mini|Sergei Karaganow (2017)

Sergei Alexandrowitsch Karaganow (, geboren am 12. September 1952Siehe: Biografie. in Moskau) ist ein russischer Politikwissenschaftler, der den Rat für Außen- und Verteidigungspolitik geleitet hat. Er ist außerdem Dekan der Fakultät für Weltwirtschaft und internationale Angelegenheiten an der Wirtschaftshochschule Moskau. Karaganow war ein enger Mitarbeiter von Jewgeni Primakow sowie auch Berater der Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin. Er soll sowohl Putin wie dem Außenminister Sergei Lawrow nahestehen.

Er ist seit 1998 Mitglied der Trilateralen Kommission. Seit 1983 ist er stellvertretender Direktor des Europa-Institutes an der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Seinen Vorstellungen wird eine enge Verbindung zur Außen- und Sicherheitspolitik Putins und zum russischen Überfall auf die Ukraine zugeschrieben. Er ist Vertreter des Eurasismus und vertritt die Auffassung, dass Russland an der Seite Chinas Zentrum eines Großraums werde, zu dem auch Europa gehören würde. Er sieht in der Entwicklung Sibiriens die Grundlage und Idee des russischen Imperiums. Die nach Ende des Kalten Krieges entstandene politische Ordnung müsse zerstört werden, Demokratien seien langfristig instabil und würden verschwinden.

Im Juni 2023 forderte er die eskalationsorientierte Drohung mit und gegebenenfalls den Einsatz von Atomwaffen gegen westliche Länder, um einen strategischen Sieg Russlands zu erreichen.

Leben und Ausbildung Den biographischen Angaben auf dem englischsprachigen Teil seiner Webseite zufolge wurde Karaganow am 12. September 1952 geboren und studierte an der Staatlichen Universität Moskau Wirtschaftswissenschaften. Im Jahr 1974 schloss er sein Studium ab. Von 1974 bis 1978 war er Promotionskandidat am Institut für US- und Kanadastudien der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, 1976 bis 1977 dazu Trainee an der diplomatischen Vertretung der UdSSR bei den Vereinten Nationen. 1978 bestand er das dem Doktorgrad vergleichbare Kandidatenexamen und wurde mit der Dissertation „The Role and Place of Transnational Corporations in the U.S. Foreign Policy“ (Rolle und Stellenwert Transnationaler Firmen in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten) promoviert. Von 1978 bis 1988 arbeitete er als Wissenschaftler am Institut für US-und Kanada-Studien und stieg zum Sektionsleiter auf. 1989 verteidigte er eine mit der Habilitation vergleichbare Doktorats-Dissertation über „The Role and Place of Western Europe in U.S. Strategy Towards the USSR (1945–1988)“ (Rolle und Stellenwert Westeuropas in der US-Strategie gegenüber der UdSSR). Ab 1988 arbeitete er im Europa-Institut der Sowjetischen (heute: Russischen) Akademie der Wissenschaften, 2010 wurde er dessen Vizedirektor. Seit 2006 ist er Dekan der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik an der Wirtschaftshochschule Moskau. Er hat die prominent mit etwa 70 Personen aus russischen Führungseliten besetzte Denkfabrik Rat für Außen- und Verteidigungspolitik geleitet, bis ihm dort Fjodor Lukjanow nachfolgteHannes Adomeit, Russische Außen- und Sicherheitspolitik zwischen Großmachtanspruch und Wirtschaftsmisere, in: Jahrbuch für internationale Sicherheitspolitik 2000, Verlag E.S. Mittler & Sohn.

Karaganow ist Mitglied zahlreicher Gremien, darunter der wissenschaftliche Beirat des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, der wissenschaftliche Beirat des russischen Außenministeriums und der Menschenrechtsrat beim russischen Präsidenten. Er ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift Russia in Global Affairs und Mitgründer des Waldai-Klubs.

Sein Vater Alexander Karaganow war langjährig Sekretär des Verbandes der Filmschaffenden der UdSSR, seine Mutter Sofia war die erste Ehefrau des Dichters Jewgeni Dolmatowski.

Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

Politische Positionen Karaganow-Doktrin und Neo-Imperialismus Karaganow entwickelte nach dem Zusammenbruch der UdSSR die sogenannte Karaganow-Doktrin, nach der Moskau sich als Verteidiger der Menschenrechte ethnischer Russen im näheren Ausland, wie etwa der baltischen Staaten, ausgeben sollte, um in diesen Regionen politischen Einfluss zu gewinnen.

2005 vertrat er in einem Aufsatz, dass die Staatsbildung an zahlreichen Orten der Welt – etwa in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion oder der Dritten Welt – gescheitert sei und darum mächtige Staaten abgestimmt „neo-imperial“ Ordnungsfunktionen übernehmen müssten. Viele Staaten, die sich herausgebildet hätten, seien oft nicht oder nur unzureichend funktionsfähig, ermangelten auch der ökonomischen Entwicklungsfähigkeit und würden deswegen eine Gefahr für die internationale Stabilität darstellen. Terroristen oder kriminelle Gruppen könnten sich in ihnen festsetzen und durch Spill-Over-Effekte ganze Regionen destabilisieren. Dort, wo die Staatsbildung lange schon gelungen sei, wäre eine Hinwendung zu supranationalen Organisationen wie der EU feststellbar, die ausgehend vom Konzept begrenzter Souveränität des Einzelstaates Ressourcen für gemeinsame Ziele bündele. Auch dies gefährde die westfälische Ordnung seit dem Dreißigjährigen Kriege, die von der Vorstellung staatlich umfassender Souveränität geprägt gewesen sei. Karaganow plädierte darum für eine „neo-imperiale Allianz“, in der ein „Konzert“ wahrhaft souveräner Mächte – definiert dadurch, dass sie nicht durch Bündnisse ihrer Nachbarstaaten wirksam eingeschränkt werden könnten – entscheide. Die Vorstellung der USA, durch Demokratisierung funktionsfähigere und damit doch souveräne Staaten zu schaffen, sei nicht erfolgreich, westliche Hilfe würde eher zu Korrumpierung von Regierungen und Bevölkerungen führen als zu echter Entwicklung. Diese Staaten – er verwies auf Afrika und den Nahen Osten – seien semi-feudale Rohstoffexporteure, geprägt von parasitischer Mentalität und Stagnation. Andere – wie die Tigerstaaten – seien erfolgreicher, das verlange aber große eigene Anstrengungen. Die UN könne die Entwicklungsdefizite nicht auffangen, Terrorismus und die mögliche Verbreitung von Massenvernichtungswaffen seien zu große Gefahren, um ignoriert zu werden. Die Lösung sei darum eine multipolare Welt mächtiger Staaten. Das Problem dabei sei das Streben der USA, sich als einziger Pol durchzusetzen, was faktisch auf ein „amerikanisches Imperium“ hinauslaufe. Die USA müssten jedoch einsehen, dass ihre Kraft – selbst wenn ihre militärische Macht noch unerreicht sei – dazu nicht mehr ausreiche, ihre Wirtschaft sei nicht mehr so umfassend dominant und vital wie in den 1940er Jahren. Multipolarität alleine sei allerdings eher konfliktverursachend, es müsste zusätzlich noch ein Konsens der Mächte erreicht werden, ein „kollektiver Neo-Imperialismus“, der Interventionen wie gegenüber Transnistrien durch Russland oder Jugoslawien durch die USA und Europa regele. Dafür solle die UN-Charta überarbeitet werden, es müsste wieder die Möglichkeit von Mandatsgebieten geschaffen werden, damit die entwickelten Staaten direkt in unterentwickelten eingreifen dürften, um ihnen bei der Modernisierung zu helfen.Vladislav Inozemtsev, Sergei Karaganov: Imperialism of the Fittest. In: The National Interest, NR. 80 (2005): Seiten 74–80. .

Eurasien als Großraum Als Vertreter des Eurasismus plädiert Karaganow für eine enge Zusammenarbeit Russlands mit China und eine Zusammenführung der Eurasischen Wirtschaftsunion mit dem Projekt der neuen Seidenstraße.

