hochkant=1.5|mini|Marlene Dietrich im Schwanenpelz, am 28. Mai 1960 im Tuschinski-Theater in Amsterdam Der Schwanenpelz der Marlene Dietrich ist ein für die Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich (* 27. Dezember 1901; † 6. Mai 1992) für ihren Bühnenauftritt aus Vogelfellen gearbeiteter Mantel mit großer runder Schleppe. Der französisch-US-amerikanische Kostümbildner und Modedesigner Jean Louis, der das hauptsächlich darunter getragene Kleid entworfen hatte, übernahm auch die Umsetzung der von Dietrich gezeichneten Ideenskizzen. Erstmals trug sie den Mantel 1957 bei ihrem Auftritt im Sands-Hotel in Las Vegas.
Der Schwanenmantel befindet sich heute in zwei Ausfertigungen in der Marlene-Dietrich-Sammlung „Deutsche Kinemathek – Marlene Dietrich Collection Berlin“. Seit dem Ankauf des Nachlasses im Jahr 1993 durch das Land Berlin (mit Unterstützung des Bundes) wird er als nationales Kulturgut geführt.
Allgemein Als Vogelfell wird in der Pelzwirtschaft die abgezogene, befiederte Haut eines Vogels bezeichnet. Vor der Verarbeitung zu Kleidung werden die Deckfedern regelmäßig entfernt, nur die weichen Daunen- bzw. Flaumfedern bleiben erhalten. Seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts fand jedoch eine Verwendung von Vogelfellen bei der Herstellung von Kleidung nicht mehr in merklichem Umfang statt. Bereits 1970, da bereits überholt, wurde ihre Nutzung als „nur noch verhältnismäßig selten als Garnitur für Morgenröcke oder Festkleidung von Teenagern“ erwähnt. Der Schwanenpelz Dietrichs wurde in fast allen Presseberichten als „Mantel aus Vogelfedern“, „aus Brustdaunen“ oder ähnlich, beschrieben. Er wurde jedoch noch aus flaumbefederten, gegerbten Vogelhäuten gearbeitet.Auskunft Barbara Schröter, Deutsche Kinemathek – Marlene Dietrich Collection Berlin, Außenstelle Berlin-Marienfelde, vom 18. April 2017.
Amerikanische Biologen haben an einem Schwan 25.216 Federn gezählt, von denen sich allerdings allein 20.000 an Kopf und Hals befanden.Alexander Bajohr: Die weißen Zaubervögel von Nikolaiken. In: Das Ostpreußenblatt. Nr. 47, 22. November 2014, S. 20. Abgerufen am 24. November 2021. Jedoch wurden auch Felle der Gänse als „Schwanenbesatz“ gehandelt. Vor allem in Holland gab es Betriebe, die, neben der Fleischnutzung, besonders für die Pelzverwendung geeignete Gänse züchteten. (→ Inhaltsverzeichnis). Die Schwanenmäntel für die Auftritte der zahlreichen später in der Rolle der Marlene Dietrich aufgetretenen Sängerinnen wurden jedoch wohl immer, wie beispielsweise 2019 im Schauspielhaus Gießen, aus sogenannten „Marabu“- und anderen auf Stoff aufgenähten Federn und nicht aus Vogelfellen gearbeitet.Joachim Brauner: Eindrücke zur Theaterarbeit „hinter der Bühne“. MUTHEA e.V. – Bundesvereinigung deutscher Musik- und Theater-Fördergesellschaften, Verein der Freunde des Theaters Gießen, März 2019. Abgerufen am 9. Oktober 2021.
Marlene Dietrichs Aufstieg begann in den 1930er Jahren in Berlin. Sie setzte in ihrer Karriere einige wesentliche Modetrends. Selbstironisch sagte sie von sich: „Ich kann nicht singen. Also muss das, was ich trage, eine Sensation sein.“ Ihren Kultstatus als Modeikone erlangte sie vor allem mit ihrem ersten Hollywoodfilm Marokko, in dem sie einen Hosenanzug trug, ein Entwurf von Travis Banton. Zur damaligen Zeit schien es ein Skandal, der jedoch bald in einen regelgerechten Hype umschlug. Hose und Blazer erhielten Einzug in die elegante Damenmode.Naomi Stocker: Marlene Dietrich – Porträt einer Stilikone www.femelle.ch. Abgerufen am 25. November 2021. In Erinnerung geblieben sind außerdem ihre hautengen, transparent wirkenden Bühnenkleider mit Glitzerbesatz, dazu der üppige Schleppenmantel aus Schwanenpelz, in der Zeitung Die Zeit damals als das wohl „glamouröseste Kleidungsstück der Welt“ bezeichnet.Adrian Prechtel: Marlene Dietrich: Irdisch und doch ein Traum – Ein Buch nähert sich Marlene Dietrich über die Kleider ihres Lebens. Abendzeitung, 27. Dezember 2021. Abgerufen am 19. März 2022.
