mini|Klosteranlage Neustadt am Main, Standort 4 In Neustadt am Main gab es seit dem 8. Jahrhundert bis zur Säkularisation in Bayern eine Abtei des Benediktinerordens, die Benediktinerabtei Neustadt am Main, die nacheinander vier unterschiedliche Standorte hatte.
Geschichte Burkard hielt sich mit seinen Gefährten von 738 bis Ende 741 / Anfang 742 in dem karolingischen Jagd- und LustschlossLorenz Fries: Würzburger Chronik. Band 1, 1969, S. 9. auf dem Michaelsberg, der Michilstat,Vita Burkardi II. Buch 2, Kap. 3 und 12. auf. Er erhielt das Jagd- und Lustschloss von Karl Martell, erwähnt in der Urkunde DO III 354.Heinrich Wagner: Zur Neustadter Privilegienfrag. In: Archiv für Diplomatik. Band 46, 2000, S. 146. Ob es ein erstes Kloster im eigentlichen Sinne gegeben hat, ist nicht sicher, denn bei den bisherigen archäologischen Untersuchungen auf dem Michaelsberg wurden keine Spuren entdeckt, die von einem Klosterkonvent stammen könnten. Bei Grabungen, die das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege 1974 durchführte, wurden jedoch die Grundmauern einer Saalkirche mit abgeschnürter Apsis, in südangelsächsischer Bauweise, ausgegraben: Die Klosterkirche der Michilstat. Der Begriff Apsis stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Bogen“ oder „Wölbung“. Neustadt hieß damals Rorinlacha, was laut Joseph Schnetz „mit Röhricht bewachsener Sumpf“ bedeutet. Der Sumpf befand sich im Tal, nicht auf dem Michaelsberg. Wegen der Topographie konnte sich der Konventsbau bei der Michilstat nur nördlich der Saalkirche befunden haben, südlich der Michilstat war und ist ein steiler Graben, jedoch hat man nördlich der heutigen Friedhofskirche bisher nicht gegraben.
Ab 738/739 wurde der mit Röhricht bewachsener Sumpf (Rorinlacha) im Tal trockengelegt. Megingaud, der spätere zweite Bischof von Würzburg, ließ um 741 ein erstes Kloster im Maintal nahe der Mündung des Silberlochbaches einweihen. Weshalb ausgerechnet hier, an einem sehr verlassen Ort, im frühen 8. Jahrhundert ein Benediktinerkloster gegründet wurde, ist nicht klar.Klaus Weyer: Die neuen Erkenntnisse zur Lokalisierung des Ptolemaios Ort Locoritum. In: Mainfränkisches Jahrbuch. 2022, S. 341–357. Der Konvent des Klosters an der „Alten Statt“, war wie bei der Michilstat auf dem Berg, nördlich von der Saalkirche mit abgeschnürter Apsis. Das Kloster an der „Alten Statt“ wurde 1981/82 ausgegraben und befindet sich heute unter dem Pfarrhaus. Den Grund und Boden im Tal hatte er natürlich vorher von Hatto, einem verwandten Mattonen erhalten. Nachdem er Anfang 769 sein Amt als Bischof zugunsten von Berowelf niedergelegt hatte und wieder nach Rorinlacha zurückging, überbaute er nach 772 die Saalkirche der „Alten Statt“ mit der Vierungskirche der Neuen Statt. Der Konvent des Missionskloster an der Neuen Statt befand sich jetzt südlich von der zugehörigen Kirche. Initiiert wurde das neue Kloster von König Karl I., es wurde 781 eingeweiht. Mehr als 50 adeligeLorenz Fries: Würzburger Chronik. Band 1, 1969 S. 33. Benediktinerbrüder, die bisher noch in Würzburg geblieben waren, wurden von Berowelf gezwungen, in das Kloster zu ziehen. Megingaud erbat von Karl dem Großen den Schutz des Klosters und der König förderte das Kloster, z. B. indem er ihm ein großes Gebiet im Spessart mit einem Kerngebiet von etwa 18 × 10 km übereignete. Der Schutz des Königs sollte Neustadt die Unabhängigkeit sichern, aber dennoch versuchte der Würzburger Bischof immer wieder Einfluss auf das Kloster zu nehmen. Dies gelang ihm 993 über eine gefälschte Urkunde, und Neustadt wurde damit ein würzburgisches Eigenkloster. Im 12. Jahrhundert gestattete der Würzburger Bischof dem Klostervogt Markwart II. von Grumbach auf klostereigenem Grund die Burg Rothenfels zu errichten, die damit nicht nur das Maintal, sondern auch das Kloster beherrschte. Die Schikanen gingen weiter, so dass Neustadt im Jahr 1282 sich veranlasst sah, König Rudolf von Habsburg um Hilfe zu bitten.
