Die AIM-120 AMRAAM (Advanced Medium-Range Air-to-Air Missile) ist eine radargelenkte Luft-Luft-Lenkwaffe mittlerer bis hoher Reichweite. Sie wird von dem US-Konzern Raytheon hergestellt, ab dem Produktionsbeginn im Jahre 1991 bis 2012 wurden über 16.000 Stück ausgeliefert. Die AIM-120 ist die primäre BVR-Lenkwaffe vieler Luftwaffen der westlichen Welt, wobei der Hauptnutzer die Streitkräfte der Vereinigten Staaten sind. Die Bundeswehr beschaffte für die Luftwaffe ab Januar 1996 AIM-120B AMRAAM für die F-4F-Phantom-Kampfflugzeuge. Es bestehen Varianten, bei denen Flugkörper von landgestützten Systemen als Flugabwehrwaffe eingesetzt wird.
mini|Mehrere AIM-120 werden verladen
Geschichte Entwicklung mini|Eine AIM-120 wird während der Testphase von einer F-16 gestartet und erzielt einen direkten Treffer auf einer PQM-102-Drohne
Mitte der 1970er-Jahre wurde deutlich, dass die AIM-7 Sparrow in naher Zukunft durch eine deutlich leistungsfähigere Lenkwaffe ersetzt werden musste. Diese Erkenntnis wurde durch die schlechte Leistung der AIM-7 während des Vietnamkrieges − die Abschusswahrscheinlichkeit betrug gerade einmal zehn Prozent – noch unterstrichen. So wurde im Jahre 1976 das AMRAAM-Programm gestartet, das eine kompakte Lenkwaffe mit höherer Reichweite, Abschusswahrscheinlichkeit und Zuverlässigkeit hervorbringen sollte. Fünf Konzerne reichten ihre Vorschläge ein, die in einer dreijährigen Konzeptphase bewertet wurden. Die Konzeptphase war im Februar 1979 abgeschlossen, wobei die Unternehmen Raytheon und Hughes, welches inzwischen durch Raytheon übernommen wurde, den Wettbewerb für sich entschieden. Die US Air Force und die US Navy beaufsichtigten von nun an gemeinsam das Programm.
Bis zum Ende des Jahres 1981 wurden lediglich sechs Teststarts durchgeführt, weswegen Hughes statt Raytheon den Auftrag zur Fertigung von 94 weiteren Testlenkwaffen erhielt. Im folgenden Jahr begann auf der Holloman-Luftwaffenbasis und dem Raketentestplatz Point Mugu die nächste Entwicklungsphase, in der die Leistung der AMRAAM gegen schwieriger zu bekämpfende Ziele erprobt wurde. Das Programm geriet 1985 in Bedrängnis, da der Zeitplan nicht eingehalten werden konnte und die Kosten stark stiegen. Durch zusätzliche Geldmittel und eine Programmverlängerung um zwei Jahre konnte aber ein Programmabbruch verhindert werden.
Als Folge der verfehlten Projektplanung wurden die ersten Bestellungen zwischen Raytheon und Hughes aufgeteilt. Die ersten Lenkwaffen aus der Serienproduktion wurden im September 1991 an die US-Streitkräfte ausgeliefert. Bis Februar 2017 wurden über 20.000 Raketen hergestellt und an verschiedene Kunden ausgeliefert.
Einsatz Die AMRAAM war zum Zweiten Golfkrieg im Januar 1991 noch nicht vollständig getestet, wurde aber gleichwohl in geringen Stückzahlen an kämpfende Staffeln ausgegeben. Der erste Abschuss mit einer AIM-120A gelang am 27. Dezember 1992, als eine F-16C eine irakische MiG-25 abschoss, deren Pilot die Flugverbotszone ignoriert hatte. Am 17. Januar 1993 schoss eine F-16C eine irakische MiG-23 ab. Am Tag darauf schoss eine F-15 eine weitere MiG-25 ab. Am 28. Februar 1994 schoss eine F-16 der US Air Force (USAF) eine G-4 Super Galeb der bosnischen Serben ab. Während des Kosovo-Krieges konnten mit der AMRAAM insgesamt sechs feindliche Jäger, allesamt MiG-29, abgeschossen werden. Vier Abschüsse davon erzielten F-15-Maschinen der USAF; die anderen beiden eine niederländische und eine US-amerikanische F-16. Einer weiteren MiG-29 gelang es, drei auf sie abgefeuerten AMRAAM zu entkommen. Bis Ende 2008 wurden im Kriegseinsatz insgesamt 17 AMRAAM abgefeuert, die zehn Treffer erzielten (Trefferquote 59 %). Sechs AMRAAM wurden auf Distanzen im Bereich Beyond Visual Range abgefeuert und elf Stück in der Visual Range.
