Die portugiesisch-ukrainischen Beziehungen umfassen die bilateralen Beziehungen zwischen Portugal und der Ukraine. Die Länder unterhalten seit 1992 diplomatische Beziehungen.Webseite zu den Beziehungen Portugals zur Ukraine im diplomatischen Portal des portugiesischen Außenministeriums, abgerufen am 22. April 2022

Die Beziehungen gelten als gut, trotz der geografischen, geopolitischen und historisch-kulturellen Entfernung. Neben der Zusammenarbeit im Rahmen der NATO-Ukraine-Charta (seit 1997) sind beide Länder politisch in internationalen Organisationen verbunden, darunter die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der Europarat, die Weltgesundheitsorganisation, Interpol, die Welthandelsorganisation, der Internationale Währungsfonds oder auch die Internationale Atomenergie-Organisation. Auch im Rahmen der Annäherung der Ukraine an die Europäische Union arbeiten beide Länder zusammen. Der bilaterale Handel und der Kulturaustausch (mit einem regen Studentenaustausch) sind weitere Verbindungselemente. Eine besonders bedeutende Verbindung ist die wachsende ukrainische Diaspora in Portugal: war sie bis Anfang 2022 bereits zu einem wichtigen Verbindungsglied geworden, so näherte die breite gesellschaftliche Solidarität mit der Ukraine nach dem Russischen Überfall auf die Ukraine 2022 beide Länder nun deutlich stärker an.

Bis zur Unabhängigkeit der Ukraine 1991 wurde ihr Verhältnis von den portugiesisch-sowjetischen Beziehungen bestimmt.

Geschichte mini|Nestor Machno (Mitte) mit Semen Karetnyk (Dritter von links) und Fedossij Schtschus (Erster von rechts) um 1919: die zeitweise erfolgreiche anarchistische Bewegung der Ukraine sorgte auch unter der portugiesischen Arbeiterschaft für Interesse. Möglicherweise war der Anarchismus das erste nennenswerte Verbindungsglied zwischen Portugal und der Ukraine. So war die Arbeiterschaft in Portugal seit den 1880er Jahren auch über die Ausrufung der Portugiesischen Republik 1910 hinaus vorwiegend anarchosyndikalistisch orientiert (Gründung der CGTP 1919) und schaute auch auf die Machnowschtschina-Partisanen in der Ukraine, wo es den Kräften um Nestor Machno zeitweilig gelang, große Teile der Ukraine anarchistisch zu organisieren. Die endgültige Zerschlagung der Machno-Bewegung 1922 durch die Rote Armee und der rechtsgerichtete Militärputsch 1926 in Portugal verhinderten dann jedoch eine weitergehende Entwicklung von Kontakten.

Die Ukraine erlangte ihre Unabhängigkeit erst am 24. August 1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion. Am 7. Januar 1992 erkannte Portugal die Unabhängigkeit der Ukraine auch de jure an, 20 Tage später gingen beide Länder direkte diplomatische Beziehungen ein. Im Dezember 1993 eröffnete Portugal eine Botschaft in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, im März 2000 erfolgte die Eröffnung der Vertretung der Ukraine in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon.Übersicht über die portugiesisch-ukrainischen Beziehungen, Website der ukrainischen Botschaft in Lissabon, abgerufen am 23. April 2022 mini|Zusammentreffen von Jewhenija Tymoschenko und Portugals Premier Passos Coelho beim EVP-Gipfel (2012). Erstmals trafen sich die Staatschefs beider Länder im Dezember 1996 beim offiziellen Zusammentreffen von Portugals Präsidenten Jorge Sampaio mit dem ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma am Rande der OSZE-Konferenz in Lissabon. Vom 13. bis zum 16. April 1998 kam Präsident Sampaio dann in die Ukraine zu Besuch.