Der Schwanenmantel war nicht das erste und nicht das letzte mit Federn garnierte Kostüm Dietrichs. In Alfred Hitchcocks Film Die rote Lola aus dem Jahr 1950 sang sie, hingeräkelt in einem mit Marabufederdaunen verbrämten, überlangen Seidengewand, Cole Porters „I’m the laziest gal in town“.The Laziest Gal In Town. Youtube-Video. Abgerufen am 23. November 2021. Mitte der 1950er Jahre trat Marlene Dietrich in London in einem transparenten Chiffonkleid auf, das über und über mit Rheinkiesel und anderem Strass bestickt war, in der Art, wie sie es bei den Bühnenauftritten während des Weltkrieges vor Soldaten getragen hatte.Nicole Bröhan: Marlene Dietrich. In: Berliner Köpfe. Band 8, Jacon Verlag, Berlin, 2007, S. 131. Darüber trug sie eine gewaltige Stola aus Schwanenpelz von Christian Dior.Marie Louise Steinbauer, Rudolf Kinzel: Marie Louise Pelze. Steinbock Verlag, Hannover 1973, S. 189–190. Im Besitz des Berliner Filmmuseums, 2020 ausgestellt im Berliner Schwulen Museum, befindet sich ein federgeschmücktes weißes Kleid, das sie als „Leda mit dem Schwan“ zu einem Fest trug, bei dem jeder als die am meisten von ihm verehrte Person erschien.Domenika Ahlrichs: Marlene und der Schwan. taz-Archiv. Abgerufen am 29. November 2021. Im Mai 1959 trat Marlene nach einer vorhergegangenen Aufführung noch einmal im Sahara Hotel im Schwanenpelz auf. Wesentlicher Teil des von Jean Louis entworfenen Bühnenkostüms war ein goldenes Paillettenkleid. Es bestand, wie das dazugehörende Mieder, aus hautfarbenem, elastischen Tüll („Soufflé“) des Produzenten Biranncini. Die Tochter Maria Riva schrieb: darauf „Tausende und Abertausende Perlen“ mit diesem „geradezu fanatischen Perfektionismus appliziert, bis die Dietrich im Spiegel schließlich das sah, was sie dem Publikum präsentieren wollte – eine sublime Frau, einen perfekten Körper, eine makellose Göttin, die vollständig bekleidet war und doch für das menschliche Auge nackt wirkte“. Darüber trug sie diesmal einen schrillen, kanariengelben Federmantel. Werner Sudendorf, 34 Jahre lang Leiter der Sammlungen des Filmmuseums Berlin, stellte fest: „Darin wirkte sie wie ein kostbar glitzernder, exotischer Vogel. Für europäische Verhältnisse war das Kleid eine groteske Geschmacksverirrung, für Las Vegas war es das richtige.“
Zwei Versionen eines auf 1955 datierten „Showkleids, ‚Federkleids‘, mit Pailettenstickerei in Form von Federn sowie angearbeitete Boa und Schleppe aus geknoteten Straußenfedern“, auch von Jean Louis entworfen, befinden sich ebenfalls im Archiv der Deutschen Kinemathek.Showkleid "Federkleid", mit Pailettenstickerei in Form von Federn sowie angearbeitete Boa und Schleppe aus geknoteten Straußenfedern (Archivtitel). Deutsche Digitale Bibliothek. Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen (Archiv), 18. März 2021. Abgerufen am 30. März 2022. Des Weiteren enthält die Sammlung zwei Kostümentwürfe des argentinischen Modedesigners Horace Lannes aus der Zeit etwa zwischen 1950 und 1959, die Marlene Dietrich in zwei bodenlangen, üppig mit Federn verbrämt Capes zeigen,Marlene Dietrich – Ein schmales, diagonal geschnittenes, langes Kleid und Umhang mit Saum aus Federn. Deutsche Kinemathek. Abgerufen am 19. März 2022. außerdem zahlreiche Rechnungen über Federn der Spezialfirma Hayflich Co. in New York für Marlene Dietrich von Ende der 1950er Jahre.
