mini|Von einem Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn ausgegebenes 9-Euro-Ticket für Neukunden mit Verweis auf den maßgeblichen Deutschlandtarif mini|Von einem Fahrkartenautomaten der Stadtwerke Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main (VGF) ausgegebenes 9-Euro-Ticket für Neukundenmini|Ein durch die Leipziger Verkehrsbetriebe ausgegebenes 9-Euro-Ticket für den Monat August Das 9-Euro-Ticket war ein vom 1. Juni 2022 bis zum 31. August 2022 befristetes Sonderangebot im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland. Es handelte sich um eine bundesweit gültige Monatskarte, die 9 Euro kostete und somit deutlich günstiger als reguläre Zeitkarten war. Das Angebot war als Entlastung für Vielfahrer gedacht, sollte aber auch neue Kundenkreise an den ÖPNV heranführen.

Insgesamt wurden rund 52 Millionen 9-Euro-Tickets verkauft. Dazu kamen etwa zehn Millionen Abonnenten von Zeitkarten, die das 9-Euro-Ticket in den drei Monaten jeweils automatisch erhielten.

Die Evaluierungen bezüglich der Auswirkungen des 9-€-Tickets sind heterogen: Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) stellte bei 10 % der Ticketbesitzer den Verzicht auf mindestens eine Autofahrt am Tag zugunsten der ÖPNV-Nutzung fest. In einer gemeinsamen Studie des Ifo Institut für Wirtschaftsforschung, der Universität Nürnberg und der Universität Salzburg wurde das 9-€-Ticket als vergleichsweise teuer und bezüglich der Klimaschutzwirkung als ineffizient bewertet.Bericht zur Studie über die Wirkung der Aktion;abgerufen am 2. September 2024. Politisch wurde das Ticket aufgrund der hohen Verkaufszahlen und der mehrheitlichen Forderung nach einer Fortführung als Erfolg bewertet. Insgesamt zeigte sich, je nach Zielsetzung, ein ambivalentes Bild.

Anlass und Entstehung Die Fahrkarte war Teil eines Entlastungspakets, das durch das Kabinett Scholz aufgrund der wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine gestiegenen Energiekosten beschlossen wurde. Die Idee entstand am frühen Morgen des 24. März 2022 gegen 5 Uhr, im Verlauf einer – zu diesem Zeitpunkt bereits seit acht Stunden andauernden – Nachtsitzung des Koalitionsausschusses. Bundesverkehrsminister Volker Wissing von der FDP schlug dabei ursprünglich ein 90 Tage gültiges Ticket für 90 Euro vor, das jedoch nicht als ausreichende Entlastung angesehen wurde.Der 9-Euro-Sommer. In: Der Spiegel Nr. 23, 4. Juni 2022, S. 14. Wissing wollte damit die Grünen zufriedenzustellen. Das Angebot sollte darüber hinaus auch einen Anreiz für Kraftfahrer darstellen, angesichts hoher Preise für Diesel und Benzin auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Die Maßnahme sollte zugleich klimafreundlich und sozial sein.

Gesetzliche Grundlage Für das 9-Euro-Ticket wurde eine Änderung des Regionalisierungsgesetzes am 19. Mai 2022 vom Bundestag – gegen die Stimmen von CDU/CSU und AfD – und am 20. Mai vom Bundesrat beschlossen.Bundesrat stimmt für Neun-Euro-Ticket, Der Spiegel, 20. Mai 2022.

Dem Gesetz wurde u. a. folgender § 8 Abs. 1 Satz 1 angefügt: – Text, Änderungen, GesetzesmaterialienDrucksache 20/1739, Deutscher Bundestag, 10. Mai 2022.

In dem Gesetz wurde zudem ein Ausgleich des Bundes an die Länder in Höhe von 2,5 Milliarden Euro für die dadurch entstandenen finanziellen Nachteile festgelegt. Der Ausgleich schlüsselte sich pro Bundesland auf. Die Aufteilung sollte von angepasst werden.

Gültigkeit Das 9-Euro-Ticket war in den Deutschlandtarif integriert und berechtigte zur bundesweiten Nutzung der zweiten Wagenklasse des öffentlichen Personennahverkehrs, das heißt im Interregio-Express (IRE), Metropolexpress (MEX), Flughafen-Express (FEX) und Regional-Express (RE), in der Regionalbahn (RB), S-Bahn (S), U-Bahn (U), Stadtbahn und Straßenbahn (Tram), im Oberleitungsbus, Stadtbus und Regionalbus (Bus) sowie den Personen-Fähren (F) die einem Verkehrsverbund zugehörig sind.

Das 9-Euro-Ticket galt zudem auf Strecken im Ausland, die auch sonst im Deutschlandtarif enthalten sind. Dazu zählen die Strecken von Deutschland nach Salzburg, Schaffhausen und Kufstein sowie die Außerfernbahn. In einigen Verkehrsverbünden und Landestarifen wurden ebenfalls die zu ihnen gehörenden Auslandsverbindungen anerkannt, z. B. im KVV nach Lauterbourg und Wissembourg in Frankreich oder im Niedersachsentarif nach Hengelo in den Niederlanden.

