Epistemische Gewalt (engl.: epistemic violence) ist ein 1988 von der postkolonialen Theoretikerin Gayatri Spivak geprägter Begriff zur Beschreibung von Formen indirekter Gewalt, die im Zusammenhang mit der Produktion, der Verbreitung und der Anerkennung von Wissen ausgeübt wird: Die Verweigerung von epistemischer Handlungsfähigkeit für bestimmte Akteure, die Ausbeutung epistemischer Ressourcen und die gewaltsame Durchsetzung einer dominanten epistemischen Perspektive, die zu Unterordnung und Hierarchisierung führt.

Insbesondere in der post- und dekolonialen Theorie sowie der feministischen und indigenen Wissenskritik wird epistemische Gewalt mit Kolonialismus und der gewaltsamen Ausbreitung eines männlich dominierten Eurozentrismus als einzig legitime Wissensperspektive in Verbindung gebracht. Dekoloniale Theorien analysieren die Verflechtungen und interdependenten Zusammenhänge epistemischer Vorherrschaft mit anhaltenden kolonialen Machtstrukturen und arbeiten an einer epistemischen Rekonstitution marginalisierter Wissensbestände.

Begriff und Herkunft Episteme (Einzahl, weiblich, [Episte'me], von griech. ἐπιστήμη [epistéme]) bedeutet „Erkenntnis“, „Wissen“ oder „Wissenschaft“ und grenzt sich in der antiken Nikomachischen Ethik von anderen Formen des Wissens, des Meinens (doxe) und des praktischen Könnens (techne) ab. Michel Foucault theoretisiert episteme als „strategisches Dispositiv“, das innerhalb eines historisch-spezifischen Macht/Wissenssystems die Möglichkeitsbedingungen von Wissen und Wahrheit definiert. Die als jeweils illegitim markierten Erkenntnismöglichkeiten bezeichnet er als „unterworfene Wissensbestände“ („subjugated knowledges“). Sie werden als naiv angesehen und stehen in der Wissenshierarchie, an deren Spitze sich das wissenschaftliche Wissen befindet, ganz unten.Michel Foucault: Power/Knowledge. Selected Interviews and Other Writings 1972–1977. Pantheon, New York 1980, S. 82 (englisch).

Nach Foucault sind Wissen und Macht inhärent und untrennbar verknüpft, sodass „es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert“. Wissen und Wissenschaft kann somit nicht jenseits von Machtordnungen produziert und verhandelt werden; nicht zuletzt auch, weil ein gegebenes Wissenssystem definiert, welche Aussagen als legitimes und wahrhaftiges Wissen geltend gemacht und welche epistemischen Perspektiven und Erkenntnismöglichkeiten disqualifiziert und exkludiert werden.

Als Teil eines weiten Gewaltverständnisses, das über direkte und physische Gewalt hinausgeht und auch strukturelle, psychische, emotionale, sprachliche, symbolische und normative Gewaltdimensionen umfasst, beschreibt epistemische Gewalt demnach die Unterdrückung der epistemischen Handlungsfähigkeit Einzelner oder gesamter Wissens- und Sinnsysteme auf Basis hierarchisch organisierter epistemischer Grenzziehungen innerhalb einer gegebenen Machtordnung.

Epistemische Gewalt ist dabei kein einheitlich verwendeter oder umfassend theoretisierter Begriff. Erstmals führte ihn die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Spivak in ihrem Essay Can the Subaltern Speak? (1988) in den akademischen Diskurs ein, um den kolonial-patriarchalen Diskursraum aufzuzeigen, in dem indische Frauen und andere marginalisierte Gruppen systematisch zum Schweigen gebracht, objektifiziert und ihrer Selbstrepräsentation und epistemischen Handlungsmacht beraubt werden. Ihre Konzeptualisierung ist dabei anschlussfähig an Begriffe wie den der epistemische Ungerechtigkeit der Philosophinnen Miranda Fricker und Kristie Dotson, sowie der epistemischen Wissenshegemonie des globalen Nordens, die im Kontext postkolonialer Theorien diskutiert wird.

Dimensionen und Ebenen epistemischer Gewalt

Typologisierung Claudia Brunner schlägt für eine Typologisierung epistemischer Gewalt eine unterteilte Betrachtung auf Mikro-, Meso- und Makroebene vor, die dabei als verschränkt und ko-konstitutiv zu lesen sind.

