Die Gesellschaft der Associierten Cavaliers, auch Gesellschaft der Associierten Cavaliere oder Gesellschaft der Associierten, war eine lockere Vereinigung adliger Musikliebhaber in Wien, die seit Mitte der 1780er Jahre bestand. Sie organisierte und finanzierte Aufführungen musikalischer Werke, insbesondere von Oratorien, und gab auch Kompositionsaufträge. Unter anderem engagierte sie Wolfgang Amadeus Mozart für die Bearbeitung und Aufführung von Werken Georg Friedrich Händels und beauftragte Joseph Haydn mit der Komposition der Schöpfung und der Jahreszeiten. Ihr Initiator und Sekretär war der Baron Gottfried van Swieten, nach dessen Tod 1803 die Gesellschaft an Bedeutung verlor.
Entstehung und Tätigkeit
mini|Gottfried van Swieten. Kupferstich von Johann Ernst Mansfeld mini|Neuer Markt um 1832, im Hintergrund das Palais Schwarzenberg. Aquarell von Rudolf von Alt Die Gesellschaft entstand vermutlich aus den Privatkonzerten van Swietens, die dieser seit etwa 1780 veranstaltet hatte. Sie hatte ihr Augenmerk zunächst darauf gerichtet, Oratorien von Händel in großem Maßstab aufzuführen. Im Allgemeinen richtete van Swieten einen deutschen Text ein und die Gesellschaft finanzierte einen Komponisten oder Kapellmeister, der das Werk für die Zwecke der Aufführung und die zur Verfügung stehenden Instrumente arrangierte und gewöhnlich auch die Aufführungen leitete. Sie sorgte auch für das Orchester, meist die Wiener Hofmusikkapelle, den Chor und die Solistinnen und Solisten. Zudem stellte sie die Proben- und Aufführungsorte zur Verfügung. Geprobt wurde meist in van Swietens Haus, Hauptproben fanden wohl teilweise in der kaiserlichen Hofbibliothek statt, deren Präfekt van Swieten war. Aufgeführt wurden die Werke oft im Palais Schwarzenberg, manchmal auch in anderen Stadtpalästen der Mitglieder. Die Aufführungen waren grundsätzlich nicht öffentlich, sondern wurden nur für geladene Gäste ausgerichtet, die freien Eintritt hatten. Bei besonders erfolgreichen Werken finanzierten die Mitglieder gelegentlich auch öffentliche Aufführungen, die dann meist als Benefizkonzerte ausgelegt waren. Im Falle von Haydns Oratorien gab die Gesellschaft auch den Kompositionsauftrag und bezahlte ihn.Ulrich Leisinger: Associierte Cavaliere (Gesellschaft der Associierten Cavaliere). In: Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber Verlag, Laaber 2010, S. 60–61; Georg Feder: Die Assoziierten Kavaliere. In: Georg Feder: Joseph Haydn, Die Schöpfung. Bärenreiter, Kassel, New York 1999, S. 126–127. Sie brachte dafür erhebliche Summen auf, genannt werden etwa allein für ein Mitglied, den Fürsten Joseph II. (Schwarzenberg), beinahe 2500 Gulden innerhalb der vier Jahre von 1798 bis 1801.Jen-yen Chen: Musical Culture and Social Ideology in Vienna circa 1800: Aristocratic Patronage and Bourgeois Reception of Joseph Haydn’s Oratorios. In: Concentric: Literary and Cultural Studies, Jg. 36, H. 1 (März 2010), S. 189–215, hier: S. 192.
Als erstes Werk, das die Cavaliers aufführen ließen, gilt Händels Oratorium Judas Maccabäus, 1786 arrangiert und dirigiert von dem Kapellmeister Josef Starzer. Nach Starzers Tod engagierten die Associierten Wolfgang Amadeus Mozart, der für sie in den Jahren 1789 und 1790 die Händel-Werke Acis und Galatea, Das Alexanderfest und die Cäcilienode, vor allem aber den Messias bearbeitete und vom Cembalo aus dirigierte. Zudem leitete Mozart für die Associierten 1788 zwei Aufführungen von Carl Philipp Emanuel Bachs Oratorium Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, ebenfalls von ihm für die Möglichkeiten des Orchesters arrangiert.
