mini|hochkant|Oja Oja ist eine kurze, hoch tönende Längsflöte mit einer breiten Anblasöffnung, zwei seitlich gegenüber auskragenden Grifflöchern und einer schmäleren Spielröhre, die von den Igbo im Süden Nigerias bei zeremoniellen Anlässen (Übergangsfeiern, Verehrung bedeutender Persönlichkeiten) und zur Unterhaltung gespielt wird. Die aus Holz geschnitzte oja, eine Kerbflöte mit Merkmalen einer Gefäßflöte, ist das beliebteste Blasinstrument der Igbo, das solistisch und in jedem traditionellen Ensembletyp verwendet werden kann. Die oja ist ein wesentlicher identitätsstiftender Bestandteil der traditionellen Kultur der Igbo, sie ist von Herkunftsmythen umrankt und ihr werden magische Fähigkeiten zugesprochen. Als Surrogatsprache eingesetztes Flötenspiel ist für Kenner verständlich.

Eine ähnliche Form haben unter anderem die aflekungkwe der Fon in Benin und Togo. Darüber hinaus bezeichnet oja bei den Igbo auch quer geblasene Rohrflöten und Flöten allgemein. Die yua in Nordghana hat mit der oja die beiden gegenüberliegenden Grifflöcher und das verdickte obere Ende gemeinsam, ist aber unten geschlossen.

Herkunft und Verbreitung Mittelalterliche Geographen und Afrikaforscher wie al-Bakrī im 11. Jahrhundert und Ibn Battūta im 14. Jahrhundert berichteten über die Verwendung afrikanischer und aus der islamischen Kultur stammender Musikinstrumente im Norden Nigerias wie Naturhörner (quer geblasene Elfenbeintrompeten, von Ibn Battūta būq genannt), Langtrompeten (nafīr), Kegeloboen (algaita) und Längsflöten. Vom bedeutenden König Idris Alaoma, der Ende des 16. Jahrhunderts Bornu im Nordosten Nigerias regierte, ist aus der Chronik des Ibn Furtu zu erfahren, dass er bei der Belagerung der Stadt Amsaka (südlich des Tschadsees) Langtrompeten (kakaki) und Flöten blasen ließ.Kenneth Alexander Gourlay: Long Trumpets of Northern Nigeria – In History and Today. In: African Music, Band 6, Nr. 2, 1982, S. 48–72, hier S. 52 Rituell verwendete, quer geblasene Hörner, längs geblasene Trompeten aus Kalebassen oder aus Holz und Längsflöten gehören zur alten afrikanischen Tradition. Querflöten sind gegenüber Längsflöten in Afrika in der Minderzahl, ebenso Ensembles aus mehreren Eintonflöten unterschiedlicher Tonhöhen (wie die ju-Flöten auf dem Jos-Plateau in Zentralnigeria) gegenüber solchen aus Eintontrompeten.

Diese polyphonen Flöten-Ensembles von Zentralnigeria haben musikalische Parallelen im Chorgesang und in der Xylophonmusik. Auf dem Jos-Plateau werden auch mehrtönige Kerbflöten mit Fingerlöchern gespielt, während im Norden des Landes entsprechend der arabischen nay schräg angeblasene Endkantenflöten aus Rohr (wie die saréwa der Hausa mit vier Fingerlöchern) verbreitet sind.Roger Blench: Nigeria, Federal Republic of. 7. Musical forms und 8. Musical instruments. In: Grove Music Online, 2001 Nach Süden zu treten an die Stelle der Eintonflötenensembles im Gebiet der Mada-Sprachen (Bundesstaaten Nassarawa und Kaduna) Panflöten aus vier verbundenen Rohrpfeifen. Daneben kommen in diesem Gebiet Kerbflöten aus Rohr (sharuwa) mit vier Fingerlöchern vor, die in Ensembles von bis zu 20 Musikern gespielt werden. Daneben sind kugelförmige Gefäßflöten aus der Fruchtschale von Oncoba spinosa mit zwei Grifflöchern bekannt.

