Camille ist ein unveröffentlichtes Studioalbum des US-amerikanischen Musikers Prince, der alle Songs arrangierte, komponierte und produzierte. Er stellte es im November 1986 fertig und sollte im Januar 1987 bei Warner Bros. Records erscheinen; eine Katalognummer war bereits vergeben.
Prince entschied sich jedoch, das Projekt zu erweitern, und stellte stattdessen ein Dreifachalbum mit weiteren zuvor aufgenommenen Songs zusammen, darunter sieben der acht Stücke von Camille. Dieses unter dem Titel Crystal Ball geplante Werk lehnte Warner jedoch ab. Letztendlich blieben beide Alben unveröffentlicht, stattdessen brachte Prince im März 1987 das Doppelalbum Sign “☮” the Times heraus, das drei Songs von Camille enthält. Die übrigen fünf Titel wurden zwischen 1987 und 2020, teilweise posthum, auf verschiedenen Prince-Veröffentlichungen publiziert.
Die Musik lässt sich den Genres Contemporary R&B, Funk, Pop und Rock zuordnen. Sämtliche Songs trägt Prince in dem von ihm geschaffenen „Camille“-Gesang vor, bei dem seine Stimme mittels Pitch Shifting beschleunigt wurde. Die Kunstfigur „Camille“ gilt als sein Alter Ego und wird als seine „böse Seite“ interpretiert; Prince verwendete sie bis einschließlich 1988. Inhaltlich behandeln die Liedtexte vor allem Liebe, Sexualität und Wollust. Als Gastsängerinnen wirken Jill Jones und Susannah Melvoin mit.
Im März 2022 gab das von Jack White gegründete Label Third Man Records bekannt, die Rechte an Camille erworben zu haben und eine Veröffentlichung zu planen; bis 2026 ist diese jedoch nicht erfolgt.
Entstehung Die Kunstfigur „Camille“ Bei der Schaffung der Kunstfigur „Camille“ ließ sich Prince von dem Franzosen Abel Barbin (* 8. November 1838; † Februar 1868) inspirieren, dessen Spitzname „Camille“ lautete und im Französischen sowohl als männlicher wie auch als weiblicher Vorname gebräuchlich ist. Barbin war intersexuell und wurde bei der Geburt als weiblich unter dem Namen „Herculine Adélaïde Barbin“ anerkannt. Nach einer ärztlichen Untersuchung wurde 1860 per Gerichtsbeschluss festgelegt, dass Barbin fortan dem männlichen Geschlecht zuzuordnen sei.Nilsen (1999), S. 217. Im Februar 1868 beging Barbin im Alter von 29 Jahren Suizid.
Der Name „Camille“ erschien bei Prince erstmals im März 1987, als er auf dem Album Sign “☮” the Times für den Hauptgesang der vier Titel Housequake, If I Was Your Girlfriend, Strange Relationship und U Got the Look dieses Pseudonym verwendete. Es bezeichnete ausschließlich Songs, bei denen während der Aufnahme das Tonband verlangsamt lief; beim Abspielen in Normalgeschwindigkeit entsteht dadurch ein Pitch-Shifting-Effekt, der seine Stimme höher und schneller erscheinen lässt, vergleichbar mit dem Klang unter Einfluss von Helium.Draper (2016), S. 70.Thorne (2017), S. 175.
Erstmals setzte Prince den Stimmeffekt im Song Erotic City ein, den er am 25. März 1984 aufnahm und als B-Seite der im Juli 1984 veröffentlichten Single Let’s Go Crazy aus dem Album Purple Rain veröffentlichte.Tudahl (2018), S. 300. Zu diesem Zeitpunkt bezeichnete er den Effekt noch nicht als „Camille“. Zuletzt verwendete er ihn 2009 im Stück Ol’ Skool Company vom Album MPLSound.
„Camille“ gilt als Prince’ Alter Ego und wird als seine „böse Seite“ interpretiert. 1988 veröffentlichte er im Tourbuch zur Lovesexy Tour eine kryptische Erzählung zur Entstehung des Black Albums, in der er erklärte, „Camille“ habe seine negative Seite überspannt.Hahn (2016), S. 167.Ewing (1994), S. 76. Sowohl die Kunstfigur als auch das Pseudonym verwendete Prince bis einschließlich 1988, den von ihm entwickelten Stimmeffekt hingegen bis einschließlich 2009.
