mini|Wallfahrtsdom von Neviges, im Oktober 2008 mini|Blick vom Prozessionsweg zur Kirche, im Oktober 2008 Der Nevigeser Wallfahrtsdom oder Mariendom (eigentlich Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens) ist eine Wallfahrtskirche im Velberter Ortsteil Neviges, die von Gottfried Böhm geplant, ab 1966 gebaut und 1968 geweiht wurde. Der Mariendom ist nach dem Kölner Dom die zweitgrößte Kirche im Erzbistum Köln.
Sie bildet mit der früheren Wallfahrtskirche St. Mariä Empfängnis, dem Kreuzberg und dem Marienberg den Marienwallfahrtsort Neviges. Das Ziel der Wallfahrt ist ein Gnadenbild der Unbefleckten Empfängnis, das seit 1681 in Neviges verehrt wird.
Geschichte der Wallfahrt mini|hochkant|Gnadenbild von Neviges, eingelassen in die moderne Marienstele
Als Ursprung der Wallfahrt gilt eine Marienerscheinung des Dorstener Franziskaners Antonius Schirley 1680, der beim betenden Betrachten eines Marienbildes in Wilhelm Nakatenus’ Das Himmlisch Palm-Gärtlein eine Stimme vernommen habe, die gesagt habe: „Bring mich nach dem Hardenberg, da will ich verehret sein!“.
Als der Fürstbischof von Paderborn und Münster, Ferdinand von Fürstenberg, nach schwerer Krankheit unerwartet seine Gesundheit wiedererlangt hatte, unternahm er zum Dank eine Pilgerfahrt nach Neviges, das Hauptdorf der Unterherrschaft Hardenberg, und finanzierte auch die Fertigstellung des dort bereits im Bau befindlichen Franziskanerklosters. Am 25. Oktober 1681 wurde das Gnadenbild der Unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria vom Franziskanerkloster in Dorsten nach Neviges überführt. 1682 stifteten Kurprinz Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg (Jan Wellem) und seine Frau Maria Anna Josepha von Österreich die Gnadenkapelle.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 387, 389. 1688 wurde die Pilgerfahrt durch Johann Heinrich von Anethan, den damaligen Kölner Generalvikar, offiziell genehmigt. Papst Clemens XII. versprach allen Hardenberg-Pilgern völligen Ablass der Sündenstrafen.
Die 1728 als Klosterkirche fertiggestellte Kirche St. Mariä EmpfängnisDieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 409. unterhalb der heutigen Wallfahrtskirche war bis 1968 Wallfahrtskirche und ist bis heute die katholische Pfarrkirche von Neviges. Bei nur 167 Sitzplätzen und einem Strom von bis zu 10.000 Pilgern an den Wallfahrtssonntagen war die Barockkirche jedoch deutlich zu klein. Bis zu 40 heilige Messen wurden in der Kirche und auf den Freiluftaltären von Kreuz- und Marienberg gefeiert.Alexius Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana 46 (4a) 1993, S. 261–316, S. 264. Aufgrund dessen fiel 1965 die Entscheidung für den Neubau einer großen Wallfahrtskirche. Zwischen dem Mariendom und dem Pfarrsaal befindet sich seit 2023 ein öffentlicher „Domgarten“.
Die Franziskaner beendeten ihre Tätigkeit in Neviges im Januar 2020. Danach übernahm zunächst Kreisdechant Daniel Schilling,Webpräsenz Pastor Daniel Schilling pastor-daniel-schilling.de Pfarrer in Ratingen, die Zuständigkeit für die Wallfahrts- und Pfarrseelsorge. Im September 2020 wurde der 1976 in Frankreich gegründeten Gemeinschaft St. Martin („Communauté Saint-Martin“) die Seelsorge übertragen, unter der Leitung von Wallfahrtsleiter Thomas Diradourian. Mit drei Priestern gründeten sie eine Niederlassung im bisherigen Franziskanerkloster, seit 2022 sind sie zu viert tätig.
Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“ Die heutige Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“ wurde vom Architekten Gottfried Böhm entworfen. Der Bau ist architekturhistorisch dem Brutalismus zuzurechnen. Obwohl Gottfried Böhm im vorausgegangenen Architekturwettbewerb nicht den ersten Platz belegt hatte, wurde er auf persönlichen Wunsch des damaligen Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Frings hin letztlich mit der Ausführung beauftragt. Frings, dessen Sehfähigkeit bereits eingeschränkt war, ließ sich die Wettbewerbsmodelle vorführen, um sie abzutasten. Dabei sagte ihm der Böhmsche Entwurf derart zu, dass er darum bat, einen zweiten Wettbewerb mit neuen Vorgaben auszuschreiben. Dieser wurde dann zugunsten Böhms entschieden.