Die im zentralen Bundesstaat Plateau lebenden Tarok (Tarokoid-Sprecher) verwenden als beliebteste Flöte die Kerbflöte ngapak, die wohl früher als Signalinstrument diente und der oja entspricht.Ngapak. rogerblench.info/Ethnomusicology/Video & images/Africa/Nigeria/Tarok (Dieses und die nächsten drei Fotos zeigen die Flöte ngapak der Tarok in Zentralnigeria.) Jäger verständigen sich mit der ngapak, ohne die Wildtiere aufzuscheuchen, und Händler machen an Markttagen untereinander auf sich aufmerksam.Roger Blench: The traditional music of the Jos Plateau in Central Nigeria: an overview. Hamburg, März 2004, S. 8f

Die Form der oja stimmt des Weiteren mit der aflekungkwe der Fon überein, für die Gerhard Kubik (1989) entsprechend ihrer Verbreitungsregion im ehemaligen Königreich Dahomey den in der französischen Literatur geläufigen Namen flûte dahoméenne als „Dahomey-Flöte“ übernimmt.Gerhard Kubik, 1989, S. 136 Anderssprachige Bezeichnungen für Flöten sind neben oja und dem lautähnlichen ogbo Tiv imar, Ebira (Igbirra) ipe und sariwa für eine lange Holzflöte bei den Fulani. Bezeichnungen für die Flöte in Igala sind olili und ufele. Mehrere Ethnien in Nordghana verwenden die – gedackte – kurze Holzflöte yua solistisch zur Unterhaltung, als Signalpfeife und in Ensembles mit bis zu sechs Flöten zusammen mit Trommeln.

Die Igbo haben zwei Kriterien, um ihre Musikinstrumente zu klassifizieren: nach der Tonproduktion und nach der kulturellen Wertschätzung. Gemäß dem ersten, auf das Musikinstrument selbst bezogenen Kriterium gehören Flöten (oja), Hörner (opi) und Trompeten (odu) zur Kategorie ifu („blasen“). In ihrer kulturellen Bedeutung stehen Blasinstrumente bei den Igbo über den Saiteninstrumenten, denn Flöten und Trompeten haben neben ihrer Verwendung als Melodieinstrumente wesentliche rituelle Funktionen, während Saiteninstrumente nur musikalisch eingesetzt werden.Joy Nwosu Lo-Bamijoko: Classification of Igbo Musical Instruments, Nigeria. In: Journal of International Library of African Music, Band 6, Nr. 4, 1987, S. 19–41, hier S. 19, 29. Diese Rangordnung gilt nicht für die Hausa, bei denen die Spießgeige goge zum Bori-Kult gehört.

Neben der oja verwenden die Igbo die Bambuslängsflöte mit fünf Grifflöchern nwakpo, die Bambusflöte opi-nta, die Holzflöte mit Schallbecher opi-ukwu und die Gefäßflöte ugene oder oja-ufele aus Ton mit einem Fingerloch.W. Wilberforce C. Echezona: Igbo music. 1. Musical instruments. In: Grove Music Online, 2001

Bauform Bernhard Ankermann (1901) führt Flöten vom Typ der oja in einer Gruppe unterschiedlich geformter Signalpfeifen ohne oder mit typischerweise zwei seitlichen Grifflöchern an. Die meisten bestehen aus Holz, einige waren zu Ankermanns Zeit auch aus kleinen Antilopenhörnern gefertigt. Daraus ergibt sich eine stark konische Form mit einer breiten Anblasöffnung und einem kleinen Loch am fernen Ende. Zu dieser Gruppe der Signalpfeifen gehören auch kurze, ungefähr ovale Gefäßflöten aus Holz in Ostafrika oder aus Elfenbein im Kongo, die unten geschlossen sind und zwei seitlich nach außen ragende Grifflöcher besitzen.Bernhard Ankermann: (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Facultät der Universität Leipzig) Haack, Berlin 1901, S. 35f Eine besondere Variante dieser an der Anblasöffnung sehr breiten und am unteren Ende schlanken Flöten ist die aus einer kugelrunden Gefäßflöte und einem Flötenrohr zusammengesetzte ombgwe im südlichen Afrika.

