Keleli, auch kǝlǝli, kelleli, kalali, ist eine zweisaitige, selten dreisaitige gezupfte Binnenspießlaute der Teda im Norden des Tschad. Die Teda sind zusammen mit den Daza unter der Fremdbezeichnung Tubu bekannt. Die aus einem meist mit Kamelhaut bespannten emaillierten Blechtopf als Resonanzkörper bestehende keleli und die ebensolche einsaitige Fiedel kiiki sind die hauptsächlichen traditionellen Musikinstrumente der jungen Männer, die zu ihrer Unterhaltung einfache Tonfolgen spielen. Musikalisch unterscheidet sich die keleli von den anderen in West- und Nordafrika weit verbreiteten Binnenspießlauten dadurch, dass sie traditionell nur von Amateurmusikern, ausschließlich instrumental und nicht zur Gesangsbegleitung verwendet wird.
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Langhalslautenspieler in der Grabkapelle des Rechmire. Wandmalerei aus der 18. Dynastie, 15. Jahrhundert v. Chr. Langhalslauten, genauer Stiellauten mit langem Hals, sind älter als Kurzhalslauten und haben ihren Ursprung mutmaßlich in Westasien. Von dort gelangten sie mit den Hyksos (17./16. Jahrhundert v. Chr.) nach Ägypten.Harvey Turnbull: The Origin of the Long-Necked Lute. In: The Galpin Society Journal, Band 25, Juli 1972, S. 58–66, hier S. 63 Im Neuen Reich (1550 bis 1070 v. Chr.) wurden Langhalslauten häufig bei Bankettszenen und rituellen Prozessionen abgebildet. Diese gehörten typologisch wohl wie viele heutige afrikanische Lauten zu den Spießlauten, bei denen ein schlanker Hals mit seiner Fortsetzung durch den Resonanzkörper hindurch gesteckt ist oder über den Rand hinwegführt. Im Alten Ägypten waren auch die beiden heute in Westafrika vorkommenden Korpusformen der Spießlauten langoval (aus Holz geschnitzt) und kreisrund (damals meist aus einem Schildkrötenpanzer bestehend) vertreten. Der runde Halsstab diente zugleich als Griffbrett, das auf einigen altägyptischen Darstellungen Bünde besitzt.Hans Hickmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 1: Ägypten. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1961, S. 68 Die wenigen erhaltenen altägyptischen Lauten lassen hingegen keine Bünde erkennen, sie zeigen aber, dass die Saiten am oberen Ende nicht an Wirbeln, sondern an Schnurwicklungen direkt am Halsstab festgebunden waren, wie es bis heute bei der keleli und anderen afrikanischen Spießlauten praktiziert wird. Die nach der Zeitenwende, in der koptischen Zeit gebauten Halslauten, bei denen Korpus und Hals aus einem Block geschnitzt sind, besitzen Wirbel.Ricardo Eichmann: Extant lutes from the New Kingdom and the Coptic Period of Ancient Egypt. In: Iconea, 2011, S. 25–37, hier S. 27
Manche altägyptische Langhalslauten könnten auch zum Typus der Binnenspießlauten gehört haben, bei denen der Halsstab lediglich in den Resonanzkörper eingesteckt ist und kurz vor der gegenüberliegenden Seite endet.Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 3, Juli 1933, S. 277–311, hier S. 292: nennt als Verbreitungsregionen für die Binnenspießlauten Nordwestafrika und Altes Ägypten. Diese Form wird bei der Beschreibung von zwei in Teilen erhaltenen Schalenspießlauten mit einem birnenförmigen Korpus aus der pharaonischen Spätzeit (um 700 v. Chr.) diskutiert. Die Instrumente mit ihren durch Querhölzer gestützt auf dem Schalenrand liegenden Stielen können je nach deren Positionierung – indem sie ein wenig nach unten oder oben geschoben werden – als Spießlaute oder Binnenspießlaute rekonstruiert werden, wobei Ricardo Eichmann (1987) sich für letzteres ausspricht und eine Verbindung zur heutigen marokkanischen Binnenspießlaute gimbri (gunbrī) für möglich hält. Somit verweisen diese beiden Lautenfunde auf den Beginn zweier Lautentypen, die in ganz Nordafrika und am Südrand der Sahara von der Westküste bis nach Ostafrika verbreitet sind.Ricardo Eichmann: Zwei Schalen-Spießlauten aus einer spätzeitlichen Nekropole bei Abusir el-Meleq. In: Jahrbuch der Berliner Museen, Band 29/30, 1987/1988, S. 7–36, hier S. 35
