mini|Von den tamilischen Separatisten beanspruchte Gebiete Sri Lankas (grün)
Der Bürgerkrieg in Sri Lanka war ein von 1983 bis 2009 dauernder bewaffneter Konflikt, in dem tamilische Separatisten, vor allem der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), um Unabhängigkeit vom Inselstaat Sri Lanka kämpften. Die LTTE forderte, aus den tamilischen Siedlungsgebieten im Norden und Osten der ansonsten singhalesisch dominierten Insel einen unabhängigen Staat Tamil Eelam zu bilden. Der schwelende ethnische Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen mündete am 23. Juli 1983 in einen Bürgerkrieg. Nach über 25 Jahren endete der Bürgerkrieg am 18. Mai 2009 mit dem vollständigen militärischen Sieg der sri-lankischen Regierungstruppen über die LTTE – begleitet von dem als Mullivaikkal-Massaker bekannt gewordenen letzten Kriegsverbrechen an der tamilischen Zivilbevölkerung.
Die Zahl der Todesopfer während des Krieges zwischen 1983 und 2009 wird auf 80.000 bis 100.000 geschätzt.
Geschichte des Konflikts Die zwei größten Bevölkerungsgruppen in Sri Lanka sind die vorwiegend buddhistischen Singhalesen und die meist hinduistischen Tamilen. Über 2000 Jahre lang gab es teilweise parallel singhalesische und tamilische Königreiche auf der Insel. Diese bestanden entgegen der häufig vertretenen These einer Erbfeindschaft die meiste Zeit in friedlicher Koexistenz mit regem kulturellem Austausch. Relevant ist dabei die Tatsache, dass die beiden Gruppen unter kulturell-religiösen Aspekten nicht allzu weit voneinander entfernt sind: Zum einen enthält die singhalesische Volksreligion, die neben dem Buddhismus praktiziert wird, schon immer viele hinduistische Elemente; zum anderen gab es über Jahrhunderte auch in der tamilischen Bevölkerung große Anteile von Anhängern des Buddhismus (vielfach bezeugt für das Gebiet von Tamil Nadu).
Die wichtigsten historischen Konflikte bestanden zwischen singhalesischen Königreichen und tamilischen Staaten Südindiens, vor allem den Cholas, die über lange Perioden weite Teile der Insel beherrschten. Heute berufen sich nationalistische Singhalesen besonders auf die in den buddhistischen Chroniken berichtete Geschichte des singhalesischen Prinzen Dutugemunu, der im 2. Jahrhundert v. Chr. vom Süden der Insel aus den in Anuradhapura herrschenden südindischen König Elara besiegte, um die tamilische Herrschaft zu beenden; dabei wird oft verschwiegen, dass Elara, obschon Hindu, (z. B. laut der Chronik Mahavamsa) ein gerechter und volksnaher Herrscher war, der die Religion seiner singhalesischen Untertanen respektierte. In der westlichen Indologie wird heute die Ansicht vertreten, dass der Krieg Dutugemunus wenig mit Ethnie oder Religion zu tun hatte, sondern diese Geschichte erst im Laufe der Zeit von verschiedenen buddhistischen Autoren verändert wurde, um ein singhalesisch-buddhistisches Nationalgefühl und einen entsprechenden Nationalhelden zu schaffen.
Als im 16. Jahrhundert die europäischen Kolonialmächte auf den Plan traten, gab es drei Königreiche in Ceylon, zwei singhalesisch-buddhistische in Kandy und Kotte (heute Sri Jayawardenepura) und ein tamilisch-hinduistisches in Jaffna. Unter den Portugiesen und den Holländern blieben diese voneinander getrennt; nachdem die britischen Kolonialherren 1815 das Reich von Kandy besiegt hatten, vereinigten sie die drei Königreiche zu einer Verwaltungseinheit Ceylon. Unter den Briten wurden in der Verwaltung vor allem hochkastige Tamilen eingesetzt, was durch ihre traditionell gute Bildung begünstigt wurde, aber wohl hauptsächlich einer Divide-et-impera-Taktik entsprach; dadurch genossen die Tamilen einige Privilegien. Die britische Regierung holte zahlreiche indische Tamilen nach Ceylon, die sie als Arbeitskräfte auf ihren Teeplantagen benötigte. Der Anteil von Tamilen an der Gesamtbevölkerung stieg dadurch im Lauf der Zeit von 12 auf 18 Prozent an. Bereits 1840 kam es daher zu ersten Spannungen wegen des unterschiedlichen Glaubens.