Albumaufnahmen Alle acht Songs entstanden zwischen September und November 1986. Mit Ausnahme von Shockadelica nahm Prince sämtliche Stücke im Tonstudio Sunset Sound in Los Angeles (Kalifornien) auf. links|mini|Prince, 1986 Als ersten Song nahm Prince am 16. September 1986 Shockadelica in seinem Heimstudio Galpin Blvd Home Studio in Chanhassen (Minnesota) auf.Nilsen (1999), S. 267. Das Stück war ein Seitenhieb auf den früheren The Time-Gitarristen Jesse Johnson, für den Prince den Song ursprünglich geschrieben hatte, der ihn jedoch ablehnte. Johnsons Album Shockadelica, dessen Veröffentlichung für den 15. September 1986 vorgesehen war, enthielt keinen gleichnamigen Titel, was Prince laut seinem damaligen Tourmanager Alan Leeds zu der ironischen Bemerkung veranlasste, ein Album mit einem so starken Titel müsse auch einen entsprechenden Song besitzen.Begleitheft der CD The Hits/The B-Sides, 1993
Prince veröffentlichte das Stück daraufhin selbst und ließ es unmittelbar nach der Aufnahme beim Radiosender KMOJ in Minneapolis spielen, wodurch der Eindruck entstand, er habe den Titel „Shockadelica“ selbst geprägt.Tudahl (2021), S. 483–485. Johnson äußerte später, Prince habe ihm zuvor angeboten, den Song für eine Neuauflage seines Albums zu verwenden, was er aus Rücksicht auf bereits erschienene Exemplare abgelehnt habe; rückblickend erklärte er 2017, eine nachträgliche Aufnahme sei produktionstechnisch nicht mehr möglich gewesen.Nilsen (1999), S. 215.Osgood (2024), S. 131–132.
Am 18. Oktober 1986 nahm Prince im Sunset Sound den Song Housequake auf; als Toningenieur fungierte dabei Coke Johnson (* 18. März 1955), da Susan Rogers zu dieser Zeit im Urlaub war.Nilsen (1999), S. 280.Nilsen (1999), S. 216. Am 27. Oktober überarbeitete er Feel U Up, das ursprünglich im November 1981 entstanden war.Tudahl (2021), S. 532. Die Stücke Rebirth of the Flesh und Rockhard in a Funky Place nahm er am 28. Oktober 1986 auf, Goodlove folgte zwei Tage später.Tudahl (2021), S. 533–535.
Prince schrieb diese Songs in einer Phase künstlerischer Neuorientierung, nachdem er zwei Wochen zuvor seine Begleitband The Revolution aufgelöst hatte. Zugleich äußerte er sich optimistisch und erklärte, er sei in dieser Zeit „glücklich und sehr zuversichtlich“ hinsichtlich seiner musikalischen Möglichkeiten mit einer neuen Musikerbesetzung, zu der auch Sheila E. gehörte.Begleitheft von Crystal Ball, NPG Records, 1998 If I Was Your Girlfriend nahm Prince am 2. November 1986 auf; am folgenden Tag überarbeitete er Strange Relationship, das ursprünglich im März 1983 entstanden war.Tudahl (2018), S. 40.Tudahl (2021), S. 332.
Am 5. November 1986 stellte Prince sein Album Camille fertig, dem Warner Bros. Records bereits die Katalognummer „25543“ zugewiesen hatte und das im Januar 1987 unter seinem Pseudonym „Camille“ erscheinen sollte.Tudahl (2021), S. 549. Anschließend erweiterte er das Projekt um weitere zuvor aufgenommene Songs und stellte am 30. November 1986 das Dreifachalbum Crystal Ball fertig, das er anstelle von Camille veröffentlichen wollte. Warner lehnte dies ab, da das Label ein Dreifachalbum für „schwer verkäuflich“ hielt.Nilsen (1999), S. 219.
Letztlich durfte Prince nur ein Doppelalbum veröffentlichen, das unter dem Titel Sign “☮” the Times im März 1987 erschien und im Wesentlichen aus Songs der unveröffentlicht gebliebenen Alben Camille und Crystal Ball bestand. Elf Jahre später veröffentlichte er im Januar 1998 mit Crystal Ball ein gleichnamiges Dreifachalbum, das jedoch nur einen Song aus Camille enthält, nämlich Goodlove. Dieses erschien nicht bei Warner Bros. Records, sondern auf Prince’ eigenem Label NPG Records.
Musik und Liedtexte Die Musik ist den Genres Contemporary R&B, Funk, Pop und Rock zuzuordnen und weist Einflüsse aus Electro Funk und Elektronische Tanzmusik auf. Inhaltlich behandeln die Liedtexte Liebe, Sexualität, Wollust und Partys. Alle Stücke singt Prince melodisch und trägt sie im beschleunigten „Camille“-Gesang vor.
