mini|Gerhart und Margarete Hauptmann mit dem Violinisten Ruggiero Ricci (1932) Das Meerwunder. Eine unwahrscheinliche Geschichte sind Titel und Untertitel einer 1934 in der Zeitschrift „Die neue Rundschau“, als Buch 1934 bei S. Fischer Berlin publizierten surrealen Erzählung Gerhart Hauptmanns. Die Erlebnisse der Hauptfigur Cardenio mit Wassergeistern variieren vor naturphilosophischem und kulturkritischem Hintergrund das literarische Undine-Sirene-Motiv der Nymphen-Sagen.

Überblick Der Erzähler erinnert sich an ein Erlebnis, das er als junger Literat während seines Aufenthalts in einer Stadt am Mittelmeer hatte: Durch seinen Italienisch-Lehrer Otonieri wird er in den „Klub der Lichtstümpfe“ eingeführt, in dem die Mitglieder einander zur Entbindung der Phantasie von der realen Welt die unwahrscheinlichsten Geschichten vortragen. Damit wollen sie eine die Wirklichkeit übersteigende Stufe der Klarheit erreichen. Als Gast der Loge hört der Schriftsteller die Erzählung des Kapitäns Cardenio, in der die in Otonieris Museum ausgestellte Galionsfigur eine große Rolle spielt: Sein Abenteuer beginnt mit der Leidenschaft zu der zum Menschen verwandelten dämonischen Meerfrau Chimaera. Sie begleitet Cardenio auf seinen Seereisen, wird aber, als dieser seinen Beruf aufgibt, als einsame Inselbewohnerin unglücklich. Sie macht Ausflüge aufs Meer und eines Morgens findet Cardenio sie tot am Strand. Er schnitzt sich nach ihrem Vorbild eine Galionsfigur für sein neues Schiff und geht wieder auf Reisen. Nach einem Schiffbruch rettet er sich mit dem Holzbild auf eine Insel und befestigt seinen Fetisch am Giebel seiner Hütte. Cardenio hört Gesänge und folgt der Stimme zur Küste. Aus dem Wasser taucht die Meerfrau Astlik auf und versucht ihn von seinem Menschsein zu trennen und in ihr glückseliges Naturreich zu locken. Er entschließt sich dazu, kein Mensch mehr zu sein, und will der Geliebten folgen, doch die Galionsfigur hindert ihn daran. Nach Beendigung seines Vortrags verbrennt Cardenio sein hölzernes Bild und wird darauf blitzartig selbst zu Asche.

Inhalt

Rahmenhandlung In einer Stadt am Mittelmeer macht der Erzähler, ein junger Literat, die Bekanntschaft des Literaturwissenschaftlers und Sammlers Filippo Otonieri, der ihn auf Spaziergängen in der italienischen Sprache unterrichtet. Sie unterhalten sich über das Sammeln von Raritäten und Otonieri zeigt ihm das Kuriositäten-Museum in seinem garagenartigen Haus. Er verwaltet als Kustos und „Re“, d. h. Präsident, des „Klubs der Lichtstümpfe“ dieses aus ca. 3000 Einzelstücken bestehende Kabinett mit angeblichen „Reliquien“ berühmter Personen, z. B. einem alten Stiefel Kolumbus‘ oder dem Steigbügel Prinz Eugens. Ein Schiffsjournal und die Galionsfigur „Chimaera“ der gesunkenen „Seekatze“ spielen in der folgenden Geschichte eine zentrale Rolle.

Der Klub der Lichtstümpfe Otonieri lädt den Erzähler zu einer Versammlung der Loge der Lichtstümpfe ein, die ihren Namen vom Symbol der herunterbrennenden Lebenskerze abgeleitet hat. Es ist ein Kreis der „Merkwürdigen“. Die Mitglieder setzen sich für das Verlorengegangene ein und versuchen, wie der „Re“ erklärt, mit ihrer kynischen Philosophie eine die Wirklichkeit übersteigende Klarheit zu erreichen. Otonieri erklärt: „Wenn man mit seinem Studium verhältnismäßig rasch zu Ende ist, so dauert es mit dem Revers, d. h. der Umkehr, um so länger. Weil […] der Revers der Inbegriff der Weisheit ist. […] Das uns Bekannte […] aus dem Ganzen der Natur verhält sich wie eine kleine Insel des Ozeans gegen den Ozean. […] Entbinden wir unsere Phantasie und machen sie zum Erkenntnisorgan: das ist der höchste und letzte Sinn des Lebens“.zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Das Meerwunder“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 254. 267.

