mini|Lage des Rakhaing-Staates in Myanmar mini|Rohingya im Rakhaing-Staat Die Rohingya sind eine Ethnie in Myanmar (ehemals Birma), deren Mitglieder als Muttersprache eine Varietät des indoarischen Chittagonischen sprechen, das zum bengalisch-assamesischen Zweig des Ostindischen gehört. Fast alle Rohingya sind sunnitische Muslime. Die Rohingya leben hauptsächlich im nördlichen Teil des an Bangladesch grenzenden myanmarischen Rakhaing-Staates (ehemals Arakan). Harvard Divinity School 2017
Schon lange werden die Rohingya in Myanmar unterdrückt. Gemäß dem Staatsbürgerschaftsgesetz von 1982 gelten die Rohingya nicht als eine der 135 einheimischen Bevölkerungsgruppen und haben damit keinen Anspruch auf die myanmarische Staatsbürgerschaft.Jonathan Head: BBC News: What drives the Rohingya to sea? In: BBC News. 5. Februar 2009 Ab Herbst 2017 kam es zu vielen Ermordungen von Rohingya durch Regierungstruppen. Der Internationale Strafgerichtshof und der Internationale Gerichtshof ermitteln gegen Myanmar wegen Völkermord an den Rohingya.
Aufgrund der Repressionen und Verfolgungen leben mindestens eine Million Rohingya als Flüchtlinge in Bangladesch und weiteren Ländern Asiens., In: tagesschau.de. 29. März 2015. Das Flüchtlingslager Kutupalong der Rohingya in Cox’s Bazar in Bangladesch ist mit mehr als einer Million Menschen Stand 2026 das größte der Welt. Die Bedingungen dort gelten als menschenunwürdig und gefährlich.
Ab Frühjahr 2024 begann die myanmarische Militärjunta bzw. die Streitkräfte von Myanmar, die zuvor noch einen Völkermord an den Rohingya verübt hatte, männliche Rohingya zum Kriegsdienst bzw. zur Beteiligung am Bürgerkrieg in Myanmar zu rekrutieren. Dies erfolgte teilweise unter Zwang, aber laut der International Crisis Group teils auch auf freiwilliger Basis. Bereits bewaffnete Rohingya-Gruppen verbündeten sich ebenfalls mit der Militärjunta.
Etymologie, Verwendung der Bezeichnung Dem Historiker Jacques P. Leider zufolge ist der Name Rohingya historisch nur einmal belegt, in einer Quelle aus dem späten 18. Jahrhundert. Der Name scheint eine der Phonetik der von den Rohingya gesprochenen indoarischen Sprache angepasste Variante des birmanischen Namens der Provinz Rakhine zu sein.Jacques P. Leider: . Myanmar Egress/Myanmar Peace Center (PDF; 4 kB). 28. Januar 2014, S. 4; S. 8.
Jacques P. Leider stellt fest, dass der Begriff erst seit den 1960er Jahren vereinzelt für muslimische Gruppierungen verwendet wurde und noch in den 1990er Jahren in den Medien nicht als Begriff für eine Ethnie Verwendung fand, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Gruppen von Aufständischen war, die für die Errichtung eines unabhängigen muslimischen Staates an den Grenzen zu Bangladesch in der ehemaligen Arakanregion kämpften. Erst 1995 habe sich der Begriff international als Begriff für eine Volksgruppe verbreitet, weil er in englischsprachigen Berichten über die Menschenrechtssituation benutzt wurde. Nach 2012 fingen Rohingya-Aktivisten an, Muslime zu drängen, sich selbst als Rohingya zu bezeichnen.Jacques P. Leider: Competing Identities and the Hybridized History of the Rohingyas. In: Renaud Egreteau, François Robinne: Metamorphosis. Studies in Social and Political Change in Myanmar. NUS Press, Singapur 2016, ISBN 978-9971-69-866-9, S. 151–178, auf S. 156 f.
