mini|hochkant=1.3|Darstellung des Weltgerichts auf dem Reformationsteppich Der Reformationsteppich wurde 1667 zum 150. Jahrestag der Reformation von Anna Bump aus Kleve im Kirchspiel Hennstedt in Dithmarschen gewirkt. Die 56 × 350 cm große Tapisserie bildet in origineller Form die Heilsgeschichte ab. Sie befindet sich im Museum Europäischer Kulturen in Berlin. Eine Fotoreproduktion ist in der St.-Secundus-Kirche in Hennstedt ausgestellt.
Webtechnik
Die Gobelintechnik, mit der der Teppich gewirkt wurde, gelangte zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch Remonstranten und Mennoniten nach Dithmarschen, die sich als Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden im nahegelegenen Friedrichstadt niederließen. Wahrscheinlich lernte Anna Bump die handwerklich sehr anspruchsvolle Arbeit bei Bildwirkern in Friedrichstadt. Möglich ist zwar auch, dass sie den Teppich „nur“ entwarf und bei ausgebildeten Handwerkern in Auftrag gab, doch spricht gegen diese Annahme neben der sehr individuellen Gestaltung und der zu beobachtenden Weiterentwicklung während der Arbeit die Tatsache, dass kein einheitliches Material verwendet wurde.
Anna Bump begann ihre Arbeit auf der linken Seite. Ob sie einen Hoch- oder Flachwebstuhl verwendete, ist der fertigen Arbeit nicht anzusehen. Im ersten Feld stehen ihre Initialen AB und die Jahreszahl 1667, am Abschluss ihr Name und das Datum 31. Oktober 1667, so dass davon auszugehen ist, dass die Herstellung des Bildteppichs höchstens zehn Monate benötigte. Die Vorbereitung, wozu neben dem Entwurf vor allem die Webstuhleinrichtung gehörte, muss hinzugerechnet werden. Andere vorbereitende Arbeitsschritte wie die Materialbeschaffung und das Aufbringen der Vorlage auf die aufgespannte Kette fanden erst neben der eigentlichen Wirkerei statt. Als Kette verwendete Anna Bump Leinenwerggarn, als Schussfaden gefärbte Woll-, Seiden- und Leinengarne. Bei der Analyse einzelner, bei der Restauration 1973 genommener Proben konnte festgestellt werden, dass die Rottöne mit Cochenille gefärbt wurden, wobei verschiedene Färbemethoden angewandt wurden, darunter die von Cornelis Jacobszoon Drebbel entwickelte Zinnbeizung, die besonders leuchtende Farben ermöglichte und ab etwa 1645 von Drebbels Nachkommen als „Holländischer Scharlach“ vertrieben wurde. Offensichtlich erhielt Anna Bump immer nur kleine Mengen gefärbter Garne, so dass sie kein einheitliches Material für den gesamten Teppich verwenden konnte, so dass dieser sehr viele unterschiedliche Farbnuancen aufweist. Dunkelblaue Wolle wurde beispielsweise nur im ersten Feld verwendet und anschließend durch Grüntöne ersetzt, und auch die verwendeten Rottöne wechseln teilweise innerhalb der einzelnen Bildfelder. Als Hintergrund für die meisten Szenen wählte Anna Bump ein dunkles Braun, nur die himmlische Sphäre ist durchgängig durch einen blauen Hintergrund hervorgehoben. Eine ausschließliche Auswahl der Farben nach programmatischen Aspekten fand aber nicht statt. So sind zwar in der Auferstehungsszene das Gewand des Auferstandenen und der Nimbus von Gottvater mit dem besonders leuchtenden „Holländischen Scharlach“ ausgeführt, diese Farbe ist jedoch nicht ausschließlich mit der Darstellung von Christus verbunden.
Bilder
Der Teppich stellt insgesamt fünfzig Szenen aus dem Leben Jesu dar. Dabei liegt der Schwerpunkt des Bildprogramms auf den nach der lutherischen Lehre heilsgeschichtlich bedeutsamen Ereignissen. Die fünf Bildfelder enthalten jeweils an den Rändern Bibelzitate, die wörtlich der Lutherbibel von 1545 entnommen sind. Die Texte unter den Bildern fassen den Bildinhalt jeweils in einem möglicherweise von Anna Bump selbst gedichteten Zweizeiler zusammen. Die Darstellungen der einzelnen Szenen sind platzsparend ineinander verschachtelt und zumeist durch einzelne Worte oder Bibelstellenangaben erläutert. Im Laufe der Arbeit rückte Anna Bump die einzelnen Figuren immer enger aneinander, so dass für Trennlinien und Zierornamente, wie sie im ersten Bildfeld noch vorkommen, kaum noch Platz bleibt.
