Giuseppe Di Matteo (* 19. Januar 1981 in Palermo; † 11. Januar 1996 in San Giuseppe Jato) war ein italienischer Junge, der im Alter von zwölf Jahren von der Cosa Nostra entführt wurde, nachdem sein Vater begonnen hatte, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Giuseppe Di Matteo wurde 779 Tage lang festgehalten; wenige Tage vor seinem 15. Geburtstag wurde er auf Anordnung des Corleoneser Mafiabosses Giovanni Brusca erdrosselt und sein Leichnam in Säure aufgelöst.
Biographie Herkunft und Familie Giuseppe Di Matteo war das erstgeborene Kind von Mario Santo Di Matteo, „Santino“ genannt, und Franca Castellese. Der Vater, der aus einer Mafiafamilie mit langer Tradition stammte – ein in Schmuggelgeschäfte verwickelter Vorfahre hatte lebenslänglich für den Mord an einem Carabiniere bekommen –, hatte die Codes und Mythen der Cosa Nostra von der männlichen Linie der Familie erlernt. Als Verbündeter der Corleonesen diente er dem organisierten Verbrechen, indem er Giovanni Brusca in den Anfangstagen seines Untertauchens Unterschlupf auf dem Familienanwesen bot. Insgesamt beging Mario Di Matteo zahlreiche Morde und leistete technische und logistische Unterstützung in Vorbereitung auf das Attentat auf Giovanni Falcone.Vgl. dazu die Aussagen von Brusca in: Saverio Lodato, Ho ucciso Giovanni Falcone. La confessione di Giovanni Brusca, Mailand, Mondadori, 2006. Offiziell war er von Beruf Viehzüchter, arbeitete aber eine Zeitlang auch als Schlachter auf dem kommunalen Schlachthof von Altofonte. Heute lebt er mit seiner Familie unter Polizeischutz.
Giuseppes Mutter kam aus einer nicht-mafiösen Bauernfamilie. Sie absolvierte eine Ausbildung als Krankenschwester und Stenotypistin. Nachdem sie das staatliche Auswahlverfahren sowohl für Krankenhaus, Gericht als auch die Post gewonnen hatte, arbeitete sie zehn Jahre lang als Krankenschwester in der psychiatrischen Klinik von Palermo, ehe sie ins Krankenhaus von Altofonte wechselte, wo sie trotz ihrer Qualifikationen administrative Funktionen als Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit erfüllte.Pino Nazio, Il bambino che sogna i cavalli. 779 giorni ostaggio dei corleonesi. Rom, Sovera Edizioni, 200*, S. 32–34, 74.
Kindheit bis zur Entführung Giuseppe Di Matteo genoss eine behütete, gut abgesicherte und glückliche Kindheit. Er besuchte einen von Nonnen geleiteten Privatkindergarten, ehe er in die örtliche Grundschule ging, wo er sich mit Mariella anfreundete. Im Sommer verbrachte er seine Ferien auf einem Familienanwesen in Balestrate, das er nur verließ, um den Reitplatz aufzusuchen.
Gemäß den Aussagen seines nahen Umfelds, die vor allem vom Soziologen und RAI-Journalisten Pino Nazio aufgezeichnet wurden, war Giuseppe ein Junge von gesunder und sportlicher Konstitution, unabhängig, extrovertiert und unerschrocken, der in Bezug auf seinen kleineren Bruder Nicola und seine Freundin Mariella Sinn für Solidarität und Beschützerinstinkt an den Tag legte.
Insbesondere zu seinem gleichnamigen Großvater Giuseppe, der genau wie der Vater Santino der Cosa Nostra angehörte, entwickelte der Enkel ein enges Verhältnis. Abgesehen davon, dass der Großvater ihm jeden Wunsch erfüllte, zuweilen auch gegen den Willen der Eltern,Pino Nazio, Il bambino che sogna i cavalli. 779 giorni ostaggio dei corleonesi. Rom, Sovera Edizioni, 200*, S. 85–86. teilte sein Enkel die große Leidenschaft für Pferde bereits in jungen Jahren.
Tatsächlich wird berichtet, „sein Lieblingsspielzeug waren von klein an Pferde aus Plastik, aus Stoff sowie Schaukelpferde zum Draufklettern“Pino Nazio, Il bambino che sogna i cavalli. 779 giorni ostaggio dei corleonesi. Rom, Sovera Edizioni, 200*, S. 52–53. und es war auch auf dem Anwesen des Großvaters, dass er erstmals mit einer jungen Stute spielte. „Er war keine sieben Jahre alt, als er als Kunstreiter verkleidet beim Fest des Schutzheiligen durch den Ort zog, und mit knapp neun Jahren trat er beim ersten Reitturnier an.“Pino Nazio, Il bambino che sogna i cavalli. 779 giorni ostaggio dei corleonesi. Rom, Sovera Edizioni, 200*, S. 319.