Forscher sind sich weitgehend einig, dass der Begriff seit den 1950er Jahren von den in Myanmar lebenden Muslimen verwendet wird, um ihre Identität als legitime und eigenständige Volksgruppe zu bekräftigen. Myanmar hat 135 Volksgruppen, und die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe ist ein Garant für politischen Einfluss. Anders als in anderen Staaten reicht die Zugehörigkeit zu einer Religion in Myanmar dazu jedoch nicht aus. Die Vertreter der Muslime forderten ein eigenes Gebiet in der ehemaligen Arakanregion und wollten nicht unter einer buddhistischen Regierung in einem Arakanstaat leben. Die Buddhisten wollten auf der anderen Seite keinen Teil ihres Landes verlieren.Jacques P. Leider: Competing Identities and the Hybridized History of the Rohingyas. In: Renaud Egreteau, François Robinne: Metamorphosis. Studies in Social and Political Change in Myanmar. NUS Press, Singapur 2016, ISBN 978-9971-69-866-9, S. 151–178, auf S. 155 f.
Staatliche Stellen in Myanmar lehnen die Bezeichnung Rohingya ab und sprechen stattdessen von Bengalis, um ihre Position zu verdeutlichen, dass es sich um (illegale) Einwanderer aus Bengalen (Bangladesch) handle.Jacques P. Leider: . Myanmar Egress/Myanmar Peace Center (PDF; 4 kB). 28. Januar 2014, S. 4. Vertriebene Muslime aus der Region, die sich in den 1970er Jahren in Saudi-Arabien oder Pakistan angesiedelt haben, werden dort als „birmanische Muslime“ bezeichnet.
Auch wenn Aktivisten der Rohingya-Bewegung den Begriff „muslimisch“ in der Geschichtsschreibung zunehmend durch „Rohingya“ zu ersetzen versuchten, sei das nach Leider für Historiker kein haltbares Vorgehen. Es sei anhand der Aufzeichnungen nicht möglich zu bestimmen, wer die Rohingya sind oder sein wollen. Es sei eine Identität, die sich 2016 noch im Aufbau befinde.Jacques P. Leider: Competing Identities and the Hybridized History of the Rohingyas. In: Renaud Egreteau, François Robinne: Metamorphosis. Studies in Social and Political Change in Myanmar. NUS Press, Singapur 2016, ISBN 978-9971-69-866-9, S. 151–178, auf S. 159.
Kultur, Sprache und Demographie Die indoarische Sprache der Rohingya ist eine Varietät des Chittagonischen und steht dem Bengali nahe. Sie gehört damit als indogermanische Sprache einer anderen Sprachfamilie an als die birmanische Sprache, die Staatssprache Myanmars, welche zur sinotibetischen Sprachfamilie gehört. Rohingya ist die einzige indogermanische Sprache in Myanmar.
Rohingyasprechende können sich mit Sprechern des Chittagonischen problemlos verständigen, das im nahen Südosten Bangladeschs gesprochen wird. Die Sprache hat viele Lehn- und Fremdwörter aus Urdu, Hindi, Bengali und Arabisch, aber auch einige Wörter aus Birmanisch und Englisch sind eingegliedert. Die Sprache wurde ursprünglich in arabischer Schrift geschrieben, jedoch gibt es seit kurzem Bemühungen, die Sprache in lateinischer Schrift zu schreiben. Das Ergebnis daraus nennt man Rohingyalisch.
Ihre Religion – mehrheitlich der Islam – ist für die Rohingya von großer Bedeutung. Es gibt Moscheen und religiöse Schulen in jedem Stadtviertel und Dorf. Daneben gibt es eine kleine Minderheit von Hindus.
Geschichte mini|Münzen der Könige von Arakan Die Herkunft der Gruppe, die heute als Rohingya umschrieben wird, ist umstritten. Vertreter sehen sich selbst als lange in Rakhaing ansässige Volksgruppe, die vor rund 1000 Jahren zum Islam konvertierte.Jacques P. Leider: Rohingya: the name, the movement and the quest for identity. Myanmar Egress and the Myanmar Peace Center, 2003, S. 6 f.
