mini|Hauptmann-Porträt von Max Liebermann (1912) Atlantis ist der Titel eines 1912in Fortsetzungen im „Berliner Tageblatt“ und als Einzelausgabe bei S. Fischer Berlin publizierten Romans von Gerhart Hauptmann über die Lebenskrise des Arztes Friedrich von Kammacher, die durch die psychische Krankheit seiner Frau und die Faszination von einer 16-jährigen Tänzerin ausgelöst wird. Er bricht mit seiner Vergangenheit und folgt seinem Idol in die USA. Nach dem Untergang des Ozeanschiffes und der Rettung der beiden gerät der Protagonist in ein sexuelles zerstörerisches Abhängigkeitsverhältnis. Mit Hilfe einer Freundin kann er sich von seiner Obsession befreien und einen neuen Lebensstil entwickeln.

Überblick Hauptmanns Roman besteht aus zwei Teilen: Erstens die mit einem Schiffbruch endende Nordatlantikfahrt des Arztes Friedrich von Kammacher in die USA. Zweitens seine Orientierungssuche nach einem neuen Leben im Künstlermilieu New Yorks und in der Einsamkeit Connecticuts mit dem Ergebnis, nach Europa zurückzukehren. Nach einer Ehekrise, die mit dem Selbstmord seiner psychisch kranken Frau endet, und einem wissenschaftlichen Misserfolg einerseits und andererseits durch die Faszination von der 16-jährigen Tänzerin Ingigerd Hahlström will Kammacher mit Europa brechen und in den USA einen Neubeginn versuchen. Auslöser ist die Gastspielreise Ingigerds mit dem Dampfer „Roland“ nach New York. Kammacher bucht kurzentschlossen eine Kabine auf dem Schiff, um seinem Idol näherzukommen. Doch anstelle des unschuldigen Mädchens seiner Phantasie lernt er die Künstlerin als launisch-kapriziöse, von Männern umschwärmte und von einem Gönner finanzierte Femme fatale kennen, die seine Missionierungsversuche, den unsteten Varieté-Betrieb aufzugeben, ablehnt. Gleichzeitig versteht sie es aber, ihn an sich zu fesseln. Die Überfahrt wird durch eine stürmische See erschwert. Die „Roland“ stößt mit einem Wrack zusammen und sinkt. Nur wenige Passagiere, darunter Kammacher und Ingigerd, überleben und werden gerettet.

In New York fühlt sich Kammacher, da Ingigerds Vater und ihr Gönner ertrunken sind, als ihr Beschützer. Sie bindet ihn an sich und wird mit ihm intim. Er setzt seine Besserungsversuche fort und schlägt ihr ein gemeinsames Leben vor. Doch sie hält an ihrer bereits auf dem Schiff geäußerten Vorstellung, sich nicht an einen einzigen Mann zu binden, fest. Vielmehr will sie das mediale Interesse an ihrem Schicksal für ihre Karriere als Tänzerin ausnutzen, und sie setzt ihren Willen nach Vertragsstreitigkeiten mit dem Varieté und dem Wechsel zu einer anderen Agentur durch. Kammacher ist von dieser Entwicklung enttäuscht, zumal er sich in der Neuen Welt entwurzelt und orientierungslos fühlt. Ein Bekannter bringt ihn bei einer Künstlergruppe unter. Er versucht sich als Bildhauer, aber ihn stößt das amerikanische Geschäfts- und Vermarktungsmodell ab, an dem sich auch die Künstler orientieren müssen. In dieser Situation sind sein Studienfreund Peter Schmidt und die Bildhauerin Eva Burns seine Stützen. Der Arzt Schmidt lädt ihn zu sich nach Meriden in Connecticut ein und in der ländlichen Einsamkeit erholt sich Kammacher von einer schweren Nervenkrise. Eva Burns hat bereits in New York mit einer kreativen Therapie und ihrer bodenständigen Lebensstrategie die Lösung Kammachers aus der Hörigkeit von Ingigerd und seine Befreiung aus seinem Weltschmerz eingeleitet. In Meriden pflegt sie ihn gesund, und beide kehren nach Deutschland zurück, um zu heiraten und sich um Kammachers drei Kinder zu kümmern.

