Der Suchoi Superjet 100 (SSJ 100; zuvor Russian Regional Jet, RRJ) des russischen Flugzeugherstellers Suchoi ist ein zweistrahliges Regionalverkehrsflugzeug in Tiefdeckerausführung. Das Projekt wird von Suchoi zusammen mit zahlreichen westlichen Partnern und dem Vertriebspartner Alenia umgesetzt. In seiner Erscheinung und Auslegung ähnelt der SSJ stark den Embraer E-Jets sowie dem Airbus A220, ferner der Dornier 728 sowie der 1995 außer Dienst gestellten Dassault Mercure.
Zwischen 24. Mai 2016 und 7. Januar 2019 betrieb CityJet als einzige westeuropäische Fluggesellschaft den SSJ. Im April 2020 wurde der Flugzeugtyp von keiner westlichen Fluggesellschaft mehr eingesetzt. Im Mai 2020 nahm die mexikanische Interjet den Flugbetrieb mit SSJ nach Leasingende ihrer Airbus-Flugzeuge wieder auf, bis zur Einstellung aller Flüge im Herbst 2021.
Geschichte In den 1990er Jahren erstellte Suchoi Marktstudien, die den Hersteller dazu veranlassten, erstmals die Entwicklung und Produktion eines größeren Zivilflugzeugs in Erwägung zu ziehen. Bis dahin hatte Suchoi vornehmlich Militärflugzeuge und Kunstflugmaschinen wie die Su-26 hergestellt. Im Jahr 2000 wurde die Sukhoi Civil Aircraft Company ( (Graschdanskije samoljoty Suchowo) – SCAC) gegründet. Die Studien zeigten einen Bedarf an einem Flugzeug mit einer Kapazität von unter 100 Plätzen bei einer Reichweite bis zu 4500 km, wobei sie das Marktvolumen dieser Art Regionalverkehrsflugzeuge auf eine ungefähre Stückzahl von 250 Maschinen im russischen Binnenmarkt und 550 Maschinen auf internationalen Märkten schätzten.
Im Juli 2002 schrieb Rosawiokosmos einen Wettbewerb für eine neue Regionaljet-Familie mit 50 bis 90 Sitzen aus, die der RRJ am 12. März 2003 gegen die Mjassischtschew M-60-70 und die Tupolew Tu-414 gewann. Die Studien liefen zunächst unter der Bezeichnung RRJ (RRJ steht dabei für Russian Regional Jet – russisch Российский Региональный Самолёт für Flugzeug für den russischen Regionalverkehr) und sahen eine Flugzeugfamilie mit drei Modellen vor. Diese wurden als RRJ-60, RRJ-75 und RRJ-95 bezeichnet, wobei die Zahl in der Typbezeichnung die geplante durchschnittliche Passagierkapazität angab.
Frühzeitig wurde entschieden, einen wesentlich breiteren Rumpf als sonst in dieser Flugzeugklasse üblich zu entwerfen – die Rumpfbreite sollte über jener der häufig als zu eng empfundenen Regionaljet-Modelle Bombardier Canadair Regional Jet und Embraer E-Jets liegen, jedoch unter der Breite der für Regionalmaschinen strukturell zu breiten und zu schweren gängigen Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge wie A320-Familie und Boeing 737. Der Rumpf wird in Russland produziert, während 80 Prozent der Systeme von westlichen Zulieferern stammen.Erster Suchoi Superjet an Kunden übergeben, Handelsblatt, 20. April 2011Florian Willershausen: Himmlische Hoffnung. In: absatzwirtschaft.de, 2/2009, S. 22 ff.
Da das projektierte Flugzeug als erstes russisches von Anfang an auch für den westlichen Markt konzipiert war, wurde am 13. April 2001 ein Kooperationsvertrag mit dem amerikanischen Flugzeughersteller Boeing geschlossen. Er war anfangs auf eine gemeinsame Machbarkeitsstudie beschränkt, wurde jedoch am 13. März 2003 vertraglich zu einer Zusammenarbeit bei Verkauf, Marketing und Service ausgebaut. Boeing, selbst nicht im Regionalflugzeugbau tätig, wurde dabei vornehmlich als beratendes Unternehmen verpflichtet. Diese Stellung sollte Boeing laut Suchoi mindestens bis zum Ende der Flugerprobung innehaben. Dies war für ein russisches Flugzeug ein bisher einmaliger Vorgang.Flug Revue September 2011, S. 32–36, Bewährungsprobe – Suchoi Superjet 100 im Liniendienst Die westlichen Partner bei der Entwicklung wurden im Oktober 2003 ausgesucht. Im April 2003 setzte sich das PowerJet-SaM146-Triebwerk gegen das geplante PW800 von Pratt & Whitney Canada und Awiadwigatel durch.