Ein gefälschtes, auf das Jahr 794 datiertes Gründungsprivileg Karls des Großen wurde zwar 1279 von Bischof Berthold von Würzburg anerkannt, 1366 von Kaiser Karl IV bestätigt und auch danach bis ins 16. Jahrhundert nicht angezweifelt, änderte dennoch nichts an der Situation. Heinrich Wagner datierte im Jahr 2000 die Urkunde jedoch für Beginn des 11. Jh. Das Datum 794 in der Urkunde DKar I 252 ist zwar gefälscht, jedoch der Inhalt ist nur teilweise gefälscht. Der Verlauf der Neustadter Klostermark von 772 ist u. a. echt in der Urkunde. Neustadt versuchte ebenfalls, durch eine gefälschte Urkunde die Stiftung des Klosters durch Gertrud, eine angebliche Schwester des Kaisers Karl dem Großen, zu belegen. Dieses Vorgehen führte zwar nicht zum Erfolg, jedoch entstand daraus eine Jahrhunderte andauernde Gertrudenverehrung.Franz Hettinger: Aus Welt und Kirche. Bilder und Skizzen, Band 2: Deutschland und Frankreich. Herder, Freiburg, vierte Aufl. 1897, S. 539. Alljährlich begaben sich Pilger aus Würzburg am Pfingstmontag auf die „Gertraudreise“, die Bittwallfahrt zur Abtei Neustadt.Franz Hettinger: Aus Welt und Kirche. Bilder und Skizzen, Band 2: Deutschland und Frankreich. Herder, Freiburg, vierte Aufl. 1897, S. 540.
Im 11. Jahrhundert stand das Kloster unter dem Einfluss der Klosterreform von Gorze, zu Anfang des 12. Jahrhunderts übernahm das Kloster die Hirsauer Reform. Diese geistlichen Reformbestrebungen veranlassten immer wieder den Würzburger Bischof zum Eingreifen. mini|Doppelgrabmal des Ritters Gottfried Voit von Rieneck und seiner Gattin (Bibra ?) († 1379 und † 1381) Kloster Neustadt am Main
Am 3. August 1095 schenkte ein Gerhard, bei dem es sich wohl um den Mainzer Burggrafen handelt, privat zusammen mit seiner Frau Bertha für ihrer beider Seelenheil und das seines Bruders Gebeno sowie seiner Eltern Radebodo und Dude/Jutta und für Faliger, Bernold, Erembert und Gerold, dem Kloster Neustadt zur Einweihung der romanischen Basilika an den Altar der Gottesmutter Maria, Gerhards Eigentum und Rechte in den Dörfern Bütthard und Dachesi (wüst südlich Bütthard) im Ochsenfurter Gau.StAWt, R-Lit. A 1917, fol. 176-178v und StAWü, Würzburger Standbuch 582, fol. 43-44v. Unter den Zeugen sind: Abt Adelgero von Neustadt, Advocatus Marquard (Vogt des Klosters Neustadt), Diemar von Röttingen, Ebo von Mergentheim, sein Sohn Goswin von Mergentheim, und Engelhard comes de Lubenhusen.
Gerhard, offiziell als comes Gerhardus de Moguncia (ohne seine Familie), Ebo von Mergentheim, sein Sohn Goswin von Mergentheim, und Engelhard comes de Lubenhusen, sind auch am 18. Januar 1103 in der Schenkung von Diemar v. Röttingen an das Kloster Hirsau als Zeugen erwähnt. Codex Hirsaugiensi Blatt 34 von 70 Alle diese fünf Personen sind auch in der Urkunde von 1095 für das Kloster Neustadt a. Main erwähnt.
Nachdem 1243 die Vogtsfamile Grumbach ohne männliche Nachkommen geblieben war, die einzige Tochter jedoch in die Familie Rieneck einheiratete, erhielt im Jahr 1317 Graf Ludwig von Rieneck († 1333) von Bischof Gottfried III. von Hohenlohe die Vogtei über das Kloster und wurde Teilvogt über deren Besitzungen.Christine Demel: Leinach. Geschichte – Sagen – Gegenwart. Gemeinde Leinach, Leinach 1999, S. 116. Je nach Interessenlage und Machtverhältnissen von Kaiser und Bischof gelang es Neustadt, sich zeitweise von Würzburg zu lösen, oder das Kloster musste sich wieder dem Bischof beugen. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Neustadt dreimal geplündert und geriet zeitweise unter schwedische Herrschaft. Erst zur Zeit des Abtes Benedikt Lurz, der von 1764 bis 1788 dem Kloster vorstand, gelang es, die jahrhundertealten Händel mit Würzburg zu klären. Der Rechtsstreit endete endgültig am 21. November 1794 mit einem Vergleich. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1803 aufgelöst und kam mit seiner umfangreichen Bibliothek in den Besitz des katholischen Fürsten Dominik Konstantin zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg.Klaus Weyer: Die katholischen Fürsten von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Etwa 1400 Bände der Neustadter Klosterbibliothek befinden sich heute in der Abtei Maria Laach. Am 4. November 1985, Versteigerung der 796 Lose bei Sotheby’s in München aus den Säkularisationsbeständen der Klosterbibliotheken von Bronnbach und Neustadt am Main.