Sein erstes Pferd gehörte dem Großvater, während sein zweites – ein Turnierpferd fürs Springreiten mit einem Wert von 35 Millionen Lire – ein Geschenk der mächtigen Mafiafamilien der Region an Vater und Großvater Di Matteo war.Alfonso Sabella, Cacciatore di mafiosi. Le indagini, i pedinamenti, gli arresti. Mailand, Mondadori, 2009, S. 158.
Zusätzlich zum Wettkampftraining verbrachte Giuseppe Di Matteo Stunden damit, Reitturniere im Fernsehen zu verfolgen. „Er studierte die Reitmethode von Federico Caprilli, die zum Vorbild auf diesem Gebiet geworden war (…) [und] sein Traum war es, einmal in den Nationalfarben beim Reitturnier Piazza di Siena in Rom anzutreten. Seine Lieblingsdisziplin waren die sogenannten ‚Potenza’, ein Sprungwettbewerb nach dem Ausscheidungsprinzip, bei dem derjenige gewann, der am höchsten sprang.“Pino Nazio, Il bambino che sogna i cavalli, S. 318. „Auf der Pferderennbahn kennen ihn alle. Er hat bereits einige Turniere und unzählige Preise gewonnen: Er ist der Jüngste und ein vielversprechendes Talent. Er ist das Maskottchen des Reitplatzes von Villabate.“ Beim XXVIII. Concorso Ippico Internazionale di Marsala (22.–28. Mai 1992) gewann Giuseppe den Pokal, an dem ihm am meisten lag.
Eine weitere Leidenschaft Giuseppes waren Videospiele. Die ersten bekam er von Verwandten zu Weihnachten geschenkt. Eines der letzten hatte er von Giovanni Brusca geschenkt bekommen, der sich nach seiner Flucht anfangs auf dem Anwesen der Familie Di Matteo versteckte. In diesem Zusammenhang erinnerte sich Giuseppes Bruder Nicola: „Eines Tages kam Giovanni Brusca und schenkte mir und meinem Bruder Giuseppe eine Nintendo-Konsole, sie steht noch irgendwo bei uns zu Hause. Wie oft haben wir damit gespielt während der zwei Monate, die er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin bei uns wohnte. Damals wusste ich nicht, dass es sich um einen flüchtigen Mafioso handelte, und ich wusste auch nicht, welche Rolle mein Vater bei dem Ganzen spielte.““Di Matteo: ‘Mio fratello sciolto nell'acido ma alla fine la mafia ha perso’”. Interview von Salvo Palazzolo mit Nicola Di Matteo, La Repubblica, 23. Mai 2017 (online). Einer der Gründe für die öffentliche Empörung infolge des Mordes an Giuseppe war die Tatsache, dass Brusca die Entführung, Ermordung und Beseitigung eines Jungen angeordnet hatte, mit dem er selbst eine Zeit lang unter einem Dach gelebt und gespielt hatte.
Die verspielte, liebenswürdige Natur des kleinen Giuseppe zeigt sich auch in den Erinnerungen der Schulkameradin Mariella, die erzählte, wie er einmal „zum Spaß den Pausensnack aller Klassenkameraden versteckt hat“Pino Nazio, Il bambino che sogna i cavalli, S. 253. und wie er einmal, als sie einen Schulausflug nach Agrigent unternahmen, im Bus all ihre Lieblingslieder geträllert hatte. Das Lieblingslied von Giuseppe war Vita mia von Amedeo Minghi, aber er mochte auch die sizilianischen Volkslieder, wie Si maritau Rosa. Mariella erinnerte sich zudem, wie sie nur dank der Unterstützung und Ermutigung ihres besten Freundes die Kraft gefunden hatte, ihre Ängste zu überwinden und Anfang der 1990er-Jahre erfolgreich bei einem Mittelstreckenlauf in Altofonte antrat, bei dem auch Salvatore Antibo zu Gast war.Pino Nazio, Il bambino che sogna i cavalli, S. 313–314. – „in den 1980er-Jahren einer der weltbesten Langstreckenläufer“.
