mini|Titelblatt der Partitur Die Kantate an Joseph Haydn auf dessen 73. Geburtstag (FXWM I:2)Nach dem Werkverzeichnis in Karsten Nottelmann: W. A. Mozart Sohn. Der Musiker und das Erbe des Vaters. Bärenreiter, Kassel 2009, Band 2. Siehe auch Nottelmanns Website mozart-sohn.de (abgerufen am 3. Mai 2022). mit dem Incipit „Auf! stimmet eure Saiten“ ist ein musikalisches Werk für Soli, Chor und Orchester, das Franz Xaver Wolfgang Mozart zu Ehren Joseph Haydns komponiert hat. Aufgeführt wurde die Kantate bei Mozarts erstem öffentlichem Auftritt als Musiker im Theater an der Wien am 8. April 1805. Der Komponist, der jüngste Sohn von Wolfgang Amadeus Mozart, war damals 13 Jahre alt. Die Komposition galt lange als verloren. Erst 2019 berichtete Ulrich Leisinger von der Wiederauffindung einer Partiturabschrift und eines Textbuchs. Bei der LvivMozArt 2021 leitete Oksana Lyniv eine Aufführung an der Nationaloper Lwiw.
Entstehung und Aufführung mini|Das Theater an der Wien um 1815. Aquarell von Jakob Alt Am 16. März 1805 erschien in der Wiener Zeitung eine Ankündigung „Von der Wittwe Mozart“, also von Constanze Mozart.Zum ganzen Abschnitt siehe auch Walter Hummel: W. A. Mozarts Söhne. Bärenreiter, Kassel und Basel 1956, S. 23–26. Hummel stellt dort einen Großteil der bekannten Quellen zu Mozarts öffentlichem Debüt zusammen. Sie gab bekannt, dass ihr 13-jähriger Sohn Wolfgang Gottlieb Mozart am 8. April eine „musicalische Academie“ halten werde. „Er versuchte zu diesem Ende seine Kräfte an der Composition einer Cantate auf den 73sten Geburtstag des Herrn Capellmeisters Joseph Haydn, überzeugt, daß er seine Laufbahn nicht würdiger als mit der einem so großen Muster schuldigen Huldigung eröffnen könnte.“ Im Folgenden appellierte sie an „nachsichtsvolle Kenner“, in dem Werk „des Sohns“ Spuren des Talents seines Vaters zu erkennen.Wiener Zeitung, 16. März 1805, S. 9 (Digitalisat auf anno.onb.ac.at). Auf diese Ankündigung weist unter anderem Ulrich Leisinger hin: Ich trage einen großen Namen … Zur Wiederauffindung einer verschollen geglaubten Kantate von Franz Xaver Wolfgang Mozart. In: Bibliotheksmagazin 1/2019, S. 17. Die hier von ihr gewählte Namensform (Gottlieb ist die deutsche Übersetzung von Amadeus) stellt Franz Xaver Wolfgang Mozart in die unmittelbare Nachfolge des verstorbenen Wolfgang Amadeus; auch Franz Xaver selbst veröffentlichte seine Kompositionen regelmäßig unter dem Namen „Wolfgang Gottlieb Mozart Sohn“. Der Geburtstag Haydns war eigentlich der 31. März, und auf diesen Termin soll das Konzert gemäß Haydns Biografen Carl Ferdinand Pohl und Hugo Botstiber ursprünglich auch angesetzt gewesen sein; es habe aber um eine Woche verschoben werden müssen.Joseph Haydn. Band 3. Unter Benutzung der von C. F. Pohl hinterlassenen Materialien weitergeführt von Hugo Botstiber. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1927, S. 236 (Online bei zeno.org).