Nach der vom britischen Parlament freiwillig zugestandenen Unabhängigkeit der Insel am 4. Februar 1948 bekam die UNP (United National Party) die Regierungsgewalt; sie war zunächst keine Partei einer bestimmten politisch-ideologischen Richtung, sondern eine Vereinigung von westlich orientierten Angehörigen der aus Singhalesen, Tamilen und Muslimen bestehenden Oberschicht, die einen eigenen Staat forderten. 1948–49 wurden Gesetze zur Ausbürgerung der seit über 100 Jahren im Land ansässigen Indien-Tamilen beschlossen, die zu Uneinigkeit innerhalb der Regierung führten. Es gab Abspaltungen und Parteigründungen der verschiedenen ethnischen Gruppen, unter anderem die singhalesisch-nationalistische Sri Lanka Freedom Party (SLFP).
Schon seit einiger Zeit hatte sich eine Sinhala-only-Bewegung entwickelt, die aus buddhistischen Gruppierungen hervorging. Dabei ging es zunächst nicht so sehr um den Gegensatz Sinhala-Tamil als um die Dominanz des Englischen (das ein Großteil der Singhalesen nicht beherrschte) und die Dominanz von (singhalesischen und tamilischen) Christen in Bildungswesen und Verwaltung.
Die SLFP gewann mit dem Slogan Sinhala only die Parlamentswahl im Jahr 1956, wobei sie von einer Welle des singhalesischen Nationalgefühls getragen wurde, das mit der Buddha Jayanthi, dem 2500. Jahrestag des mutmaßlichen Todes des Buddha, zusammenhing. Die SLFP-Regierung versuchte, mit ihrer Politik die „Singhalisierung“ der Insel zu bewirken. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten kam es immer wieder zu Ausschreitungen gegen Tamilen, bei denen sich, zunächst in Studentenkreisen, langsam Widerstand formierte, weil die Armee ein Massaker an der tamilischen Bevölkerung anrichtete.
Zuerst wurde 1956 durch den Official Language Act Sinhala zur einzigen Amtssprache gemacht. Es folgte 1957 der Shri-Streit um singhalesische Schrift auf Autokennzeichen. Nach dem gegenseitigen Übermalen von Schriftzeichen kam es 1958 zu Pogromen mit rund 400 toten Tamilen. Daraufhin wurde der Tamil Language Act erlassen, der die Benutzung von Tamil in mehrheitlich von Tamilen bewohnten Gebieten erlaubte.
Ab 1970 kam es zur Benachteiligung von Tamilen im Bildungssystem, beispielsweise durch die Anpassungen der benötigten Punktzahl bei Universitätszulassungstests für Tamilen, um eine dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechende Quote von tamilischen Studenten in naturwissenschaftlichen Studiengängen zu erreichen. 1972 wurde der offizielle Staatsname in Shri Lanka geändert, was als pro-buddhistisch empfunden wird. Der Buddhismus wurde bevorzugte Religion und Sinhala einzige offizielle Sprache.
In den folgenden Jahren verschärfte sich der Konflikt zwischen den beiden Volksgruppen weiter. Verschiedene politische Parteien und Organisationen schlossen sich in dieser Zeit zur Tamil United Liberation Front (TULF) (dt. Vereinigte tamilische Befreiungsfront) zusammen. Diese forderte einen eigenen Tamilenstaat (Tamil Eelam) im Norden und Osten der Insel. Durch den Prevention of Terrorism Act von 1979 konnten die Grundrechte Einzelner in nur vage definierten Verdachtsfällen aufgehoben werden.
Verlauf des Bürgerkriegs mini|LTTE-Schnellboot vor einem durch die sri-lankische Luftwaffe versenkten Frachter
Als Anfangsdatum des Bürgerkriegs wird meist der 23. Juli 1983 angenommen, als bei einem Anschlag auf eine Militäreinrichtung im Norden der Insel 13 Soldaten starben. Nach dem Anschlag kam es zu landesweiten Pogromen gegen die tamilische Minderheit. In ihrem Verlauf wurden, vor allem in den Gebieten mit singhalesischer Bevölkerungsmehrheit, zwischen 1000 und 5000 Tamilen ermordet und mindestens 100.000 zur Flucht in andere Landesteile gezwungen, wobei ein großer Teil des tamilischen Eigentums in singhalesische Hände überging; dabei wurden die Täter teilweise von regierungsnahen Politikern angestachelt und Mitglieder von Polizei und Militär beteiligen sich an den Ausschreitungen.
Auf Seite der Tamilen gewann bald die LTTE (auch als „Tamil Tigers“, tamilische Tiger bezeichnet) die Oberhand, indem sie andere separatistische tamilische Gruppierungen rigoros und teilweise gewaltsam bekämpfte. Im andauernden Krieg konnte sie als stärkste militärische Kraft auch schnell die politische Führung der Tamilen übernehmen.