Inhalt Vorgeschichte Zu Beginn des Romans ist die Hauptfigur, der 31-jährige Arzt Dr. Friedrich von Kammacher, auf dem Weg nach Southampton, um dort dem deutschen Post- und Schnelldampfer „Roland“ zuzusteigen. Zur Reise hat er sich spontan entschieden, als er die Nachricht erhielt, dass sein Idol, die 16-jährige Tänzerin Ingigerd Hahlström, am 23. Januar 1892 von Bremen aus zu einem Engagement nach New York aufgebrochen ist. Das weißblonde Mädchen mit dem Madonnengesicht hat ihn in Berlin mit ihrer Vorstellung „Mara oder das Opfer der Spinne“, die er sich achtzehnmal ansah, fasziniert: Als elfenartiges Märchenwesen, das eine Blume besucht, gerät sie in das Fädengeflecht einer Spinne, das sie erdrosselt. Kammacher betrachtet die Tänzerin als „Inkarnation kindlicher Reinheit“.zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Atlantis“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 3, S. 39. Diese Begegnung fiel zeitlich zusammen mit einer Lebenskrise des Arztes. Er galt als große wissenschaftliche Begabung und hatte sich „auf bürgerliche Weise“ auch familiär erfolgreich etabliert, doch durch die Psychose seiner Frau ist seine Familie in Unordnung geraten. Dazu kam seine offenbar fehlerhafte Untersuchung des Milzbranderregers, die fachwissenschaftlich kritisiert wurde. So gab Kammacher seine Praxis und die bakteriologischen Untersuchungen auf, verkaufte sein Haus in Plassenberg, gab seine drei Kinder, Albrecht, Bernhard, Annemarie, bei Pastor Mohaupt in Pension und brachte seine hereditär (genetisch) nervenkranke Frau Angele in Pflege beim Kollegen Binswanger unter. Zu Beginn seiner Reise ist er „recht angewidert von den Hanswurstiaden dieser Welt […] Beinahe die ganze Welt, jedenfalls aber Europa ist für [ihn] eine stehengebliebene kalte Schüssel auf einem Bahnhofsbüfett, die [ihn] nicht mehr reizt.“zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Atlantis“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 3, S. 13.

Nordatlantikreise So beginnt er seine Fahrt in Gedanken an „ein Wirrsal von schmerzlichen, zum Teil einander bekämpfenden Erinnerungen […] einander verdrängend, in einer unablässigen Jagd“: „Draußen [liegt] der unendliche Ozean. – Man [kann] nicht anders in einem solchen Augenblick, als ihn nächtlich und finster vorstellen! – eine furchtbare Macht, die dem Menschen und dem Werke der Menschen feindlich ist.“ Aber das mächtige, haushohe Schiff und die Mannschaft machen auf Friedrich einen vertrauenserweckenden Eindruck: „Nun lieber Roland […] du bist ein Kerl, der es mit dem Ozean aufnehmen wird.“ Die Mannschaft ist „eine Sammlung prächtiger Menschen, vom Offizier bis zu Steward herab, alles große und auserlesene Leute, dazu von einem Gesichtsschnitt, der ebenso kühn als schlicht, ebenso klug als treuherzig anmutet[-]. Friedrich von Kammacher sagt[-] sich, dass es doch wohl noch etwas wie eine deutsche Nation gebe, und fühlt[-] zugleich Stolz und vertrauende Sicherheit.“zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Atlantis“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 3, S. 18 ff. Dieses Vertrauen in die große Maschine und die erfahrenen Seeleute aktiviert Kammacher immer wieder, wenn das Schiff sich im stürmischen Seegang schwer bewegt und kaum voranzukommen scheint, wenn die schwankenden Passagiere sich bei jedem Schritt sichern müssen, Porzellan- und Glasbruch in der Küche zu hören ist, die Seekranken nicht mehr ihre Kabinen verlassen können und die Nebelhörner in regelmäßigen Abständen Warnsignale geben. Einige Passagiere, u. a. der Artist Artur Stoß, sorgen sich, ob sie rechtzeitig am 1. Februar in Hoboken ankommen werden. In Kammachers Träumen zeigen sich Untergangsängste. Schon nach zwei Tagen empfindet er die Reise als kleine Strapaze und das Sturmwetter und der Nebel nehmen im Lauf der Reise zu.