Im Rahmen des russischen Militäreinsatzes in Syrien wurde am 24. November 2015 eine Suchoi Su-24M von einer türkischen F-16C mit Hilfe einer AMRAAM abgeschossen. Am 18. Juni 2017 schoss eine F/A-18E Super Hornet vom US-Flugzeugträger George H.W. Bush über Syrien eine syrische Su-22 ab. Saudi-Arabien hat die AIM-120C im Rahmen des Huthi-Konflikts regelmäßig gegen Huthi-Drohnen (z. B. vom Typ Ababil) eingesetzt.
Im Ukraine-Krieg wird insbesondere die landgestützte Systemvariante NASAMS in der Flugabwehr eingesetzt; dabei hat sich das System in der Ukraine als sehr effizient erwiesen, mit Abschussraten von bis zu 94 %; rund 60 % der abgefangenen Ziele waren russische Marschflugkörper, darunter die Typen Kh-101, Kh-555, Kh-59 und Kh-69 sowie Kalibr- und Iskander-K-Raketen; die restlichen 40 % der abgefangenen Bedrohungen – rund 360 Ziele – waren unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs), hauptsächlich Shahed-Drohnen.
Technik mini|Heckansicht einiger AMRAAM-Lenkwaffen. Man beachte die noch nicht montierten Kontrollflächen und die kleinen weißen Antennen für den Datenlink am Ende des Flugkörpers
Die AMRAAM besteht aus vier austauschbaren Sektionen (von vorne nach hinten): Suchsystem (Radar), Lenk-/Kontrollsystem, Gefechtskopf/Zündung und Antrieb.
Das wichtigste Merkmal der AIM-120 ist ihr aktives Radarsystem, das sie zu einer Fire-and-Forget-Waffe macht. Dies ist ein großer Vorteil gegenüber der semi-aktiv gelenkten AIM-7 Sparrow: Der Pilot muss nach dem Lenkwaffenstart dem Ziel nicht mehr zwingend entgegenfliegen, um es mit seinem Radar zu beleuchten, sondern kann sofort abdrehen und sich aus dem Gefahrenbereich entfernen. Das Radar, das im Frequenzbereich von 8 bis 10 GHz arbeitet, besitzt eine planare Antenne, das heißt eine Antenne mit ebener Fläche, die sich hinter einem Keramik-Radom an der Spitze der Lenkwaffe befindet. Das System arbeitet auf Monopuls-Basis und besitzt Look-down/shoot-down-Fähigkeiten, um auch tieffliegende Ziele erfassen und verfolgen zu können, sowie einen Home-on-jam-Betriebsmodus, um auch unter Einfluss von Elektronischen Gegenmaßnahmen einsatzfähig zu bleiben. Die AIM-120 kann Ziele erfassen, die sich bis zu 25° abseits der Flugachse (engl. „off boresight“) befinden, wobei der Öffnungswinkel 5° beträgt. Das bordeigene Radar wird, je nach Radarquerschnitt des Zieles, erst etwa 5 bis 25 km vor der erwarteten Position des Zieles aktiviert.
Die Navigation während der Flugphase erfolgt mit einem inertialen Navigationssystem, das kurz vor dem Start der Rakete die aktuelle Position und Kurs des Zieles von der Trägerplattform mitgeteilt bekommt, in vielen Fällen auch mittels des Datenlinks. Dieser arbeitet im Frequenzbereich von 8 bis 12 GHz, wobei sich die Antenne am Ende der Lenkwaffe nahe der Schubdüse befindet. Durch diesen Datenlink kann das Radar der Startplattform das Lenksystem der AIM-120 kontinuierlich mit neuen Zieldaten versorgen, so dass dieses die Flugbahn der Rakete optimieren kann, um die Abschusswahrscheinlichkeit zu maximieren. Besonders am äußeren Ende der Reichweite ist dieses Merkmal von großer Bedeutung, da das IN-System mit zunehmender Entfernung immer ungenauer wird und das Ziel deutlich mehr Zeit hat, um seinen Kurs zu ändern und so eine Erfassung durch das Radar der AMRAAM zu verhindern. Allerdings muss sich die Trägerplattform der Lenkwaffe zuwenden, um die Daten senden zu können, so dass der Vorteil des Fire-and-Forget-Prinzips dann nicht genutzt werden kann. Die gesamte Lenkung wird durch einen einzelnen 30-MHz-Prozessor gesteuert. Das System verfügt über diverse BITE-Systeme, um Fehler frühzeitig zu erkennen und zu melden.
Angetrieben wird die AMRAAM durch einen Dual-Schub-Feststoff-Raketenmotor, der innerhalb des Flugkörpers den meisten Platz einnimmt. Er wird von Aerojet und Alliant Techsystems hergestellt und wiegt insgesamt 70,3 kg, wobei 49 kg auf die Treibstoffmasse entfallen. Der Motor ist weitgehend rauchfrei, um feindlichen Besatzungen die visuelle Entdeckung der Rakete zu erschweren. Die Zelle selbst besteht aus Stahl und Titan, um den starken Belastungen während der Endanflugsphase widerstehen zu können. Zur Stabilisierung des Lenkflugkörpers dienen vier unbewegliche Kontrollflächen im Mittelteil; die Lenkung erfolgt durch vier bewegliche Flächen im Heckbereich. Um während der Lagerung Platz zu sparen, lassen sich alle Kontrollflächen abmontieren.
