Phyllis Isobella Pearsall MBE (geb. Gross; * 25. September 1906 in East Dulwich; † 28. August 1996 in Shoreham-by-Sea) war eine britische Kartografin, Autorin und Malerin. Sie wurde vor allem als Gründerin der Geographers’ A–Z Map Company bekannt, die sich später zum größten unabhängigen Kartografieverlag im Land entwickelte. Dieser entstand 1936, als Pearsall einen modernen Stadtplan von London in Buchform produzierte. Über die Entstehung dieses Stadtplans, des A–Z, existieren mehrere im Vereinigten Königreich bekannte Mythen, die jedoch umstritten sind und teilweise von Pearsall selbst indirekt widerlegt wurden.

Frühe Jahre Phyllis Pearsall wurde 1906 in der britischen Kleinstadt East Dulwich geboren. Ihr Vater Alexander Gross war ein ungarischer Immigrant, ihre Mutter Isabella Crowly, eine Suffragette, hatte irisch-italienische Vorfahren. Wegen Gross’ jüdischen Glaubens sollen Crowlys Eltern gegen die Beziehung gewesen sein. Pearsall wurde getreu der Religionszugehörigkeit ihrer Mutter römisch-katholisch getauft. Sie hatte einen älteren Bruder namens Anthony, der später als Maler und Regisseur bekannt wurde.Sarah Hartley: Mrs P’s Journey: The Remarkable Story Of The Woman Who Created The A-Z Map. Simon & Schuster, New York 2017, ISBN 978-1-4711-4205-5, S. 10 ff.

Obwohl Geographia Ltd., das Kartografie-Unternehmen des Vaters, das unter anderem Karten der meisten britischen Städte anfertigte, zunächst erfolgreich war, ging der Betrieb in Konkurs, als Pearsall 14 Jahre alt war. Aus diesem Grund musste sie die Roedean School in Brighton verlassen, ein Mädcheninternat. Ihr Vater setzte sich daraufhin in die Vereinigten Staaten ab, um sein Unternehmen dort neu zu gründen.Judith A. Tyner: Pearsall, Phyllis. In: Mark Monmonier (Hrsg.): The History of Cartography, Band 6. University of Chicago Press, Chicago 2015, ISBN 978-0-226-15212-7, S. 1054. Pearsall wollte bei ihrer Mutter unterkommen, die jedoch einen neuen Lebensgefährten, einen Porträtmaler, hatte. Dieser duldete laut der Mutter keine jungen Mädchen im Haus, weswegen sie Pearsall aufforderte, sich eine Arbeitsstelle mit Unterkunft zu suchen. Daraufhin wanderte Pearsall in die französische Stadt Fécamp aus und unterrichtete dort Englisch.

Einige Jahre später schrieb sich Pearsall an der Sorbonne ein. In Paris lebte sie zunächst in ärmlichen Verhältnissen und war obdachlos, bis sie durch Arbeiten als Porträtmalerin und freie Redakteurin genug Geld für eine Einzimmerwohnung hatte. Weil sie nach ihrem Studium keine sie zufriedenstellende Anstellung finden konnte, kehrte Pearsall ins Vereinigte Königreich zurück. Dort lernte sie Richard Pearsall kennen, einen Bekannten ihres Bruders, den sie im Alter von 21 Jahren heiratete. Die beiden lebten eine Zeit lang in Spanien. Nach acht Jahren trennte sie sich von ihm, weil er sie schlecht behandelt habe, und zog erneut nach London.

Karriere Bis 1935 verdiente Pearsall ihren Lebensunterhalt als Malerin. Eines Tages soll sie sich auf dem Weg zu einer Party in Belgravia verirrt haben, da der aktuellste Stadtplan, den sie finden konnte, bereits mehrere Jahre alt war. Daraufhin sei ihr die Idee gekommen, eine eigene, neuartige Stadtkarte in Buchform zu veröffentlichen, einen A–Z, die die sich schnell entwickelnde Stadt akkurat abbilden sollte, mit insbesondere für Passanten wichtigen Stellen wie Buslinien oder Museen. Das soll auch die Geburtsstunde der Geographers’ A–Z Map Company gewesen sein, Pearsalls eigenen Kartografie-Verlags. Laut einem im Vereinigten Königreich weitverbreiteten Mythos notierte sie persönlich alle 23.000 Straßennamen Londons, wobei sie eine Strecke von knapp 5000 Kilometern zurücklegte. Sie habe damit jeden Tag ab 5 Uhr angefangen und erst nach 18 Stunden aufgehört.