Henry George Farmer (1928) erkennt bereits den altägyptischen Ursprung für die zwar nicht in der klassischen arabischen Musik, aber dafür in der Volksmusik ganz Nordafrikas verbreiteten „primitiven Lauten“, die er unter dem Wortumfeld von gunbrī zusammenfasst. Unter diesem Namen beschreibt er die unterschiedlichen Spießlauten und Binnenspießlauten als eine Instrumentengruppe, die nach seiner Ansicht bereits vorhanden war, als die Araber um 700 den Maghreb eroberten. Gimbri (oder gunbrī) ist für Binnenspießlauten in den Ländern des Maghreb gebräuchlich, der Typus ist darüber hinaus in der westafrikanischen Sahara und Savannenregion weit verbreitet. Hierzu gehört etwa die tidinit in Mauretanien, die xalam der Wolof im Senegal, die tahardent der Tuareg und die garaya der Hausa in Nigeria. Alle afrikanischen Binnenspießlauten sind Zupfinstrumente, während Spießlauten gezupft oder mit einem Bogen gestrichen werden.Ulrich Wegner, 1984, S. 114, 138
Auf welcher Route die Spießlauten/Binnenspießlauten von Ägypten nach Westafrika und in den Maghreb gelangten, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich breiteten sie sich nicht auf dem direkten Weg entlang der nordafrikanischen Küste aus, sondern wurden zunächst den Nil aufwärts nach Nubien und weiter auf einer südlichen Route nach Westafrika gebracht. Laut mündlicher Überlieferung der Soninke soll es Spießlauten im mittelalterlichen Reich von Ghana, das ab dem 11. Jahrhundert allmählich zerfiel, gegeben haben.
Erstmals schriftlich belegt ist die Binnenspießlaute mit dem Namen qanābir (Plural von qunbarā, entsprechend Singular gunbrī, Plural ganābir) bei Ibn Battuta (1304–1377) im Malireich, das er 1352 bereiste. Ibn Battuta zufolge bestand die in der höfischen Musik des Sultans von Mali eingesetzte Laute aus Gold und Silber. Eine Etymologie, die Farmer erwähnt, wird als ein Beleg für die Ausbreitung der Binnenspießlaute von Westafrika durch die Sahara nach Marokko herangezogen. Demnach lässt sich der von den Berbern im Maghreb verwendete Name gunbrī für eine meist dreisaitige Laute mit einem kastenförmigen Korpus auf gunāwī oder ginīāwī, „von den Schwarzen“, herleiten. Tatsächlich wird die gunbrī (gimbri) in Marokko bevorzugt von den Gnawa mit schwarzafrikanischer Herkunft gespielt.Henry George Farmer: A North African Folk Instrument. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 1, Januar 1928, S. 24–34, hier S. 27 Eine kleinere Version der Laute mit einem ungefähr birnenförmigen Korpus und meist zwei Saiten ist die von Arabern und Berbern in Marokko gespielte gunibri,Gunibri from Morocco. Powerhouse Collection die im Unterschied zur gimbri hölzerne Stimmwirbel besitzt und damit dem orientalischen Lautentyp tanbur näher ist.
Dass der einfachere Typ der Binnenspießlaute mit am Hals angebundenen Saiten aus dem Süden der Sahara in den Maghreb gelangte, wird ferner dadurch plausibel, dass die gimbri in Marokko weit häufiger vorkommt als in Algerien und Tunesien und nach Auffassung von Algeriern aus dem Westen (Marokko) eingeführt wurde. Außerdem ist dieser Lautentyp mit einem trogförmigen, aus einem Holzblock geschnitzten Korpus an der übrigen nordafrikanischen Küste bis in die heutige Zeit unbekannt.Philip Schuyler: A Repertory of Ideas: The Music of the Rwais, Berber Professional Musicians from Southwestern Morocco. (Dissertation) University of Washington, 1979, S. 124, 127; zit. nach: Eric Charry, 1996, S. 4
