Poor Things () ist ein britischer Spielfilm von Yorgos Lanthimos aus dem Jahr 2023. Basierend auf dem gleichnamigen Science-Fantasy-Roman von Alasdair Gray (dt. Titel: Arme Dinger) wird eine feministische Variation über Frankenstein erzählt. Die Hauptrolle übernahm Emma Stone.
Stone spielt die im Mittelpunkt der Handlung stehende, freiheitsliebende Bella, die im England des 19. Jahrhunderts von den Toten wiederaufersteht. Die Uraufführung fand Anfang September 2023 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig statt. Dort gewann Poor Things mit dem Goldenen Löwen den Hauptpreis. Die internationale Filmkritik rezensierte das Werk als bislang besten Film des Regisseurs und pries die Leistung von Hauptdarstellerin Stone. In den deutschen Kinos lief der Film regulär am 18. Januar 2024 an. Im selben Jahr gewann Poor Things vier Oscars, darunter einen Preis für Hauptdarstellerin Emma Stone.
Handlung Im viktorianischen London ertränkt sich die schwangere Victoria Blessington, indem sie von der Tower Bridge in die Themse springt. Ihr Leichnam gerät in die Hände des brillanten und exzentrischen Arztes Godwin Baxter, der die Unbekannte zu retten versucht.
Baxters Körper ist schwer entstellt, weil er als Kind von seinem Vater für zahlreiche Experimente missbraucht wurde. Der Vater war, wie Baxter, streng wissenschaftsgläubig. Baxter hat in der Vergangenheit bereits erfolgreich chirurgisch zahlreiche Tierarten miteinander gekreuzt. Er ersetzt nun Victorias Gehirn durch das ihres ungeborenen Kindes. Tatsächlich steht die Tote mit Hilfe einer der Frankenstein-Ästhetik nachempfundenen Elektroschockbehandlung auf und wird fortan von ihrem Retter „Bella“ genannt. Bella hat das geistige Alter eines Kleinkinds und verhält sich unberechenbar. Sie wird von Doktor Baxter und seiner Haushälterin Mrs. Prim absichtlich isoliert und in seinem eleganten Stadthaus unterrichtet und betreut. Dabei lässt man sie in dem Glauben, dass ihre Eltern Abenteurer waren und bei einem Erdrutsch in Südamerika ums Leben kamen. Doktor Baxter, ein Eunuch, unterhält zu Bella eine Art väterliche Zuneigung und führt sie auch an das Obduzieren von Leichen heran. Sie nennt ihn liebevoll „God“.
Bella bewegt sich seltsam und spricht ein abgehacktes britisches Englisch, mit sehr kurzen Sätzen. Im Laufe ihrer Entwicklung werden ihre Bewegungen normal und ihr Englisch fließend.
Um Bellas Fortschritte zu dokumentieren, stellt Baxter seinen jungen Medizinstudenten Max McCandles als Assistenten an. Er weiht diesen später in den medizinischen Eingriff an ihr ein. Der gutmütige Max verliebt sich mit der Zeit in Bella, die langsam ihren Körper zu erforschen beginnt und zufällig Masturbation kennenlernt. Er erhält von seinem Mentor die Erlaubnis, Bella zu heiraten. Die Bedingung ist, dass das Paar weiterhin mit Baxter zusammenwohnt. Als die Hochzeit juristisch vollzogen werden soll, wird Bella von dem zwielichtigen Anwalt Duncan Wedderburn verführt. Durch Bellas naiv wirkende Direktheit schlägt der Film ab hier starke Töne der Frauenemanzipation an.