Die Backing Vocals in Goodlove und Rockhard in a Funky Place stammen von Susannah Melvoin, zudem ist Jill Jones in Goodlove zu hören. Beide Sängerinnen werden in den Liner Notes nicht genannt. Mit Melvoin war Prince von August 1985 bis Ende April 1986 verlobt, mit Jones arbeitete er zwischen 1982 und 1990 wiederholt zusammen. Rebirth of the Flesh Der Opener ist eine dynamische Rocknummer, dominiert von einem von Prince gespielten Gitarrenriff. Der Refrain enthält mit „La, la, la, la, la, la, Souly-a-Colia“ eine von ihm konstruierte Sprache ohne inhaltliche Bedeutung. Der Text stellt „die Begründer des neuen Boogie-Cool“ vor, die „den Beat haben, den du suchst“, das Publikum „garantiert rocken“ und zur „alten Schule“ gehören, während „alle zum ‚New Boogie Cool‘ tanzen“. Die Zeile „Kick drum pounds on the two and four, all the party people get on the floor“ („Die Kick-Drum schlägt auf die Zwei und Vier, alle Party-Leute kommen auf die Tanzfläche“) verwendete Prince 1988 als Einleitung seiner Lovesexy Tour. Die Refrainmelodie griff er 1991 im Song Walk Don’t Walk auf, enthalten auf Diamonds and Pearls.Uptown (2004), S. 444. Housequake Der Song ist dem Funk zuzuordnen; die Hornriffs erinnern an Fred Wesley und Maceo Parker aus ihrer Zeit in James Browns Begleitband der 1960er Jahre. Die teils chaotisch wirkende Party-Atmosphäre verweist auf die Bands Funkadelic und Parliament von George Clinton. Der Liedtext thematisiert Partys, Tanzen und Lebensfreude. In den Backing Vocals wird unter anderem „The Penguin“ genannt, dabei handelt es sich jedoch nicht um eine reale Person, sondern um ein Kuscheltier.Nilsen (1999), S. 223.Uptown (2004), S. 376. Strange Relationship Das Stück ist der elektronischen Tanzmusik und dem Pop zuzuordnen. In der auf Sign “☮” the Times veröffentlichten Version wirkten Lisa Coleman und Wendy Melvoin mit, ehemalige Mitglieder von Prince’ Begleitband The Revolution, die er am 17. Oktober 1986 auflöste.Uptown (2004), S. 75. Coleman spielte Flöte und Sitar, Melvoin Conga und Tamburin. Für Camille entfernte Prince ihre Beiträge wieder.Tudahl (2021), S. 548. Der Liedtext schildert eine ambivalente Liebesbeziehung: Der Protagonist erträgt weder das Glück noch die Traurigkeit seiner Geliebten; aus dieser Hassliebe geht keiner der Beteiligten als Sieger hervor, wofür er um Entschuldigung bittet.Hill (1989), S. 269–270. Eine ausschließlich von Prince am Klavier eingespielte Fassung aus dem Oktober 1983 erschien posthum im September 2018 auf Piano & A Microphone 1983 und unterscheidet sich deutlich von der Version auf Camille. Feel U Up Der dem Funk zuzuordnende Song weist eine roboterhaft wirkende Bassline sowie einen markanten Linn-Snare-Drum-Beat auf. Die Blasinstrumente verleihen dem Stück stellenweise ein konventionelles R&B-Gefühl. Der Liedtext thematisiert Wollust; Prince zufolge gehe es ausschließlich „um körperliche Anziehung“. Gegenüber der weiblichen Protagonistin zeigt er sich emotional distanziert und empfindet selbst einen „One-Night-Stand“ als übermäßige Verpflichtung; sein Interesse beschränkt sich darauf, sie „zu befummeln“.Uptown (2004), S. 432. mini|Gustav Mahler, 1892 Shockadelica Das Fantasiewort Shockadelica bezeichnet einen dem Funk zuzuordnenden Song, der auf einem einzelnen Akkord basiert und von einem dominanten Drum-Machine-Beat sowie einem rhythmischen Gitarren-Lick geprägt ist; im zweiten Abschnitt tritt zusätzlich eine Rockgitarre hinzu. Der Liedtext schildert eine skrupellose Frau, die Männer manipuliert und kontrolliert. Prince singt etwa, sie müsse eine Hexe sein; inspiriert wurde diese Darstellung von der Schauspielerin Troy Beyer, die er 1986 mehrfach traf und die 1992 die weibliche Hauptrolle im Musikvideo zu Sexy M.F. übernahm. Obwohl Shockadelica vordergründig sexuelle Motive betont, thematisiert der Text einen Mann, der mit Versuchungen ringt, die aus seinen eigenen lüsternen Fantasien entstehen. In der letzten Strophe beschreibt Prince „Shockadelica“ als ein Gefühl „einsamer Kälte“, das „niemand kennen sollte“, fügt jedoch ironisch hinzu, dass letztlich „jeder dieses Gefühl kennt“. Damit verweist er auf die allgemeine Spannung zwischen Lust und Verzweiflung.Nilsen (1999), S. 214–215.Uptown (2004), S. 433. Goodlove