In den Jahren nach Ausbruch des Bürgerkriegs gab es einen regen Austausch zwischen den Tamilen im indischen Bundesstaat Tamil Nadu und den Tamilen Sri Lankas. So nutzte die LTTE das indische Festland immer wieder als Ausgangsbasis und Rückzugsraum, und sri-lankisch-tamilische Flüchtlinge fanden in Indien eine neue Heimat. Dadurch sah Indien jedoch die regionale Sicherheit gefährdet und entsandte schließlich 1987 mit UNO-Mandat und unter Zustimmung der Regierung Sri Lankas Friedenstruppen (Indian Peace Keeping Forces, IPKF) in den Inselstaat.
Indien handelte einen Friedensvertrag mit der sri-lankischen Regierung aus, der vorsah, die Tamilen in einem Gebiet Sri Lankas zusammenzufassen, das anschließend weitreichende Autonomie erhalten sollte. Die LTTE startete gegen die IPKF jedoch in einen blutigen Guerillakrieg, der ca. 1500 Inder das Leben kostete; schließlich musste sich Indien nach 32 Monaten auf Druck der sri-lankischen Regierung erfolglos aus dem Konflikt und aus Sri Lanka zurückziehen. Als Resultat der Verhandlungen zwischen Indien und Sri Lanka wurde vereinbart, in einem Zeitraum von ca. 30 Jahren die Hälfte der „Indien-Tamilen“ in Sri Lanka einzubürgern und die andere Hälfte nach Indien zu repatriieren.
Gleichzeitig formierte sich auf singhalesischer Seite die JVP („Janatha Vimukthi Peramuna“) neu, die schon im Jahr 1971 als bewaffnete kommunistische Guerillaorganisation gegründet wurde, die ihrerseits gegen die Zentralregierung kämpfte. Sie rekrutierte sich vor allem aus der mit der Regierung unzufriedenen ärmeren singhalesischen Landbevölkerung, insbesondere Jugendlichen. Ihr Ziel war die Errichtung eines kommunistischen Regimes in ganz Sri Lanka. Der Kampf der Tamilen wäre damit in ihren Augen hinfällig, da in einem kommunistischen Sri Lanka Nationalität ohnehin keine Rolle spielen würde. Aufgrund der räumlichen Trennung kam es aber weder zu nennenswerten Konflikten noch zu einer Zusammenarbeit mit der LTTE. Die Zentralregierung band viele ihrer Kräfte in einem vehementen Kampf gegen die JVP und schickte sogar „Todesschwadronen“ aus, um diese zu vernichten. Dies gelang ihr jedoch erst im Jahr 1989, wobei auch viele singhalesische Zivilisten ihr Leben verloren. Durch diesen „Bruderkrieg“ unter Singhalesen wurde die Zentralregierung erheblich geschwächt. Der LTTE hingegen gelangen in der Folgezeit ihre beiden aufsehenerregendsten Aktionen: Die Ermordung des sri-lankischen Regierungschefs Ranasinghe Premadasa und des indischen Premiers Rajiv Gandhi.
Schließlich ergab sich eine Pattstellung: Die LTTE kontrollierte den Norden und Nordosten, war jedoch nicht stark genug, um die sri-lankische Regierung zur Annahme ihrer Friedensbedingungen zu zwingen; die Regierung kontrollierte den Rest des Landes, war jedoch nicht in der Lage, den Norden und Nordosten zu erobern. Erst 1996 war die sri-lankische Armee soweit reorganisiert, dass sie eine Offensive starten konnte. Ihr gelang es zwar, die nördliche Jaffna-Halbinsel zu erobern, nicht jedoch die LTTE zu zerstören, die weiterhin aus dem Dschungel der Vanni-Region heraus operierte. Durch Einsatz von Selbstmordkommandos (Black Tigers) verspielte sich die LTTE viele ausländische Sympathien und wurde zum Beispiel 1997 in die US-Liste der terroristischen Vereinigungen aufgenommen.
Brüchiger Waffenstillstand Das von den LTTE kontrollierte Gebiet war politisch, militärisch und administrativ autonom, so dass man von einem De-facto-Staat sprechen konnte, der allerdings von der sri-lankischen Regierung nicht anerkannt wurde. Im Februar 2002 kam es zu einem Waffenstillstand und Friedensverhandlungen; in den folgenden zwei Jahren entspannte sich der Konflikt merklich, jedoch wurde die Stimmung schon bald darauf wieder feindseliger.