mini|Blick von Osten auf den Tempelbezirk mini|Der Strand von Vagonia, der ehemalige Hafen von Kalaureia

Das Poseidon-Heiligtum von Kalaureia () war das zentrale Heiligtum der Amphiktyonie von Kalaureia.

Lage Die archäologische Stätte des Poseidon-Heiligtums von Kalaureia liegt auf dem etwa 190 m hohen Plateau Palatia ( = Paläste) auf der Insel Poros. Der antike Ort Kalaureia, nach dem der Nordteil der Insel heute auch Kalavria genannt wird, erstreckte sich südlich des Heiligtums. Von dem Ort, der zwischen den beiden höchsten Erhebungen Vigla und Profitis Ilias lag, konnte der Saronische Golf überblickt werden. Der Hafen von Kalaureia lag etwa 900 m nördlich an dem Strand von Vagionia.

Geschichte Die ersten Siedler kamen zur spätmykenischen Zeit um 1200 v. Chr. (SH III C). Möglicherweise flohen sie während unruhiger Zeit an diesen abgelegenen Ort. Sie lebten wahrscheinlich von Ackerbau und Viehzucht. Doch schon nach einer oder zwei Generationen wurde die Siedlung wieder aufgegeben. Spärliche Funde aus Protogeometrischer und Frühgeometrischer Zeit deuten darauf hin, dass es zu dieser Zeit hier keine Siedlung gab.A LH IIIC Settlement on Kalaureia (Poros).

Ab 750 v. Chr. entstand eine neue Siedlung, wie zahlreiche und weitverstreute spätgeometrische Tonscherben belegen. Auch ein Mauerzug und ein Lehmboden aus dieser Zeit kamen im Südwesten des Heiligtums zum Vorschein. Ende des 8. Jahrhunderts entstand wohl das erste Heiligtum und schon in archaischer Zeit gab es am Ort des späteren Tempels keine Wohnhäuser mehr. Aus dieser Zeit fanden sich bisher keine Wohnhäuser, aber vermutlich lag die Siedlung in unmittelbarer Umgebung. Wahrscheinlich um 650 v. Chr. wurden ein erster Tempel mit Umfassungsmauer und der Vorgängerbau des Propylaions errichtet. Von diesem wurden jedoch nur Dachziegel entdeckt. Zeitgleich wurde auch die Amphiktyonie von Kalaureia, ein Städtebund zwischen Athen, Ägina, Epidauros, Hermione, Nauplia, das boiotische Orchomenos und Prasiai, gegründet.Strabon, Geographie, 8, 6, 14 (p. 373).

Um 520 v. Chr. wurde der spätarchaische Tempel mit Umfassungsmauer errichtet. Aus etwa der gleichen Zeit stammt das Propylaion E der Agora und die benachbarte Stoa D. Im 5. Jahrhundert v. Chr. zur klassischen Zeit wurden Stoa A und B und Ende des folgenden Jahrhunderts Stoa C und der dreieckige Anbau an Stoa D erbaut. Während die Stadt meist unter der Hegemonie von Tróizen stand, war Kalaureia ab 322 v. Chr. eine unabhängige Polis und prägte eigene Münzen. Die Münzen zeigten auf der Vorderseite den Kopf des Poseidon und auf der Rückseite seinen Sohn Triton und den Schriftzug ΚΑΛ oder ΚΑ für Kalaureia. 322 v. Chr. floh Demosthenes vor Antipatros nach Kalaureia und begab sich ins Poseidonheiligtum, das Flüchtlingen und Schiffbrüchigen Asyl gewährte. Er nahm sich jedoch das Leben, um der Ergreifung durch Archias, der offenbar das Asyl missachtete, zu entgehen. Er soll an der Umfassungsmauer des Tempels bestattet worden und noch später von den Kalauriern geehrt worden sein.Pausanias, Reisen in Griechenland, 2, 33, 3–5.