Der 23 kg schwere Gefechtskopf vom Typ WDU-33/B befindet sich im Mittelteil und enthält 6,8 kg Sprengstoff. Im Zusammenspiel mit dem radarbasierten Annäherungszünder kann dieser seine 198 stabförmigen Projektile auch auf das Ziel fokussieren, statt sie ringförmig zu streuen. Durch seine mittige Lage erzeugt die Detonation des Gefechtskopfes auch eine große Menge an Splittern, die bei der Zerlegung des Lenkwaffenrumpfes entstehen.
Varianten AIM-120A mini|Bei diesen AIM-120A werden die Raketenmotoren entfernt, um sie bei den neueren B- und C-Varianten einzubauen. Die Basisversion, eingeführt 1991.
AIM-120B Diese Variante erhielt ein neues Lenk- und Kontrollsystem vom Typ WGU-41/B. Neben einigen Detailänderungen wurde ein neuer digitaler Prozessor eingebaut und der alte ROM-Speicher wurde durch EPROM-Speicherchips ersetzt. Hierdurch konnte die Lenkwaffe ohne Hardwareaustausch, wie es noch bei der A-Variante nötig war, mit neuer Software versehen werden. Die AIM-120B wurde 1994 eingeführt. AIM-120B+: Eine von Raytheon im Jahre 1999 vorgeschlagene Version. Sie sollte alle AIM-120B mit einem neuen Radar- und Lenksystem ausstatten. Der Verbleib dieser Version ist unbekannt.
AIM-120C Das Hauptmerkmal der AIM-120C sind die gekröpften Steuerflächen, die die Spannweite um etwa 19 % auf 45 cm verringerte. Dies ermöglicht es, die AIM-120C in den internen Waffenschächten der F-22 Raptor mitzuführen, die die größeren A- und B-Modelle nicht aufnehmen können. Außerdem wurde ein neues Lenk- und Kontrollsystem vom Typ WGU-44/B eingebaut. Ursprünglich sollte der gesamte Lenkflugkörper umfassend modernisiert werden, wobei dies von engen Kostengrenzen verhindert wurde, so dass die Verbesserungen in mehreren Einzelschritten durchgeführt wurden. 1996 wurde die C-Version eingeführt. AIM-120C-4: Diese Variante besitzt einen neuen Gefechtskopf vom Typ WDU-41/B. Dieser enthält mehr Sprengstoff (7,26 kg), was zu einem etwa 16 % größeren Wirkungsradius führt. Auslieferung ab 1999. AIM-120C-5: Diese Version erhält einen neuen und etwas größeren Raketenmotor, was durch eine verkleinerte Elektronik möglich wurde. Außerdem wurden die ECCM-Kapazitäten gesteigert. Die Auslieferung erfolgte ab Juni 2000. AIM-120C-6: Bei dieser Variante wurde der Annäherungszünder verbessert. Außerdem steht noch ein spezieller Gefechtskopf zur Bekämpfung von Marschflugkörpern zur Verfügung, so dass diese nun auch frontal bekämpft werden können. AIM-120C-7: Die Elektronik und das Radarsystem wurde nochmals umfassend modernisiert und weisen nun unter anderem eine höhere ECM-Festigkeit auf. Die Lenkungssektion konnte nochmals um etwa 15 cm verkleinert werden. Dadurch konnte die Menge an mitgeführtem Raketentreibmittel erhöht werden, wodurch die Reichweite abermals vergrößert wurde. Des Weiteren wurden die Kapazitäten zur Bekämpfung von Marschflugkörpern erheblich gesteigert. Die Einführung begann im August 2006, bis 2014 wurden etwa 1000 Lenkwaffen ausgeliefert., Stand April 2014. In: dod.mil, Zugriff am 15. Februar 2015 (englisch) Kampfwertsteigerungen:(Archivlink) Counter Advanced Electronic Attack Risk Reduction and Concept Refinement: Programm zur Steigerung der Störfestigkeit aller Lenkwaffen der C-Variante. Das Programm wurde im September 2008 gestartet. Counter Air / Future Naval Capabilities: Teil des Programms ist die Verbesserung des AMRAAM-Raketenmotors zur Erhöhung der Geschwindigkeit, Reichweite und Manövrierbarkeit. Die Entwicklung obliegt ATK. Der Projektstart war im Oktober 2009 und alle Arbeiten sollen bis Juni 2013 abgeschlossen sein. AMRAAM Processor Replacement Program: Im Rahmen dieses zweistufigen Programms soll der AMRAAM-Hauptprozessor durch neuere und leistungsfähigere Modelle ersetzt werden. Die erste Phase beginnt im Juli 2008, die zweite im Februar 2009.