In Fernbussen und im Schienenpersonenfernverkehr (ICE, IC, EC etc.), inklusive privater Anbieter (Flixtrain, Westbahn, Thalys etc.), galt das Angebot hingegen nicht. In Zügen von DB Fernverkehr, die abschnittsweise als RE beziehungsweise RB verkehren oder über eine zusätzliche RE-Zugnummer verfügen, galt das 9-Euro-Ticket grundsätzlich nicht. Jedoch wurde nach Verhandlungen zwischen einzelnen Aufgabenträgern und DB Fernverkehr die Anerkennung auf den Verbindungen Stuttgart–Konstanz und Iserlohn-Letmathe–Dillenburg vereinbart. Auf der Verbindung Bremen–Leer–Norddeich Mole/Emden Außenhafen galt das 9-Euro-Ticket zunächst nicht in den Zügen von DB Fernverkehr (IC 34, IC 35, IC 56); das Land Niedersachsen hatte die von der Deutschen Bahn dafür geforderten 5,24 Mio. Euro Ausgleichszahlungen als nicht nachvollziehbar abgelehnt – die Anerkennung aller anderen Nahverkehrstickets auf der Strecke kostet Bremen und Niedersachsen ca. 2,9 Mio. Euro für ein ganzes Jahr. Später wurde eine Anerkennung ab dem 8. Juli beschlossen, hierfür zahlt das Land 1,5 Mio. Euro. Darüber hinaus wurden die als Schnellzug (D) klassifizierten SyltShuttle-plus-Züge (SSP) von Juni bis August für Nahverkehrsfahrkarten freigegeben, darunter auch das 9-Euro-Ticket.

Neben den Verbindungen im Deutschlandtarif galt das 9-Euro-Ticket auch auf einigen nicht darin enthaltenen Strecken:

Schmalspurbahn Freital-Hainsberg – Kurort Kipsdorf Schmalspurbahn Radebeul Ost – Radeburg Schmalspurbahn Cranzahl – Oberwiesenthal Harzquer- und Selketalbahn (nicht jedoch die Brockenbahn) Schmalspurbahn Bad Doberan – Kühlungsborn West Rügensche Kleinbahn Putbus – Göhren Döllnitzbahn Oschatz – Mügeln – Kemmlitz/Glossen (nur in Dieselzügen, bei Dampfzügen Dampfzuschlag erforderlich) Schmalspurbahn Zittau – Oybin und Schmalspurbahn Bertsdorf – Kurort Jonsdorf (zzgl. 5 € Historik-Zuschlag pro Tag und Person) Kirnitzschtalbahn Standseilbahn Dresden Schwebebahn Dresden Thüringer Bergbahn Obstfelderschmiede – Lichtenhain an der Bergbahn – Cursdorf

Vertrieb 9-Euro-Ticket für Neukunden Das sogenannte 9-Euro-Ticket für Neukunden konnte über die beteiligten Verkehrsunternehmen bezogen werden. Der Verkauf erfolgte überwiegend vorab, das heißt online, an Fahrkartenautomaten oder personenbedient, vereinzelt auch an Bord beim Fahrpersonal. Offizieller Verkaufsbeginn war am 23. Mai 2022, wobei einige Verkehrsunternehmen schon Mitte Mai mit dem Vertrieb begannen. Beim Kauf der Fahrkarte konnte der Monat gewählt werden – es war also bereits im Mai möglich, Tickets für alle drei Monate zu kaufen. Beim Kauf für den laufenden Monat galt das 9-Euro-Ticket unabhängig vom Kaufzeitpunkt bis zum Ende des jeweiligen Kalendermonats. Die Mitnahme von weiteren Personen war nicht enthalten, die Fahrradmitnahme sowie die Mitnahme von Hunden erfolgte gemäß den lokalen Regelungen der jeweils zuständigen Verkehrsverbünde. Die Fahrkarte war personengebunden und galt nur zusammen mit einem amtlichen Lichtbildausweis. Der eigene Name musste vom Fahrgast vor Fahrtantritt handschriftlich und in Druckschrift in das dafür vorgesehene Feld eingetragen werden. Eine Entwertung war nicht erforderlich, da der zeitliche und räumliche Geltungsbereich bereits aufgedruckt war. Online gekaufte Tickets waren dabei schon ab Kauf personalisiert.

9-Euro-Ticket für Stammkunden Beim sogenannten 9-Euro-Ticket für Stammkunden reduzierte das ausgebende Verkehrsunternehmen Fahrgästen, die bereits ein Abonnement besitzen, für den Aktionszeitraum die Kosten ihrer Zeitkarte automatisch auf 9 Euro monatlich.

