mini|260px|Mädchen mit Siegespalme, 1. Jh. v. Chr., Seneca: unter den Rednern war die Palme im Besitz von Gallio (penes Gallionem palma). Lucius Iunius Gallio (* um 35 v. Chr.Nach ausführlicher Quellenanalyse folgert Schmidt S. 8 und 13: „Es muss also festgesetzt werden, wie es scheint, dass Gallio um 35 v. Chr. geboren wurde … Er scheint Seneca den Älteren († um 39 n. Chr.) überlebt zu haben; statuendum igitur videtur, Gallionem circiter annum u. c. 719 (a. Chr. 35) natum esse … Seneca superstes fuisse videatur“; siehe Literatur; so auch Lindner S. 8.; † nach 39 n. Chr.) war ein Deklamator und Rhetor im Rom der Augusteischen Zeit. Seneca der Ältere zählt ihn mit Latro zu den besten Rednern seiner Zeit.Wen zähle ich zu den ersten vier (Deklamatoren), fragt ihr (meine Söhne). Latro, Fuscus, Albucius, Gallio. Wie oft auch diese gegeneinander angetreten wären, wäre bei Latro der Ruhm, bei Gallio die Siegespalme gewesen; primum tetradeum quod faciam, quaeritis? Latronis, Fusci, Albuci, Gallionis. Hi quotiens conflixissent, penes Latronem gloria fuisset, penes Gallionem palma; Seneca der Ältere, Controversiae, Buch 10, Praefatio (Vorwort), Abschnitt 13.

Leben Er entstammte möglicherweise Spanien, „da der Name des Gallio vor unserem Gallio in Rom nicht vorhanden war, es kann aber erschlossen werden, dass Galliones (schon vorher) in Spanien gelebt haben.“„Quum nomen Gallionis ante nostrum Romae non extiterit, in Hispania autem Galliones fuisse colligatur“; Schmidt S. 5.

Der Dichter Statius erwähnt Gallio – es muss der unsrige sein„Gallio nämlich, auf diese Weise mit Seneca zusammengefügt, wie kann er ein anderer sein als der Studienkamerad und Freund? Gallio enim hoc modo cum Seneca compositus qui potest alius esse, quam studiorum eius socius atque amicus?“ Lindner, Seite 5. – in seinem Genethliakon (Geburtstagsgedicht) für Lukan, den Enkel Senecas: „Du (Baetica, Andalusien) kannst Lukan deiner Erde zuschreiben, dies um so mehr, als du der Welt (auch) Seneca (den Älteren) geschenkt hast oder (auch) den lieblichen Gallio hervorgebracht hast.“Lucanum potes imputare terris, hoc plus quam Senecam dedisse mundo aut dulcem generasse Gallionem; Statius, Silvae, Buch 2, Lied 7, Vers 30–32. Die Brücke nach Spanien liefert hier, obwohl in der zweiten Generation in Rom, Lukans Migrationshintergrund. Da sein Großvater Seneca aus dem baetischen Cordoba abstammte, könnte Gallio denselben Geburtsort gehabt haben.

Es bleibt unklar, wie seine Familie in die patrizische Gens Iunius eintreten konnte. Der Ort des Todes bleibt unbekannt, die Lebenszeit lässt sich eingrenzen. Ausbildung, Lehrer und Privatleben bleiben im Dunkeln, ebenso, ob er eine eigene Schule und welche Schüler er hatte. Die wenigen Informationen zu seinem Leben sind anekdotisch und stehen im Zusammenhang mit den beiden Freunden, Seneca und Ovid, und dem kaiserlichen Hof des Tiberius.

Seneca Seneca kannte Gallio von Jugend an, denn er bewunderte schon das Deklamieren des sehr jungen Mannes (ca. 17) (adulescentulus) und wunderte sich, da er das von so einem zarten Alter (tenera aetas) nicht erwartet hätte.Contr. 7, Praef. 6. Seine enge Beziehung zum jüngeren Gallio äußerte sich auch darin, dass er ihn oft unseren oder gegenüber seinen Söhnen euren Gallio nannte.Beispiele: Gallio noster, Contr. 2, 1, 33; Gallione vestro, Contr. 10, Praef. 8.

Gallio adoptierte Senecas ältesten Sohn, Annaeus Novatus – es bleibt offen, ob vor oder nach seinem Tod„Es wäre vielleicht nicht unpassend anzunehmen, dass Novatus von Gallio adoptiert wurde, als er (Novatus) seinen Vater Seneca durch den Tod verloren hatte; fortasse Novatum a Gallione adoptatum, cum Senecam patrem morte amisisset, non ineptum fuerit contendere“; Lindner S. 8. – ebenfalls Ausdruck der tiefen Freundschaft. Novatus trat damit in die patrizische Gens Iunia ein und beförderte seine politische Laufbahn.