Mehrere dieser Annahmen über die Entstehung des A–Z sind allerdings falsch oder zumindest nicht eindeutig erwiesen. Er war nicht wie in der Öffentlichkeit oft behauptet der erste topografische Stadtplan Londons. Dies war stattdessen der Bartholomew’s Reference Atlas of London and Suburbs, den es seit Anfang des 20. Jahrhunderts (ebenfalls in Buchform) gab.Oliver Tearle: The Secret Library: A Book-Lovers' Journey Through Curiosities of History. Michael O’Mara Books, London 2016, ISBN 978-1-78243-558-7, Kapitel Mapping the City. Daneben bezeichnete Peter Barber, ehemaliger Verantwortlicher der Kartensammlung der British Library, ihre angeblich langwierige Dokumentation der Straßennamen als „Quatsch“. Die Gestaltung ihres A–Z ähnle sehr den Karten ihres Vaters, die sie übernommen und neue Straßennamen hinzugefügt hätte. Es sei nicht sehr wahrscheinlich, dass sie dafür in London stundenlang umherzog. Nach Barbers Einschätzung verließ sich Pearsall ausschließlich auf Unterlagen städtischer Behörden.

Pearsall selbst bestätigte diese Widerlegungen teilweise in ihren Autobiografien. Sie beschrieb zwar, sehr oft durch London gelaufen zu sein, um neue Straßennamen und Hausnummern aufzunehmen. Kein anderer Stadtplan habe beispielsweise Nummern von an Hauptverkehrsstraßen gelegenen Häusern geführt.Phyllis Pearsall: The Personal Story, from Bedsitter to Household Name. Geographers' A–Z Map Company, Kent 1990, ISBN 0-85039-243-8, S. 49. Allerdings benutzte sie für ihre Arbeit wirklich Daten der Baubehörden jedes Boroughs von London. Sie habe bei diesen Besuchen alle deren Stadtpläne genauestens studiert und miteinander verglichen.Phyllis Pearsall: The Personal Story, from Bedsitter to Household Name. Geographers' A–Z Map Company, Kent 1990, ISBN 0-85039-243-8, S. 27 ff. Sie erwähnte die 18-stündige Arbeit oder die Party in Belgravia weder in ihren Autobiografien noch in Interviews. Zudem schrieb Pearsall, dass ihre Arbeit als Kartografin und Unternehmerin stark von der Tätigkeit ihres Vaters in ebendiesen Berufen inspiriert war, ohne den sie ihren A–Z wahrscheinlich nie veröffentlicht hätte.Phyllis Pearsall: The Personal Story, from Bedsitter to Household Name. Geographers' A–Z Map Company, Kent 1990, ISBN 0-85039-243-8, Vorwort. In ihrer ersten Autobiografie behauptete Pearsall, die Geographers’ A–Z Map Company aufgebaut zu haben, um ihren Vater erneut als Kartografie-Verleger im Vereinigten Königreich zu etablieren.Phyllis Pearsall: Fleet Street, Tite Street, Queer Street. London 1983, S. 1.

Des Weiteren erstellte und verkaufte Pearsall nicht wie oft behauptet ihren A–Z in einer Art Eigenregie, sondern holte sich dafür die Unterstützung mehrerer ehemaliger Bekannter ihres Vaters wie anderer Kartografen, Buchdrucker und Kaufleute, die sie in ihrem Buch erwähnte.Phyllis Pearsall: The Personal Story, from Bedsitter to Household Name. Geographers' A–Z Map Company, Kent 1990, ISBN 0-85039-243-8, S. 40 ff. So beauftragte sie James Duncan, einen seiner früheren Angestellten, mit dem Zeichnen. Als Orientierung dienten zunächst Stadtpläne des Ordnance Survey aus dem Jahr 1919. Diese wurden anschließend mit Pearsalls Notizen, basierend auf den Daten der Baubehörden und des London County Council aktualisiert.Sarah Hartley: Mrs P’s Journey: The Remarkable Story Of The Woman Who Created The A-Z Map. Simon & Schuster, New York 2017, ISBN 978-1-4711-4205-5, S. 241–242. Nachdem ihr Stadtplan 1936 fertiggestellt worden war, ließ Pearsall tausende Exemplare drucken und kontaktierte mehrere städtische Buchhandlungen. Die örtlichen Filialen der Ketten Selfridges und Foyles sowie Hatchards, die älteste in London, lehnten alle ab.Simon Garfield: On The Map: Why the World Looks the Way it Does. Profile Books, London 2012, ISBN 978-1-84765-855-5, Kapitel Phyllis Pearsall. Deswegen fragte Pearsall bei WHSmith an. Ein dortiger Bürogehilfe schickte sie ebenfalls weg, einige Tage darauf wurde sie jedoch von der Geschäftsleitung empfangen. Diese sagte zu, einige Karten zu bestellen, als Pearsall versprach, den Laden zu entschädigen, falls sie nicht verkauft werden sollten.Phyllis Pearsall: The Personal Story, from Bedsitter to Household Name. Geographers' A–Z Map Company, Kent 1990, ISBN 0-85039-243-8, S. 48–50. Sie lieferte die Bestellung nach eigener Aussage mit einer Schubkarre ab, da sie zu der Zeit kein anderes Transportmittel zur Verfügung hatte.Christopher Hibbert, Ben Weinreb, John Keay, Julia Keay: The London Encyclopaedia. Pan Macmillian, New York 2011, ISBN 978-0-230-73878-2, S. 1.