Die Mikroebene beschreibt konkrete Erfahrungen epistemischer Gewalt, in denen „eine Person in ihrer Eigenschaft als Wissender verletzt wird“. So werden Subjekte, Positionen und Wissensbestände durch z. B. rassistische oder sexistische Zuschreibungen entwertet und deshalb marginalisiert oder gänzlich ignoriert. Die Mikroebene umfasst aber nicht nur die Opfer epistemischer Gewalt, sondern auch diejenigen, die diese Gewalt ausüben. Zu Letzterem fähig zu sein, ist ein Privileg, das für diejenigen, die es besitzen, aber schon so sehr zur Normalität geworden ist, dass sie es überhaupt nicht mehr als solches wahrgenommen. Das Ausüben epistemischer Gewalt ist allgegenwärtig, wird deshalb zumeist gar nicht als Gewaltakt erkannt und auch nicht problematisiert.

Die Mesoebene umfasst Prozesse der Klassifizierung und Hierarchisierung von intelligiblem und relevantem Wissen sowie der Monopolisierung und Universalisierung von euro- und androzentrischen Wissensperspektiven durch die Wissenschaft. Das aktuell gültige Verständnis von Wissenschaft bestimmt, welche Wissensbestände entwertet werden und ob Phänomene erklärungsbedürftig sind oder nicht. Damit verknüpft ist auch die bis heute asymmetrische globale Machtstruktur im Bereich der Wissensproduktion und intellektuellen Arbeitsteilung; beispielsweise wenn es um die wissenschaftliche Anerkennung von Wissensbeständen geht, die außerhalb von Europa und Nordamerika generiert wurden.

Die Makroebene betrachtet schließlich die globale Machtordnung aus der Perspektive des vom peruanischen Soziologen Aníbal Quijano entwickelten Konzepts der „Kolonialität der Macht“. Hierbei werden die bestehenden ökonomischen, politischen, intersubjektiven und epistemischen Machtmuster als Folge des Kolonialismus gedacht. Im Kern dieser globalen Matrix steht der Kapitalismus als universell durchgesetztes Ausbeutungsmodell, der (National-)Staat als universelles Kontrollmodell von öffentlicher Autorität sowie der Eurozentrismus als einzig legitime Form von Rationalität und Wissensproduktion.

Epistemische Gewalt auf der Mikroebene Epistemische Ungerechtigkeit, wie sie von der britischen Philosophin Miranda Fricker und der afro-amerikanischen Philosophin Kristie Dotson konzeptualisiert wurde, beschreibt Praktiken des Unrechts, die einer Person als Wissenssubjekt widerfahren. Negative soziale Verortungen, beispielsweise durch rassistische und/oder sexistische Vorurteile, führen dabei zu einer Missachtung der epistemischen Fähigkeiten einer Person, als Wissende oder Rezipientin von Wissen operieren zu können. Als „testimoniale Ungerechtigkeit“ () bezeichnet Fricker dabei die Leugnung der Glaubwürdigkeit einer Person als Quelle legitimen Wissens und damit den systematischen Ausschluss aus einer Wissensgemeinschaft. Nach Fricker besteht eine „Ökonomie der Glaubwürdigkeit“, die dazu führt, dass Angehörigen von Gruppen, die gesellschaftlich einen niedrigeren Status haben, eher der Status als wissende Person verweigert wird. Ein Beispiel hierfür ist Mansplaining, bei dem Männer von einer Überlegenheitsposition gegenüber den Wissensbeständen von Frauen ausgehen.

Mit hermeneutischer Ungerechtigkeit beschreibt Fricker die Exklusion bestimmter Erfahrungen aus kollektiv geteilten epistemischen Ressourcen. Daraus entsteht ein Deutungs- und Wahrnehmungsdefizit, dass dazu führen kann, dass z. B. Unrecht nicht als solches erkannt und benannt werden kann. Als Beispiel führt sie die Erfahrung sexueller Belästigung in einer Gesellschaft an, in der der Begriff noch nicht als gemeinsame Deutungsressource existiert und damit sowohl die Artikulation als auch ein Verständnis erschwert.