Wie in der Darstellung biblischer Geschichten im Mittelalter und der frühen Neuzeit üblich, sind Jesus und teilweise auch seine Jünger in langen Gewändern dargestellt, während die übrigen Personen zeitgenössische Kleidung tragen. Engel sind zumeist als geflügelte Wesen dargestellt, Teufel als nackte Gestalten mit Schwanz. Heiligenscheine haben außer Maria im ersten Bild nur Jesus und Gottvater.
Erstes Feld – Weihnachten Anna Bump begann ihre Arbeit mit einem Zitat aus , einem Verweis auf die Sintflut. Ein Elefant und ein Nashorn, das Ähnlichkeiten mit dem vielfach reproduzierten Kupferstich Rhinocerus von Albrecht Dürer hat, symbolisieren nach der angegebenen Schriftstelle das Böse,Die von Anna Bump angegebene Bibelstelle Hi 40,10 aus der Lutherbibel 1545 entspricht in den aktuellen Übersetzungen Hi 40,15. Hiob selbst den leidenden, auf Erlösung angewiesenen Menschen. Im Zentrum des ersten Feldes steht dann – direkt unter dem wundenübersäten Hiob – die Geburt Jesu, der auf dem Schoß seiner Mutter dargestellt ist, gerahmt von Hirten mit Tieren, Engeln und den Heiligen Drei Königen – von denen einer einen blauen Henkelkrug in der Hand hält – unter dem sechszackigen Stern von Betlehem. Durch eine Trennlinie von der Weihnachtsgeschichte abgesondert ist die Taufe Jesu abgebildet, darüber Gottvater im geöffneten Himmel. Neben dem leidenden Hiob zeigt eine kleine Szene die Versuchung Jesu. Weitere Szenen aus Jesu Leben wie beispielsweise seine zahlreichen Wunder sind nicht dargestellt.
Zweites Feld – Passion mini|Ausschnitt aus dem Passionsfeld Das zweite Feld hat die Passionsgeschichte zum Inhalt. Elf der insgesamt fünfzehn Szenen stellen das in der Bibel geschilderte Geschehen vom letzten Abendmahl und Jesu Gebet im Garten Getsemane über die Kreuzigung einschließlich der um Jesu Kleidung würfelnden Kriegsknechte bis zur Grablegung dar. Bei der Kreuzinschrift ist Anna Bump ein Fehler unterlaufen: Statt INRI steht neben dem Kreuz IN IR. Weitere Szenen dienen der theologischen Deutung: Die eherne Schlange, die Moses in der Wüste aufrichtet, wird entsprechend als Antitypos der Kreuzigung gedeutet und so auch auf den programmatischen Darstellungen der lutherischen Rechtfertigungslehre von Lucas Cranach dem Älteren und auch auf dem Titelblatt der Lutherbibel von 1545 abgebildet, aus der Anna Bump ihre Bibelzitate entnahm. Das Lamm Gottes ist ein seit dem Frühchristentum verbreitetes Bild für Jesu Opfer. Anna Bump verbindet es durch die Zitatangabe und den Scherer ausdrücklich mit dem im Propheten Jesaja besungenen Gottesknecht. Auch das Bild von Christus in der Kelter hat die christliche Ikonographie dem Propheten Jesaja entnommen. Eine kleine Nebenfigur, ein trauernder Mann mit einem zerrissenen Herzen in der Hand, illustriert . Das vogelartige Wesen rechts vom Kreuz, das einen Schlüssel im Schnabel hält, könnte einen Adler oder einen Phönix darstellen, beides seit dem Frühchristentum Symbole für die Auferstehung. Unter dem Kreuz sind neben Jesus, der sein Kreuz trägt, mehrere weitere Männer zu sehen, die Kreuze tragen, entsprechend der angegebenen Bibelstelle , die dazu auffordert, selbst sein Kreuz auf sich zu nehmen. mini|Gesetz und Gnade von Lucas Cranach dem Älteren; die eherne Schlange, aber auch die Gestalt des Auferstandenen können Anna Bump als Vorbilder gedient haben
