300px|mini|Lage der Dayuan (im Ferghanatal) und der Nachbarn mini|100px|Dayuan in chinesischer Schrift
Dayuan (, wörtlich: Groß Yuan), auch Da Yuan, Ta Yüan, Davan, ist der chinesische Name für ein Königreich in Zentralasien. Historische Berichte darüber finden sich nur in chinesischen Quellen, insbesondere im Shiji des Sima Qian und im Han Shu des Ban Biao (und seiner Nachkommen). Die moderne Forschung verortet es übereinstimmend im Ferghanatal. Das Kaiserreich China griff unter den Kaisern der Han-Dynastie erstmals nach Westen hin aus und kam so in Kontakt zu den Völkern Zentralasiens, in das es seine Einflusssphäre ausweitete. Auf diese Epoche gehen die heute unter dem Schlagwort Seidenstraße beschriebenen Handelsnetze zurück. Vorher lag die Region am äußersten östlichen Ende des Achämenidenreichs und seiner hellenistischen Nachfolgestaaten.
Möglicherweise entspricht Dayuan dem in den Geschichtswerken des Plinius und Pomponius Mela erwähnten Volk der Parianer, die nördlich der Sogdier und Baktrier am Oberlauf des Flusses Jaxartes (heute Syrdarja) gelebt hätten.Herrmann Parzinger: Die frühen Völker Asiens. Vom Neolithikum bis zum Mittelalter. C. H. Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-54961-8, Abschnitt Jüngere Eisenzeit: Fergana, S. 795–805. Diese Gleichsetzung ist aber spekulativ.
Der Bericht des Zhang Qian Alle frühen Berichte über Dayuan gehen auf den Bericht des Zhang Qian (gestorben 114 v. Chr.), eines chinesischen Diplomaten und Entdeckers zur Zeit des Kaisers Han Wudi (regierend von 141 bis 87 v. Chr.), zurück.vgl. etwa Shujing Wang: Zhang Qian. Oxford Research Encyclopedia of Asian History, online am 30. Januar 2024, doi:10.1093/acrefore/9780190277727.013.234 Der Bericht selbst ist verloren, gilt aber als wesentliche Quelle der nachfolgenden, im Umfeld des Hofes verfassten Geschichtswerke.
Zu dieser Zeit war der wichtigste Feind des chinesischen Reichs die Nomadenkonföderation der Xiongnu. Diese überfielen China regelmäßig und besiegten einige gegen sie ausgesandte chinesische Armeen, China konnte sich Frieden nur über (kaum verbrämte) Tributzahlungen erkaufen. Durch Überläufer aus den Reihen der Xiongnu wussten die Kaiser, dass die Xiongnu einige Zeit zuvor eine andere Nomadenkonföderation, die Yuezhi entscheidend besiegt und zur Abwanderung nach Westen gezwungen hatte (ein kleiner Teil war nach Süden ausgewichen, weshalb der verbliebene Stammesverband von da an meist als Da Yuezhi, also die „großen“ Yuezhi, bezeichnet wurde). Zhang Qian sollte nun (139 oder 138 v. Chr.) die Yuezhi suchen und ihnen ein Bündnis mit China gegen die Xiongnu vorschlagen. Dazu musste er von Gansu aus die Einflusssphäre der Xiongnu durchqueren, wo seine Delegation prompt von diesen überfallen und er selbst verschleppt und vor deren Herrscher, den Chanyu, gebracht wurde. Er wurde zehn Jahre festgehalten, aber gut behandelt, er heiratete sogar eine Frau der Xiongnu. Da nach der langen Zeit die Wachsamkeit nachließ und die Xiongnu durch Nachfolgekämpfe beschäftigt waren, konnte er mit Teilen seiner Delegation heimlich die Reise nach Norden fortsetzen, wo er nach 20 oder 30 Tagen zuerst das Königreich Dayuan erreichte. Dort erfuhr er, dass die Yuezhi hier vor einiger Zeit durchgezogen seien, aber heute weiter im Westen (in Daxia, in westlichen Quellen Baktrien genannt) lebten. Er folgte diesen, musste aber erfahren, dass sie an einem Bündnis mit China kein Interesse hatten. Nach 13 Jahren erreichte er mit einem einzigen Begleiter von ursprünglich mehr als 100 wieder China. Der chinesische Hof erlangte dadurch erstmals Kenntnis von Dayuan und den anderen Ländern jenseits der Gebirgspässe Yumenguan und Yangguan, die den Gansu-Korridor begrenzen. Nachdem es den Han gelungen war, die Xiongnu aus diesem Gebiet zu vertreiben, betrieben die Kaiser eine Expansionspolitik nach Westen. Das Gebiet wurde nun die „westlichen Gebiete“ (Xiyu) ,genannt, Dayuan war ein Teil davon.
