mini|hochkant=1.8|Tiny Forest in Den Helder (Niederlande) ca. 1 Jahr nach der Anpflanzung Ein Tiny Forest (deutsch: Kleinwald, Mikrowald/Nanowald/Miniwald) ist ein angepflanzter Wald auf einer relativ kleinen Fläche mit einer großen Dichte. Ziel solcher Neuanpflanzungen ist, in urbanen Räumen auf kleinen Flächen möglichst vielfältige, schnell wachsende und sich selbst erhaltende Habitate anzulegen und dadurch eine Verbesserung der Umweltsituation zu erreichen.Elsbeeren, Stieleichen, Eiben, Rotbuchen, Hainbuchen, Vogelkirschen – und drumherum ein Ring aus Ginster, Haselnuss oder Rosen. In: Das Magazin. 4/2022, S. 82–87.
Beschreibung Tiny Forests gehen auf Forschungen des japanischen Pflanzensoziologen Akira Miyawaki zurück, der sich bereits in den 1970er Jahren mit der Waldentwicklung und Begrünung von Großstädten beschäftigte.www.weekend.at: Tiny Forests: Mini-Wälder für Städte, vom 21. April 2022, abgerufen am 20. Juni 2022. Seine Ideen wurden von dem indischen Öko-Unternehmer Shubhendu Sharma aufgegriffen. Sharma pflanzte als Erster kleine verdichtete Stadtwälder auf degradierten Böden. Charakteristisch ist ihre kleine Grundfläche (mehrere Parkplätze, ein Tennisplatz) und die zunächst dichte Bepflanzung (2–7 Bäume je Quadratmeter). Nach der Stabilisierung sollen durchschnittlich 0,5–2,5 Bäume auf einem Quadratmeter stehen.urban-forest.com: The Miyawaki method – Data & concepts (PDF; 3,5 MB), 2020, S. 3. Durch die hohe Pflanzdichte steigt der Konkurrenzdruck innerhalb des Ökosystems. Eine natürliche Waldgesellschaft soll dadurch statt in 200 Jahren bereits in 25–30 Jahren erreicht werden, weil die Phase der Sträucher, Gräser und Pionierbäume übersprungen wird. Nach ihren Befürwortern sind Tiny Forests eine der effizientesten Aufforstungsmethoden.
Besonderes Potenzial wird ihnen bei der Entsiegelung urbaner Flächen zugesprochen, wo sie zur Kühlung in Hitzephasen, gleichmäßigeren Versickerung im Sinne einer Schwammstadt, dem Lärmschutz und der indirekten Steigerung der öffentlichen Gesundheit durch Ökosystemdienstleistungen beitragen sollen.
Als durchschnittliche Fläche eines Tiny Forests wird ein Wertebereich von 100 bis 2000 Quadratmeter angegeben. Aufgrund der Möglichkeit, Tiny Forests mit Hilfskräften und Freiwilligen innerhalb kurzer Zeit anzulegen, eignet sich der Vorgang auch zur schulischen Umweltbildung und Citizen Science. Nach Erfahrungen aus der Praxis beliefen sich 2024 in Deutschland die Kosten für die Anlage einer Fläche von 1000 Quadratmetern auf 10.000 bis 50.000 Euro.FAQ zu Tiny Forests: So sollen Miniwälder die Stadt kühlen – Welche Vorteile haben Tiny Forests? SWR Aktuell, 13. Mai 2024.
