Die kanadisch-portugiesischen Beziehungen umfassen das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Kanada (port.: Canadá) und Portugal. Die Länder unterhalten seit 1952 direkte diplomatische Beziehungen.Webseite zu den Beziehungen zu Kanada des portugiesischen Außenministeriums, abgerufen am 11. April 2022

Das Verhältnis gilt traditionell als sehr gut. Es geht zurück auf die vielfältige portugiesische Präsenz im heutigen Kanada seit den Portugiesischen Entdeckungsreisen Ende des 15. Jahrhunderts und die Mitwirkung portugiesischer Pioniere bei der Erschließung des Landes. Heute wird die Beziehung vor allem durch die gemeinsame Mitgliedschaft in der NATO, die Zusammenarbeit in internationalen Gremien wie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Welthandelsorganisation, die Pazifik-Allianz, den Internationalen Strafgerichtshof oder auch die verschiedenen UN-Unterorganisationen bestimmt. Zudem hat Kanada seit 2021 Beobachterstatus in der Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder (CPLP). Der wachsende bilaterale Handel und die bedeutende portugiesische Gemeinde in Kanada sind ebenfalls zu nennen, mit der weltweit erfolgreichen Popsängerin Nelly Furtado als vielleicht bekanntestem Gesicht.

Bis zur kanadischen Unabhängigkeit wurden die offiziellen Beziehungen durch die britisch-portugiesischen Beziehungen geprägt.

Geschichte Vom Beginn der europäischen Kolonisation bis 1900 mini|Karte Neufundlands mit portugiesischem Hoheitswappen (Karte Gastaldis von 1565) Möglicherweise kamen Seefahrer aus Portugal auf den portugiesischen Entdeckungsreisen bereits ab Mitte des 15. Jahrhunderts entlang der Windströmungen bis in die Sargassosee (was vermutlich zur Neuentdeckung der Azoren führte) auch schon bis nach Neufundland und Labrador, doch wird diese Annahme angesichts der bisher spärlichen Dokumentenlage bislang nur von einzelnen Historikern verteidigt.A. H. de Oliveira Marques: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs. Kröner, Stuttgart 2001, S. 96

Möglicherweise war der portugiesische Seefahrer João Vaz Corte-Real ab der ersten dänisch-portugiesischen Expedition 1473 der erste Europäer (seit den Wikingern um 1000 n. Chr.), der bis nach Neufundland im heutigen Kanada kam. Bis heute heißt die Region im Portugiesischen Terra Nova, Neues Land. Corte-Real ging hier jedoch nicht an Land. Erst die portugiesischen Seefahrer João Fernandes Lavrador (ab 1498) und Pêro de Barcelos kartografierten 1499 und 1500 die Küsten Neufundlands. Die Bezeichnung des dortigen Landstrichs Labrador etwa (vermutlich nach dem Seefahrer Lavrador) geht auf diese Frühzeit europäischer Präsenz in Kanada zurück.

Ab 1500 folgten verschiedene portugiesische Expeditionen, zunächst die der Brüder Miguel und Gaspar Corte-Real (Söhne des João Vaz Corte-Real), die Neufundland erstmals eingehend studierten,A. H. de Oliveira Marques: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs. Kröner, Stuttgart 2001, S. 143 später weitere Seefahrer Portugals und zunehmend auch anderer Länder. Nach der Entdeckung des Sankt-Lorenz-Golfs und des Sankt-Lorenz-Stroms durch den Franzosen Jacques Cartier zwischen 1534 und 1536 erfolgten eine Vielzahl weiterer Entdeckerfahrten. Die Gewässer um Neufundland wurden wegen ihrer reichen Fisch- und Walbestände besonders interessant, neben baskischen, spanischen und französischen insbesondere auch für die portugiesischen Fangflotten und Handelsschiffe, die jedoch ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch englische Freibeuter zunehmend verdrängt wurden. Hatte Portugal unter Berufung auf den Vertrag von Tordesillas (1494) anfangs noch Anspruch auf das Gebiet von Labrador erhoben und mit Expeditionen wie die der Corte-Real-Brüder zu realisieren versucht, so musste es hier nun jede Ambition aufgeben. Um 1524–25 befuhr der portugiesische Seefahrer Estevão Gomes, der Steuermann bei Magellans Weltumsegelung gewesen war, die See um Neufundland auf der Suche nach der Nordwestpassage, allerdings in spanischen Diensten.