Der Bericht findet sich im 123. Kapitel des Shiji, das „Bericht über Dayuan“ überschrieben ist (obwohl auch zahlreiche andere Länder behandelt werden). Dayuan liegt südwestlich des Territoriums der Xiongnu, etwa 10.000 Li westlich von China. Seine Bewohner sind seßhaft, sie bauen Reis und Weizen auf ihren Äckern an. Sie machen Wein aus Weintrauben. Die Region besitzt viel prächtige Pferde, die Blut schwitzen, ihre Vorfahren sollen von den himmlischen Pferden abstammen. Die Bewohner leben in festen Häusern inmitten befestigter Städte, es gibt etwa 70 oder etwas mehr Städte verschiedener Größe in der Region. Die Bevölkerung umfasst einige Hunderttausend. Sie kämpfen mit Bögen und Speeren und können von Pferderücken aus Pfeile verschießen. Dayuan grenzt im Norden an Kangju, im Westen an das Königreich der Groß-Yuezhi, im Südosten an Daxia (Baktrien), im Nordosten an das Land der Wusun und im Osten an Yumi und Yutian (Khotan).zitiert nach Records of the Grand Historian. Han Dynasty II. by Sima Quian, translated by Burton Watson. Columbia University Press, revised edition 1993, ISBN 0-231-08167-7, auf S. 233.
Eine spätere Passage lautet Die Gebiete um Dayuan machen Wein aus Weintrauben, die wohlhabenderen Einwohner speichern 10.000 Picul oder mehr davon. Er kann zwanzig oder dreißig Jahre lang aufbewahrt werden, ohne zu verderben. Die Leute mögen ihren Wein und ihre Pferde mögen ihre Luzerne. Die Botschafter der Han brachten Weinstöcke und Luzernesamen nach China, wo der Kaiser ihren Anbau in Gebieten mit guten Böden versuchte. Später, als die Han größere Zahlen der „himmlischen Pferde“ erworben hatten und die Gesandtschaften ferner Länder mit ihrem Gefolge eintrafen, waren die Ländereien um die Sommerpaläste mit Weinstöcken und Luzerne bepflanzt, soweit das Auge blicken konnte. Obwohl die Bewohner von Dayuan bis Anxi (vermutlich der chinesische Name für das Partherreich) verschiedene Sprachen sprechen, sind ihre Sitten und Gebräuche ähnlich und sie können sich gegenseitig verstehen. Ihre Männer haben tiefsitzende Augen und markante Bärte und Schnurrbärte. Sie sind geschickte Händler und feilschen auch um Kleingeld. Frauen werden hoch respektiert und Männer treffen ihre Entscheidungen nach dem Rat der Frauen.
Krieg zwischen China und Dayuan
mini|links|Abbildung eines Pferdes, späte Han-Dynastie, 1.–2. Jahrhundert Kaiser Wudi war nach dem Bericht im ShijiNach Records of the Grand Historian. Han Dynasty II. by Sima Quian, translated by Burton Watson. Columbia University Press, revised edition 1993, ISBN 0-231-08167-7, Kap. 115. und im Han Shu besonders interessiert an den „himmlischen Pferden“ von Dayuan. Zum Kampf gegen die Reiternomaden der Xiongnu hatte China eine sehr große Kavallerie aufgestellt und in großem Stil mit der Pferdezucht begonnen, so dass gute Pferde zur Verbesserung der Zuchtlinien sehr begehrt waren. Nachdem ihn Berichte erreicht hatten, dass die Dayuan große Mengen Pferde in ihrer Hauptstadt Ershi zusammengetrieben hatten, aber nicht mit den Chinesen handeln wollten, da inzwischen genug chinesische Güter ihr Land erreicht hatten, sandte er eine Delegation zu Wugua, König von Dayuan, die 1.000 Goldstücke und ein aus Gold gemachtes Pferd als Geschenke, im Austausch für die Pferde, mitführten. Doch die Adligen von Dayuan töteten die Gesandten bei der Stadt Yucheng und behielten das Gold für sich (das Goldpferd hatten die durch die Zurückweisung empörten Botschafter vorher selbst zerschlagen). Nach dem Bericht des Sima Qian im Shiji fühlten sie sich sicher, da China weit entfernt sei und die Chinesen bei Reisen durch die Salzwüsten des Gansu-Korridors immer zahlreiche Männer verloren hätten, so dass sie keine Rache wagen würden. Der erboste Kaiser Wudi ernannte nun den Adligen General Li Guangli, nun der Ershi General genannt, für einen Feldzug. Andere Botschafter hatten ihm vorher versichert, dass Dayuan schwach sei, so dass eine Armee von 3.000 mit Armbrüsten bewaffneten Soldaten ausreichend sei, das Land zu erobern.