Verbreitung mini|alternativtext=Der erste Tiny Forest Deutschlands in Bönningstedt am Tag der Pflanzung|Der erste Tiny Forest Deutschlands in Bönningstedt am Tag der Pflanzung, 2019
Die ersten Tiny Forests wurden in Asien gepflanzt. In Europa verbreitete sich die Idee ab Mitte der 2010er Jahre zuerst in den Niederlanden und Belgien. Der erste Tiny Forest in Deutschland wurde 2019 auf einer öffentlichen Fläche in Bönningstedt durch den Verein Citizens Forests e. V. angelegt.Der erste Tiny Forest Deutschlands in Bönningstedt. Citizen Forests, abgerufen am 23. Januar 2023.So sollen »Miyawaki«-Wälder das Stadtklima verbessern. Spiegel online, 23. August 2021. Baumpflanzaktion für besseres Klima: Miniwälder auf engstem Raum. taz, 17. April 2022. Der Verein pflanzte auf einer Fläche von 210 m² zusammen 580 Setzlinge heimischer und standorttypischer Baumarten nach der Miyawaki-Methode, unter anderem Erle, Buche, Eiche, Esche und Ahorn.Tiny Forests: Mehr Artenvielfalt in der Stadt? Deutsche Welle, 25. Mai 2021, abgerufen am 28. April 2022. Kurz danach wurde ein weiterer Tiny Forest 2020 in der Uckermark angelegt.Der erste Tiny Forest Deutschlands entsteht in der Uckermark. Projektseite der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, 11. Februar 2020, abgerufen am 28. April 2022. Er ist mit 800 m² eine relativ große Anpflanzung und beherbergt 33 heimische Baumarten. Der Verein Citizens Forests e. V. hat innerhalb der ersten drei Jahre seines Bestehens 15 Pflanzungen in ganz Deutschland vorgenommen, wobei die kleinste Fläche ca. 60 Quadratmeter und die größte Fläche in Wedel rund 3400 Quadratmeter umfasst.Projekte. Citizen Forests, abgerufen am 23. Januar 2023. In Lüneburg wurde 2022 in einem Wohngebiet ein Tiny Forest mit einer Fläche von 140 m² angelegt, in dem rund 700 heimische Stauden, Sträucher und Baumarten gepflanzt wurden.Tiny Forest in Lüneburg: Ein Urwald in Kleinformat. NDR, 26. Oktober 2022.
Insgesamt gibt es derzeit (April 2022) weltweit über 3000 Tiny Forests. Die meisten finden sich in Asien und in Europa, wo sie in den Niederlanden und in Belgien häufig sind. Auf Tahiti haben Schüler eines Gymnasiums die Idee aufgegriffen und auf ihrem Schulhof einen Mikrowald gepflanzt.La première micro-forêt urbaine de Tahiti au lycée Paul-Gauguin tntv.pf, 13. Oktober 2022, abgerufen am 12. Mai 2024 (französisch)
Miyawaki-Methode Der japanische Ökologe Akira Miyawaki beschreibt für sein Verfahren folgende Schritte:Akira Miyawaki (1998): Restoration of urban green environments based on the theories of vegetation ecology. Ecological Engineering 11: 157–165. doi:10.1016/S0925-8574(98)00033-0Akira Miyawaki (1999): Creative Ecology: Restoration of Native Forests by Native Trees. Plant Biotechnology 16 (1): 15–25. doi:10.5511/plantbiotechnology.16.15Akira Miyawaki (2004): Restoration of living environment based on vegetation ecology: Theory and practice. Ecological Research 19: 83–90. doi:10.1111/j.1440-1703.2003.00606.x
Zunächst wird für die Region, in der der neue Wald gepflanzt werden soll, die natürliche Waldvegetation und deren Baumarten bestimmt. Miyawaki orientiert sich am Verfahren der potenziellen natürlichen Vegetation, entwickelt durch den deutschen Botaniker Reinhold Tüxen. Nach diesen Vorgaben werden die Baumarten ausgewählt. Da es, insbesondere in tropischen Ländern, schwierig sein kann, geeignetes Pflanzmaterial zu erhalten und eine wurzelechte Pflanzung der meist tiefwurzelnden Bäume schwierig ist, werden diese von Freiwilligen in Pflanztöpfchen herangezogen. Nach Miyawaki ist die richtige Auswahl der Baumarten ganz entscheidend für den Erfolg. Wichtig sei, Bäume der Klimaxvegetation auszuwählen, und nicht schnellwachsende, aber kurzlebige Pionierbaumarten. Er selbst umgibt seine Pflanzungen mit einem Waldmantel aus Straucharten. Ist der Boden der ausgewählten Fläche stark degradiert, empfiehlt er, humusreichen Oberboden aufzutragen. Anschließend werden die Baum-Setzlinge von Freiwilligen im dichten Stand ausgepflanzt. Die Flächen zwischen den Setzlingen werden mit Reisstroh gemulcht, um unerwünschte Konkurrenz durch krautige Arten auszuschalten. Dennoch sei es erforderlich, in den ersten drei Jahren Unkraut zu bekämpfen. Die Krautarten werden ausgerissen und an Ort und Stelle als Mulchdecke liegengelassen. Nach drei Jahren sei die Pflanzung von selbst stabil und bräuchte keine Eingriffe mehr.