Mit luxuriösen Pelzen schmückten sich wohl alle großen Stars jener Zeit; das traf auch für Marlene Dietrich ganz besonders zu. Ob in Filmen oder bei öffentlichen Auftritten, bei allen möglichen Gelegenheiten war sie mit den schmeichelndsten und wertvollsten Fellarten zu sehen.Marlene Dietrich "Miss Otis Regrets" 1951 (Blonde Venus In Furs n°2) (Video). Abgerufen am 18. März 2022. Pelze und Federn und Chiffonkleider eignen sich, um mit ihnen durch Windmaschinen besondere Effekte zu erzeugen, was bei etlichen Veranstaltungen auch genutzt wurde.
Im Film Perlen zum Glück aus dem Jahr 1936 war sie bereits in einem mit meterlangem Fuchspelz eingefassten Chiffonumhang aufgetreten. Der Schwanenmantel ähnelte in seiner Kragen- und Ärmelform sehr einer Schwanenjacke, die sie in der Boudoirszene des Films Die scharlachrote Kaiserin getragen hatte. Maria Riva meinte: „Ich bin überzeugt, dass meiner Mutter niemals bewusst war, dass sie perfekte Kreationen aus der Vergangenheit noch einmal erfand. Zudem war alles auch beim zweiten Mal so perfekt, dass keine Veranlassung bestand, sie darauf aufmerksam zu machen.“ Das „schillernde Glasperlenkleid“ und den Schwanenmantel bezeichnete Riva als die „beiden Meisterstücke“ ihrer Mutter in der Zeit, als „sie bereits über Las Vegas hinausgewachsen“ war und ihre Konzerte in richtigen Theatern gab.
Entstehung Etwa 1953 ging der Auftrag, ein Kostüm für den großen Auftritt von Marlene Dietrich in Las Vegas herzustellen, an Jean Louis, dessen Arbeit sie bewunderte. Die Künstlerin war überzeugt, dass nur ein Kostümatelier eines großen Filmstudios in der Lage war, „ein Kostüm anzufertigen, das dem großen Auftritt einer Marlene Dietrich in Las Vegas angemessen war“. Louis war als Kostümbildner für Columbia Pictures tätig und hatte dort bereits für Rita Hayworth gearbeitet. Da der Chef der Columbia Dietrich gern für eine Hauptrolle engagiert hätte, gab er ihr zudem einige Jahre lang die Erlaubnis, ihre so berühmt werdenden Kleider in den studioeigenen Werkstätten anfertigen zu lassen.
Marlene Dietrichs sehr einfache Skizzen und Jean Louis’ elegante Entwürfe für den Schwanenpelz sind noch erhalten. Ein erster, undatierter Entwurf Dietrichs zeigt auf einem Blatt einen eher konventionellen, wohl bodenlangen Mantel und ein Cape, beide in diagonaler Streifenführung, die Vorderkanten mit einem abschließenden Längsstreifen. Eine derartige diagonale Anordnung der Streifen würde, insbesondere bei der Verarbeitung mit dünnen Tüllstreifen in der Art der in der Pelzverarbeitung üblichen Galons, zu einem kaum lösbaren Problem des ungleichen, einseitigen Fall des Mantels führen. Die Capevariante hat einen tief ausgeschnittenen, fellumrandeten Armaustritt. Eine weitere von Dietrich gezeichnete, undatierte Skizze zeigt ein oberes, nicht verwirklichtes Rückenteil, das sie schmaler haben wollte, damit kein Buckel entstehe. Eventuell als Ausschmückung der Zeichnung sind spiralförmig geformte Federn (?) eingezeichnet. Dies wurde später auch derart gedeutet, dass Fellstücke oder Federn spiralförmig auf dem Untergrund befestigt werden sollten.Marlene Dietrich: Top of back thinner so not to make hunch back (Skizze). Unterlagenordner der Deutschen Kinemathek – Marlene Dietrich Collection Berlin.Das letzte Kleid der Marlene. bei Laufzeit 6,20 Minuten Deutsche Welle (Video). Abgerufen am 19. März 2022.