Der misogyne Chauvinist Duncan nimmt sie mit auf eine Reise durch Europa voller sinnlicher Genüsse und Abenteuer. In Lissabon folgt Bella, die sich bis zu drei Mal am Tag mit Duncan sexuell vergnügt, zusehends ihrem freien Willen. Sie entdeckt allein die Stadt, zeigt sich beeindruckt vom Fado und betrinkt sich das erste Mal. Sie wird im Beisein von Duncan als Victoria Blessington wiedererkannt. Bella ist sich jedoch ihrer früheren Identität als Victoria nicht bewusst. Duncan verzweifelt an Bellas Erkundung der Welt. Von Eifersucht gepeinigt entführt er sie nun auf ein Kreuzfahrtschiff, um sie besser kontrollieren zu können. Aber Bellas Gehirn reift weiter. Sie entwickelt, unterstützt durch die Mitreisenden Martha und Harry Astley, ein soziales Gewissen, beginnt viel zu lesen und sich der Philosophie zu widmen, sehr zum Verdrusse Duncans. Harry macht Bella bei einem Aufenthalt in Alexandria auf das Säuglingssterben in den dortigen Slums aufmerksam. Daraufhin beschließt sie, einen großen Glücksspielgewinn Duncans den Armen zu schenken. Duncan ist damit zahlungsunfähig; die beiden müssen das Schiff verlassen und übersiedeln nach Paris. Dort erlebt ihre Beziehung einen weiteren Tiefpunkt und es kommt zur Trennung.
Bella erkennt, dass sie durch Sexarbeit finanzielle Unabhängigkeit erreichen kann, und heuert im Bordell von Mrs. Swiney an. Sie lernt die brutalen Gelüste und üblen Körpergerüche der Kunden kennen und schlägt vor, zukünftig nicht die Männer die Frauen auswählen zu lassen, sondern umgekehrt. Das stößt auf Ablehnung. Bella entwickelt eine Freundschaft mit der Prostituierten Toinette. Durch sie kommt sie in Kontakt mit sozialistischen Ideen und dem aufkeimenden Feminismus. Die Trauer über alles auf der Reise Erlebte macht sie depressiv. Sie beginnt Medizin zu studieren.
Zuhause in London erkrankt Bellas Ziehvater Godwin Baxter unheilbar an Krebs. Seinem Assistenten Max gelingt es, mit Hilfe des mittlerweile in eine Irrenanstalt eingewiesenen Duncan den Aufenthaltsort von Bella herauszufinden. Zurück in London fordert Bella von Baxter die Wahrheit über dessen chirurgischen Eingriff an ihr ein; die wiederholten Nachfragen Toinettes bezüglich ihrer Kaiserschnittnarbe haben sie stutzig werden lassen. Sie beschließt, die Arztpraxis des sterbenden Baxter zu übernehmen und Max zu heiraten. Durch eine Intrige Duncans erscheint jedoch Alfie Blessington bei der Trauung, der sich als Bellas bzw. Victorias Ehemann zu erkennen gibt. Aus Neugierde, mehr über ihr früheres Leben zu erfahren, entscheidet sie sich, in Alfies Haus zurückzukehren. Bald wird ihr jedoch die Grausamkeit des vermögenden Kriegshelden bewusst. Der General hat sie eingesperrt. Er plant, sie beschneiden zu lassen und damit ruhig zu stellen. Bella gelingt es, Alfie zu überwältigen. Sie lässt seine schwere Verletzung im Hause Baxters behandeln: Mit chirurgischer Präzision tauschen Max und Bella Alfie Blessingtons Gehirn gegen das einer Ziege aus. Doktor Baxter stirbt friedlich im Beisein der beiden. Am Ende lebt Bella mit Max, Toinette, Felicity und Mrs. Prim in Baxters Haus, während Alfie wie eine Ziege durch den Garten läuft. Bella bereitet sich auf ihre Anatomieprüfung vor.
Entstehungsgeschichte Literarische Vorlage Handlung mini|hochkant|Regisseur Yorgos Lanthimos (2015) Der Stoff basiert auf dem Roman Poor Things: Episodes from the Early Life of Archibald McCandless M.D. Scottish Public Health Officer von Alasdair Gray aus dem Jahr 1992. Der Autor (1934–2019) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der neueren schottischen Literatur. Seine Werke zeichnen sich durch das Verschmelzen von Sozialkritik, experimenteller Schreibweise und skurrilem Humor aus.Dietmar Böhnke (2020): Gray, Alasdair. In: Arnold H.L. (eds) Kindlers Literatur Lexikon (KLL). J.B. Metzler, Stuttgart. .
