Das Märchen ist der Titel eines 1941in der Zeitschrift „Die neue Rundschau“ publizierten Kunstmärchens von Gerhart Hauptmann, das in der Tradition von Goethes gleichnamigem Text steht. Die Hauptfigur Theophrast wird von einem Fährmann in eine surreale Welt gebracht, wo er seinem Schüler Operin und mythologischen Tieren begegnet. Mit neuen Erkenntnissen kehrt er in die Wirklichkeit zurück.

Inhalt Der Erzähler erinnert sich an „das Märchen des wundervollen Weimaraners“ und an die Unsterblichkeit der Figuren und beginnt „So geschah eines Tages wiederum alles, womit das Märchen beginnt:“zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Das Märchen“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 359.

Der alte „überanstrengte“ Fährmann wird nachts von zwei eilig hüpfenden und kichernden Irrlichtern aufgeweckt, um sie über den Fluss zu setzen. Dazu gesellt sich ein alter weißgelockter, barfüßiger Pilger mit Kutte und Wanderstock, genannt Theophrastus Paracelsus Bombast von Hohenheim. Er ist offenbar heimatlos und erhofft sich, am anderen Ufer willkommen zu sein und alte Bekannte wiederzusehen. Dort angekommen, merkt er, dass er sich in dem neuen Land an vieles erst gewöhnen muss: Das Dämmerlicht, dessen Ursache vielleicht er ist, und die kräftigen, verschwommenen Farben. Er denkt an einen Löwen und schon läuft das Raubtier neben ihm her. Ohne Ziel wandert er durch eine liebliche Landschaft. So könnte der Garten Eden ausgesehen haben. Um den Ast einer Steineiche windet sich eine grün-funkelnde Schlange mit einem diamantenbesetzten Krönchen. Sie bestätigt ihm seine Vermutung, dass sie die Paradiesschlange ist, die sich mit dem Sündenfall selbst ins Unglück gestoßen hat. Denn sie habe mit Adam und seinen Nachfolgern viele Kinder gezeugt.

Die Irrlichter erscheinen wieder und erzählen, sie hätten auf dieser Uferseite einen Tempel und ein Krematorium errichtet, in dem tausend ihrer Kameraden Tag und Nacht menschliche Torheiten zu Asche verbrennen. Bald würden sie wie Gott sein. Über diesen Unsinn ist der Löwe wütend und schlägt mit seiner Pranke auf die Irrlichter, die sich jedoch dadurch verdoppeln.

Theophrast möchte sich gern mit einem Mann seiner Art unterhalten, und es erscheint in Försterkleidung Johann Operin, sein ehemaliger Famulus. Dieser erklärt ihm, die Dinge seien auf beiden Flussufern ähnlich, hier im Mittelreich nur losgelöst von der Materie, aber auch nicht bewusst zu beeinflussen. Beide sind froh, das eiserne Zeitalter mit den donnernden Eisenbahnzügen und dem Brummen der Flugzeuge hinter sich gelassen zu haben. Zusammen mit der Schlange unterhalten sie sich über die Dialektik des Lebens (ohne Gefahr keine Sicherheit, kein Erinnern ohne Vergessen), die christliche Religion (ohne Leid keine Freude), das Licht (kein Licht ohne Irrlichter), die Allmacht des „Alten vom Berge“ und die von ihm abgesegnete kleine Mikrokosmos-Seifenblasenwelt Theophrasts in seinen Wolkenkuckucksheim-Darstellungen. Nach Operin ist selbst unsere Vorstellung vom „Alten vom Berge“ eine „Umbrate“, d. h. ein Schattenbild. Sie lachen über „vergangene, gemeinsam verübte Torheiten in jener [materiellen] Welt, wo man Tiere schlachtet, um sie zu essen, Kartoffeln aus der Erde gräbt, grüne Kohlköpfe zerschneidet und Brot aus gelben Körnern bäckt“, und alles nur „um den Cherub am Tor des Paradises zu beschämen, das [ihnen] verschlossen ist.“zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Das Märchen“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 370. Operin fordert Theophrast auf, alles auf dieser Seite des Flusses von einer neuen Seite zu sehen.

Theophrast und Operin wandern weiter zu einem See, auf dessen Oberfläche sich eine seltsame Malerei von den atmosphärischen Zuständen der vier Jahreszeiten spiegelt. Darüber schweben Kähne mit Fischern, die Netze ins Wasser werfen und „das Nichts“ herausziehen. Sie steigen in einen Nachen, dessen Boden mit schwarzem Wasser bedeckt ist, in dem ein goldenes Netz liegt. Sie fischen damit wunderliche Dinge aus den Spiegelungen der Tiefe: Gold der Sonne, Azurbläue mit im unendlichen Raum der Tiefe segelnden Möwen, aus dem schwarzen Meer des Hades heraus funkelnde Sterne der Milchstraße usw. Ans Ufer zurückgekehrt, macht sich der Pilger auf den Weg zur Fähre. Die Irrlichter wollen ihn noch auf den bewaldeten Hügel zur gewaltigen Burg des Krematoriums führen, aus dessen Schornsteinen graue und blaue Rauchwolken steigen. Doch er lehnt ab: dergleichen „Zermalmungsmühlen“ gebe es auch am anderen Ufer „auf dem Acker der Kartoffeln, Rüben und Kohlköpfe“, und er wisse zu gut, „dass die Torheit kein Leichnam“ ist, den man zu Asche verbrennen kann, sondern „ein unsterbliches Leben“ ist. Nach diesen Worten fliegt, „weil das Schreiten ihm nicht mehr Genüge [tut]“, er „dahin zurück, wo er hergekommen. Allein wo er herkam, wissen wir nicht!“zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Das Märchen“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 375.