Russland habe die Chance, sich nicht mehr als Staat mit einigen asiatischen Besitzungen zu verstehen, sondern zu einem eurasischen Zentrum zu werden, das als Exporteur von Rohstoffen, Produzent energieintensiver und einiger hochtechnischer Produkte und als Hauptanbieter von Sicherheit für den Kontinent fungieren könne. Das russische Militär sei kleiner als das frühere sowjetische, aber – wie in Syrien bewiesen – „ziemlich effizient“ („quite efficient“). Wahrscheinlich werde ein Wirtschaftsraum, der die Eurasische Wirtschaftsunion, die Staaten der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, die ASEAN-Staaten, die Türkei, Israel, den Iran und Ägypten umfasse und Indien, Süd-Korea und Japan einbeziehe. Die EU würde sich möglicherweise auch noch anschließen. Dieser Raum würde auf Hegemonialmächte wie die USA verzichten und dem von der UN mal vertretenen Prinzip der Gleichberechtigung entsprechen, das von den USA zugunsten globaler Hegemonie verlassen worden sei. Die Konzeption eines Groß-Eurasien könne die von den USA verursachten Konflikte und die – nach Karaganow – „natürliche“ russische Gegenbewegung überwinden, das sei aber an den USA zu entscheiden. Das Schwergewicht wirtschaftlicher Aktivität verschiebe sich nach Asien und damit nach Eurasien, der die politische Integration Eurasiens noch behindernde Gegensatz Indiens und Chinas sollte in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit aufgehoben werden. Ein Groß-Eurasien werde einem Groß-Amerika gegenüberstehen, Russlands relative ökonomische Schwäche werde durch die wirtschaftliche Stärke Eurasiens ausgeglichen.

Sowjetunion und Autoritarismus Eine Rückkehr zur Sowjetunion lehnt Karaganow ab, diese habe ein „schreckliches Trauma“ hinterlassen. Die besten Leute seien in ihr getötet worden, die Herrschenden hätten für alle gedacht und entschieden, dies wirke nach. Russland müsse stärker werden um demokratischer werden zu können. Jedoch sei der Autoritarismus Russland nicht auferlegt, sondern Ausdruck seiner Bedürfnisse und des Willens seiner Menschen. Er sei immer notwendig gewesen um das riesige Reich mit seinen zahlreichen Grenzen gegen landräuberische Angreifer zu verteidigen. Nicht-autoritäre Herrscher seien gescheitert und entthront worden, es sei ein Wunder, dass das Land das Jahr 1991 langfristig überlebt habe. Wladimir Putin sei ein autoritärer Führer geworden, weil das Land es verlangt habe. Demokratie sei nur ein möglicher – und langfristig instabiler – Weg, komplexe Gesellschaften zu regieren, er gehe davon aus, dass Europa autoritärer und Russland demokratischer werde. Hybride Mischformen würden sich durchsetzen, allein die USA seien als demokratisches Land entstanden und würden diesem Erbe wohl verhaftet bleiben. Russlands Vorstellung von Demokratie sei nicht universalistisch, sondern dass jedes Land sein System selbst bestimmen solle. Kapitalistische Entwicklung sei nicht an die Demokratie gebunden, sondern an Gesetzesherrschaft, wie die legalen Traditionen Chinas und seine momentane starke Entwicklung zeigten. Autoritäre Systeme seien effektiver und könnten langfristiger planen, ihre Gefahr sei aber die Stagnation. Russland bewege sich auf einen nicht-westlichen Typ der Demokratie zu, es werde in Zukunft demokratischer sein als viele heutige westliche Länder. Die Mentalität des russischen Volkes jedoch sei im Kern autoritär, das könne bedauert, aber nicht geändert werden und sei ein Erbe der Mongolenherrschaft.

Nuklearwaffen, Russland als Großmacht und Gegnerschaft zur NATO und den USA 2010 warnte er vor dem Gedanken, dass nukleare Abrüstung zu mehr Sicherheit führe, weniger Nuklearwaffen würden nukleare Kriege eher leichter führbar machen, da man dann auf Abwehrmöglichkeiten hoffen könne. Der Gedanke nuklearer Vernichtung sei zwar unmoralisch, habe aber große Kriege verhindert. Atomwaffen seien das Feld, auf dem Russland nach wie vor als „Supermacht“ agieren könne und in internationalen Verhandlungen ernst genommen werden müsse.