Arbeitsstress bezeichnet das Hervorrufen von Unwohlbefinden und Spannungen am Arbeitsplatz, welche durch verschiedenste Faktoren ausgelöst werden und drastische Auswirkungen auf die menschliche Psyche haben. Arbeitsbedingter Stress kann sich sowohl aufgrund von Unter- als auch von Überforderung äußern und resultiert oft in ernstzunehmenden Krankheiten.

Definition von Arbeitsstress Stress ist eine normale Reaktion des Körpers und hat evolutionsbiologische Hintergründe. Er zählt zur Kampf-oder-Flucht-Reaktion und versetzt den Körper in Alarmbereitschaft, was sich an verschiedenen physiologischen Anzeichen, z. B. hoher Blutdruck, erhöhter Puls, Muskelspannung etc., ausdrückt. Arbeitsstress bzw. Stress am Arbeitsplatz wird unterschiedlich definiert.https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/stress-am-arbeitsplatz Eine verbreitete und von der EU-Kommission verwandte Definition zu Arbeitsstress lautet: „Gesamtheit emotionaler, kognitiver, verhaltensmäßiger und physiologischer Reaktionen auf widrige und schädliche Aspekte des Arbeitsinhalts, der Arbeitsorganisation und der Arbeitsumgebung. Dieser Zustand ist durch starke Erregung und starkes Unbehagen, oft auch durch ein Gefühl des Überfordertseins charakterisiert.“

Theoretische Modelle Belastungs-Beanspruchungs-Modell Ein zentraler arbeitswissenschaftlicher Erklärungsansatz für Arbeitsstress ist das Belastungs-Beanspruchungs-Modell. Es beschreibt den Zusammenhang zwischen äußeren Arbeitsbedingungen und individuellen Reaktionen und wurde maßgeblich von Günter Rohmert und Jürgen Rutenfranz entwickelt. Die grundlegenden Begriffe sind in der Norm DIN EN ISO 10075 international standardisiert.DIN EN ISO 10075-1:2017-01. Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung – Teil 1: Allgemeine Aspekte und Begriffe. Berlin: Beuth Verlag.

Das Modell unterscheidet zwischen Belastung und Beanspruchung:

(Psychische) Belastung bezeichnet die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen einwirken, etwa Arbeitsaufgaben, Zeitdruck oder soziale Bedingungen.Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Psychische Belastung und Beanspruchung im Arbeitskontext. Dortmund 2019. (Psychische) Beanspruchung beschreibt die unmittelbare, individuelle Reaktion des Menschen auf diese Belastungen, die von persönlichen Voraussetzungen wie Erfahrung, Motivation oder aktueller Verfassung abhängt.

Ein wesentliches Merkmal des Modells ist, dass Belastung zunächst wertneutral ist. Erst durch die individuelle Verarbeitung entsteht eine Beanspruchung, die sowohl positive (z. B. Aktivierung oder Lernprozesse) als auch negative Folgen (z. B. Ermüdung oder Stress) haben kann.Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Psychische Belastung und Beanspruchung – Grundlagen und Handlungshilfen. Berlin 2014. Identische Arbeitsbedingungen können daher bei verschiedenen Personen zu unterschiedlich starken Beanspruchungen führen.

Vor diesem Hintergrund wird Arbeitsstress als eine Form negativer Beanspruchung (Fehlbeanspruchung) verstanden, die insbesondere dann entsteht, wenn die Anforderungen die individuellen Ressourcen zur Bewältigung übersteigen.Semmer, Norbert K.; Zapf, Dieter (2004): Arbeitsstress und Gesundheit. In: Schuler, Heinz (Hrsg.): Lehrbuch Organisationspsychologie. Göttingen: Hogrefe, S. 453–488. Das Modell ergänzt damit Ansätze, die Stress primär als Eigenschaft der Arbeitssituation beschreiben, indem es die subjektive Verarbeitung als entscheidende Vermittlungsinstanz hervorhebt.

Das Belastungs-Beanspruchungs-Modell bildet zugleich eine wichtige Grundlage für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen im Arbeitsschutz und für die Entwicklung präventiver Maßnahmen.Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Dortmund 2017.