Dass es eine muslimische Bevölkerung im Königreich Arakan (Rakhaing) gab, ist unbestreitbar.Jacques P. Leider: Competing Identities and the Hybridized History of the Rohingyas. In: Renaud Egreteau, François Robinne: Metamorphosis. Studies in Social and Political Change in Myanmar. NUS Press, Singapur 2016, ISBN 978-9971-69-866-9, S. 151–178, auf S. 164 Forscher stellen jedoch fest, dass es bislang keine Hinweise auf eine einheitliche muslimische Bevölkerung im Sinne der Rohingya-Aktivisten im alten Königreich Arakan gebe. Eine Präsenz des Islam in der Region im ersten Jahrtausend sei wegen des Mangels an Quellen nicht zu belegen. Jacques P. Leider beschreibt, wie durch eine dogmatische Uminterpretation der historischen Quellen Rohingya-Historiographen versucht hätten, die typische Pluralität der Region in der Geschichtsschreibung zu verwischen, um eine „Rohingya-Geschichtsschreibung“ zu erschaffen. So hätten Elemente des Sufismus und die Rolle einer muslimischen Elite am historischen Hof in dieser Form keine geschichtliche Grundlage. Buddhistische Einflüsse würden von den Historiographen weitgehend ignoriert, um das historische Arakan zu einem überwiegend islamischen Land erklären zu können.Jacques P. Leider: Competing Identities and the Hybridized History of the Rohingyas. In: Renaud Egreteau, François Robinne: Metamorphosis. Studies in Social and Political Change in Myanmar. NUS Press, Singapur 2016, ISBN 978-9971-69-866-9, S. 151–178, auf S. 163.
Die westliche Geschichtsschreibung geht davon aus, dass die muslimische Bevölkerung in Rakhaing ursprünglich auf deportierte und geflohene Bengalis zurückgeht, die von Königen im 16. und 18. Jahrhundert angesiedelt wurden. Der Anteil an Moslems an der Gruppe kann jedoch nicht mit Sicherheit bestimmt werden.Jacques P. Leider: Competing Identities and the Hybridized History of the Rohingyas. In: Renaud Egreteau, François Robinne: Metamorphosis. Studies in Social and Political Change in Myanmar. NUS Press, Singapur 2016, ISBN 978-9971-69-866-9, S. 151–178, auf S. 169.
Britische Aufzeichnungen aus der Kolonialzeit belegen, dass es Migration der muslimischen Bevölkerung aus Chittagong nach Arakan seit 1891 in verschiedenen Epochen bis 1971 gegeben hat. Der Historiker Leider beobachtete, dass Rohingya-Aktivisten den Einfluss dieser Einwanderung jedoch herunterspielen oder sie teilweise ignorieren, um die heutige Gemeinschaft als alleinige Nachkommen einer alten muslimischen Gemeinschaft von Arakan darstellen zu können.Jacques P. Leider: Competing Identities and the Hybridized History of the Rohingyas. In: Renaud Egreteau, François Robinne: Metamorphosis. Studies in Social and Political Change in Myanmar. NUS Press, Singapur 2016, ISBN 978-9971-69-866-9, S. 151–178, auf S. 159 f.
Militäreinsätze mini|Ein Kämpfer der Rohingya ergibt sich (1961)
Seit der Unabhängigkeit Birmas am 4. Januar 1948 führte die Regierung gegen die Rohingya 20 militärische Operationen durch. Folgen der teils massiven Militäroperationen waren der Tod vieler Rohingya, die Verwüstung ihrer Siedlungsgebiete und Heiligtümer sowie die teils systematische Zerstörung ihrer Infrastrukturen.
Die 20 Militäroperationen waren/sind: Militäroperation (5. Birmanische Regierung), November 1948 Operation der Birmanischen Regionalkräfte (BTF), 1949–1950 Militäroperation (2. Chinesische Regierung), März 1951–1952 Mayu-Operation, Oktober 1952–1953 Mone-Thone-Operation, Oktober 1954 Gemeinsame Operation des Militärs und der Vereinten Siedler, Januar 1955 Operation der Vereinigten Militärpolizei (UMP), 1955–1958 Kapitän Htin-Kway-Operation, 1959 Shwe-Kyi-Operation, Oktober 1966 KyiGan-Operation, Oktober–Dezember 1966 Ngazinka-Operation, 1967–1969 Myat-Mon-Operation, Februar 1969–1971 Major-Aung-Than-Operation, 1973 Sabe-Operation, Februar 1974–1978 Nagamin-Operation, Februar 1978–1979 Shwe-Hintha-Operation, August 1978–1979 Galone-Operation, 1979 Pyi-Thaya-Operation, 1991–1992 Groß angelegte Offensive, August–September 2017 Na-Sa-Ka-Operationen, seit 1992
Situation in Myanmar mini|Rohingya-Flüchtlinge in Rakhine (2012)