Ebenfalls am 16. März 1805 benachrichtigte Georg August Griesinger, der Agent des Musikverlags Breitkopf & Härtel bei Haydn, den Inhaber Gottfried Christoph Härtel brieflich von dem bevorstehenden Ereignis und gab einige zusätzliche Informationen. Offenbar war er in die Planung einbezogen gewesen, jedenfalls berichtet er, dass „unserem Plane nach“ Haydn selbst Mozart an die Hand nehmen und dem Publikum vorstellen sollte. Man habe diese Idee aber wieder fallen lassen müssen, weil zu befürchten sei, dass Haydn von einem solchen Auftritt „allzu sehr erschüttert würde“. Über die Kantate selbst schreibt er Härtel „unter uns gesagt“, dass diese „den ersten Chor ausgenommen von mir ist“, eine Bemerkung, die meist so interpretiert wird, dass der Großteil des Textbuchs von Griesinger stamme.Beispielhaft: Armin Brinzing, Johanna Senigl: Franz Xaver Wolfgang Mozart – Ein Komponist von „geringen Fähigkeiten“? Sonderausstellung im Mozart-Wohnhaus, Jänner bis September 2016. Stiftung Mozarteum, S. 6. Jedenfalls habe Andreas Streicher, der Klavierlehrer des jungen Mozart, Griesinger versichert, dass eine Arie, die darin vorkomme, selbst Mozarts Vater „keine Schande machen würde“. Haydn sei zu Tränen gerührt gewesen, „als wir ihm das Project vorstellten“.Otto Biba: „Eben komme ich von Haydn …“ Georg August Griesingers Korrespondenz mit Joseph Haydns Verleger Breitkopf & Härtel 1799–1819. Atlantis Musikbuch, Zürich 1987, S. 239. Eine weitere Ankündigung des Auftritts in der Allgemeinen musikalischen Zeitung vom 27. März stimmt zum Teil wörtlich mit Griesingers Brief überein – die Zeitung erschien in Leipzig bei Breitkopf & Härtel und Griesinger gehörte zu ihren Wiener Korrespondenten, sodass diese Ankündigung wohl von Griesinger stammt.Allgemeine musikalische Zeitung, Jg. 7 (1805), Nr. 26 (27. März), Sp. 427 (Digitalisat).
Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ist ein Plakat zur Ankündigung des Konzerts erhalten, das den Veranstaltungsort nennt: das Theater an der Wien.Abgedruckt in Otto Biba: „Eben komme ich von Haydn …“ Georg August Griesingers Korrespondenz mit Joseph Haydns Verleger Breitkopf & Härtel 1799–1819, nach S. 240.
Den Ablauf des Konzerts schildert eine ungezeichnete Rezension in der Allgemeinen musikalischen Zeitung (AmZ) vom 1. Mai 1805. Zunächst wurde die g-Moll-Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart gegeben, dann führte Constanze Mozart ihren Sohn an der Hand dem Publikum vor, und es folgte „das grosse schöne Klavierkonzert seines Vaters aus C Dur“ mit Franz Xaver Mozart als Klaviersolist, der, so der Rezensent, „in etwas langsamen Tempos, aber mit Nettigkeit und Präzision“ spielte. Vermutlich handelte es sich um das 21. Klavierkonzert, KV 467, da zwei Autographe F. X. W. Mozarts mit Solokadenzen zu KV 467 überliefert sind, die laut Karsten Nottelmann wahrscheinlich im Vorfeld des Debütauftritts entstanden sind.Karsten Nottelmann: Vorwort. In: Franz Xaver Mozart: Sämtliche Klavierwerke, Band II. Henle, München 2011, S. I–XIX, hier: S. VIII. Digitalisat. Es handelt sich um FXWM IXb:1 und FXWM IXb:2, autographe Kadenzen zum 1. und 2. Satz von KV 467, die in der Sammlung Noseda am Conservatorio Giuseppe Verdi in Milano erhalten geblieben sind. Der nächste Programmpunkt war die Kantate. Der Autor der Besprechung lässt etwas Skepsis durchblicken (es sei „nicht wahrscheinlich, dass die ganze Instrumentation von dem Knaben war“), bewertet aber den Text als „angemessen“, die Musik als „lebhaft und versprechend“ und insbesondere einen dreistimmigen unbegleiteten Vokalsatz als „recht artig“ – „und das Ganze gefiel“ und erntete „verdienten Beifall“. Später kamen noch „verschiedene Stücke aus Idomeneo“ sowie von Mozart Sohn selbst komponierte Klaviervariationen über das Menuett aus Don Giovanni (sein op. 2).Allgemeine musikalische Zeitung, Jg. 7 (1805), Nr. 31 (1. Mai), Sp. 502–503 (Digitalisat). Ein kürzerer Korrespondentenbericht in der Berlinischen Musikalischen Zeitung vermittelt ein ähnliches Bild.Berlinische Musikalische Zeitung, Jg. 1 (1805), Nr. 44, S. 174 (Digitalisat).