Drittes Feld – Auferstehung Im dritten Bildfeld werden die Ereignisse zwischen Jesu Tod und Pfingsten abgebildet: Links unten ist Abstieg Christi in die Unterwelt, symbolisiert durch einen vielzähnigen Rachen eines Monsters, abgebildet. Dem als Skelett abgebildeten Tod entwindet Christus nach einen Stachel. Darüber ist die Auferstehung abgebildet. Maria Magdalena und Simon Petrus sehen einen weißgewandeten Jüngling am leeren Grab, der durch einen flammenartigen Nimbus als Engel zu erkennen ist. Währenddessen wandert der Auferstandene selbst, durch einen Baum von ihnen getrennt, mit zwei in zeitgenössische Tracht gekleideten Jüngern nach Emmaus, wo er beim Mahl von ihnen, die nun in lose Gewänder gehüllt sind, erkannt wird. Diese drei Szenen haben anders als die meisten anderen einen hellen Hintergrund. Den Ortsansichten von Emmaus und Jerusalem in der Mitte des Feldes ist viel Platz gegeben. Rechts davon folgt eine in der christliche Ikonographie eher untypische Darstellung der Himmelfahrt: Im geöffneten Himmel erwartet Gottvater Jesus. Dieser trägt in der linken Hand die Siegesfahne – ein typisches Attribut des Auferstandenen – und in der rechten einen Käfig – eine originelle Wiedergabe von : „Du bist in die Höhe gefahren und hast das Gefängnis gefangen“. Jesus ist bereits von dem Blau des Himmels umgeben. Auf dem „Oliberg“ verfolgen seine Jünger das Geschehen. Über ihnen schwebt ein geflügeltes Wesen als Symbol des am Pfingsttag ausgegossenen Heiligen Geistes. Die beiden Szenen gehen somit unmittelbar in einander über.
Viertes Feld – Weltgericht
Das vierte Bildfeld ist dem Jüngsten Gericht nach der Offenbarung des Johannes gewidmet. Links unten stehen, geweckt von den apokalyptischen Engeln mit Posaunen, die als Skelette gezeichneten Toten aus den Gräbern und dem Meer auf und treten vor den richtenden Christus in der Bildmitte. Als Ort des Gerichts ist nach das „Thal Iosaphat“ angegeben. Laute und Tamburin symbolisieren die Stimme Gottes. Während die vom Lamm Gottes begleiteten Gerechten auf hellem Hintergrund oben von Christus und dem Heiligen Geist im durch den blauen Hintergrund gekennzeichneten Himmel empfangen werden, sind unten in der Hölle die Sünden mit Flasche und Spielkarten, -brettern (Wurfzabel) und -würfeln symbolisiert. Rechts stürzt ein von den vier apokalyptischen Tieren begleiteter Engel mit Lanze den Satan vom Himmel. Eine detailgetreu abgebildete Bockwindmühle links im Bild, über der zwei Frauen stehen, von denen die eine von Christus empfangen wird, verweist auf und damit auf die Frage der Prädestination.
Fünftes Feld – Himmlisches Jerusalem
Fast zwei Drittel des letzten Bildfeldes füllt die Darstellung des himmlischen Jerusalems aus. Die zwölf Tore sind mit den Namen der zwölf Stämme Israels und der zwölf Apostel bezeichnet. In der Stadt sind Engel, mit Namen bezeichnete biblische Personen und weitere Selige, die der Verheißung gemäß getröstet werden und auch einen gedeckten Tisch vorfinden und dafür Gott mit Musik preisen, rings um die Dreieinigkeit versammelt. Unterhalb der Stadtmauer zeigen fünf Szenen die „Pein der Verdampten“, die vergeblich nach Gott suchen – und dafür sogar ein zu Anna Bumps Zeiten neues Fernrohr verwenden. Der Zweizeiler am unteren Rand lautet: „Uns ist aus lauter Gnadn der Himmel neuw bereit / es brent durch Gottes Zorn die Hel in Ewigkeit“.
Statt Bibelversen stehen an den Seiten dieses Bildfeldes zwei Sprichwörter: „Glaub Hoffnung Liebe / stets bei uns bliebe“ und „Bestendichkeit mit Ehr bekleit / zu ieder Zeit“.
Am rechten Bildrand beendete Anna Bump ihr Werk und die Darstellung der Heilsgeschichte mit dem Bibelwort „Bis hierher hat uns der Herr geholfen“ . In der letzten Zeile steht vor Name und Datum die Bibelstellengabe – „Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk“. Anna Bump war sich also im Klaren darüber, dass das von ihr so präzise gezeichnete Bild der Heilsgeschichte einschließlich der mehrfach dargestellten Prädestination zur Verdammnis keineswegs die letzte Wahrheit sein muss.
Anna Bump
mini|Das fünfte Bildfeld mit Darstellung des himmlischen Jerusalems. Am rechten Rand befinden sich die Signatur „Anna Bump“ und das Datum „Anno 1667 D 31. X.“