Nach Mozarts Tod kam es zu einer Zusammenarbeit mit Joseph Haydn. Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze hatte Haydn in einer Instrumentalfassung für einen spanischen Auftraggeber komponiert. In Zusammenarbeit mit van Swieten, der den deutschen Text gemeinsam mit Haydn revidierte, schuf Haydn für die Cavaliers eine Vokalfassung als Oratorium, die 1796 im Schwarzenberg-Palais uraufgeführt wurde. Im selben Jahr gab die Gesellschaft bei Haydn die Komposition der Schöpfung in Auftrag, die im April 1798 bei Schwarzenberg zum ersten Mal erklang und eine Reihe von Wiederholungen erlebte, bevor sie 1799 öffentlich aufgeführt wurde. Der nächste Auftrag an Haydn waren Die Jahreszeiten, die Haydn erst 1801 fertigstellen konnte. Im April 1801 dirigierte Haydn persönlich die Uraufführung im Palais Schwarzenberg, wiederum vor geladenen Gästen.
Organisation, Name, Mitglieder
Über die Organisationsstruktur der Gesellschaft ist wenig bekannt. Statuten wurden nicht gefunden, öffentliche Mitteilungen sind rar, da die Aufführungen als Privatkonzerte stattfanden.Ulrich Leisinger: Associierte Cavaliere (Gesellschaft der Associierten Cavaliere). In: Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber Verlag, Laaber 2010, S. 60–61. Zwar berichtet der Agent des Musikverlags Breitkopf & Härtel, Georg August Griesinger, der mit Haydn und van Swieten in enger Beziehung stand, dass van Swieten ihm versprochen habe, „einige Materialien … über die Musicalische Gesellschaft, deren Stifter und Seele er ist, mitzuteilen“,Brief Griesingers an Gottfried Christoph Härtel vom 25. März 1801. In: Otto Biba (Hrsg.): „Eben komme ich von Haydn …“ Georg August Griesingers Korrespondenz mit Joseph Haydns Verleger Breitkopf & Härtel 1799–1819. Atlantis Musikbuch, Zürich 1987, S. 59–66, hier: S. 64. offenbar für eine Publikation in der Allgemeinen musikalischen Zeitung, doch scheint es dazu nicht gekommen zu sein. Auch die Mitgliederzahlen und Mitgliederlisten, die in diversen Quellen angegeben werden, variieren. Selbst die Kontinuität der Vereinigung ist nicht gesichert: Reinhold Bernhardt gab 1930 in einem Jahrbuch von Breitkopf & Härtel auf unklarer Quellenbasis an, dass die Gesellschaft der Associierten Cavaliers nur von 1786 bis 1792 bestanden habe und 1799 eine Neugründung stattgefunden habe, um Haydns Oratorien zu subventionieren, eine Auffassung, der verschiedene Musikwissenschaftler gefolgt sind, etwa Theophil Antonicek.Reinhold Bernhardt: Aus der Umwelt der Wiener Klassiker: Freiherr Gottfried van Swieten (1734–1803). In: Der Bär. Jahrbuch von Breitkopf & Härtel auf die Jahre 1929/1930. Leipzig 1930, S. 74–166, hier: S. 147, S. 162. Digitalisat. Theophil Antonicek: "Vergangenheit muß unsre Zukunft bilden": Die patriotische Musikbewegung in Wien und ihr Vorkämpfer Ignaz von Mosel. In: Revue belge de Musicologie, Jg. 26/27, S. 38–49, hier: S. 38. Edward Olleson schreibt hingegen in Grove Music Online, dass die Sponsorentätigkeit der Associierten über die ganzen 1790er Jahre angedauert und ihren Gipfel mit Haydns Oratorien erreicht habe.Edward Olleson: Swieten, Gottfried (Bernhard), Baron van. 20. Januar 2001, doi:10.1093/gmo/9781561592630.article.27216. Ulrich Leisinger hält die Angabe Bernhardts für „nicht ganz verständlich“, da „kontinuierliche Aktivitäten der Gesellschaft“ über den ganzen Zeitraum zu verzeichnen seien.Ulrich Leisinger: Associierte Cavaliere (Gesellschaft der Associierten Cavaliere). In: Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber Verlag, Laaber 2010, S. 60–61.