Am 19. Juli 2004 wurde mit Siberian Airlines ein Erstkunde für 50 Maschinen gefunden, der jedoch später den Auftrag stornierte. Am 28. Oktober 2004 wurde der offizielle Programmstart von SCAC und Boeing bekanntgegeben. Die Teilefertigung begann im Februar 2005.Flug Revue August 2008, S. 34–37, Start in den Erfolg? – Der Suchoi Superjet in der Flugerprobung Ein Cockpit- und Kabinen-Mock-up wurde auf dem Aerosalon 2005 in Le Bourget ausgestellt. Suchoi rechnete im Jahr 2005 mit einem internationalen Gesamtmarkt für solche Flugzeuge von 5.500 Flugzeugen bis ins Jahr 2023 und hoffte, davon einen Anteil von 15 Prozent besetzen zu können.
Als neuer Erstkunde bestellte am 23. Mai 2006 Aeroflot 30 Maschinen. Am 9. Juli 2006 lief erstmals das SaM146-Triebwerk in Rybinsk, dessen Erstflug fand am 6. Dezember 2007 an einer IL-76 statt. mini|Rollout 2007 in Komsomolsk
Auf der Farnborough International Airshow in Farnborough wurde das RRJ-Projekt am 17. Juli 2006 offiziell in Englisch Sukhoi SuperJet 100 umbenannt.Russia’s new RRJ aircraft family renamed Sukhoi SuperJet-100 RIA Novosti vom 17. Juli 2006 Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, dass die Entwicklung der ehemals als RRJ-60 bezeichneten Variante nicht weiterverfolgt würde, sondern man sich zunächst auf die größte Version, inzwischen „Superjet 100-95“ genannt, konzentriere. Laut Suchoi sollte die nächstkleinere Version Superjet 100-75 später folgen. Auch eine Streckung des SSJ 100 zum SSJ 100-110 sei möglich, allerdings besteht durch die Vereinbarung mit Boeing eine Beschränkung auf eine Kapazität von maximal 110 Passagieren in Ein-Klassen-Bestuhlung, um nicht in Konkurrenz zu den kleinen Varianten der Boeing 737 des US-Herstellers zu kommen. Der Listenpreis der SuperJet 100 läge bei etwa 36 Millionen US-Dollar. Der russische Staat vergibt jedoch günstige Kredite zum Kauf des Flugzeugs durch ausländische Gesellschaften, dafür wurden im Jahr 2012 insgesamt 2,5 Milliarden Dollar bereitgestellt.Der Staat unterstützt den Export von russischem Flugzeug, Wedomosti, 30. Oktober 2012 Aeroflot soll nach Angaben im Jahr 2013 seine Flugzeuge zu je knapp 17 Millionen Dollar bezogen haben, inklusive Service durch Suchoi.More trouble ahead for Sukhoi’s Superjet, RBTH, 23. Februar 2013; “In order to offset the losses on that particular contract,” a source at the company says, “we need to sell three planes for every plane sold to Aeroflot.”
Die Entwicklungskosten veranschlagte Suchoi im Jahr 2007 auf zirka 1,4 Milliarden US-Dollar, die von Suchoi selbst, aber auch durch staatliche Subventionen und Kreditgeber getragen wurden. 25 % des Anteils an der für das Programm zuständigen Suchoi-Tochter SCAC hielt dabei das italienische Unternehmen Alenia. Die Gewinnschwelle lag bei den 2007 angenommenen Entwicklungskosten bei einer Produktion von mindestens 300 Flugzeugen, allerdings sei ein Anstieg der Amortisationsschwelle schon 2008 rein durch die absehbaren Verzögerungen absehbar gewesen.Kuckuck. In: Nowaja gaseta. 20. November 2008. Zusätzlich fiel ins Gewicht, dass für jedes an Aeroflot zu einem Spezialtarif verkaufte Flugzeug drei Superjets verkauft werden mussten.
