Die Wirtschaftsinformatik (häufig kurz WI) beschäftigt sich mit der Digitalisierung in Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft. Die Wirtschaftsinformatik ist eine Wissenschaft, die sich mit Entwicklung und Anwendung von Informations- und Kommunikationssystemen in Wirtschaftsunternehmen befasst.vgl. Lutz J. Heinrich: Wirtschaftsinformatik: Einführung und Grundlegung. S. 14.Claus Rautenstrauch, Thomas Schulze: Informatik für Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsinformatiker. Springer, 2002, ISBN 3-540-41155-0 (Buch auf Google-Books online lesen) Aus Sicht der Informatik handelt es sich bei der Wirtschaftsinformatik um eine Angewandte Informatik.Claus Rautenstrauch, Thomas Schulze: Informatik für Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsinformatiker. Verlag Springer, 2002, ISBN 3-540-41155-0, S. 4. (Buch auf Google-Books online lesen) Durch ihre Interdisziplinarität hat sie ihre Wurzeln in den Wirtschaftswissenschaften, insbesondere der Betriebswirtschaftslehre, und der Informatik. Erkenntnisse und Methoden der Sozialwissenschaften, im Besonderen der Soziologie und Psychologie, sowie benachbarter Wissenschaftsdisziplinen wie Kybernetik, Systemtheorie und Nachrichtentechnik sind für Forschung, Lehre und Praxis der Wirtschaftsinformatik relevant.

Die Einordnung als Wissenschaft besitzt die Wirtschaftsinformatik nur im D-A-CH-Raum. International, und vor allem in den USA, ist die Disziplin als Information Systems (IS) bekannt.Michael Bächle, Stephan Daurer, Arthur Kolb: Einführung in die Wirtschaftsinformatik: Ein fallstudienbasiertes Lehrbuch, Ausgabe 4, Verlag Walter de Gruyter, 2018, ISBN 978-3-11-046933-2, S. 7

Einordnung als Wissenschaft Obwohl die Wirtschaftsinformatik viele Merkmale einer sogenannten Schnittstellen- oder Brückendisziplin aufweist, die offen gegenüber anderen Disziplinen ist, hat sie einen eigenen Aussagebereich: Als Wissenschaftsdisziplin wird nicht nur der ingenieurwissenschaftliche Aufbau und die Nutzung von Informationssystemen berücksichtigt, sondern auch die wirtschaftliche und soziologische Betrachtung ihres Einsatzes. Sie befasst sich mit Theorien, Methoden, Werkzeugen und erarbeitet intersubjektiv nachprüfbare Erkenntnisse über Informations- und Kommunikationssysteme. Sie entstand, um zunehmend komplexere Systeme entwickeln und betreiben zu können. Damit ist sie primär eine Realwissenschaft, besitzt aber auch Elemente einer Strukturwissenschaft. Da sich die Wirtschaftsinformatik mit der Entwicklung von Informationssystemen befasst, wird sie auch als Ingenieurwissenschaft verstanden. In erster Linie jedoch setzt sie sich mit Informations- und Kommunikationssystemen auseinander, die ebenso wie in der Informatik nicht zwangsläufig als computergestützte Systeme verstanden werden. Vielmehr entwickelt die Wirtschaftsinformatik für reale, soziale und wirtschaftliche Systeme Modelle, Konzepte, Vorgehensweisen und viele weitere Werkzeuge und versucht somit, daraus Anforderungen für Informationssysteme zu formulieren und Informationsmodelle zu generieren. Sie kann daher auch als Sozialwissenschaft verstanden werden. Zur Entwicklung von Informationssystemen bedient sich die Wirtschaftsinformatik der Systemtheorie. Ökonomische Gesichtspunkte stehen dabei im Mittelpunkt. An vielen Universitätsstandorten ist die Wirtschaftsinformatik deshalb den Wirtschaftswissenschaften bzw. den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zugeordnet. Bei Fachhochschulen wurde die Wirtschaftsinformatik je etwa zur Hälfte in Informatik- und in wirtschaftswissenschaftliche Fachbereiche einbezogen.