Job-Demand-Control-Modell Das Job-Demand-Control-Modell (auch Anforderungs-Kontroll-Modell) ist ein arbeitspsychologisches Modell zur Erklärung von Arbeitsstress. Es wurde von Robert A. Karasek entwickelt und beschreibt Stress als Ergebnis des Zusammenwirkens von Arbeitsanforderungen (job demands) und Entscheidungsspielraum (job control).Karasek, Robert A. (1979): Job demands, job decision latitude, and mental strain: Implications for job redesign. In: Administrative Science Quarterly, 24(2), S. 285–308.

Nach dem Modell entstehen besonders hohe Stressbelastungen in Arbeitssituationen, die durch hohe Anforderungen bei gleichzeitig geringem Handlungsspielraum gekennzeichnet sind (high-strain jobs). Demgegenüber können hohe Anforderungen bei gleichzeitig hohem Entscheidungsspielraum (active jobs) zu Lern- und Entwicklungseffekten führen.Karasek, Robert A.; Theorell, Töres (1990): Healthy Work: Stress, Productivity, and the Reconstruction of Working Life. New York: Basic Books.

Spätere Erweiterungen des Modells beziehen zusätzlich soziale Unterstützung ein, die eine puffernde Wirkung auf Stress haben kann.Johnson, Jeffrey V.; Hall, Ellen M. (1988): Job strain, workplace social support, and cardiovascular disease. In: American Journal of Public Health, 78(10), S. 1336–1342.

Empirische Untersuchungen und Übersichtsarbeiten zeigen Zusammenhänge zwischen hoher Arbeitsanforderung, geringem Handlungsspielraum und gesundheitlichen Risiken.van der Doef, Maes, S. (1999): The Job Demand-Control (-Support) Model and psychological well-being: A review of 20 years of empirical research. In: Work & Stress, 13(2), S. 87–114.Kivimäki, Mika et al. (2006): Work stress and risk of cardiovascular mortality. In: The Lancet, 368(9530), S. 147–155.

Effort-Reward-Imbalance-Modell Das Effort-Reward-Imbalance-Modell (Modell der Gratifikationskrisen) ist ein arbeitssoziologisches Modell zur Erklärung von Arbeitsstress, das von Johannes Siegrist entwickelt wurde. Es geht davon aus, dass Stress insbesondere dann entsteht, wenn ein Ungleichgewicht zwischen beruflicher Verausgabung (effort) und erhaltenen Belohnungen (reward) besteht.Siegrist, Johannes (1996): Adverse health effects of high-effort/low-reward conditions. In: Journal of Occupational Health Psychology, 1(1), S. 27–41.

Zu den Belohnungen zählen neben finanziellen Aspekten auch Anerkennung, berufliche Sicherheit und Aufstiegsmöglichkeiten. Ein Missverhältnis im Sinne hoher Verausgabung bei gleichzeitig geringer Belohnung wird als Gratifikationskrise bezeichnet und ist mit erhöhten gesundheitlichen Risiken verbunden.Siegrist, Johannes (2002): Effort–reward imbalance at work and health. In: Historical and Current Perspectives on Stress and Health, S. 261–291.

Das Modell berücksichtigt zusätzlich individuelle Bewältigungsmuster, insbesondere die Neigung zu übermäßigem beruflichen Engagement (overcommitment), die die Stresswirkung weiter verstärken kann.

Metaanalysen und systematische Reviews zeigen Zusammenhänge zwischen Effort-Reward-Imbalance und erhöhten gesundheitlichen Risiken.Stansfeld, Stephen; Candy, Bridget (2006): Psychosocial work environment and mental health. In: Scandinavian Journal of Work, Environment & Health, 32(6), S. 443–462.Dragano, Nico et al. (2017): Effort-reward imbalance at work and incident coronary heart disease. In: International Journal of Cardiology, 227, S. 446–451.

Ursachen von Arbeitsstress Zunahme an Aufgaben und Informationsmenge Als eine bedeutende Ursache für Arbeitsstress zählt die Zunahme der Arbeits- und Informationsmenge sowie fortlaufende Unterbrechungen bei Erledigung der Arbeitsaufgabe. Die zunehmende Informationsmenge am Arbeitsplatz, insbesondere wenn diese mit einer geringen Informationsqualität einhergeht, führt dabei zu Arbeitsstress und zu einer Verringerung der Aufmerksamkeitsspanne. Durch letzteres steigt die Fehlerhäufigkeit, welche eine Belastung für die betroffenen Personen darstellt.https://www.mpib-berlin.mpg.de/pressemeldungen/informationsflut-senkt-aufmerksamkeitsspannehttps://www.gesundearbeit.at/cms/V02/V02_7.12.a/1342654931785/service/aktuelles/informationsflut-am-arbeitsplatz

Eine Studie, welche den Zusammenhang zwischen gesundheitlichen Beschwerden und dem Vorkommen von Informationsüberflutung untersuchte, ergab, dass sich die Beschwerden über das gesundheitliche Wohlergehen aufgrund zunehmend erlebter Informationsflut immer mehr häuften. Beschwerdearten wie körperliche und emotionale Ermüdung wurden genannt und als mögliche Symptomatik eines Burnout-Syndroms konferiert.