Am 10. September 2007 gründen Alenia und Suchoi das Gemeinschaftsunternehmen Superjet International (SJI) mit Sitz in Venedig, an dem Alenia einen Mehrheitsanteil von 51 Prozent hielt. Dieses ist für den Endausbau und Vertrieb des Superjet 100 auf den Märkten in Europa, Nord- und Südamerika, Afrika, Japan und Australien verantwortlich.AERO: Erster Auftrag für Superjet 100 aus den Vereinigten Staaten Zudem hatte die italienische Muttergesellschaft Finmeccanica 2009 eine Sperrminorität von knapp über 25 Prozent an Suchoi Civil erworben. Dieser Anteil schmolz durch das Nachschießen von Finanzmitteln von russischer Seite stetig und wurde im Januar 2017 abgestoßen.Leonardo gibt Suchoi-Anteile auf, Flugrevue, 13. Januar 2017 Nachdem Alenia zu Leonardo umfirmiert worden war, reduzierte das Unternehmen im Frühjahr 2017 seinen Anteil an SJI auf 10 Prozent.«Superjet è sovradimensionata» A Tessera si preparano i tagli, La Nuova di Venezia e Mestre, 24. Januar 2017
Aufgrund der Sanktionen durch die westliche Welt anlässlich des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 wurden von den Partnern keine Teile mehr geliefert, auch zur Aufrechterhaltung des Flugbetriebs der bestehenden Flugzeuge gab es Mitte April 2022 widersprüchliche Aussagen. IrAero verlautete Probleme bei der Wartung der Triebwerke, der Staatskonzern Rostec behauptete offiziell, es sei alles kein Problem.Rostec behauptet, dass IrAero keine Probleme mit der Reparatur von SSJ-Motoren hat, Kommersant, 18. April 2022 Italien blockierte derweil die Vermögenswerte von Superjet International inklusive der vier Flugzeuge, die in Italien standen.Italy freezes SuperJet International assets, Ch-aviation, 24. Mai 2022 Im Februar 2023 wurde verkündet, dass der aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammende Investor Mark AB Capital Investments sämtliche vorher von Suchoi beziehungsweise der Konzernmutter OAK gehaltenen Anteile an dem Gemeinschaftsunternehmen SJI übernehmen wird. Laut der Unternehmenswebsite von SJI konnte die Transaktion bisher (Stand Dezember 2024) nicht durchgeführt werden, weil die Unternehmensanteile noch immer von der italienischen Finanzaufsicht eingefroren sind.
Flugerprobung der Prototypen und Zulassungsverfahren mini|Dreiseitenansicht Die Endmontage des ersten Prototyps begann im März 2007. Die statischen Belastungstests begannen am 5. Juli 2007 in Schukowski. Der öffentliche Rollout fand am 26. September 2007 im sibirischen Komsomolsk statt.Russland feiert den Superjet 100 Nachdem die Triebwerke im Februar 2008 eingebaut wurden, erfolgte der Erstflug im Mai 2008.
Am 19. Mai 2008 absolvierte der erste Superjet in Komsomolsk mit Cheftestpilot Alexander Jablonzew und Leonid Tschikunow am Steuer seinen Jungfernflug, wie von dem Unternehmen gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax mitgeteilt wurde. Der Flug dauerte eine Stunde und fünf Minuten, wobei der Jet nur auf eine maximale Flughöhe von 1200 m stieg und mit einer Geschwindigkeit von nur 333 km/h sehr vorsichtig geflogen wurde. Der Erstflug des zweiten Prototyps, der über zahlreiche Software-Modifikationen verfügte, folgte am 24. Dezember 2008, die Starts des dritten und vierten Prototyps fanden am 25. Juli 2009 und 4. Februar 2010 statt. Der ursprünglich für Ende 2008 geplante Auslieferungstermin der ersten Maschine an Aeroflot konnte nicht eingehalten werden.
Die russische Zulassung war zunächst für das erste Quartal 2010 vorgesehen, die europäische Zulassung sollte etwa sechs Monate später durch die EASA erteilt werden.Neuer Suchoi Superjet 100 wird erst 2010 ausgeliefert Russland-Aktuell, 12. November 2009 Probleme bereitete die Beantragung eines Typzertifikats für die USA, da die zuständige Flugsicherheitsbehörde FAA die Interessensbekundung einer US-Fluggesellschaft für den Typ einforderte. Die für Delta Air Lines tätige Pinnacle Airlines bekundete später ihr Interesse, womit Suchoi auch die US-Zulassung für den Superjet 100 beantragen konnte.Russian Revolution: The Sukhoi Superjet. (abgerufen am 8. Februar 2007) Im Januar 2011 wurde der Superjet durch die russische Aufsichtsbehörde IAC AR für den regulären Betrieb zugelassen.flugrevue.de: Suchoi Superjet erhält russische Zulassung, 31. Januar 2011
Während Anfang Juni 2010 bereits Tests erfolgreich bestanden wurden, die den zuverlässigen Betrieb des Flugzeugtyps bei nassen Start- und Landebahnen nachweisen konnten, wurde das 7.100 Stunden lange Testprogramm am Triebwerk SaM146 erfolgreich abgeschlossen und der Antrieb von der EASA zugelassen.SaM146 zugelassen in Aero International, Heft 08/2010, S. 53f, Jahr Top Special Verlag, HamburgBadetag in Aero International, Heft 08/2010, S. 55, Jahr Top Special Verlag, Hamburg Angeblich hatte Testpilot Alexander Iwanow 2011 mit dem Superjet eine Fassrolle geflogen.https://www.kommersant.ru/doc/7030379