mini|Die Wissenspyramide (in Anlehnung an die Arbeit von Aamodt und Nygård (1995)Aamodt und Nygård: Different roles and mutual dependencies of data, information,and knowledge – an AI perspective on their integration.) Weiterhin befasst sich die Wirtschaftsinformatik damit, wie aus solchen Systemen ökonomisch verwertbare Daten, Informationen und Wissen extrapoliert werden und wie diese Faktoren von Systemen bereitgestellt werden können. Dazu sei auf die rechts gezeigte Wissenspyramide verwiesen, die den Zusammenhang von o. g. Faktoren verdeutlicht. Das Management von Wissen erhielt in den letzten Jahren enormen Stellenwert in Unternehmen und Hochschulen. Vor allem durch die Entwicklung des Internets stehen effiziente Verfahren und Methoden zur Wissensgenerierung, -verwaltung und -verbreitung zur Verfügung. Insbesondere E-Learning-Systeme und Wikis stellen mächtige Werkzeuge in diesem Bereich dar.

Wirtschaftsinformatik hat sich als eigenständiger wissenschaftlicher Studiengang oder als Schwerpunktfach in anderen Studiengängen etabliert und ist fester Bestandteil privater und öffentlicher Forschung. Nach einer Untersuchung von Ulrich Frank u. a. gab es bereits im Jahr 2002 über 200 Professuren für Wirtschaftsinformatik an Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.Ulrich Frank, Carola Schauer, Rolf T. Wigand: Different Paths of Development of Two Information Systems Communities: A Comparative Study Based on Peer Interviews. In: Communications of the Association for Information Systems. Vol. 22/2008, Article 21.

Zielsetzungen der Wirtschaftsinformatik als Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaft Eine konkretere Zielsetzung der Wirtschaftsinformatik in ihrer Eigenschaft als Wirtschaftswissenschaft oder auch Ingenieurwissenschaft ist, die Erzielung eines realwissenschaftlichen Verständnisses bei dem Einsatz, der Akzeptanz, dem richtigen Management und der vollständigen Beherrschbarkeit von Informationssystemen. Die Frage nach der Optimierung der Gestaltung von Anwendungssystemen ist noch zu untersuchen. Dies zielt langfristig darauf ab, einen voll automatisierten Betrieb zu entwickeln (Mertens '95). Da eine Vollautomation jedoch nicht immer machbar oder sinnvoll ist, bleibt es häufig bei einer Teilautomation, d. h. einer Veränderung bezüglich der Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine, die aber unter dem Niveau der Vollautomatisierung liegt. Eine konkretere Perspektive liefert die Unterscheidung von Administrations- und Dispositionssystemen, die zusammen die Gruppe der operativen Systeme bilden.

Zehn Professoren der Wirtschaftsinformatik veröffentlichten 2010 das Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik.Hubert Österle, Jörg Becker, Ulrich Frank, Thomas Hess, Dimitris Karagiannis, Helmut Krcmar, Peter Loos, Peter Mertens, Andreas Oberweis, Elmar J. Sinz: Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik. In: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung. Jg. 62, Nr. 6, 2010, S. 664–672. (englischer Volltext unter ) Mit dieser Positionsbestimmung identifizieren sich weitere rund 111 Professoren, die sich zumindest in einem bedeutenden Teil ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit mit der Wirtschaftsinformatik befassen. Das Memorandum plädiert für einen Ausbau der Gestaltungsorientierung,Hubert Österle, Boris Otto: Konsortialforschung: Eine Methode für die Zusammenarbeit von Forschung und Praxis in der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatikforschung. In: Wirtschaftsinformatik. Jg. 52, Nr. 5, 2010, S. 273–285. () bei gleichzeitigem Nachweis wissenschaftlicher Rigorosität mittels anerkannter Verfahren der Erkenntnisgewinnung. Die Autoren des Memorandums verfolgen nachstehende Ziele: Regeln für rigorose Forschung und Sicherheit für die Forschenden Kriterien für Gutachtertätigkeit für Zeitschriften und Konferenzen Kriterien für die Auswahl des wissenschaftlichen Nachwuchses und Berufungsverfahren Kriterien für die Bewertung von Wissenschaftlern und Forschungsinstitutionen Positionierung der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik in der internationalen Forschung In diesem Memorandum unterscheiden die Autoren die Forschung der Wirtschaftsinformatik folgendermaßen: In der europäischen Wirtschaftsinformatik (engl. Bezeichnung des Studienfachs oft Business Informatics) beschreibt die Forschungsfrage oft ein reales Problem, das durch entsprechende konstruktivistische bzw. gestaltungsorientierte Forschungsprojekte bzw. -vorhaben gelöst wird. Im Gegensatz dazu fokussiert sich die amerikanische Wirtschaftsinformatik (dort als Studienfach unter dem Namen Information Systems verbreitet) oft auf behavioristische, also das Problem beschreibende Forschung.