An dem Wettbewerb für die Kirche beteiligten sich 15 Architekten.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. Band 46, 4a, 1993, S. 267. Der nicht gewählte Entwurf von Alexander von Branca wurde später mit Abänderungen als Anbetungskirche in Schönstatt realisiert.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. Band 46, 4a, 1993, S. 274.
Entwurf und Umsetzung Böhms erster Entwurf war wesentlich größer als der letztlich ausgeführte zweite Entwurf. Er war zunächst für 7.000 bis 8.000 Pilger konzipiert. Die Wallfahrtskirche fasst tatsächlich heute etwa 3.000 Personen. Auch der Plan, ein neues Klostergebäude anstelle des alten Franziskanerklosters zu bauen, wurde aufgrund der gigantischen Kosten fallengelassen.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. 46 (1993) S. 296. Auch die Idee, den marmornen Gnadenaltar aus der alten Wallfahrtskirche Sankt Mariä Empfängnis in den Neubau zu übertragen, wurde nicht umgesetzt, da die Gefahr einer Zerstörung durch den Ausbau zu groß erschien.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. Band 46, 4a, 1993, S. 298.
Die ersten Abbrucharbeiten auf dem Terrain des künftigen Mariendoms erfolgten ab dem 11. Oktober 1965. Am 17. Juli 1966 wurde der Grundstein gelegt, den die Pilger der alten Dülmener Wallfahrt gebracht hatten und in den wiederum ein Stein aus Lourdes eingefügt wurde.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. Band 46, 4a, 1993, S. 268. Die Dülmener stifteten auch die einzige Glocke des Domes.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. Band 46, 4a, 1993, S. 269.
Der Dom ist an der höchsten Stelle 34 m hoch, die Außenwände steigen auf maximal 22 m und sind im Durchschnitt 80 cm dick. Insgesamt wurden rund 7.500 m3 Beton verbaut. Die Innenwände sind mit insgesamt ca. 11.000 Akustiköffnungen versehen. Ein ursprünglich vorgesehener freistehender Glockenturm von 40 m Höhe, der über eine Brücke an das Kirchenschiff angeschlossen werden sollte, ist nicht gebaut worden.Hans-Gert Otto: Neubau der Wallfahrtskirche Neviges. In: Züblin-Rundschau 1, Mai 1968, S. 8–9. Durchschnittlich arbeiteten 80 Personen gleichzeitig auf der Baustelle.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. Band 46, 4a, 1993, S. 297.
Am 22. Mai 1968 weihte Weihbischof Vitus Chang SVD zunächst die Kirche und konsekrierte am Folgetag, dem Fest Christi Himmelfahrt, den Altar.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. 46 (1993) S. 299. Unter dem Altar befinden sich Reliquien von Märtyrern der Thebäischen Legion und der heiligen Ursula und ihrer Gefährtinnen. Erzbischof Kardinal Frings öffnete kurz darauf mit der Feier einer heiligen Messe die Kirche für die Wallfahrt und übertrug am Nachmittag das Gnadenbild aus der alten in die neue Wallfahrtskirche.Gerhard Haun: Mariendom Neviges. 15. aktualisierte Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2021, ISBN 978-3-931820-56-5.
Den Weg zum Mariendom säumt linksseitig das ebenfalls von Gottfried Böhm konzipierte Pilgerhaus. Richtfest wurde 1970 gefeiert. Das Pilgerhaus Neviges wird als einfache Unterkunft mit Selbstversorgung geführt. In der Verlängerung in Richtung des alten Bahnhofs wird die brutalistische Konzeption mit dem Gebäude des Kindergartens fortgeführt.
Das an die alte Wallfahrtskirche anschließende ehemalige Franziskanerkloster wird von Priestern der Gemeinschaft Sankt Martin bewohnt, die die Wallfahrt und die anliegende Pfarrgemeinde von Neviges und Tönisheide seelsorgerisch betreuen.
Inneres der Wallfahrtskirche Die Kirche ist „im Wesentlichen vom Innenraum her konzipiert“, dessen asymmetrische Elemente eine architektonische Dynamik vermitteln, die durch das Lichtspiel der großen farbigen Fenster verstärkt wird. Hinter dem niedrigen Eingang eröffnet sich hoch und weit das dunkle Innere der Marienkirche. Drei Emporenetagen, die während der Gottesdienste zugänglich sind, erheben sich auf der rechten Seite des Kirchenraums.