mini|Spießlaute akonting der Diola in der Casamance, eine mutmaßliche Vorläuferin des Banjos. Der Halsstab führt unter der Decke hindurch und liegt auf beiden Rändern des Korpus auf. Aus diesem Grund und weil der gimbri-Typ stattdessen in Westafrika weit verbreitet ist, vertritt Roger Blench (1984) andersherum die Meinung, dieser könnte von Westafrika aus ins Alte Ägypten gelangt sein. Später sei die Popularität der gimbri-Lauten an der afrikanischen Nordküste und im Alten Ägypten zurückgegangen und deshalb seien diese heute nur noch südlich der Sahara in Westafrika anzutreffen. Blench unterscheidet hierbei den trogförmigen gimbri-Typ von den mit den Hyksos ins Alte Ägypten gelangten Spießlauten mit einem runden (schalenförmigen) oder birnenförmigen Resonanzkörper, letztere könnten somit die direkten Vorläufer der gunibri gewesen sein.Roger Blench: The Morphology and Distribution of Sub-Saharan Musical Instruments of North-African, Middle Eastern, and Asian, Origin. In: Laurence Picken (Hrsg.): Musica Asiatica. Band 4, Cambridge University Press, Cambridge 1984, S. 177–180, hier S. 170
Westafrikanische Spießlauten lassen sich nach drei Kriterien unterscheiden: Nach ihrer Korpusform: rechteckig oder birnenförmig aus einem Holzblock geschnitzt gegenüber kreisrund aus einer Kalebassenhalbschale oder wie bei der keleli aus einem Blechtopf, nach der unteren Saitenbefestigung: als Spießlaute oder Binnenspießlaute und nach der sozialen Schicht: entweder von meist muslimischen Berufsmusikern und Preisliedsängern (allgemein Griot) oder ohne Einschränkung von jedem Musiker gespielt. Einen Preisliedsänger mit Laute sah Ibn Battuta 1352 in Begleitung des Herrschers von Mali.Michael T. Coolen: The Wolof Xalam Tradition of the Senegambia. In: Ethnomusicology, Band. 27, Nr. 3, September 1983, S. 477–498, hier S. 479
Das soziale Kriterium und die Formkriterien hängen in einem hohen Maß miteinander zusammen, denn die Binnenspießlauten mit einem fächerförmig ausgebildetem Steg und einem trogförmigen Korpus aus einer Holzschale (traditionelle Form der ngoni) werden fast nur von muslimischen Berufsmusikern aus Musikerkasten gespielt, weshalb Außenstehende auch die allgemeine Bezeichnung „Griot-Laute“ verwenden. Keine „Griot-Lauten“ sind etwa die Binnenspießlaute molo der Hausa mit einem ovalen trogförmigen Korpus, aber einem zylindrischen Steg auf der Hautdecke, die kwamsa im nigerianischen Bundesstaat Sokoto mit einem kreisrunden Korpus aus einer Kalebasse und einem zylindrischen Steg, und die keleli mit ihrem kreisrunden Korpus meist aus Metall.Eric Charry, 1996, S. 5f
Bauform mini|Formähnliche Binnenspießlaute garaya der Hausa in Nigeria mit einer Kalebassenhalbschale als Korpus und zwei Saiten Die keleli gehört instrumentenkundlich zu den Binnenspießlauten (englisch half-spiked lute oder internal spike lute), eine Kategorie, die in der ursprünglichen Hornbostel-Sachs-Systematik von 1914 fehlt und die erst später zu den Spießlauten (321.31) und Halslauten (321.32) als Gruppe (321.33) ergänzt wurde.Klaus Wachsmann: Lute. In: New Grove Dictionary of Musical Instruments, Band 2, 1984, S. 551, übernommen in: Lute. 1. The generic term. In: Grove Music Online, 2001, bezeichnet die Binnenspießlauten als tanged lutes. Zuvor als tanged lutes beschrieben von Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 3, Juli 1933, S. 277–311, hier S. 300 Anders als es die Bezeichnung vermuten lässt und es beim durch den Korpus gesteckten Halsstab der Spießlauten der Fall ist, führt der Saitenträger nicht durch eine Bohrung in den Korpus hinein, sondern liegt lediglich am oberen Korpusrand auf und verläuft unter der Hautdecke bis kurz vor den unteren Rand.Eric Charry, 1996, S. 7
Ihre Instrumente stellen die Musiker der Teda üblicherweise selbst her. Der kreisrunde Korpus besteht meist aus einer emaillierten Blechschüssel, früher auch aus einer Kalebassenhalbschale oder aus einer Holzschale, wie Charles Le Cœur in den 1930er Jahren beobachtete.Charles Le Cœur: Mission au Tibesti: carnets de route, 1933–1934. Hrsg. von Marguerite Le Caur. Éditions du Centre National de la Recherche Scientifique, Paris 1969 Die früher als Küchengeschirr verwendeten Holzschalen (vgl. die mauretanische Speiseschüssel gdah) wurden überall durch Blechschüsseln ersetzt. Ihr Durchmesser beträgt etwa 20 bis höchstens 25 Zentimeter.