Eine zur Informationsüberflutung am Arbeitsplatz durchgeführte Studie zeigte, dass Betroffene sich durch das gleichzeitige Erledigen von mehreren Arbeitsvorgängen, durch den Leistungsdruck und durch andere Arbeitsbedingungen oft überfordert fühlen. Diese Bedingungen stehen im Zusammenhang mit dem Erleben von Informationsflut am Arbeitsplatz. Um dieses Empfinden zu vermindern, bedarf es an gerechter Arbeitsverteilung und Unterstützung der Betroffenen seitens des Kollegiums und des Vorgesetzten.

Belastungsdruck Belastungsdruck wird gerade im Gesundheitswesen sehr oft erlebt. Betroffene klagen über eine hohe psychosoziale Überforderung am Arbeitsplatz. Die Gründe hierfür sind unter anderem das zu große Arbeitsvolumen und Fachpersonalmangel. Der Wunsch, den Gesellschaftsnormen gerecht zu werden, spielt hierbei eine große Rolle und verursacht einen hohen inneren Druck, welcher oft mit Unzufriedenheit und Dauerstress einhergeht. Man unterscheidet zwischen körperlichem und psychischem Belastungsdruck. Während in den vergangenen Jahrzehnten der körperliche Druck geringer wurde, ist der psychische Druck massiv angestiegen.

Auslöser für psychischen Belastungsdruck sind unter anderem: Termindruckhttps://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/stress/stressoren-und-stressausloeser-1061188 Mehrfachaufgabenperformanzhttps://www.tk.de/techniker/magazin/life-balance/balance-im-job/weniger-stress-ohne-multitasking-2007152 Überanstrengung Belastungsdruck wird durch zu hohe Anforderungen, zu geringe Kontrollierbarkeit, zu wenig Belohnung, zu wenig soziale Unterstützung und ungerechte Behandlung gefördert. Diese Aspekte gehören zu den arbeitsbezogenen Stressoren, welche in den letzten Jahrzehnten erforscht wurden. Sie erhöhen die Arbeitsbelastung und haben Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit.

Eine Forschungsarbeit, welche krankheitsbedingte Frührentner untersuchte, zeigte, dass Berufe, in denen Arbeitnehmer hoher psychosozialer Belastung ausgesetzt werden, das Risiko auf gesundheitsbedingte Frührente anheben. Es wurde nachgewiesen, dass sich die arbeitsbedingten Erkrankungen, welche durch den enormen Belastungsdruck entstehen, auf das alltägliche Leben der Arbeiter auswirken.

Erreichbarkeit Laut den Ergebnissen einer empirischen Studie der Universität Freiburg führt arbeitsbezogene Erreichbarkeit zu einer erhöhten Belastung und somit zu einem Anstieg des Arbeitsstress. Durch den immer höher werdenden Druck, werden Arbeit und Freizeit oft vermischt und Betroffene können die zwei Lebensbereiche kaum voneinander trennen. Besonders Menschen, die im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr tätig sind, stehen dauerhaft in erhöhter Bereitschaft. Dies kann eine Spannung, welche einen möglichen Stressor in der Arbeit darstellen kann, erzeugen. Oft wird Spannung als Folge von Mangel an Unvorhersehbarkeit im Arbeitsalltag hervorgerufen.

Es wurden Studien zum Thema Erreichbarkeit durchgeführt, welche die Frage: „Unterscheiden sich die Arbeitsmerkmale von Arbeitsplätzen, an denen Erreichbarkeit für Arbeitsanforderungen außerhalb regulären Arbeitszeiten auftritt, von denen ohne Erreichbarkeit?“ aufgreifen. Die Ergebnisse zeigen, dass Arbeitnehmer, die außerhalb der Arbeitszeiten erreichbar sein müssen, mehr Überstunden machen, höheres Arbeitspensum erleben und oft als Entscheidungsträger fungieren.