Der Grundstein, sichtbar auf der linken Seite der Marienkapelle, trägt das Jahr des Baubeginns, 1966. Ausstattung Links hinter dem Eingang der Wallfahrtskirche befindet sich die halboffene Marienkapelle. In ihrem Zentrum steht die fast vier Meter hohe Säule, gestaltet mit in Stein gehauenem Blattwerk. Auf Brusthöhe in der Säule befindet sich das Hardenberger Gnadenbild, das in eine Messingmonstranz eingefasst ist. Darüber ist wiederum die Gottesmutter dargestellt, die das Jesuskind auf dem Arm trägt. So ist Maria
Oben sind die drei runden Enden eines Kreuzes erkennbar, das vom Blattwerk verdeckt und umschlungen wird. Auf der Rückseite der Säule hängt Christus am Kreuz.Gerhard Haun: Mariendom Neviges. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2021, ISBN 978-3-931820-56-5, S. 18–19. Die Peperino-Säule ist ein Werk Elmar Hillebrands. Ein alter Plan, den marmornen Gnadenaltar der alten Wallfahrtskirche in die Marienkapelle zu versetzen, hatte sich als unmöglich herausgestellt.Alex Turinsky: Bau der Wallfahrtskirche. In: Rhenania Franciscana. 46 (1993) S. 298.
In der Sakramentskapelle befindet sich der Tabernakel. Hillebrand gestaltete aus Peperino eine sieben Meter hohe, achteckige Säule, deren Wuchtigkeit durch ein Netzornament gemildert wird.Gerhard Haun: Mariendom Neviges. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2021, ISBN 978-3-931820-56-5, S. 24.
Von Hillebrand stammt auch der Altar, der aus einem einzigen Quader besteht, ebenfalls aus Peperino-Stein. Der Altar ist von einem in den Stein getriebenen Netz überzogen. Er steht nicht in gerader Achse des Raumes, sondern beschließt eine Ellipse, die sich vom Domplatz bis zum Altar zieht.
Hinter dem Altar befindet sich eine Kopie der russischen Ikone der Gottesmutter von Kasan, ein Geschenk Kardinal Meisners an den Mariendom. Es handelt sich um eine Madonna vom Typus der Hodegetria, also der „Wegbegleiterin“: das Christus-Kind, das sie trägt, steht auf ihrem Arm. So begleitet Maria sinnbildlich den stehenden Christus auf dessen Weg und mit ihm die ihr anvertrauten Menschen.Joachim Meisner: Gottesmutter von Kazan im Mariendom zu Neviges. In: Rhenania Franciscana 46 (4a) 1993, S. 328.
Links vom Altar trägt ein Pfeiler das Kirchendach und zugleich die Kanzel. So wird zeichenhaft ausgedrückt:
Unter der Empore befindet sich in einem Bronzereliquiar eine Reliquie des seligen Duns Scotus (1265–1308). Diese entstammt der Grabstätte des Seligen in der Kölner Minoritenkirche und wurde 1980 an Neviges übergeben. Das Reliquiar des Franziskanertheologen weist hin auf die Immaculata-Theologie, die im Franziskanerorden einen hohen Stellenwert hatte, lange bevor 1854 die Unbefleckte Empfängnis Mariens als Dogma der katholischen Kirche verkündet wurde. Das Bronzekunstwerk von Toni Zenz nimmt die Formen der Wallfahrtskirche im Kleinen auf.Gerhard Haun: Mariendom Neviges. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2021, ISBN 978-3-931820-56-5, S. 35–36.
Die dort hängende Kopie des Gnadenbildes von Tschenstochau (auch „Schwarze Madonna“ genannt) erinnert an den Besuch der polnischen Bischöfe im Jahr 1978. Aus diesem Anlass widmete Kardinal Wyszyński dem Mariendom die Ikone der großen polnischen Marienwallfahrt zum Hellen Berg in Tschenstochau. Daneben wird eine Anna-selbdritt-Gruppe verehrt, die Maria mit ihrer Mutter Anna und dem Jesuskind darstellt. Die farbige Holzskulptur stammt aus dem 18. Jahrhundert. Sie ist eine wichtige Anlaufstelle insbesondere für die vielen schlesischen Pilger, in deren Heimat die heilige Anna besonders verehrt wird.Gerhard Haun: Mariendom Neviges. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2021, ISBN 978-3-931820-56-5, S. 36–38.
Kirchenfenster