Im Journal des Luxus und der Moden erschien ein enthusiastischer Bericht, der einige Details hinzufügt: Der junge Mozart dirigierte die Kantate selbst „auf einem Fußschemel stehend“, und zwar „mit einer Sicherheit und Unbefangenheit, die deutlich zeigte, dass er zu diesem Posten berufen sey“. Haydn konnte wegen seiner „wankenden Gesundheit“ nicht dabei sein.Musikalische Unterhaltungen in Wien. Der dreizehnjährige Mozart. Jos. Haynd’s [sic!] Jugendgeschichte. Wien, d. 25. Mai 1805. In: Journal des Luxus und der Moden, Jg. 20 (1805), Juli, S. 444–452. Der Konzertbericht findet sich S. 445–446 (Digitalisat). Auf diesen Bericht weist Karsten Nottelmann in seinem Vorwort hin: Karsten Nottelmann: Vorwort. In: Franz Xaver Mozart: Sämtliche Klavierwerke, Band II. Henle, München 2011, S. I–XIX, hier: S. VIII. Als Autor dieses Berichts kommt Griesinger selbst infrage; jedenfalls wird ihm in der AmZ 1809 die in denselben Korrespondentenbericht integrierte „Jugendgeschichte“ Haydns zugeschrieben.Anmerkungen der Redakt. zur vorstehenden Biographie Joseph Haydns. In: Allgemeine musikalische Zeitung, Jg. 11, 23. August 1809, Sp. 744–747, hier: Sp. 744 (Digitalisat). Siehe den Hinweis in Andreas Friesenhagen: Griesinger, Georg August. In: Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Haydn-Lexikon. Laaber Verlag, Laaber 2010, S. 282–283, hier: S. 283. Joseph Richter berichtete in seinen Eipeldauer-Briefen: „Ein Paar Tag drauf hat der junge Sohn von den berühmten Mozart ein große Akademi dort gebn, und da ist dabey ein Kantati von seiner eignen Kopfarbeit aufgführt worden. Drauf hat er ein Weil aufm Klavir phantasirt, und da habn alle Kenner […] uns Hoffnung gmacht, daß uns der junge Musikkünstler mit der Zeit sein unsterblichen Papa ersetzen kann.“Briefe des jungen Eipeldauers an seinen Herrn Vettern in Kakran. 39. Heft. Peter Rehms Witwe, Wien 1805, S. 13 (Digitalisat). Joseph Carl Rosenbaum besuchte das Konzert und notierte in sein Tagebuch: „Ich fühlte beim 2. Teil Langeweile; das Konzert von dem lieben, munteren Buben gespielt und die Kantate unterhielten mich.“Die Tagebücher des Joseph Carl Rosenbaum. Online-Datenbank der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft „Adler“, Wien, Eintrag vom 8. April 1805.
Der erste Auftritt des jungen Mozart mit seiner Kantatenkomposition war also „generalstabsmäßig geplant“Ulrich Leisinger: Ich trage einen großen Namen … Zur Wiederauffindung einer verschollen geglaubten Kantate von Franz Xaver Wolfgang Mozart. In: Bibliotheksmagazin 1/2019, S. 17. und in der Fachpresse sehr gut abgedeckt.
Das Werk mini|Titelblatt des Textbuchs Die Kantate umfasst acht Teile unter sieben Nummern: eine nicht nummerierte „Sinfonia“ (Ouvertüre), einen Eingangschor, ein Rezitativ für Sopran mit einer nachfolgenden Arie, einen weiteren Chor und ein weiteres Sopran-Rezitativ, ein Terzett für Sopran, Tenor und Bass und einen Schlusschor.Ulrich Leisinger: Ich trage einen großen Namen … Zur Wiederauffindung einer verschollen geglaubten Kantate von Franz Xaver Wolfgang Mozart. In: Bibliotheksmagazin 1/2019.
Das Textbuch beginnt mit den Worten des Eingangschors „Auf! stimmet eure Saiten“. Das folgende Rezitativ (Incipit: „Ja, lasset uns der Ehrfurcht Opfer bringen“) rühmt die Werke Haydns, die der Kenner vom Tagus bis zur Newa, also in ganz Europa von Spanien bis nach Russland schätze. Besonders hervorgehoben werden die Oper Armida, die Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten und die Messen. In der Arie (Incipit: „Glücklich, den aus Millionen“) wird Haydn zum Liebling Apolls stilisiert. Ein zweites Rezitativ, anders als das erste in der Ich-Form (Incipit: „Darf ich es wagen, dir, des Vaterlandes Stolz“), bringt den Vater des Komponisten, Wolfgang Amadeus Mozart, ins Spiel: „Verwaist! – ach! allzufrüh entriß ein unerbittlich Loos/Den theuren Vater mir, den nie Vergeßnen.“ Mit einer Demutsgeste wird Mozart Sohn selbst eingeführt: „Schwach ist die That, doch nicht der Wille.“ Im Terzett (Incipit: „Zu ätherischen Gefilden“) wird dann noch Polyhymnia aufgerufen, auf deren Altar „unsre Opfer“ dargebracht werden. Der Schlusschor (Incipit: „Kehre oft zu neuer Feyer“) bittet um Gottes Schutz für den Jubilar. Die antikisierenden mythologischen Verweise entsprechen den zeittypischen Formeln.