Kammacher fühlt sich auf der Reise in die neue Welt, wie er dem Schiffsarzt erzählt, als „echtes Kind [s]einer Zeit“ und „Mensch von Bedeutung“ der „führende[n] europäische[n] Mischrasse“, in dem „der Papst und Luther, Wilhelm der Zweite und Robespierre, Bismarck und Bebel, der Geist eines amerikanischen Multimillionärs und die Armutsschwärmerei, die der Ruhm des heiligen Franz von Assisi ist“, stecken. Er kommt sich ebenso zerrissen vor, „wie die Menschheit im ganzen ist“: „Ich bin der wildeste Fortschrittler meiner Zeit und der allerwildeste Reaktionär und Rückschrittler. Der Amerikanismus ist mir verhasst, und ich sehe in der großen amerikanischen Weltüberschwemmung und Ausbeuterherrschaft doch wieder etwas, was einer der berühmtesten Arbeiten des Herkules im Stall des Augias ähnlich ist.“zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Atlantis“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 3, S. 84 ff.

Passagiere Kammachers innere Unruhe zeigt sich an seinem häufigen Wechsel zwischen seiner 1. Klasse-Kajüte, dem großzügigen Salon, in dem sich die Passagiere zu den vom Orchester begleiteten reichlichen Mahlzeiten treffen, dem Rauchsalon der Kartenspieler, dem Damensalon und dem Deck. Nachts hat er wirre Träume, in denen verschiedene Figuren seines Lebens und der Ozeanreise auftreten. Er ist als Arzt und Wissenschaftler Teil der Schiffs-Oberschicht, trifft auf ihm bekannte Prominente und erhält an der Tafel von Kapitän von Kessel einen bevorzugten Platz in der Nähe der Offiziere neben dem Schiffsarzt Wilhelm. Kessel zeigt ihm persönlich das Karten- und Ruderhaus. Wilhelm wird zu seinem Führer auf der „Roland“ und nimmt den Kollegen mit zu seinen medizinischen Einsätzen. Dadurch lernt Kammacher die Klassengesellschaft des Schiffes kennen: Das Menschengewimmel der armen Auswanderer auf dem Zwischendeck, u. a. Familien russischer Juden und die Heizer im Kesselraum, die sich als „moderne Maschinensklaven“ ihre Überfahrt verdienen und bei einem Unglück sofort durch andere Arbeiter ersetzt werden. Kammacher verliert sich selbst in eine sexuelle Beziehung mit einer entwurzelten klassenkämpferischen 17-jährigen russischen Jüdin aus dem Zwischendeck, als sie sich von ihm wegen eines schwer stillbaren Nasenblutens behandeln lässt.

Kammacher beobachtet auf seinen Wegen durch das Schiff die Passagiere und macht sich so ein Bild von der heterogenen Gesellschaft, die in der 1. Klasse ihren Status demonstriert. Er erhält von den Mitreisenden und dem Personal die verschiedensten Informationen aus der Gerüchteküche, in die er bald durch seine vermutete Beziehung zur Tänzerin hineingerät. Der Schiffsarzt erzählt ihm aus seinen Erfahrungen von den unterschiedlichen Motiven der zusammengewürfelten Reisegesellschaft, z. B. von schwangeren Mädchen, die einen Abort beabsichtigen, und diskutiert mit ihm die Frauenfrage. Wilhelm positioniert sich gegen die Frauenrechtlerinnen und vertritt die von der Natur gegebene Rolle als Mutter: Die Macht der Frau liege im Mutterrecht. Im Rauchsalon werden die Themen der Zeit kontrovers mit Urteilen und Vorurteile diskutiert: u. a. die alleinseligmachende Kraft der Wissenschaft, das Unterwasserkabel zwischen Europa und Amerika zum Versenden von Depeschen, die wirtschaftliche Depression in den USA und ihre Ursachen, der Vergleich zwischen dem „Amerikaner“ als Geschäftsmann und dem europäischen Kulturmenschen.

Mara – Ingigerd Seinen Tischnachbarn gegenüber verschleiert Kammacher den Grund seiner Reise und täuscht, auch sich selbst, einen Besuch bei seinem Freund Peter Schmied und das Naturerlebnis der Niagarafälle vor. Ingigerds Vater gegenüber stellt er ihre Begegnung auf dem Schiff als Zufall dar. Durch dieses erfundene Reisemotiv befreit er sich zeitweise aus seinen Zwangsvorstellungen und fühlt sich anfänglich am Deck im salzigen Seewind frei und gesund.