Auch die Stammkunden konnten ihre Zeitkarte, wie ein 9-Euro-Ticket für Neukunden, in den drei Monaten deutschlandweit in Bahnen und Bussen des Nahverkehrs nutzen. Besonderheiten der bestehenden Tarifbestimmungen der lokal zuständigen Verkehrsverbünde (z. B. Übertragbarkeit, Mitnahme weiterer Personen, Nutzung der ersten Klasse, Nutzung von Zügen von DB Fernverkehr etc.) galten nur im angestammten Geltungsbereich.

Ob Studenten, die an vielen Hochschulen einen erhöhten Semesterbeitrag („Sockelbetrag“) zahlen und dafür abends und am Wochenende mit dem Semesterticket kostenfrei den regionalen ÖPNV nutzen dürfen, ebenfalls als „Stammkunden“ zählen, die das 9-Euro-Ticket nicht extra erwerben müssen, unterschied sich je nach Verkehrsverbund.

In Hamburg erhielten Bürger mit Anspruch auf Sozialrabatt gemäß HVV-Tarif das 9-Euro-Ticket kostenfrei.

In Monheim am Rhein galt das gratis an Einwohner der Stadt ausgegebene Monheim-Ticket als 9-Euro-Ticket. Das in Stralsund gratis an Einwohner ab 70 Jahren ausgegebene Ticket 70+ galt ebenfalls als 9-Euro-Ticket.

Schüler aus Berlin, für die der ÖPNV berlinweit kostenfrei ist, durften das 9-Euro-Ticket ebenfalls gratis nutzen.

Nutzung und Folgen mini|Demonstration von Campact für die Fortführung des 9-Euro-Tickets, 29. August 2022 Laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) wurden bis Ende August rund 52 Millionen 9-Euro-Tickets verkauft. Dazu kommen rund 10 Millionen Abonnenten, die das Ticket in den drei Monaten automatisch erhalten hatten. Im Monatsmittel wurden somit ca. 27 Mio. Tickets verkauft, etwa ein Drittel der Einwohnerzahl. Die Zahl der Fahrten wurde auf eine Milliarde pro Monat geschätzt, das über den Drei-Monats-Zeitraum eingesparte CO2-Äquivalent mit 1,8 Millionen Tonnen. Bemängelt wurde allerdings, dass der VDV seine Datengrundlage nicht offenlegte. Als Wirtschaftsverband habe der VDV finanzielle Interessen und sei befangen, kritisierte der Verkehrswissenschaftler Christian Böttger.

Laut Marktforschung sind 17 Prozent der Ticketnutzer im August von anderen Verkehrsmitteln auf den ÖPNV umgestiegen. Im August haben 10 Prozent der Käufer auf mindestens eine Autofahrt täglich verzichtet. In Bezug auf die Fahrten dürfte allerdings nur wenig Verkehrsleistung vom Autoverkehr verlagert sein. Im Juni lag dieser Anteil bei lediglich 3 Prozent, während 27 Prozent der Fahrten ohne das 9-Euro-Ticket nicht stattgefunden hätten.

52 Prozent der Käufer und Abonnenten nutzten das Ticket für alltägliche Fahrten, 40 Prozent für Besuchsfahrten und 37 Prozent für Wege zur Arbeitsstätte. Ausflugsfahrten und Städtereisen folgten mit 33 bzw. 32 Prozent. 31 Prozent der Fahrten von Ticket-Käufern und 26 Prozent von Abonnenten fanden (zumindest teilweise) außerhalb des eigenen Verbundraums bzw. Gültigkeitsbereichs statt. 27 Prozent der Käufer haben den ÖPNV zuvor seltener als einmal im Monat genutzt, jeder fünfte war Neukunde ohne vorige ÖPNV-Nutzung. Der wichtigste Kaufgrund war der Preis (69 Prozent), gefolgt von der Flexibilität der Nutzung (51 Prozent). 88 Prozent der Nutzer zeigten sich zufrieden.

Innerhalb der ersten beiden Verkaufstage wurden allein über die digitalen Plattformen der Deutschen Bahn mehr als eine Million 9-Euro-Tickets für Neukunden erworben. Der Andrang war so hoch, dass es zeitweise zu Serverproblemen kam. Innerhalb der ersten Woche verkaufte die Deutsche Bahn über 2,7 Millionen 9-Euro-Tickets für Neukunden. Am 31. Mai 2022 meldete der VDV, es seien bereits sieben Millionen 9-Euro-Tickets für Neukunden verkauft. Im Gültigkeitszeitraum von Juni bis August war ein stark erhöhtes Fahrgastaufkommen zu beobachten. Von verschiedenen Seiten wurde eine dauerhafte, starke Reduzierung der ÖPNV-Preise durch die Politik gefordert. Bahn und Verkehrsverbünde betonten jedoch, dass ein Monatsticket zum Preis von 9 Euro nicht dauerhaft finanzierbar sei.Alisha Mendgen: Suche nach einem Anschluss In: fr.de, 7. Juni 2022, abgerufen am 9. Juni 2022.