Die Armee von General Li hatte auf dem Weg unter enormen Nachschubproblemen zu leiden. Die Bewohner des Landes verschanzten sich in ihren Städten und weigerten sich, die chinesische Armee zu versorgen. Als er Yucheng in Dayuan erreichte, hatte er schon die meisten seiner Männer verloren. Bei einem Sturmangriff auf die Stadt erlitt er eine schwere Niederlage und zog sich anschließend in Richtung China zurück, da ein weiterer Angriff auf Ershi aussichtslos sei. Am Ende hatte er in einem zweijährigen Feldzug acht bis neun Zehntel seiner Soldaten verloren.
Der Kaiser war erbost und fürchtete nach Sima Qians Bericht, dass das Ansehen Chinas bei den anderen Völkern der westlichen Gebiete stark leiden würde, wenn es ihm nicht einmal gelinge, ein kleines Land wie Dayuan zu besiegen. Er verbot daher dem General und seinen Männern bei Todesstrafe, nach China zurückzukehren. Am Ende des Jahres sandte er 60.000 frische Soldaten zur Armee, die bei Dunhuang lagerte. Diesmal rüstete er die Truppen mit einem Geleitzug aus Tausenden Ochsengespannen, Packpferden und Maultieren aus, die Proviant transportierten. Mit einer Truppe von 30.000 Mann erreichte General Lis Armee Ershi, die Hauptstadt von Dayuan. Die Stadt Yucheng hatte er diesmal umgangen, um schneller angreifen zu können.
Bei der Belagerung von Ershi ließ General Li den Fluss, der die Stadt mit Wasser versorgte, durch mitgeführte Wasserbauingenieure umleiten, um die Verteidiger zur Übergabe zu zwingen. Nach vierzig Tagen gelang es der Truppe, die äußeren Wälle zu überwinden, die Verteidiger zogen sich in die innere Stadt (die Zitadelle) zurück. Um die Belagerer loszuwerden, töteten die Adligen von Ershi nun ihren König und sandten seinen Kopf zu General Li. Da es der König gewesen sei, der China beleidigt habe, hätte er nun Revanche genug. Außerdem seien Verstärkungen aus Kangju schon auf dem Weg, um die Stadt zu entsetzen. General Li akzeptierte das Angebot, da er den Erfolg der Belagerung als ungewiss ansah. Die Chinesen erhielten zwanzig bis dreißig Zuchtpferde höchster Qualität und außerdem 3000 weniger wertvolle Pferde als Tribut. Er akzeptierte den Adligen Micai als neuen, china-freundlichen König von Dayuan und zog sich anschließend zurück nach China.
Zwischenzeitlich hatte ein Unterführer der Armee, Wang Shencheng, versucht, die Stadt Yucheng mit einer kleinen Truppe einzunehmen, um den Nachschub der Hauptarmee zu sichern, und war geschlagen worden. General Li ließ nun auf dem Rückweg deshalb die Stadt angreifen und erobern. Der Anführer (auch er als „König“ bezeichnet), flüchtete zu den Kangju, die ihn aber auslieferten. Der König wurde getötet, angeblich durch Unterführer ohne Wissen des Generals.
Nachdem die Chinesen abgezogen waren, töteten die Bewohner von Dayuan den ihnen aufgezwungenen china-freundlichen König und setzten einen Bruder des alten Königs als Herrscher ein. Der König sandte von da an Gesandte mit Tribut an den chinesischen Hof, die auch akzeptiert wurden. Nach dem Bericht im Han Shu sandten die Könige von Dayuan einen jährlichen Tribut von zwei „himmlischen“ Pferden an den chinesischen Hof.
Die „himmlischen“ Pferde von Dayuan