Präsident Kutschma kam vom 25. bis zum 26. Oktober 2000 zum Gegenbesuch nach Portugal. Der Besuch stand im Zeichen einer Intensivierung der portugiesisch-ukrainischen Beziehungen. So wurden allein im Jahr 2000 ein gegenseitiges Doppelbesteuerungs- und Steuerfluchtverhinderungsabkommen (9. Februar, in Lissabon), ein Freundschafts- und Kooperationsabkommen und ein gegenseitiges Investitionsabkommen (25. Oktober, in Lissabon) und ein Kooperationsabkommen in den Bereichen Bildung, Kultur, Wissenschaft und Technologie, Sport, Jugend und Medien (25. November, in Lissabon) geschlossen. Im Zusammenhang mit der inzwischen zunehmenden ukrainischen Arbeitsmigration nach Portugal folgte am 12. Februar 2003 in Kiew ein Abkommen für zeitweise in Portugal arbeitende Ukrainer, und am 7. Oktober 2004 besiegelten beide Staaten in Kiew ein bilaterales Transportabkommen für Personen und Waren.

Portugals Premier José Sócrates und der ukrainische Regierungschef Wiktor Juschtschenko trafen am 16. Mai 2006 in Warschau zusammen und berieten über weitere Annäherungen. Am 17. November 2006 folgte, erneut in Kiew, ein gegenseitiges Kooperationsabkommen im Tourismusbereich.

Regierungschefs und andere Politiker beider Länder trafen seither im Rahmen von zahlreichen Gelegenheiten zusammen, meist in europäischen Zusammenhängen, etwa zu Treffen der bürgerlich-konservativen Europäischen Volkspartei, in der ukrainische Parteien Beobachterstatus haben, den regelmäßigen EU-Ukraine-Gipfeln oder auch bei Veranstaltungen wie der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Ungarischen Volksaufstands 2006 in Budapest.

Eine erneute Intensivierung erlebten die Beziehungen mit dem Staatsbesuch von Ukraines Präsident Wiktor Juschtschenko am 23. und 24. Juni 2008 in Portugal, der mit einer Reihe Ministern nach Portugal kam, die sich mit ihren portugiesischen Amtskollegen besprachen. Am 24. Juni 2008 unterzeichneten dann beide Länder mehrere Vereinbarungen, insbesondere ein Kooperationsabkommen in der Kriminalitätsbekämpfung, eines zur militärischen Zusammenarbeit und ein Luftfahrtsabkommen. Am 7. Juli 2009 folgte ein Sozialversicherungsabkommen.

Nach verschiedenen Zusammentreffen hochrangiger Politiker beider Länder bei anderen Gelegenheiten kam dann am 18. Dezember 2017 Ukraines Präsident Petro Poroschenko zum Staatsbesuch nach Portugal, wo er auch von seinem portugiesischen Amtskollegen Marcelo Rebelo de Sousa empfangen wurde. mini|Präsident Selenskyj bei seiner Rede vor dem portugiesischen Parlament am 21. April 2022 Am 13. Januar 2021 hielten Portugals Präsident Rebelo de Sousa und der Ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj eine Telefonkonferenz zur Erörterung der weiteren bilateralen Annäherung. Zu den Bereichen, in denen seither eine weitere Intensivierung der Beziehungen beabsichtigt wird, sind die Bereiche Handel, Energie, Raumfahrt, Digitalisierung, und die Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technik. Auch eine engere Zusammenarbeit auf dem Weg zur Integration der Ukraine in die NATO wurde dabei besprochen. Zudem bedankte sich Selenskyj für die portugiesische Unterstützung der territorialen Unversehrtheit der Ukraine, während Rebelo de Sousa erklärte, Portugal und die Ukraine gehörten auch als periphere Staaten ganz zu Europa.

Nach der russischen Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk am 21. Februar 2022 lehnte Premierminister António Costa dies als Bruch des Minsker Abkommens und damit als völkerrechtlich inakzeptabel ab und sicherte der Ukraine die totale Solidarität Portugals zu.Portugal em "total solidariedade" com a Ucrânia - „Portugal in totaler Solidarität mit der Ukraine“, Nachrichtenportal des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders RTP, abgerufen am 23. April 2022 Nach dem folgenden Russischen Überfall auf die Ukraine 2022 verurteilte die portugiesische Regierung diesen umgehend und versicherte der Ukraine erneut ihre volle Solidarität. Seither lieferte Portugal militärisches Gerät (bis Anfang April fast 70 Tonnen), nahm zehntausende Flüchtlinge auf und begann ein umfangreiches Unterstützungsprogramm, zudem entwickelte sich auch auf allen zivilgesellschaftlichen und privaten Ebenen in Portugal eine breite Welle der Hilfe und Solidarität.