Rezeption Es gibt nur wenige zeitgenössische Reaktionen über das „Märchen“.Bernhard Tempel: „Gerhart Hauptmanns Märchen (1941) im Kontext der nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘ : Eine Untersuchung aufgrund des Nachlasses“. In: Scientia Poetica 6, 2002, S. 124. https://www.repo.uni-hannover.de/bitstream/handle/123456789/4491/tempel_2002.pdf?sequence=1 In Hauptmanns Briefnachlass finden sich zwei Mitteilungen: Goldschmit-Jentner äußerte sich begeistert.GH BrN1 A: Goldschmit-Jentner (Brief vom 5. Februar 1942). Peter Suhrkamp schrieb, es seien im Märchen „nicht nur bezaubernde Partien, sondern geradezu beklemmende.“ Der Hintergrund scheine ihm allerdings fürs Märchen etwas kompliziert.GH BrN1C La: S. Fischer Verlag/Suhrkamp Verlag (Brief vom 8. November 1941)

Die Rezensionen und wissenschaftlichen Studien befassen sich mit dem „Märchen“ im Rahmen von Hauptmanns Spätwerk einmal unter literarischen und biographischen und zweitens unter zeitgeschichtlichen und politischen Aspekten.

Kritiker machen dem „Märchen“ oft den „Vorwurf geringerer Selbständigkeit“. Lauterbach relativiert dieses Urteil. Zwar habe der Autor das ganze Personen-Szenarium – Fährmann, Fluss, Irrlichter, Schlange – unbekümmert aus Goethes „Märchen“ übernommen und selbst auf seine Inspiration durch die Vorlage hingewiesen, doch bald überlasse er sich „seinen eigenen, von Paracelsus und Jakob Böhme beeinflussten Traumvorstellungen“ und beziehe Themen seines Werkes mit ein, v. a. aus dem „Neuen Chistophorus“, dem „Ketzer von Soana“ und dem „Meerwunder“. Lauterbach gibt einige Hinweise auf die Einordnung des „Märchens“ in Hauptmanns Spätwerk und bezieht sich v. a. auf die Untersuchung von Uwe Maßberg,Uwe Maßberg: „Gerhart Hauptmanns Märchen in neuer Sicht“. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift 52, 1971, S. 55–72. die das „Märchen“ im Hinblick auf die Gedankenwelt Paracelsus‘ deutet: Theophrastus Paracelsus stehe in einem „Zwischenreich“, zwischen der „sogenannten gemeinen Wirklichkeit“ und dem Jenseits, wo der Mensch „weder erkennt noch nicht erkennt“. Im „Märchen“ fischt der Gottsucher Theophrast, im Gegensatz zu den Fischern mit den leeren Netzen, Reichtümer „bis hin zu dem unzugänglichen Teil des Kosmos“ und „künstlerische Ausdrucksfähigkeiten, ohne die die Welt der Kartoffeln, Rüben und Kohlköpfe irgend etwas Begehrenswertes nicht haben würden“, aus dem See. Er „läuft aber Gefahr, im großen Nichts zu versinken“, denn „der Lebende vermag nicht im Absoluten aufzugehen, er kann sich ihm nur nähern“. Im Gegensatz zum Paracelsus-Schüler Operin, der wie auch Otonieri im „Meerwunder“ dem Neuplatonismus nahesteht, bleibt Theophrast nicht im Zwischenreich, sondern kehrt zurück in die „gemeine Wirklichkeit“.Ulrich Lauterbach: „Nachwort“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 465 ff. Mit Maßberg ordnet Lauterbach die Tierallegorien bestimmten Eigenschaften zu: Der Löwe verkörpert Vitalität (Schopenhauers „Wille“), die Schlange die Erkenntniskraft (Schopenhauers „Vorstellung“), zugleich aber auch die Versuchung, und ihre Kinder sind die Irrlichter als provozierende Unruhestifter mit ihren unausrottbaren Halbwahrheiten. Ulrich Lauterbach: „Nachwort“. In: Gerhart Hauptmann: „Das Märchen“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 464.

Lauterbach sieht den Rückgriff auf romantische Märchenmotive seines Frühwerks im Zusammenhang mit Hauptmanns Altersthema: der Gestaltung des „letztlich Unsagbare[n]“. Er nennt als sein Schaffensziel „ein Phantasma … ein Gebilde aus jener Welt, darin sich der Monolog des Faust und die Sehnsucht der Romantik bewegen.“ Das heiße: „Ringen um die Erkenntnis dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält, und die Sehnsucht, zu den Quellen, den Ursprüngen, den Müttern zu gelangen. […] Wie allerdings diese von ihm ersehnte Welt zu organisieren wäre, welche gesellschaftlichen Bedingungen sie benötigte, sag[e] Hauptmann nicht. Ihm geh[e] es zunächst um die Selbstfindung und Selbsterfahrung, in zweiter Linie dann um die paradigmatische Vorführung verwandter Naturen.“ Im „Märchen“ leben sie „in einem Umkreis, der in die utopische Zukunft verweist.“Ulrich Lauterbach: „Nachwort“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 469 ff.

Da Hauptmanns „Märchen“ während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland entstanden ist und veröffentlicht wurde, stellt sich für die Forschung die Frage nach dem Zeitbezug.