Chimaera Jedes Mitglied der Loge muss einmal im Jahr die unwahrscheinlichste Geschichte erzählen, die ihm je begegnet ist. Der Literat hört als Gast der Vereinigung den Beitrag Cardenios, genannt Mausehund, an, macht sich Notizen und erzählt mit deren Hilfe den Vortrag:

Kapitän Cardenio ist von Kind an abenteuerlustig und spürt in sich den Drang, auf „große Fahrt“ über das unendliche, pfadlos offene Meer zu gehen. Auf seiner ersten Seereise wirbt er in Sidney einem Seemann seine Frau Chimaera ab. Ihr Vorbesitzer nannte sie „Seekatze“, weil sie sich in den Spelunken der Hafenviertel wohl fühlte. Mehrere Jahre begleitet sie Cardenio an Bord und bedeutet ihm „gute Fahrt“ und „glückliche Geschäfte“, aber er ist ihr hörig und befürchtet eifersüchtig, dass sie ihn mit allen betrügt. Deshalb heiratet er sie, verkauft in Hamburg sein Schiff und erwirbt eine Hallig mit einem kleinen Anwesen. Das Leben zu zweit offenbart ihm, dass er kein gewöhnliches Menschenkind zur Frau hat. Er ist an „dieses lodernde und zugleich fischschuppenfremde kalte Wasserweib mit einer aushöhlenden, einer verzehrenden Liebe“ gebunden und erleidet „ihren vampirischen Kuss“ mit einer Emotion, welche man „recht wohl den Urhass nennen kann, einen Hass, der im Grunde des Werdens unlöslich mit Liebe verbunden, ja ein und derselbe gewesen ist.“ Er empfindet es als etwas Furchtbares, als er den Hass „wie ein fremdes, schauerlich-schlangenartiges, giftiges Tier aus der schwarzen Tiefe des Ozeans, ein Fabeltier, in [sich] auftauchen fühlt[-]“.

Andererseits ist auch Chimaera durch ihre Beziehung zu Cardenio ein Doppelwesen geworden. Cardenio erklärt ihre Entwicklung folgendermaßen: Das Naturwesen wehrte sich gegen ihre vampirhafte aggressive Ur-Natur in sich selbst. Sie suchte das Menschenwesen und „nach und nach entstand in ihr ein edlerer Wesensteil, der mehr auf die Weise der Heiligen unter den Menschen litt.“ Sie wurde fromm, ging zur Messe, aber all dies konnte ihre Enttäuschung über das Menschentum nicht verhindern. „Das Menschentum, so erklärte sie, habe sie die Furchtbarkeit des Daseins erst sehen gelehrt, ihr die ganzen irdischen und grenzenlosen Höllen erschlossen. Es habe ihr dann die Fata Morgana eines außer- und überweltlichen Seins, eine Einheit und Reinheit jenseits von allem vorgegaukelt, das heißt: vorgelogen, eine Fata Morgana als Wirklichkeit. Da sei ihr denn in der Menschenwelt nichts anderes als die Unendlichkeit und die Unentrinnbarkeit der Hölle zur Gewissheit geworden.“zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Das Meerwunder“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 290.

Chimaera hält es auf der Hallig nicht mehr aus, fährt oft nachts mit einer Barke aufs Meer und kommt erst am nächsten Tag wieder zurück. Doch eines Morgens findet Cardenio sie tot am Strand. Von diesem Augenblick an wird das natürliche Licht in Cardenios Geist durch ein mystisches ersetzt, „ein Licht, das sich mit der Finsternis auf andere Weise als Sonne und Mond zu vermählen, ja andere Gebiete der ewigen Nacht zu erhellen [scheint]“, und dadurch verändert sich für ihn die Welt. Nach der Beerdigung seiner Frau hört er „draußen auf dem Wasser ein markdurchdringendes höhnisches Lachen“ und glaubt, dass die verfluchte und geliebte Seekatze oder Chimaera nicht tot [ist], sondern „den Weg in ihr Element zurückgefunden“ hat.zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Das Meerwunder“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 266.