In der ersten Ausgabe fehlte die Gegend um den Trafalgar Square, da Pearsall eines Tages versehentlich einen Schuhkarton mit Karteikarten von Straßennamen mit dem Anfangsbuchstaben T aus ihrem Bürofenster stieß und nicht alle wiederfinden konnte. Der Stadtplan verkaufte sich dennoch gut, weshalb Pearsall fortan etliche Bestellungen von Bahnhöfen der Stadt sowie der britischen Zweigstelle der F. W. Woolworth Company erhielt. Ein Grund für den Erfolg war wahrscheinlich neben dem kompakten Buchformat die einfache, dennoch detaillierte Gestaltung der Karten, dessen Straßen im Vergleich zu denen bereits bestehender Verzeichnisse breiter gezeichnet waren. Zudem waren auch die Linien deutlicher, während die Straßennamen in der Anfangszeit in einer Grotesk gedruckt wurden, die viele Kunden als leserlicher empfanden. Pearsalls A–Z hatte zudem, nachdem sie beschloss, ihn in Farbe drucken zu lassen, eine Besonderheit. Diese machte ihn nicht nur zu ihren Lebzeiten, sondern auch in der Gegenwart neben Passanten insbesondere bei angehenden Londoner Taxifahrern beliebt. A roads, also Hauptverkehrsstraßen, sind in der Karte gelb gefärbt, während B roads, lediglich auf regionaler Ebene wichtige Straßen, orange sind und die restlichen, kleineren Straßen eine weiße Kolorierung haben. Taxifahrer der Hauptstadt benutzen daher in ihrer Ausbildung häufig den A–Z, weil sie dank der verschiedenen Farben von ihnen einstudierte Taxi-Routen oft besser im Gedächtnis behalten. Dies ist für sie wichtig, da sie beim mündlichen Teil ihres Abschlussexamens, das als eine der weltweit schwersten Fahrprüfungen gilt, eine effiziente Route von einem zu einem anderen zufällig ausgewählten Standort nennen müssen. Aus diesem Grund werden A roads und B roads im Londoner Taxi-Jargon häufig oranges beziehungsweise lemons genannt.

Bis zu Alexander Gross’ Tod im Jahr 1958 war sein Name im Impressum aller Exemplare aufgeführt. Er wurde dort als Produktionsleiter bezeichnet.Michael A. Jolles, W. Rubinstein: The Palgrave Dictionary of Anglo-Jewish History. Palgrave Macmillan, London 2011, ISBN 978-0-230-30466-6, S. 378. Einige Jahre vor der Veröffentlichung ihres A–Z hatte er seine Tochter per Telegramm darum gebeten, eine Weltkarte seines Unternehmens im Vereinigten Königreich auf den Markt zu bringen. Pearsall eignete sich im Zuge dieses Vorhabens Wissen über die Herstellung und den Verkauf von kartografischen Werken an. Später tauschten sich die beiden ebenfalls per Telegramm über Pearsalls eigene Pläne aus, wobei er ihr mehrmals Ratschläge gab.Val Ross: The Road to There. Tundra, Toronto 2009, ISBN 978-1-77049-062-8, Kapitel The Mapmaker and Her Business.