Die portugiesische Fischfangflotte, die Frota Branca, agierte davon ungeachtet dort weiter. Seit 1480 fing sie hier den für Portugal bedeutenden Kabeljau (port. Bacalhau) in großen Mengen. Wirtschaftlich war der Fischfang vor der heutigen kanadischen Küste auch für die weitere portugiesische Expansion bedeutend, mit dem profitablen Fischverkauf und den Steuereinnahmen daraus für die portugiesische Krone. Diese fruchtbare Verbindung sollte danach durch alle tiefgreifenden Veränderungen in der jahrhundertelangen Geschichte Portugals bis in die 1970er Jahre erstaunlich stabil bleiben.A. H. de Oliveira Marques: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs. Kröner, Stuttgart 2001, S. 188

Zur Expedition des Franzosen Pierre Dugua de Mons in das aus europäischer Sicht noch unbekannte heutige Kanada gehörte Anfang des 17. Jahrhunderts auch der mehrsprachige afrikanisch-portugiesischstämmige Mathieu da Costa, der von portugiesischen Juden abstammte und als talentierter Kommunikator galt. Er war damit nicht nur der erste Schwarze im heutigen Kanada, belegt ist auch sein Verdienst als Übersetzer, der die Kommunikation der französischen Kolonisatoren mit den Ureinwohner Kanadas ermöglichte.Spotlight: Mathieu da Costa, Artikel vom 28. Juli 2015 auf All About Canadian History, abgerufen am 10. April 2022Mathieu da Costa: The ladino moor who discovered Canada, Artikel vom 14. Februar 2011 auf www.africasource.com, abgerufen am 10. April 2022

Im Laufe der weiteren Entwicklung kamen mit den übrigen europäischen Einwanderern auch Portugiesen in das heutige Kanada, neben Fischern und Seeleute im Walfang an Ost- und Westküste auch Einwanderer in das Hinterland. So wurde etwa Pedro da Silva Ende des 17. Jahrhunderts zum maßgeblichen Mitbegründer des Postwesens in Kanada und Vorläufer der Canada Post.

Im weiteren Verlauf bildeten sich vor allem in Städten wie Toronto und Montreal, aber auch in Vancouver portugiesische Gemeinden. Wirtschaftliche Notlagen insbesondere auf den Azoren und die traditionellen Seerouten entlang der von dort geografisch günstigen See- und Windströmungen sorgten für mehrere stärkere Auswanderungswellen nach Nordamerika, so dass die portugiesische Diaspora in Kanada seither stark von Menschen mit Bezug zu den Azoren dominiert wird.

Von 1900 bis heute Nachdem das heutige Kanada im Verlauf des 18. Jahrhunderts unter britische Hoheit gekommen war, erwehrte sich die britische Kolonie zunächst möglichen US-amerikanischen Begehrlichkeiten und konstituierte sich am 1. Juli 1867 als Kanadische Konföderation, der nach und nach alle Gebiete des heutigen Kanadas beitraten. Als erstes britisches Dominion hatte es damit eine erste Unabhängigkeit vom Mutterland, dem Vereinigten Königreich erlangt. mini|NATO-Gipfel in Lissabon 2010 Kanada nahm im Ersten Weltkrieg an der Seite des britischen Mutterlandes ab dessen Kriegseintritt am 4. August 1914 teil. Nach der Kriegserklärung Deutschlands an Portugal am 9. März 1916 waren beide Länder damit Teil der Alliierten. Die insgesamt etwa 620.000 Männer der kanadische Canadian Expeditionary Force und die insgesamt etwa 100.000 Soldaten des Portugiesischen Expeditionskorps kämpften dabei beide unter britischem Oberbefehl an der Westfront, meist getrennt voneinander. Die Kanadier hatten am Schluss etwa 60.700 Tote zu beklagen (ca. 9,3 %), während die Portugiesen nach Kriegsende 2.160 Tote (ca. 2,2 %), 5.224 Verwundete und 6.678 Gefangene bilanzieren mussten.