Der Name der Gesellschaft wird in zeitgenössischen Veröffentlichungen nicht genannt. In den Akten des Hauses Schwarzenberg tauchen sie als die „Herrn Associirten“ auf, Haydn nannte sie in einem Brief vom 3. Juli 1801 die „Associrten H. Cavaliers“.Georg Feder: Joseph Haydn. Die Schöpfung. Bärenreiter, Kassel, New York 1999, S. 126. Haydns Brief nach Dénes Bartha (Hrsg.): Joseph Haydn: Gesammelte Briefe und Aufzeichnungen. Bärenreiter, Kassel u. a. 1965, S. 368f., Brief 270 an Griesinger. In Griesingers Briefen figurieren sie als die „Musicalische Gesellschaft“. Die heute übliche Standardform „Gesellschaft der Associierten Cavaliers“ oder „Cavaliere“ ist vor dem 20. Jahrhundert nicht belegt.Dexter Edge, David Black: Early 1788: Mozart conducts C. P. E. Bach’s Die Auferstehung and Handel’s Judas Maccabeus. Mozart: New Documents. 23. Februar 2015. Online.
Als Gründungsmitglieder werden neben van Swieten genannt: die Fürsten Joseph II. (Schwarzenberg), Lobkowitz, Moritz von Dietrichstein und das Haus Esterházy sowie die Grafen Anton Georg Apponyi und Batthyány.Carl Ferdinand Pohl: Joseph Haydn. Zweiter Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1882, S. 161. Pohl nennt allerdings den Namen der Gesellschaft nicht. Griesinger zählt neben diesen Namen als Mitglieder und Auftraggeber der Schöpfung auf: die Fürsten Liechtenstein, Auersperg, Kinsky, Lichnowsky, Trauttmansdorff und Sinzendorf sowie die Grafen Czernin, Harrach, Erdődy und Fries.Georg August Griesinger: Biographische Notizen über Joseph Haydn. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1810, S. 67 (Digitalisat). Albert Christoph Dies gibt eine etwas variierte Liste, auf der sich auch ein Graf Marschall sowie ein Freiherr von Spielmann finden.Albert Christoph Dies: Biographische Nachrichten von Joseph Haydn. Nach mündlichen Erzählungen desselben entworfen und herausgegeben. Camesinaische Buchhandlung, Wien 1810, S. 159. Für die Jahreszeiten werden 24 Mitglieder angegeben, darunter war zusätzlich der Fürst Paar.Ulrich Leisinger: Associierte Cavaliere (Gesellschaft der Associierten Cavaliere). In: Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber Verlag, Laaber 2010, S. 60–61.
Generell ist die Vorstellung, es habe sich um eine „personell weitgehend stabile, fest umrissene Gesellschaft mit spezifischem Namen“ gehandelt, ein Produkt der Musikgeschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts und lässt sich in den Quellen so nicht wiederfinden, so Constanze Marie Köhn auf der Basis von Quellenstudien für ihre Dissertation zu den Cavaliers. Der Begriff der Gesellschaft habe Ende des 18. Jahrhunderts keineswegs notwendigerweise eine feste organisatorische Bindung impliziert.Constanze Marie Köhn: „der Beytrag eines jeden Herrn Mitgliedes der Gesellschaft …“. Oratorienpflege in einer adeligen „Gesellschaft“ des späten 18. Jahrhunderts. Vortrag bei der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Musikwissenschaft, 25.–27. November 2021, Graz. Book of Abstracts, S. 49. static.uni.graz.at.
Historische Einordnung