Cardenio schnitzt seine Frau als Holzbild mit großen schwarzen Glaskugeln als Augen, einem dicken blauschwarzen Zopf über dem bleichen ovalen Gesicht und einer milchweißen Brust unter dem Kinn. Er befestigt sein Kultbild an seinem neuen Schiff „Seekatze“ als Galionsfigur Chimaera. Er weiß bis heute nicht, ob sie ein guter Dämon oder ein höllischer Sukkubus ist. Sie ist ein Mischwesen. Als Meerweib hat sie sich mit der Menschheit vermischt und ist unter Menschen gestorben. Deshalb hat der dämonische, göttliche Teil nicht mehr den vollen reinen Bestand, hat aber noch seine Wirkung auf ihn. Auf der neuen Fahrt spürt er einen Trieb, eine Sucht, etwas Unwiederbringliches wiederzugewinnen. Er ist in einem immerwährenden Rausch von Glück, dem Kern des Unergründlichen näherzukommen. Befreit von der alten Welt befindet er sich in dem Zwischenreich seiner Galionsfigur.

Südseeinsel Den Schiffbruch der „Seekatze“ in der Südsee überleben nur er und der Koch Sarrazin. Sie lösen Chimaera vom Bug und rudern damit auf eine bizarre Lava-Insel. Umgeben von Tigerhaien und vorsintflutlichen Echsen bauen sie sich eine Schutzhütte, nennen sie „Bark“ und befestigen am Giebel die Galionsfigur. Sie hat eine seltsame Anziehungskraft auf Vögel und in Mondnächten lärmen die Meerestiere in der nahen Bucht. Sarrazin hat Visionen und glaubt, dass Chimaera sich vom Dach lösen und ins Meer zurückkehren will. Er hört Sirenengesänge und stürzt sich in einer Nacht wie rasend über das Steilufer ins Meer. Auch Cardenio hört den Gesang einer weiblichen Stimme: Sie spricht von „Kampf und Leben. Nicht der Zephir süßseliger Paradiesruhe, mit Wonnen ohnegleichen geschwängert, [liegt] darin, als Versprechen an eine müde Seele, sondern man könnte es eher einem brünstigen Weckruf gleichsetzen, dem die göttliche Kraft entströmt, ohne die der Geweckte nicht folgen kann. […] Dabei [reißt] sich der Raum der Götter, der Raum der Dämonen auf, die mit mehr behaftet sein [müssen] als Todesmut, da sie nur Leiden, nicht den Tod [kennen].“zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Das Meerwunder“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 279. Die Holzfigur wirkt auf Cardenio lebendig, übt auf ihn in einer mystisch-ätherische Umarmung Kraft aus. Er spürt daraufhin eine leidenschaftliche Sehnsucht und Unzufriedenheit, einen wesenlosen Gegenstand so erhöht zu haben, und macht sich den Vorwurf, ein dunkles, verzweifeltes Wesen in sich aufzunehmen: „[E]wige Nähe, ewige Ferne, ewiges Glück, ewiges Leid, Wiederfinden und Abschiednehmen [scheinen] in ein und demselben Gefühl lebendig zu sein.“ In der nächsten Zeit wandelt sich das Aussehen der an der Hütte aufgehängten Figur. Manchmal erinnert sie Cardenio an eine gekreuzigte Frau, „gekreuzigt durch Schicksalsbeschluss, dem grellen Mond und den stechenden Blitzen des Sternenhimmels, den brennenden Gluten des Tages unsterblich und ohne Erquickung preisgegeben.“zitiert nach: Gerhart Hauptmann: „Das Meerwunder“. In: „Erzählungen“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, Band 1, S. 294.

Sarrazin taucht nach einigen Tagen wieder auf. Er ist verändert, bleibt oft lange aus und beobachtet an der Steilküste ein Felsentor über dem Meeresspiegel. Cardenio folgt ihm heimlich und hat jetzt auch, wie sein Koch, Erscheinungen: Er sieht im Mondlicht in den Fluten ein lachendes Meerweib. Dieses Lachen hat er schon einmal auf der Hallig gehört, als er die Leiche seiner Frau entdeckte. Es ist ihm, als würde ein Vorhang weggezogen, der ihm bisher die „magischen Strömungen aus dem Jenseits“ verborgen hat.