Trotz dieser Freundschaft gibt Seneca nicht viel über sein Leben preis, vielleicht, weil Gallio den Princeps verärgert hatte und auch Seneca vorsichtig sein musste, siehe unten Tiberius.

Ovid Gallio war auch ein enger Freund Ovids, denn Seneca spricht von seinem Naso (suo Nasoni; Suas. 3, 7).

Ovid widmete seinem Freund, mit dem er in seinem Exil (8 – 16 n. Chr.) den Briefverkehr aufrechterhielt, ein Trauergedicht zum Tod seiner Frau, das etwas Privates preisgibt. Er wolle mit diesem Gedicht seinem Freund ein Denkmal setzen, denn dieser habe in Rom unter seiner Verbannung gelitten, darüber viele Tränen vergossen und ihn so getröstet. Genauso will er ihn jetzt über den Verlust seiner Frau trösten: Gallio!… es gefiel den Göttern … dich (Gallio) deiner treuen Frau zu berauben … ein Jahr wird vergehen … bis mein Trostbrief (bei dir) ankommen wird … und fürderhin möge diese (meine jetzige) Vorahnung für dich eintreten, dass du (Gallio) bis dahin (wenn der Brief ankommt) in einer neuen Ehe (wieder) glücklich sein kannst.Gallio! … dis placuit … te spoliare pudica coniuge … dum littera nostra recurrens … annus abit … adde adde quod, atque utinam verum tibi venerit omen, coniugio felix iam potes esse novo; Epistulae ex Ponte, Buch 4, Brief 11. Der joviale und freundschaftliche Gedankengang zeigt die enge Verbundenheit der beiden, Ovid macht dem jüngeren Gallio wieder Hoffnung auf eine glückliche Zukunft. Mehr zu Ovid, siehe Rhetorik.

Tiberius Gallio verkehrte in den Literatur- und Rhetorikzirkeln der Nobilität bis hin zum kaiserlichen Hof. Maecenas und Messalla waren seine Förderer. Für den ersten durfte er ein Büchlein schreiben (siehe unten Schriften, Bathyllus), beim zweiten ging er ein und aus (siehe unten Rhetorik, Plena Deo). Auch Kaiser Tiberius (Kaiser 14 – 37 n. Chr.) ließ sich von Gallio unterhalten und in rhetorischen Geschmacksfragen beraten (siehe unten Plena Deo).

Vielleicht führte die Anerkennung des Kaisers dazu, dass sich Gallio selbst überschätzte und im Senat seine Kompetenzen überschritt, denn nach einer Gesetzesinitiative traf ihn 32. n. Chr. der Bannstrahl des Kaisers: Er (Tiberius) tadelte heftig den Iunius Gallio, der (als Senator im Senat) beantragt hatte, dass die Prätorianer nach Ableistung ihres Dienstes das Vorrecht erlangen sollten, in den (ersten) vierzehn Bankreihen (des Theaters) zu sitzen.Iunium Gallionem qui censuerat ut praetoriani actis stipendiis ius apiscerentur in quattuordecim ordinibus sedendi violenter increpuit; Tacitus, Annales, Buch 6, Kapitel 3. Tacitus sinniert, warum der Kaiser so harsch reagierte. Entweder habe Gallio etwas angestoßen, was der Kaiser übersehen habe, oder ein Gefolgsmann des einflussreichen Prätorianerpräfekten Sejan habe ihm ein Falle gestellt und er sei Opfer des höfischen Ränkespiels geworden. Jedenfalls, so Tacitus, bezahlte Gallio diesen Preis (der Verbannung) für die beabsichtigte Wohltat (für die Prätorianer), er wurde sofort aus der Kurie, dann aus Italien verbannt.Hoc pretium Gallio meditatae adulationis tulit, statim curia, deinde Italia exactus; Ann. 6, 3. Gallio wählte Lesbos und als gemeldet wurde, dass er dort seine Verbannung leicht ertrug (toleraturus), wurde er zurück nach Rom beordert und in Häusern der (kaiserlicher) Beamten unter Hausarrest gestellt.retrahitur in urbem custoditurque domibus magistratuum; Ann. 6, 3. Es bleibt offen, ob der Hausarrest bis zu seinem Lebensende dauerte.

Rhetorik Obwohl sich Gallio bei Seneca den ersten Platz unter den Rednern teilte, behandelt und charakterisiert er ihn diesen gegenüber nur dürftig. Vielleicht hatte er Grund dazu, um Gallio nicht noch mehr zu kompromittieren (siehe oben Tiberius) und wollte sich auch nicht selbst in Gefahr bringen.