Gebäude F, das sogenannte Buleuterion stammt aus der hellenistischen Zeit. In dieser Periode wurden auch Gebäude G und Haus I errichtet. Um 150 v. Chr. verfiel Stoa A und erst in römischer Zeit wurden Gebäude innerhalb der Stoa gebaut. Auch Haus I wurde wieder errichtet. Während des Dritten Mithridatischen Kriegs wurde das Heiligtum durch kilikische Seeräuber geplündert.Plutarch: Pompeius, 24 Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde vermutlich das Heiligtum aufgegeben. Die Stadt, die etwa bis ins 6. oder 7. Jahrhundert bestand, wurde 396 von den Goten geplündert und zerstört.Yiannis Desypris: Argosaronic Islands. Athen 2002, ISBN 960-540-442-7, S. 80–82.

mini|hochkant|Der 1956 entdeckte römische Fuß mini|Plan der Ausgrabungsstätte mini|Gebäude I mini|In Stoa F aufgefundene Statuenbase mit Inschrift IG IV 846 mini|Exedra vor Gebäude E mini|Stoa C mini|Stoa A mini|Geison der Stoa A mini|Grundmauern der mykenischen Siedlung mini|Hier stand einst der antike Tempel mini|Die drei Säulentrommeln der unfertigen Votivsäule und andere Architekturteile mini|Tenne außerhalb des Grabungsgeländes mini|hochkant|Asklepiosstatue aus Gebäude G

Erforschung Richard Chandler kam 1786 nach Kalavria. Er berichtete, dass der Tempel nur noch aus einem Schutthaufen bestand, da Handwerker die Steine abgebaut hatten und als Baumaterial für den Bau von Häusern in Hydra verwendet hatten. Die letzten verbliebenen Steine waren nun zum Bau eines Klosters auf Hydra bestimmt. Richard Chandler: Reisen in Griechenland, Leipzig 1777, S. 299–301 (Digitalisat). Im 19. Jahrhundert besuchten viele Reisende den Tempel wie 1805 der englische Archäologe William Martin Leake William Martin Leake: Travels in Morea, Band 2, London 1830, S. 450–453. und im Mai 1841 Ludwig Ross. Ludwig Ross: Wanderungen in Griechenland, Band 2, Halle 1851, S. 5–6 (Digitalisat). Vom 11. Juni bis 19. August 1894 führten die schwedischen Archäologen Sam Wide und Lennart Kjellberg erste Ausgrabungen durch.Sam Wide, Lennart Kjellberg: Ausgrabungen auf Kalaureia. In: Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts. Athenische Abteilung 20, 1895, S. 267–326 (Digitalisat). Siehe dazu Ingrid Berg: Kalaureia 1894: A Cultural History of the First Swedish Excavation in Greece (=Stockholm Studies in Archaeology 69). Stockholm University, Stockholm 2016. Sie legten den größten des heute bekannten Teils der archäologischen Stätte frei. 1938 vermaß Gabriel Welter die ausgegrabenen Gebäude neu.Gabriel Welter: Troizen und Kalaureia. Berlin 1941. 1956 entdeckte ein Junge auf dem Gelände des Heiligtums den rechten Fuß einer überlebensgroßen Marmorstatue aus römischer Zeit, vermutlich stammte er von einer Kolossalstatue eines römischen Kaisers. Sie wurde von seinem Lehrer Chr. Fourniades nach Poros-Stadt geschafft und bildete das erste Ausstellungsstück seiner archäologischen Sammlung. Der Griechische Archäologische Service führte 1979 begrenzte Ausgrabungen durch. 1997 nahm das Schwedische Institut in Athen unter Leitung von Berit Wells die Grabungen wieder auf. Ab 2009 übernahm Arto Penttinen die Leitung. Die Hauptforschungsprojekte waren das Kalaureia Excavation Project (2003–2005) und The Sea, the City and the God (2007–2012). Ab 2015 wurde auch 200 m südwestlich des Heiligtums gegraben. Die Funde befinden sich im Archäologischen Museum von Poros.

Beschreibung Gebäude I Wenn man das Ausgrabungsgelände betritt, so liegt gleich zur Linken das Gebäude I. Hierbei handelt es sich um einen großen privaten Gebäudekomplex, der von der klassischen (5. Jahrhundert v. Chr.) bis in die römische Zeit (2. Jahrhundert n. Chr.) bewohnt war. Es wurden mindestens vier Bauphasen nachgewiesen. Um 150 v. Chr. wurde ein großes, zweistöckiges Wohnhaus mit Innenhof, der an drei Seiten von Räumen und im Osten von einer Mauer umgeben war, gebaut. Anhand der Funde vermutet man, dass es sich bei dem zentralen Raum im Westen um ein Andron handelte. Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. wurde das Haus zerstört. In römischer Zeit wurde das Haus mit einem etwas anderen Grundriss wiedererrichtet. Es diente wohl nun nicht mehr ausschließlich als Wohnhaus, sondern wahrscheinlich auch zur Verpflegung der Pilger, die das Heiligtum besuchten. Das Andron wurde durch eine Mauer in zwei Räume geteilt und ein Herd an der westlichen Außenmauer installiert. Einige Räume wurden zum Lagern von Lebensmitteln genutzt. Hinweise auf die Herkunft der Besucher geben die aufgefundenen Münzen. So entdeckte man Münzen aus Aigina, Hermione, Sikyon und aus der Römischen Kaiserzeit. Eine Münze des byzantinischen Kaisers Konstans II. stammt jedoch aus einer Zeit, als das Gebäude schon ein halbes Jahrtausend endgültig aufgegeben worden war.