Kristie Dotson vertiefte Frickers Konzept um die Begriffe des testimonial quietings und testimonial smotherings, die Claudia Brunner mit exogenem und endogenem Verstummen übersetzt. Exogenes Verstummen beschreibt Praktiken des aktiven Nicht-Wissen-Wollens, indem einem Gegenüber epistemische Handlungsfähigkeit abgesprochen und so ein reziproker Dialog verhindert wird. Endogenes Verstummen kann als Sprachlosigkeit begriffen werden, die aus andauernder epistemischer Ungleichbehandlung resultiert. Da das Unverständnis, die Missachtung oder die Ignoranz des Gegenübers bereits antizipiert wird, wird gar nicht erst versucht, die eigene Position starkzumachen.

All jene Praktiken des Silencing und systematischen Außerkraftsetzens von Erfahrung und Wissen anhand rassistisch-vergeschlechtlichter epistemischer Grenzziehungen verlegen die Wissens- und Sinnbestände marginalisierter Akteure in den Bereich des „Nichthörbaren, Nichtverstehbaren, der Nichtanerkennbarkeit und damit der Unlebbarkeit“. Für Betroffene kann die beständige Erfahrung von epistemischer Gewalt zu einem massiven Vertrauensverlust in das eigene Weltverständnis und die epistemische Schöpfungsmacht führen und die Integrität einer Person langfristig schädigen. Der Höhepunkt epistemischer Gewalt findet sich laut José Medina im „epistemischen Tod“. Für Medina liegt dieser vor, wenn Subjekten nicht mehr lediglich der Status als Träger legitimen Wissens abgesprochen wird, sondern sie gänzlich davon abgehalten werden, eine eigene Position zu entwickeln und damit vollumfänglich von der Wissensproduktion ausgeschlossen werden.

Nikita Dhawan geht davon aus, dass es hegemoniale Diskurse gibt, die bestimmte Perspektiven und Erfahrungen normalisieren, hierarchisieren und ihnen Validität zusprechen. So entstünden „epistemischen Schweigezonen“ (), deren Sprecher keine Aussicht auf Gehör haben. Sabine Hark führt zudem an, dass wer darüber bestimmt, wer gehört wird, sichtbar ist und epistemische Anerkennung findet auch definiert, was legitime Kritik ist. Die auf diese Weise wirksam werdende epistemische Gewalt beschreibt Courtney T. Goto folgendermaßen:

Epistemische Gewalt auf der Mesoebene Was als intelligibles und relevantes Wissen gilt und wer als kompetenter Sprechender in kollektiven Wissens- und Deutungsprozessen partizipieren darf, wird maßgeblich von dominanten Diskurssystemen bestimmt. Dies perpetuiert gleichzeitig bestehende Machtkonstellationen. Die Mesoebene epistemischer Gewalt fragt demnach nach den Machtstrukturen, die einem hegemonialen Wissenssystem zugrunde liegen, und den Wissensbeständen, die es legitimieren. Der systematische Ausschluss subalterner Perspektiven aus dem Wissenskanon und die gleichzeitige Zentralisierung und Universalisierung euro- und androzentrischen Wissens steht dabei aus Sicht post- und dekolonialer Theorien in direktem Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus und seinen anhaltenden Folgen.

Epistemologischer Rassismus Mit der gewaltsamen Eroberung, Ausbeutung und Unterdrückung der Welt im Zuge des europäischen Imperialismus wurden die kolonisierten Bevölkerungen nicht nur ihrer materiellen Ressourcen enteignet, sondern auch ihrer Vorstellungen über die Welt, ihrer kognitiven Perspektiven, „Muster der Sinnstiftung, ihr symbolisches Universum und ihre Formen des Ausdrucks […], kurz der Kultur“. Der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos prägte hierfür den Begriff des Epistemizids, der „Ermordung von Wissen“. Ein Epistemizid konnte im Kontext des Kolonialismus verschiedene Formen annehmen: Das Auslöschen von Wissensträgern, zwanghafte Konversion zum Christentum, Vernichtung von Sprachen durch Linguizide oder die systematische Kolonisierung und Desozialisierung in europäischen Kirchen und Schulen. Die auf diese Weise angestrebte Kontrolle über die Weltanschauung der Kolonisierten beschreibt der kenianische Kulturwissenschaftler Ngũgĩ wa Thiong’o als wichtigstes koloniales Eroberungsfeld, da ökonomische und politische Kontrolle ohne mentale Kontrolle niemals vollständig oder effizient sein könne."Ngũgĩ wa Thiong’o: Decolonising the Mind. The Politics of Language in African Literature. Zimbabwe Publishing House, Harare 1981, ISBN 0-85255-501-6, S. 16 (englisch).