Poor Things ist Grays zweiter Ehefrau Morag McAlpine gewidmet und hat als postmoderne Überarbeitung Mary Shelleys Frankenstein (1818) als literarischen Vorläufer. Es markiert seine Rückkehr zum Fantasy- und Science-Fiction-Genre und spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Schottland.Darren Harris-Fain: Alasdair James Gray. In: British Fantasy and Science-Fiction Writers Since 1960, hrsg. von Darren Harris-Fain, Gale, 2002. Dictionary of Literary Biography Vol. 261. Gale Literature Resource Center (lizenzpflichtig; abgerufen am 9. April 2022). Der Roman setzt sich aus einer Reihe von Dokumenten zusammen, von denen Gray als angeblicher Herausgeber des Buches behauptet, sie stammen aus einer inzwischen aufgelösten Anwaltskanzlei in Glasgow. Die längste Erzählung ist Episodes from the Early Life of a Scottish Public Health Officer. Sie wird aus der Perspektive des Arztes Archibald McCandless erzählt, der gemeinsam mit dem mysteriösen und deformierten chirurgischen Genie Godwin Baxter an der medizinischen Fakultät der University of Glasgow forscht. Eines Tages stellt Baxter ihm die junge Bella vor. Die Frau, Mitte zwanzig, verfügt über die Mentalität eines Kindes und soll von Baxter aus dem auferstandenen Körper eines Selbstmordopfers erschaffen worden sein. In diesen setzte Baxter eigenen Angaben zufolge das Gehirn von Bellas eigener ungeborener Tochter ein, lässt sie aber in dem Glauben, eine Waise mit Amnesie zu sein. Zwar verlobt sich Bella mit McCandless, brennt aber mit dem zwielichtigen Anwalt Duncan Wedderburn durch. Nach Reisen durch Europa und Nordafrika kehrt Bella, deren Verstand schnell reift, zurück. Die brutalen Realitäten der Welt haben sie verändert, während der wütende Wedderburn in ihr die scharlachrote Frau sieht, die in der Offenbarung des Johannes erwähnt wird. Am Ende heiraten Bella und McCandless.Angus Hargan: Alasdair Gray. In: Contemporary Literary Criticism, hrsg. von Lawrence J. Trudeau, Vol. 388, Gale, 2016. Gale Literature Resource Center (lizenzpflichtig; abgerufen am 9. April 2022). Bella wird zum Inbegriff der modernen, emanzipierten Frau und selbst Ärztin, während Baxter stirbt.
Der Erzählung folgt als Epilog ein nüchterner Bericht von Victoria McCandless, die behauptet, Archibalds Frau zu sein und dass die vorangegangene bizarre Geschichte erfunden sei. Ihr Mann habe mit Multipler Sklerose im Sterben gelegen, als er sich die Geschichte ausdachte. Der verschrobenen Idealistin Victoria zufolge, Suffragette, fabianischer Sozialistin, Pazifistin und Befürworterin von Geburtsstühlen,Poor Things. In: Publishers Weekly, Vol. 240, Nr. 2, 25. Januar 1993, S. 78 (lizenzpflichtig; abgerufen via Gale Literature Resource Center). habe sie Baxter als potentielle Patientin kennengelernt, um ihre Klitoris operativ entfernen zu lassen. Baxter, der später an Krebs stirbt, habe mit seiner Weigerung bei ihr Liebe hervorgerufen. Daraufhin habe Victoria einer Scheinehe mit dem neiderfüllten, aber für ihre Pläne nicht weiter lästigen Kameraden McCandless zugestimmt.
Vergleich mit »Frankenstein« und Rezeption Im Gegensatz zu Frankenstein erschaffen die beiden Mediziner Baxter und McCandless eine Frau sowie ein Leben aus zwei Individuen – aus dem Körper einer Selbstmörderin und dem transplantierten Gehirn ihres Fötus. Während Frankenstein sich gegen das Monster wendet und es aufgibt, versuchen die Ärzte in Grays Roman ihre schöne Kreation namens Bella zu pflegen und zu erziehen. Baxter selbst erscheint als hässlicher und monströser Frankenstein.Uwe Pralle: Ein Spieler des Erzählens. In: Neue Zürcher Zeitung, 24. August 1996, S. 66. Bellas Erziehung erweist sich aufgrund ihrer infantilen Psyche gepaart mit der körperlichen Reife einer Erwachsenen als „entmutigende Aufgabe“. Die Geschichte voller Drehungen und Wendungen präsentiert eine typische viktorianische Auflösung und ist mit Grays eigener Typografie sowie in Form von selbstkreierten Gravuren und medizinischen Illustrationen bebildert.