Schwächen sind bei ihm nicht auszumachenSafferling, S. 190: „Gallio ist in keinem der uns überlieferten Vorworte ausführlich behandelt, so dass eine offensichtliche Schwäche bei ihm nicht mehr ausgemacht werden kann.“, könnten aber so wie bei den anderen Deklamatoren durchaus vorhanden gewesen sein. Spätere Autoren loben seine rhetorischen Tugenden, wie z. B. Hieronymus, der ihn denen, die kunstgerechte Deklamationen lesen wollen, ausdrücklich empfiehlt.Die einen Fluss der Beredsamkeit und kunstgerechte Deklamationen (lesen) wollen, müssen Tullius, Gallio und Gabinianus lesen; qui flumen eloquentiae et concinnas declamationes desiderant, legant Tullium, Gallionem, Gabinianum; Libri in Isaiam, Buch 8, Vorwort.

Wortgeklingel Die Redner konnten im Prinzipat keine politischen Themen oder Ziele mehr verfolgen und zogen sich in die Rhetorikzirkel der Nobilität und in die Rhetorikschulen zurück, um dort und bei öffentlichen Auftritten, vergleichbar den heutigen Poetry-Slams, um Förderer, Schüler und Anerkennung zu wetteifern. Sie wurden zu Deklamatoren, die höchstens und das auch nur selten vor Gericht praktisch auftraten. Um Aufmerksamkeit zu erheischen und das Publikum emotional mitzureißen, wurden die Themen der Deklamationen immer bizarrer, die formale Gestaltung der Redebeiträge immer aufwendiger. Gallio zeigte sich der Aufgabe gewachsen, sein Wortgeklingeltinnitus Gallionis; Tacitus, Dialogus de oratoribus 26. war erfolgreich und kam an, für Seneca stand ihm die Siegespalme zu, und das gelang ihm, obwohl er inhaltlich und formal zurückhaltender war als seine überschwänglichen Kollegen.

Seneca, der gegen den allgemeinen Verfall der Redekunst anschrieb, gibt von Gallio, ähnlich wie auch von Latro, ein wohlwollendes und eher positives Bild. Anders als seine Kollegen habe er Maß gehalten, nicht übertrieben und seine Redebeiträge inhaltlich und formal geschickt und wohl gesetzt, auf alle Fälle habe er sich darum bemüht: Gallio wusste, raffiniert zu deklamieren und den Redeschmuck des Vortrags an das Thema anzupassen.Gallio subtiliter agendum putavit et ad positionem controversiae colorem actionis derigendum; Contr. 10, 1, 12.

Beispiel Seneca gibt mehrere Proben seiner Redebeiträge. Das folgende Beispiel zeigt, er argumentierte sachlich und themenzentriert, ohne zu übertreiben. Sein zurückhaltender Stil vermied die Fehler der anderen Deklamatoren, bei denen die Tugend so nahe beim Fehler liegt.adprehenditur vitio tam vicina virtus; Contr. 7, Praef. 5.

Das fiktive Thema der 5. Suasorie spielt nach den Perserkriegen: Die Athener beraten, ob sie die Denkmäler ihres Siegs über die Perser abreißen sollten, da der persische Großkönig Xerxes droht, dass er zurückkehren werde, wenn sie sie nicht entfernten.Deliberant Athenienses, an tropaea Persica tollant Xerxe minante rediturum se, nisi tollerentur; Suas. 5, am Anfang. Sechs Disputanten sind gegen den Abriss, nur Gallio (solus) ist dafür. Die Denkmäler verfielen sowieso, die Erinnerung sei wichtiger; Xerxes habe genug Reserven und Soldaten für einen neuen Krieg, jenem sei eine unermeßliche Menge an Männern; an dieser Stelle sagte er (Gallio) den rhetorisch gelungenen Satz, der sowohl in einer Rede als auch in der Geschichtsschreibung seinen Platz finden könne: Jene (Perser) vermögen länger zu verlieren, als wir (Athener) zu siegen (vermögen).illi esse immensam multitudinem hominum. hoc loco disertissimam sententiam dixit, quae vel in oratione vel in historia ponatur: 'diutius illi perire possunt quam nos vincere'. Suas. 5, 8.

Der von Seneca gelobte Schlusssatz zeigt folgende Figuren. Die antithetisch und parallel angelegte Conclusio (illi perire … nos vincere, jene verlieren … wir siegen) betont im Vergleich (diutius … quam, länger … als) die Übermacht der Perser durch eine Alliteration (perire possunt – verlieren vermögen) und eine Ellipse (Auslassung des possumus, wir vermögen). Der prägnante und pointierte Inhalt und der raffinierte und maßvolle Einsatz der Figuren zeigen insgesamt, Gallio stand wie auch Latro dem schlichten Attizismus näher als dem pompösen Asianismus.

Vulgarismen