Hinweis auf historische Phänomene gegenüber, die „sich in verschiedenen Epochen auf grausamste Weise und zwar bis hinein in die jüngere deutsche Geschichte“ manifestierten. Daraus schlussfolgert sie, dass entsprechende „Signale sowohl als Gefahr für einen kooperativen gesellschaftlichen Diskurs als auch als Gefahr für ein friedliches Zusammenleben in einer sozialen Gemeinschaft gedeutet, benannt und Wege gesucht werden“ müssen, um „diese Gefahr zu bannen“.

Im Europa Verlag erschien 2019 von den beiden Wirtschaftswissenschaftlern Christian Kreiß (vormals Investmentbanker und seit 2019 Prodekan der Fakultät Wirtschaft an der Hochschule Aalen) und Heinz Siebenbrock (seit 2000 Professor für Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Hochschule Bochum) das Buch BWL Blenden Wuchern Lamentieren. Bereits im Untertitel auf den Beitrag der Betriebswirtschaftslehre zur Verrohung der Gesellschaft anspielend, greifen sie in ihrem Buch die Gewinnmaximierung als das „zentrale Dogma der Betriebswirtschaftslehre“ und damit ihr eigenes Fachgebiet an. Das Prinzip der Gewinnmaximierung fördere „Konkurrenzdenken und egoistisches Verhalten“ und führe zu „Umweltzerstörung, Sozialabbau und einer zunehmenden Verrohung der Gesellschaft“. Unser Planet werde geplündert, Beschäftigte würden ausgebeutet und Kunden „schlechte, kurzlebige oder unnötige Produkte“ geradezu „angedreht“. Sämtliche gesellschaftlichen Bereiche unterlägen, so die Autoren, „einer wachsenden Ökonomisierung“ und dabei stehe „nicht die Qualität, sondern die Profitabilität im Vordergrund“. Es mache „einen riesigen Unterschied, ob Gewinn das Ergebnis oder das Ziel eines Unternehmens“ sei. Der „Kern der aktuellen BWL“ sei „menschen- und umweltfeindlich“ und das sei änderungsbedürftig. Auf Abhilfe bedacht, plädieren sie für einen verantwortungsvolleren „Umgang mit Geld, Gütern und Lebenszeit“. Das „Paradigma der Gewinnmaximierung“ müsse aus den Lehrbüchern verschwinden und die herrschende Lehrmeinung sei durch Zielsetzungen zu ersetzen, welche „die Umwelt und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellen“. Ihre Änderungsvorschläge würden sich an Individuen, Unternehmen und die Politik richten, so Kreiß und Siebenbrock. Allerdings, so schreiben sie in ihrem Vorwort, handele es sich um „Lösungsvorschläge abseits der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrmeinungen“.

Im März 2019 fand in München eine Tagung unter dem Titel Über die Verrohung der Gesellschaft statt. Aus diesem Anlass äußerte sich Dieter Frey, Organisationspsychologe an der Universität München im Deutschlandfunk Kultur zum Thema Wachsender Narzissmus, sinkende Hemmschwelle. Er hielt auf der Tagung einen „Impulsvortrag“. Als Ursachen rückte er die Verunsicherung der Menschen z. B. durch Globalisierung, Digitalisierung und Migration, die Anonymität des Internets und einen Wertewandel, der Selbstverwirklichung eine besonders hohe Wertigkeit beimesse, in den Fokus. Hinzu komme ein durch Erziehung geförderter Narzissmus. Durch all dies nehme die Bereitschaft ab, Belastungen und Frustration zu ertragen. Es gelte, Zivilcourage zu trainieren und eine „Respektkultur“ zu entwickeln, aber auch rechtsfreie Räume konsequent zu schließen und den Menschen „die Komplexität der Welt zu erklären“. All dies sollte bereits in Kindergärten und Schulen beginnen.

Verrohung in der Arbeitswelt

Berthold Huber, seinerzeit erster Vorsitzender der IG Metall, prangerte am Tag der Arbeit im Jahr 2011 in Nürnberg die „Verrohung am Arbeitsmarkt“ an. „Leiharbeit, Minijobs und andere Formen prekärer Beschäftigung“ verstießen laut Huber „gegen das Sozialstaatsgebot unseres Grundgesetzes“, „gegen jedes Gleichheits- und Gerechtigkeitsprinzip“ und zeige „keinen Respekt vor der Arbeit der Menschen“. Er erhob die „Forderung nach Equal Pay bei Leiharbeit“, weil nur so die „schlimmste Ausbeutung verhindert“ werden könne. Er forderte „einen grundlegenden Kurswechsel in Wirtschaft und Politik“.