Am 21. April 2022 sprach der ukrainische Präsident Selenskyj per Videokonferenz vor dem portugiesischen Parlament. Er bat dabei eindringlich um weitere Unterstützung, sowohl politisch als auch militärisch, und er erinnerte daran, dass die wesentlichen Ziele des am westlichsten Rand Europas liegenden Portugals und der am östlichen Rand Europas liegenden Ukraine gleiche seien, unter Anspielung auf die portugiesische Nelkenrevolution.O discurso de Zelensky a Portugal - „Die Rede Selenskys an Portugal“, Artikel vom 21. April 2022 der portugiesischen Wochenzeitung Expresso, abgerufen am 23. April 2022

Portugiesische Reaktionen und Unterstützung der Ukraine nach dem russischen Überfall 2022 mini|Großdemonstration für den Frieden und gegen die russische Invasion der Ukraine, Lissabon am 27. Februar 2022 mini|Feministische Demonstration am 8. März 2022 in Lissabon, mit allgegenwärtigen Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine Hatte die sich zuspitzende Krise zwischen der Ukraine und Russland seit 2014 zunächst nur erste politische Reaktionen und noch keine breite Aufmerksamkeit in Portugal erregt, so änderte sich dies 2022 grundlegend. Bereits nach der russischen Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk am 21. Februar 2022 bezeichnete Premierminister António Costa dies klar als inakzeptabel und sicherte der Ukraine die totale Solidarität Portugals zu. Nach dem Russischen Überfall auf die Ukraine am folgenden 24. Februar veränderte sich dann die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit Portugals schlagartig. Zum einen mobilisierte die ukrainische Gemeinde in Portugal die Öffentlichkeit, zum anderen sorgte die mediale Berichterstattung für eine breite solidarische Unterstützung der Ukraine auf den verschiedensten Ebenen. Die Politik des Landes verurteilte den Einmarsch ebenso prompt und stand damit in einer Reihe mit den meisten anderen europäischen Ländern.

In seiner Ansprache vor dem Portugiesischen Parlament am 5. März 2022 verurteilte der zuständige Außenminister Augusto Santos Silva den russischen Angriff und unterstrich die vollkommene portugiesische Übereinstimmung mit der Reaktion der EU. Zu der europäischen Herausforderung, die Abhängigkeit von russischen Energieträgern zu reduzieren, hob er dabei hervor, dass eine Wiederholung der Fehler Europas aus 2010 und 2014, die zu einer größeren europäischen Abhängigkeit von russischer Energie geführt hatten, unbedingt zu vermeiden seien. Portugal habe dabei seither den richtigen Weg eingeschlagen und die Nutzung Erneuerbarer Energien stark forciert, was Portugal zu dem Land in Europa mache, das den gesteckten europäischen Zielen und damit der Nicht-Abhängigkeit von russischen Energieimporten am nächsten gekommen sei.Europa condena a invasão da Ucrânia pela Rússia com «unidade e clareza» - „Europa verurteilt die russische Invasion der Ukraine in «Einigkeit und Klarheit»“, Mitteilung vom 15. März 2022 auf der Website der portugiesischen Regierung, abgerufen am 21. April 2022 Bereits am 24. Februar 2022, dem Tag des Einmarsches, erläuterte die portugiesische Regierung, dass inzwischen nur noch 10 % der portugiesischen Gasimporte aus Russland stammten und man diese durch die breit gefächerte Lieferantenstruktur problemlos kompensieren könne. Zudem verfüge Portugal über eine der größten Gasspeicherkapazitäten in Europa (in Prozent des Landesbedarfs). Rohöl importiere Portugal aus Russland seit 2020 nicht mehr und könne zudem seine Importe von Öl-Produkten inzwischen auch über andere Lieferanten decken.Esclarecimento sobre o conflito Rússia-Ucrânia e o sistema energético nacional - „Klarstellungen zum russisch-ukrainischen Konflikt und die nationale Energiestruktur“, Mitteilung vom 24. Februar 2022 auf der Website der portugiesischen Regierung, abgerufen am 11. April 2022