Prosopopöie (griech. προσωποποιία, prosōpopoiía; ) ist ein rhetorisches Mittel, bei dem ein Redner oder Schriftsteller sich dem Publikum mitteilt, indem er als eine andere Person oder ein anderes Objekt spricht. Der Begriff leitet sich wörtlich von den altgriechischen Wurzeln prósopon „Gesicht, Person“ und poiéin „machen, tun“ ab und wird auch als Personifikation bezeichnet.
Die Prosopopöie wird zumeist angewendet, um eine andere Perspektive auf eine beschriebene Handlung zu geben. In Ciceros Pro Caelio zum Beispiel spricht Cicero als Appius Claudius Caecus, ein strenger, alter Mann. Dies dient dazu, die Handlungen des Klägers aus der „antiken“ Perspektive zu schildern. Prosopopöien können auch verwendet werden, um den Redner zu entlasten, indem ein ungünstiger Standpunkt auf die Schultern eines imaginären Stereotyps gelegt wird. Die Reaktionen des Publikums richten sich dann eher auf diese Figur als auf den Kommunikator selbst. mini|„And the Dish Ran Away with the Spoon“ aus Hey Diddle Diddle and Bye, Baby Bunting von Randalf Caldecott, 1882.
Dieser Begriff bezieht sich auch auf eine Redewendung, in der einem Tier oder einem unbelebten Gegenstand menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden oder in anthropomorpher Sprache von ihm gesprochen wird. Quintilian schreibt über die Macht dieser Redefigur, „die Götter vom Himmel zu holen, die Toten zu beschwören und den Städten und Staaten eine Stimme zu geben“.Joshua S. Walden: Musical Portraits: The Composition of Identity in Contemporary and experimental Music. Oxford University Press, 2018, ISBN 978-0-19-065352-1. ()
Beispiele Sprechen mit der Stimme eines anderen Ein klassisches Beispiel für diese Verwendung findet sich im deuterokanonischen Buch Sirach in der Bibel, wo die Weisheit personifiziert wird und zu den Menschen und dem Leser spricht:
Ebenfalls in den Paulusbriefen, inbesondere in Röm 3,1-8; 4,1-2 und 6,1-3, nutzt Paulus das rhetorische Mittel der Diatribe. Hierbei bedient er sich der Prosopopöie in Form eines direkten rhetorischen Diskurses, indem er Einwänden oder Fragen eines abwesenden Gegenübers, z. B. Vertretern einer legalistischen jüdischen Position, eine Stimme verleiht und diese sogleich im Text entkräftet:
Paulus gibt hier die Stimmen seiner Kritiker wieder, die ihm unterstellen, er fordere zum Sündigen (u.a. zur Lüge) auf, um die Herrlichkeit Gottes zu vergrößern. Indem er diese Einwände mit der Stimme des Gegners vorbringt (Röm 3,5b-7), greift er die Polemik auf und weist sie im selben Zug als unberechtigt zurück (V. 8).
Ein weiteres Beispiel findet sich im zweiten Teil der Cooper-Union-Rede von Abraham Lincoln am 27. Februar 1860 in New York City, der eine Debatte zwischen den Republikanern und den Südstaaten vortäuscht, in der er zum Wortführer der Partei wird.
Einer Nicht-Person menschliche Eigenschaften zuschreiben In Jeremia 47 gibt es einen Dialog zwischen dem Schwert des Herrn und dem Propheten:Adam Clarke, 1831, Ausgabe IV, S. 121.
Vor Gericht kann ein Staatsanwalt den Geschworenen suggerieren, dass ein Mordopfer „durch die Beweise zu uns spricht“. Bevor er Senator wurde, soll John Edwards ein solches Argument in einem seiner berühmtesten Schadensersatzfälle vorgebracht haben, als er die Familie eines Mädchens vertrat, das durch einen defekten Abfluss im Schwimmbad getötet worden war.
Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek schrieb in seinem Buch The Year of Dreaming Dangerously (Verso Books 2012 auf Seite 14):
Baseball-Manager Yogi Berra sagte über einen ehemaligen Manager der New York Yankees: „Wenn Miller Huggins heute noch leben würde, würde er sich im Grab umdrehen“.Peter J. Tomson, Joshua J. Schwart (Hrsg.): Jews and Christians in the First and Second Centuries: How to Write Their History. Brill, Leiden/Boston 2014, ISBN 978-90-04-27839-4. ()
William Shakespeare, Sonett 129, lautet auszugsweise:
Siehe auch Anthropomorphismus Charaktermaske Personifikation
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Rhetorischer Begriff