Arbeitsgebiete der Wirtschaftsinformatik Die Wirtschaftsinformatik befasst sich mit Planung, Entwicklung, Implementierung, dem Betrieb, Weiterentwicklung und ökonomischen Einsatz von Informations- und Kommunikationssystemen, die zur formalisierten Unterstützung der ablaufenden Geschäftsprozesse und zur strukturierten strategischen Entscheidungsfindung in Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung eingesetzt werden. Nicht wirtschaftsbezogene Anwendungen wie Finite-Elemente-Systeme zur Berechnung von Spannungen in technischen Bauteilen oder Anwendungen, die aufgrund ihrer Generalisierung (beispielsweise Textverarbeitungssoftware) nicht in einem gleich bleibenden formalen Rahmen eingesetzt werden, zählen nicht zum klassischen Arbeitsgebiet der Wirtschaftsinformatik.

Business-Intelligence Informationsmanagement Informations-/Kommunikationssysteme Internetökonomie Prozessmanagement betriebliches Datenmanagement Planung, Entwicklung und Betrieb von Data Warehouses Multidimensionale Datenanalyse (OLAP) Data-Mining und Process-Mining Machine Learning und Künstliche Intelligenz Data Science und Statistik Prädiktive Analytik Operations Research und Entscheidungstheorie Computersimulation Allgemein: Management der Informationssysteme Informationswirtschaft IuK-Technologie IT-Governance IT-Controlling IT-Organisation IT-Strategie Unternehmensarchitektur (Enterprise Architecture) Spezielles Informationsmanagement Enterprise-Content-Management Elektronische Archivierung Information Retrieval Wissensmanagement betriebliche Informationssysteme Teilgebiet: Anwendungssysteme (Entwicklung, Planung, Pflege) Teilgebiet: Kommunikationssysteme Teilgebiet: Mensch und Psychologie Spezielle Informationssysteme Entscheidungsunterstützungssysteme / Controllingsysteme Führungsinformationssysteme Handelsinformationssysteme Interorganisationssysteme für Unternehmenskooperationen Produktionsplanung und -steuerungsysteme (PPS) Umweltinformationssysteme Kommunikations- und Kollaborationssystem Enterprise Application Integration Serviceorientierte Architekturen Webservices und Microservices Cloud Computing E-Business Online-Marketing Business Process Management Arbeitsablauf und Verwaltung von Arbeitsabläufen Service Engineering

Werkzeuge aus anderen Wissenschaften, die innerhalb der Wirtschaftsinformatik weiterentwickelt wurden:

Modellierung Datenmodell Informationsmodell Referenzmodell

Weitere Bereiche:

E-Government E-Learning E-Health Mobile-Business Very Large Business Applications

Es sollte jedoch beachtet werden, dass einige Unterbereiche noch keinen klaren Forschungszweig darstellen und daher noch als Schlagwörter einzustufen sind.

Einfluss anderer Wissenschaften Informatik Der für die Wirtschaftsinformatik besonders relevante Bereich der Informatik ist die Praktische Informatik. Ihre Anwendung bedeutet die Verwendung von Betriebssystemen und Rechnernetzen. Dadurch erschließen sich auch die entwicklungsrelevanten Gebiete der Praktischen Informatik. Mittels Algorithmen und Datenstrukturen werden anhand von Programmiersprachen Computerprogramme, wie z. B. Anwendungssysteme, erstellt. Durch die Planung, Analyse und Design von Software innerhalb der Softwaretechnik (Software Engineering), besteht der wissenschaftliche und professionelle Ansatz der Softwareentwicklung. Für die permanente Datenspeicherung (Persistenz) werden Datenbanken benötigt.

Betriebswirtschaftslehre