Der Glickenhaus SCG 007 LMH ist ein Rennwagen der Protoypen-Klasse Le Mans Hypercar (LMH), der zwischen 2021 und 2023 von der Scuderia Cameron Glickenhaus für die FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) entwickelt wurde.
Entwicklungsgeschichte und Technik links|mini|266x266px|James Glickenhaus mit dem SCG 007 LMH in Sebring, 2023 Treibende Kraft hinter der Entwicklung des Fahrzeugs ist der US-amerikanische Regisseur, Produzent und Manager James Glickenhaus, der 2004 mit der Scuderia Cameron Glickenhaus die Produktion von Supersportwagen und Rennwagen aufnahm und sie wiederholt unter anderem beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring an den Start brachte. Mit der Verkündung der Auflösung der bisherigen schnellsten Klasse LMP1 in der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft zum Saisonende 2019/2020 und der Schaffung zweier neuer Klassen verkündete er im Sommer 2018 den Einstieg seines Unternehmens mit einem eigenen Team und Fahrzeug zur Saison 2021. Im Gegensatz zu anderen Herstellern, die ihre Fahrzeuge nach dem kostengünstigeren Reglement Le Mans Daytona h (LMDh) bauten, das ab 2023 zu allen Rennen der WEC eingesetzt werden durfte, entschied er sich für die vergleichbare Klasse Le Mans Hypercar (LMH), die mehr Freiheiten im Design und der Motorisierung der Muster zulässt und bereits ab 2021 eine Startberechtigung in der WEC hatte.
Das Fahrzeug-Chassis konzipierte und baute das italienische Unternehmen Podium Advanced Engineering in Turin unter der Leitung des dortigen Ingenieurs und Miteigentümers Luca Ciancetti und mit Unterstützung des erfahrenen deutschen Rennstalls Joest Racing auf Basis eines persönlichen Entwurfs von James Glickenhaus.Luca Cinacetti bei Podium Advanced EngineeringNeue Partner für Glickenhaus Es ist wie bei allen Hypercars ein Monocoque aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK) mit Mittelmotor. Weitere Entwicklungsarbeiten fanden unter anderem im nahegelegenen Windkanal des Schweizer Formel-1-Rennstalls Sauber Motorsport statt. Der erste Test wurde im Februar 2021 mit Fahrer Romain Dumas auf dem Autodromo Vallelunga durchgeführt. Auffällig sind der große Heckflügel und die unterschiedlichen Felgengrößen der Vorder- und Hinterräder, 13,5-Zoll-Räder vorn und 15-Zoll-Räder hinten, die an die Le-Mans-Rennwagen der 1960er- und 1970er-Jahre erinnern. Glickenhaus habe sich laut eigenen Aussagen diese Fahrzeuggeneration, darunter insbesondere den Lola T70, zum direkten Vorbild genommen.
Auch für den Antrieb entschied sich das Unternehmen für eine traditionelle Lösung und gegen das Prinzip des Hybridantriebs, dem mit Ausnahme des Vanwall Vandervell 680 alle Konkurrenzfahrzeuge folgten. Die ursprünglich geplante Nutzung eines Biturbo-Sechszylindermotors von Alfa Romeo musste aufgrund von Änderungen am Reglement, anhand derer der Antrieb nicht mehr die Mindestleistung erreichte, aufgegeben werden. Stattdessen ließ Glickenhaus vom französischen Unternehmen Pipo Moteurs einen eigenen Motor für den SCG 007 bauen. Der 3,5-Liter-Achtzylindermotor, ebenfalls mit zwei Turboladern, wurde aus zwei Vierzylinder-Blöcken, die auf dem Motor des Hyundai i20 Coupe WRC basieren, gebildet und wurde beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 2023 mit einer Maximalleistung von 750 PS bzw. 552 kW bei 7.500 Umdrehungen pro Minute angegeben. Die Kraft wird über ein halbautomatisches, sequenzielles Siebenganggetriebe von Xtrac Limited, das ohne Kupplungspedal über Wippen am Lenkrad geschaltet wird, an die Hinterräder übertragen.
Renngeschichte
2021 mini|Die #708 von Menezes/Pla/Deraini in Le Mans, 2021 Das erste Rennen des neuen Wagens war das 8-Stunden-Rennen von Portimão 2021, der zweite Saisonlauf der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft 2021, wobei die Einsätze an den Rennstrecken von Joest Racing geleistet wurden. Ursprünglich beabsichtigte Glickenhaus die Teilnahme an der kompletten Saison, durch Verzögerungen bei der Homologation gelang es allerdings nicht, zum Auftaktrennen, dem 6-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps, anzureisen. Glickenhaus meldete einen Wagen für Richard Westbrook, Ryan Briscoe und Romain Dumas. Das Trio qualifizierte sich auf den 11. Startplatz und war damit klar langsamer als die drei anderen teilnehmenden Hypercars von Toyota und Alpine sowie einige LMP2-Fahrzeuge. Im Rennen kämpfte das Team mit überhitzenden Bremsen, zu hoher Reifentemperatur und defekter Kupplung und kam entsprechend nur auf dem 30. Platz ins Ziel. Bereits der folgende Lauf, das 6-Stunden-Rennen von Monza, versprach allerdings Besserung: Der Zweitwagen #708 war rennbereit und wurde für Gustavo Menezes, Olivier Pla und Pipo Derani gemeldet, die sich auch prompt gegen ihre Teamkollegen in der #709 durchsetzen konnten und in der Qualifikation unter einer Sekunde an die von Toyota gesetzte Polezeit herankamen. Im Rennen fiel die #708 nach 90 Runden aus, während die #709 zwischenzeitig sogar die Führung übernehmen konnte, durch einen Bremswechsel allerdings über vier Runden verlor und sich Westbrook/Briscoe/Dumas somit mit dem vierten Platz im Gesamtklassement begnügen mussten.