Bouleuterion Wenn man sich nun ganz in den Westen des Ausgrabungsgeländes begibt, kommt man an einer Gedenktafel unter einem Baum für die schwedische Archäologin Berit Wells vorbei. Im Westen steht ein kleines rechteckiges Gebäude von etwa 2 × 2 m. Es wurde aus antikem Baumaterial errichtet und war vermutlich ein Brunnenhaus. In hellenistischer Zeit stand hier eine große Stoa von der jedoch nur wenig Baureste erhalten sind. Der 48,20 m lange Bau aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. erstreckte sich von Südwesten nach Nordosten mit der Front nach Südosten. Er bestand aus einer 32 m langen Doppelstoa, die 10 m breit war. Sie wurde auf beiden Seiten von 8,20 m breiten Anbauten, die 2,30 m paraskenienartig hervorsprangen, flankiert. Das Gebälk der Doppelstoa wurde von zwei Reihen zu je fünf Säulen getragen. Unter dem nördlichen Anbau fanden die Ausgräber eine kleine Zisterne und eine Wasserleitung aus Tonröhren. Vor dem Vorsprung lagen drei Statuenbasen. Die Ähnlichkeit mit einem Gebäude in Mantineia, das man für das Bouleuterion hielt, führte dazu, dass die Ausgräber diese Stoa ebenfalls als Bouleuterion bezeichneten.

Propylaion Die Straße vom Hafen führte von Westen vorbei an dem antiken Friedhof, der die Straße flankierte, ans südliche Ende des Bouleuterions, bog nach Nordosten ab und führte an dessen Front vorbei und erreichte nach weiteren 4 m den Torbau. Vor dem Propylaion befand sich eine Exedra aus blaugrauem Kalkstein. Der unsymmetrische Torbau war 17,90 m breit und 11,70 m tief. Der doppelantenförmige Durchgang mit zwei Säulen in antis war 5,30 m breit und befand sich im südlichen etwa 0,60 m hervorspringenden Teil des Bauwerks und hatte eine etwa 2 m breite Öffnung in der Mitte der Torwand. Der nördliche Teil des Gebäudes bestand aus einer kurzen Säulenhalle, die sich zur Agora öffnete und zwei dahinterliegenden Räumen. Das Propylaion diente vermutlich als Bouleuterion oder als Sitz der Amphiktyonie. Nördlich des Propylaions gibt es einen neuzeitlichen Brunnen.

Agora Nach heutiger Lesart handelt es sich bei der sogenannten Agora um einen Teil des Temenos des Heiligtums. Die eigentliche Agora von Kalaureia lag vermutlich in der Stadt, die sich weiter südlich erstreckte. Die trapezförmige Freifläche war etwa 65 m lang und erweitert sich vom Torbau von etwa 20 auf 30 m. Sie wurde im Südosten und Nordwesten von jeweils zwei Säulenhallen flankiert.

Die älteste Stoa D aus der archaischen Zeit (Ende 6. Jahrhundert v. Chr.) schloss südlich an den Torbau an. Sie war 32 m lang und hatte 11 Säulen. Ende 4. Jahrhundert v. Chr. wurde an die Rückwand der Halle der trapezförmige Komplex (Gebäude D), bestehend aus fünf Räumen und einem dahinterliegenden Hof, angebaut. Der große zentrale Raum hatte vermutlich in der Mitte eine Säule und an den Wänden standen wahrscheinlich Klinen. An der westlichen Wand war der Boden für ein Herdfeuer gepflastert. Die Außenmauer wurde aus großen Quadern aus blaugrauem Kalkstein in Bossenwerk errichtet. Der Hof konnte von Süden über eine Treppe erreicht werden. In einem östlichen Raum gab es einen Altar, auf dem für ein unbekannter Gott geopfert wurde.

Ein weiterer Altar wurde westlich von Gebäude D entdeckt. Er wurde bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. errichtet und blieb bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch. In der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. wurde südlich des Altars ein kleiner dreieckiger Bereich mit einer Umfassungsmauer umgeben. Hier fand man zahlreiche Tonscherben, Säugetierknochen und Fischgräten von Opferzeremonien.