Einfluss der Äbte und des Klosters Kloster Neustadt und Amorbach und die Sachsenmission In der frühmittelalterlichen Kirchenprovinz Franken galt der Neustädter Abt als zweiter Mann nach dem Würzburger Bischof. Neustadt war von 810 bis 829 eng mit dem Kloster Amorbach verbunden, nur drei Äbte leiteten beide Klöster. Die Äbte von Amorbach und Neustadt wurden in das erst 804 unterworfene und gewaltsam christianisierte Sachsen als Bischöfe entsandt. Unter anderem waren zwischen 810 und 829 drei Neustädter Äbte die ersten Bischöfe in Verden an der Aller.Paul Schöffel: Amorbach, Neustadt am Main und das Bistum Verden. In: Zeitschrift für Bayrische Kirchengeschichte. Band 16, 1941, S. 131–143.Waldemar Weigand: Aus der Frühgeschichte des Klosters Neustadt am Main: eine heimatkundliche Studie (= Schriften des Geschichtsvereins Lohr a. Main. Folge 1). Lohr a. Main 1961.
Besitzungen Der wichtigste Besitz war die Neustadter Klostermark. Laut Heinrich Wagner stammt sie aus dem Jahr 772.Heinrich Wagner: Zur Neustadter Privilegienfrage.Klaus Weyer: Vom Keltenheiligtum zum karolingischen Missionskloster - Neustadt am Main, Königshausen & Neumann, Würzburg 2019, S. 127–142. Das Benediktinerkloster Neustadt hatte viele Besitztümer.Klaus Weyer. Die Orte mit Besitzungen des Benediktinerkloster Neustadt. 1264 gründete das Kloster auf eigenem Besitz eine Propstei in Einsiedel. Seit etwa 1200 beanspruchte das Kloster von der Pfarrei Steinfeld den Zehnt; 1336 wurden die Pfarreien Steinfeld und Karbach sowie die Propstei Retzbach dem Kloster inkorporiert, so dass Neustadt sämtliche Einkünfte erhielt, aber die Pfarrer besolden und die Kirchen und Pfarrhäuser unterhalten musste. Zum Kloster gehörten u. a. auch Hausen, Kützberg, Kronungen, Roden in Unterfranken mit den Ortschaften Ansbach und Roden sowie, zum Zeitpunkt der Säkularisation, über 4000 ha Wald im heutigen Fürstlich Löwensteinschen Park einschließlich der Orte Lindenfurterhof und Einsiedel. Das Kloster hielt außerdem das Patronat über die Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Altenmünster.Josef Schott: Der Besitz der Abtei Neustadt am Main. In: Festausschuß (Hrsg.): 1200 Jahre Neustadt am Main. Neustadt 1969.Johann Adolf Kraus: Die Benediktiner-Abtei Neustadt am Main – Historische Monographie. Würzburg 1856, S. 203–250.
Einwohner Neustadts Über Jahrhunderte lebten die Einwohner Neustadts mit und vom Kloster, denn einerseits lag der Ort auf klösterlichem Grund, andererseits gab es kaum andere Erwerbsmöglichkeiten als für das Kloster tätig zu sein. Zu welchem Zeitpunkt der Ort entstand, ist nicht bekannt. Im Spätmittelalter entwickelte sich aber eine gewisse Souveränität, als das Dorf begann, sich als eigenständige Kraft zu begreifen. Aus der Zeit zwischen 1000 und 1500 sind viele Urkunden erhalten, in denen der Dorfverband, eine Vorform der heutigen Gemeinde, als Vertragspartner auftritt. Diese sog. „Weistümer“ legten fest, wie das Kloster die Bedürfnisse und Wünsche der Gemeinde zu berücksichtigen hätte.Sibylle Grübel: Exkurs: »Meinem Herrn und Abt zue Newenstat« – Kloster und Dorfgemeinschaft im 16. Jahrhundert. In: Erika Haindl: Neustadt am Main – Biographie eines Dorfes. Würzburg 1994, ISBN 3-429-01591-X, S, 70–74. Mit der Säkularisation änderte sich für die Bewohner des Dorfes kaum etwas, nur dass jetzt der jeweilige Fürst Löwenstein-Wertheim-Rosenberg die Herrschaft hatte. Die Männer arbeiteten meist als Tagelöhner oder Waldarbeiter für das Fürstenhaus.
Mönche im Kloster