Das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 2021 nahm Glickenhaus wieder mit zwei Fahrzeugen und drei direkten Hypercar-Gegnern, den beiden Toyota GR010 Hybrid und einem Alpine A480, auf. Das Rennen verlief für die beiden Mannschaften ereignislos und die #708 kam analog zur Qualifikation vor der #709, die Fünfte wurden, auf Platz 4 ins Ziel. Die SCG 007 LMH waren somit zwar weiterhin die Schwächsten der drei Hypercar-Muster dieses Jahres, die Haltbarkeit hatte allerdings in kurzer Zeit nach dem Desaster von Portimão deutliche Fortschritte erzielt. Im Anschluss an dieses Rennen zog Glickenhaus die Wagen zurück und reiste nicht zu den beiden verbliebenen Saisonläufen nach Bahrain an.
2022
mini|Glickenhaus SCG 007 LMH beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 2022...Die WEC-Saison 2022 war die erfolgreichste Saison mit dem SCG 007 LMH. Glickenhaus beschränkte sich mit Ausnahme des Rennens in Le Mans auf den Betrieb nur noch eines Wagens und meldete die #708 bereits zur Saisoneröffnung, dem 1000-Meilen-Rennen von Sebring. Die Fahrermannschaft des Wagens bestand in diesem Jahr aus Olivier Pla, Romain Dumas und Pipo Derani, der allerdings für das Sebring-Rennen durch Ryan Briscoe ersetzt wurde. Die direkten Hypercar-Gegner waren anfangs wie schon im Vorjahr die beiden Toyota GR010 Hybrid sowie ein Alpine A480. Ab dem 6-Stunden-Rennen von Monza, gleichzeitig der letzte Lauf in diesem Jahr, an dem Glickenhaus teilnahm, trat Peugeot mit dem Peugeot 9X8 ein. Sowohl in Sebring als auch beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans konnte der dritte Platz des Gesamtklassements erreicht werden, beim 6-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps sowie in Monza sogar die Pole-Position. Einem Sieg am nächsten kam Glickenhaus ebenfalls in Monza, wo, begünstigt durch die Balance of Performance, der Wagen mit der Nummer 708 schon einen Vorsprung von 40 Sekunden hatte, ehe in ein Schaden am Turbolader zur Aufgabe zwang.Glickenhaus verliert möglichen Monza-Sieg Durch den Erfolg in Le Mans wurde Glickenhaus zum ersten US-amerikanischen Konstrukteur seit Ford im Jahr 1969, dem es gelang, dort einen Podestplatz zu erzielen.
2023
mini|...und bei der Ausgabe 2023Die Hoffnungen, die Saison 2023 der WEC ähnlich erfolgreich bestreiten zu können, erfüllten sich nicht. Seit diesem Jahr waren die leistungstechnisch vergleichbaren Le Mans Daytona h (LMDh) erstmals bei allen Rennen startberechtigt und Glickenhaus sah sich erdrückender Konkurrenz zahlreicher neuer Fahrzeuge großer Automobilkonzerne wie dem Porsche 963, Ferrari 499P oder Cadillac V-Series.R ausgesetzt. Es gelang kaum, sich gegen diese Muster durchzusetzen und Glickenhaus konnte schließlich nur noch die mit einem noch schwächeren Fahrzeug startende Vanwall-Mannschaft mit dem Vanwall Vandervell 680 hinter sich halten. Seinen letzten Einsatz hatte der SCG 007 LMH beim 6-Stunden-Rennen von Monza, bei dem die Mannschaft der #708 um Pla, Briscoe und Dumas als Achte ins Ziel kamen.
Im Oktober 2023 verkündete James Glickenhaus das Ende seines Hypercar-Programms mangels Erfolgsaussichten im Angesicht der zahlreichen Werkskonkurrenz und fehlenden Geldmitteln zur notwendigen Weiterentwicklung des Fahrzeugs.
Statistik
Einzelergebnisse in der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft
Saison Team Startnummer Fahrer 1 2 3 4 5 6 7 2021 Glickenhaus Racing 708 Luís Felipe DeraniGustavo MenezesOlivier PlaFranck Mailleux DNF 4 709 Ryan BriscoeRomain DumasRichard WestbrookFranck Mailleux 30 4 5 2022 Glickenhaus Racing 708 Olivier PlaRomain DumasRyan BriscoeLuís Felipe Derani 3 9 4 DNF 709 Ryan BriscoeRichard WestbrookFranck Mailleux 3 2023 Glickenhaus Racing 708 Ryan BriscoeRomain DumasOlivier PlaFranck MailleuxNathanaël Berthon DNF 8 13 6 8 709 Franck MailleuxNathanaël BerthonEsteban Gutiérrez 7
Weblinks
Der SCG 007 LMH auf der Website von Glickenhaus Racing
Einzelnachweise
Kategorie:Rennwagen Kategorie:Coupé Kategorie:Le-Mans-Hypercar Kategorie:Rennwagen des 24-Stunden-Rennens von Le Mans