Kanada baute seine Unabhängigkeit danach weiter aus. So nahm es neben Portugal und den anderen Alliierten an den Verhandlungen zum Friedensvertrag von Versailles als eigenes Land teil und war 1920 wie Portugal Gründungsmitglied des Völkerbunds. 1949 trat auch das letzte größere Gebiet der Kanadischen Konföderation bei, 1965 löste die heute bekannte Ahorn-Flagge Kanadas die britische Flagge Kanadas als kanadische Staatsflagge ab, und Premierminister Pierre Trudeau (Vater des heutigen Premiers Justin Trudeau) strebte seit seinem Amtsantritt 1968 die vollständige Unabhängigkeit Kanadas an. Portugal blieb als ältester Verbündeter Großbritanniens bei allen diesen Vorgängen neutral, ging allerdings 1952 bereits erste diplomatische Beziehungen zum Staat Kanada ein und eröffnete am 12. April 1952 seine erste Legation in Ottawa, mit der Akkreditierung des ersten portugiesischen Botschafters dort am gleichen Tag. Am 28. Mai 1954 folgte ein erstes kanadisch-portugiesisches Handelsabkommen.Übersicht zu den diplomatischen Beziehungen Portugals zu Kanada beim diplomatischen Institut des Außenministerium Portugals, abgerufen am 10. April 2022

1982 erreichte Trudeau schließlich die vollständige Unabhängigkeit Kanadas.

Am 10. April 1987 schlossen Kanada und Portugal ein Luftfahrtsabkommen, am 14. Juni 1999 folgte ein Doppelbesteuerungsabkommen und ein Abkommen zur Vermeidung von Steuerflucht.

Ab den 1990er Jahren folgten eine Reihe weiterer Abkommen zwischen Kanada und Portugal bzw. der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (seit 1993 EU), zu der Portugal seit 1986 gehört.

Seither kam es zu zahlreichen gegenseitigen Staatsbesuchen und Zusammenkünften auf verschiedenen Ebenen, zu nennen insbesondere Gespräche im Rahmen von NATO-Gipfeln und den schwierigen Verhandlungen zum Freihandelsabkommen CETA.

mini|Die kanadische Botschaft im Edifício Victória in Lissabon.

Diplomatie Die Kanadische Botschaft ist an der zentralen Avenida da Liberdade im Gebäude Edifício Victória (Hausnummer 196–200) in der Hauptstadt Lissabon eingerichtet. Daneben bestehen zwei kanadische Konsulate, eines in Faro an der Algarve und eines in Ponta Delgada auf den Azoren.Übersicht über kanadische Vertretungen in Portugal, Website der Regierung Kanadas für Reisende, abgerufen am 10. April 2022

Portugal unterhält seine Botschaft in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. Daneben sind drei Generalkonsulate in Montreal, Toronto und Vancouver und zwei Honorarkonsulate in Edmonton und Winnipeg eingerichtet.Konsularische Kontaktdaten Portugals in Kanada, Portal des Außenministerium Portugals für Reisende und Auslandsportugiesen, abgerufen am 10. April 2022

Städtefreundschaften Die trotz der geografischen Entfernung vielschichtigen kanadisch-portugiesischen Beziehungen drücken sich auch auf kommunaler Ebene aus, insbesondere in Form von Städtefreundschaften. 1987 gingen Toronto und Lissabon die erste kanadisch-portugiesische Städtepartnerschaft ein. Seither sind je 5 kanadische und portugiesische Ortschaften Beziehungen eingegangen oder bahnen sie an.

Portugiesische Diaspora Portugiesische Einwanderung in Kanada mini|Portugiesischsprachige Ladenlokale in Little Portugal in Toronto. Seit dem 15. Jahrhundert fahren portugiesische Schiffe bis nach Kanada. Insbesondere Fischer und Walfänger ließen sich seither dort nieder. An der weitergehenden Erschließung Kanadas ab dem späten 16. Jahrhundert beteiligten sich auch portugiesische Einwanderer. Insbesondere von den Azoren, aber auch Nordportugal, Madeira und anderen Regionen Portugals kamen stetig weitere Einwanderer in Wellen nach Kanada. Schwerpunkte der portugiesischen Einwanderung bildeten zunächst die Ostküste, später auch die Westküste und danach die wachsenden Städte.