Entführung und Mord Am 23. November 1993 wurde Giuseppe Di Matteo aus der Reithalle in Villabate entführt. In den 779 Tagen seiner Gefangenschaft verfiel sein Körper nach und nach und auch seine Psyche litt zusehends unter der sozialen Isolation. Während der gesamten Zeit durfte der Junge weder mit seinen Liebsten sprechen noch hatte er irgendeine Form von Gesellschaft oder Ablenkung. Aus Furcht, erkannt zu werden, mieden seine Entführer jeden direkten Kontakt und erst in seinen letzten Lebensmonaten bekam er von seinem „Wärter“ in einigermaßen regelmäßigen Abständen Sportzeitschriften und -zeitungen sowie ab und zu Tageszeitungen zu lesen.
Auch die Hygiene und Ernährung des Jungen wurden grob vernachlässigt; so wurden ihm erst nach fast zwei Jahren die Haare geschnitten und er bekam erstmals etwas Milch zum Frühstück und hin und wieder eine warme Mahlzeit, nachdem er zuvor stets nur kaltes Essen bekommen hatte.Alfonso Sabella, Cacciatore di Mafiosi, S. 172. Abgesehen von den Autofahrten von einem Versteck zum nächsten, bei denen er allerdings einen Sack über dem Kopf trug und gefesselt war, kam er nie an die frische Luft.
Da Giuseppe jede körperliche Betätigung fehlte, erschlaffte sein Körper völlig und die Riemen, mit denen er gefesselt wurde, fügten ihm Wunden zu. Einer der Mörder, die den Jungen nach über zwei Jahren Gefangenschaft festhielten, um ihn zu erdrosseln, gestand später: „Inzwischen reagierte er überhaupt nicht mehr, wie man es von einem Kind erwarten würde, er war ganz weich … bestimmt aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfreiheit … der Junge war, wie soll ich sagen, ganz weich, ganz zart, wie aus Butter.“Vincenzo Chiodo, Anhörung vom 28. Juli 1998, abgerufen am 12. Mai 2022 (italienisch)
Der Richter Alfonso Sabella, der die Ermittlungen führte und das Verfahren leitete, rekonstruierte die Bedingungen, unter denen Giuseppe festgehalten wurde, und fasste sie in seinem Buch zusammen; was die einzelnen Verstecke und Episoden aus Giuseppes Leben an diesen Orten betrifft, so finden sich im Buch von Martino Lo Cascio umfangreiche Auszüge aus den Prozessakten.
Nachdem er die erste Nacht in Gefangenschaft in einem improvisierten Versteck in einem Schuppen in Lascari verbrachte, wo es nicht einmal eine Toilette gab, wurde der Junge in verschiedene Verstecke in die Provinz Agrigent verbracht.Martino Lo Cascio, Il giardino della memoria. I 779 giorni del sequestro Di Matteo. Mesogea, 2016. ISBN 88-469-2161-5, zit., S. 136., S. 29–35, 38–4. Es folgten Monate in feuchten Verliesen mit bröckelnden Wänden, improvisierten Latrinen, auf schmutzigen und stinkenden Bettlagern, Monate in Fesseln und Ketten, mit einem Sack über dem Kopf. Tagsüber brachte ihm jemand mit einer Strumpfmaske vermummt etwas zu essen. Zwar litt er nicht an Hunger, bekam aber immer dasselbe zu essen, kalte Pizza und Panini. Ab und zu machten sie ein Foto oder ein kurzes Video von ihm oder diktierten ihm einen kurzen Brief, den er schreiben musste – Nachrichten, die an die Familie geschickt wurden,Alfonso Sabella, Cacciatore di Mafiosi S. 166. um sie zu erpressen.
Zwischen Ende des Sommers 1994 und August 1995 wurde er zuerst in einem als Olivenlager dienenden Bauernhaus in den Madonienbergen versteckt, dann in einem Gebäude in Castellammare del Golfo, von dort „im Lager eines Zitronenhains in Campobello di Mazara“ und anschließend in einem Schlupfloch nahe Erice, allesamt improvisierte Verstecke.Martino Lo Cascio, Il giardino della memoria. I 779 giorni del sequestro Di Matteo. Mesogea, 2016. ISBN 88-469-2161-5, zit., S. 57–62, 75–80. In Castellamare del Golfo wurde er eingesperrt in einem Bad, das kaum Platz für eine Matratze auf dem Boden bot. Sein Essen bekam Giuseppe ebenso wie gelegentliche handgeschriebene Zettel durch eine kleine Luke, die unten in die Tür eingelassen war und an eine KatzenklappeAlfonso Sabella, Cacciatore di Mafiosi, S. 170. erinnerte. In Campobello di Mazara hingegen bestand sein Gefängnis aus einem mit Kisten vollgestellten Lokal mit einem kleinen Nebenzimmer und einem Séparée, in dem eine Art Latrine ausgehoben worden war.Alfonso Sabella, Cacciatore di Mafiosi, S. 170–171.