mini|hochkant=1.5|Sukzessionsabfolge bis zur Phase der Klimaxvegetation (Phase VIII): Phasen I bis VII sollen beim Tiny Forrest übersprungen werden
Die wesentlichen Vorteile seiner Methode sieht Miyawaki darin, dass, im Gegensatz zur spontanen Selbstbegrünung durch selbst einwandernde Gehölze, die natürliche Sukzession stark abgekürzt werden könne. Seine Wälder seien zudem viel stabiler gegen Katastrophenereignisse als Plantagen aus schnellwachsenden, nach ökonomischen Kriterien ausgewählten Forstbaumarten, wie sie in den meisten Ländern für Erstaufforstungen bevorzugt werden.
Forstliche Grundlagen Die Anzahl der Waldbäume pro Fläche nimmt in einem Tiny Forest zwangsläufig von selbst ab, wenn der Bestand älter wird, weil die heranwachsenden Bäume mehr Platz brauchen. Wenn dies von selbst abläuft, wird es als Selbstausdünnung des Bestands bezeichnet. Die überwachsenen Bäume erhalten zu wenig Licht und sterben ab.Norbert Bartsch und Ernst Röhrig: Waldökologie. Einführung für Mitteleuropa. Springer Verlag, Berlin und Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-44267-8, Kap. 13.1: Konkurrenz. Normalerweise greifen Förster in den heranwachsenden Bestand ein und entnehmen im Rahmen einer Durchforstung gezielt Bäume. Dies ist zum Beispiel notwendig, um Mischbaumarten mit weniger raschem Jugendwachstum im Bestand zu erhalten, die sonst überwachsen und auskonkurriert würden. Es ist durch langjährige Versuche nachgewiesen, dass es eine optimale Stammzahl pro Fläche gibt.vgl. z. B. H. Pretzsch: Von der Standflächeneffizienz der Bäume zur Dichte-Zuwachs-Beziehung des Bestandes. Beitrag zur Integration von Baum- und Bestandesebene. In: AFZ Allgemeine Forst- und Jagdzeitung. Bd. 177, Nr. 10/11, 2006, S. 188–198. Dichter aufwachsende Bestände haben nicht nur weniger Zuwachs, sie sind auch aufgrund der zu kleinen Baumkronen anfälliger gegen Störungen wie Sturmschäden. Zwischen der Anzahl der Bäume (Stammzahl) und ihrem Stammdurchmesser existiert ein fester Zusammenhang (Bestandsdichteregel), der für Forstbäume vom amerikanischen Forstwissenschaftler L.H. Reineke entdeckt wurde. Die Regel wurde später durch eine Arbeitsgruppe um den Pflanzenökologen Kyoji Yoda für Pflanzen ganz allgemein, also auch für krautige Pflanzen bestätigt (Yoda’s law).Norbert Bartsch und Ernst Röhrig: Waldökologie. Einführung für Mitteleuropa. Springer Verlag, Berlin und Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-44267-8, S. 148. Es ist unmöglich, die Stammzahl pro Fläche über den jeweiligen (von der Produktivität des Standorts abhängigen) Schwellenwert zu erhöhen. Die erreichbare Bestandsdichte ist in Mischbeständen mit vielen Baumarten höher als in Reinbeständen.H. Pretzsch and G. Schütze: Tree species mixing can increase stand productivity, density and growth efficiency and attenuate the trade-off between density and growth throughout the whole rotation. In: Annals of Botany. Bd. 128, Nr. 6, 2021, S. 767–786, . Der Kronendurchmesser eines Baums in der Dimension starkes Baumholz liegt in der Größenordnung von etwa 10 Quadratmeter oder darüber. Europäische Baumbestände weisen von Natur aus höchstens zwei-, auf sehr produktiven Standorten mitunter drei vertikale Schichten auf. Die Anzahl der auf einer kleinen Fläche unterzubringenden großen und alten Bäume ist daher begrenzt.
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