Nach ihrer Form ein Bindeglied zwischen der ombgwe und der oja stellt die Holzflöte imar der Tiv dar. Sie besteht aus einem halbrunden oberen Abschnitt mit einer breiten muldenförmigen Anblaskante und einer zylindrischen Spielröhre mit drei Grifflöchern in einer Reihe. Die Erklärung für die Form der imar liefert der Herkunftsmythos der Tiv: Die Kosmogonie beginnt demnach mit dem Himmelsgott A’Ondo und seinen Söhnen Tiv und Uke. Tiv war der Vater von Po’or, Chongo und Pusu. Als Po’or starb, hinterließ er nichts, weshalb einer seiner Brüder einen Knochen von ihm als Andenken aufbewahrte. Als dieser Knochen irgendwann verlorenging, wurde er durch einen Menschenknochen mit einem metallenen Kopf und Augen aus Steinen, Metall oder Kaurischnecken ersetzt. Das gesamte Objekt ist als menschliche Figur gestaltet, zu der ein mittiges Loch als Bauchnabel gehört. Es wird imborivungu genannt und repräsentiert das bedeutendste der großen Sakralobjekte (akombo) der Tiv.Bruce Lincoln: The Religious Significance of Women’s Scarification among the Tiv. In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 45, Nr. 3, 1975, S. 316–326, hier S. 317 Die für die Tiv charakteristische Figur imborivungu wurde rituell verehrt, aber als rituelles Blasinstrument diente üblicherweise der auch anderswo vorkommende Flötentyp der imar. Michael G. M. Lane: The Music of Tiv. In: African Music, Band 1, Nr. 1, 1954, S. 12–15, hier S. 12

Wie die imar wird die oja aus einem Stück Holz angefertigt. Das Holz besteht aus drei Abschnitten, die durch Einkerbungen getrennt sind: aus einem kurzen breiten Oberteil mit einer in die ovale Form halbrund ausgeschnittenen Anblaskante, einem seitlich auskragenden Mittelteil mit jeweils einem Griffloch in dessen Spitzen auf beiden Seiten, und als längstem Teil einer etwas schmäleren konischen Spielröhre. Hierfür wird ein Loch längs durch das Holzstück und ein weiteres quer durch das Mittelteil gebohrt. Traditionell werden Röhre und Grifflöcher mit einem glühend gemachten Eisenstab (Nagel) ausgebrannt. Je nach Hersteller erfolgt das Ausbrennen mit dem glühenden Eisenstab nur von einer Seite oder von beiden Seiten. Der unterschiedliche Verlauf des Röhreninneren ist auf Röntgenbildern zu erkennen. Eine typische oja misst 15 bis 20 Zentimeter in der Länge und etwa 4 Zentimeter mittig in der Breite. Die beiden seitlichen Öffnungen werden beim Spiel mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand verschlossen, während das untere Ende der Flöte mit dem Mittelfinger der rechten Hand verschlossen wird.

Die breite Form des Oberteils wird mit einer Herkunftslegende erklärt. Demnach war die Vorläuferin der oja eine Gefäßflöte aus einer bei den Igbo ugene genannten FruchtkapselUgene, whistle used by herdsmen. Globular, with circular mouth-hole and a stop on either side. Pitt Rivers Museum von einem zur Familie der Topffruchtbaumgewächse (Lecythidaceae) gehörenden Busch. Die reife Frucht fällt zu Boden, die fleischigen Anteile vertrocknen mit der Zeit, lösen sich ab und lassen eine verholzte Schale zurück. Mit einem großen Anblasloch und zwei seitlich eingebohrten kleineren Grifflöchern wird die annähernd runde Kapsel zur Gefäßflöte. Der Spieler hält sie mit einer Hand, deren Daumen und Zeigefinger die Grifflöcher verschließen.

Die oja wird üblicherweise aus dem Holz von akanta geschnitzt, einem kleinen Baum der Art Rauvolfia vomitoria (Gattung Schlangenwurz), der zur Herstellung heiliger Objekte wie Masken und Götterfiguren sowie für andere rituell verwendete Musikinstrumente (Trommeln, Schlitztrommeln) dient.Emeka E. Okonkwo, Maureen O. Ukaegbu, Afamefuna P. Eyisi: A Documentation of Some Traditional Aspects of Wood Consumption in Anaocha, Nigeria. In: SAGE Open, April–Mai 2016, S. 1–8, hier S. 6 Vor der Verarbeitung sollte das Holz mindestens drei Monate getrocknet sein.Joe Onyekwelu: Contemporary Technological Principles and Application in the Construction of Oja (Igbo Wooden Flute). In: Janim: Journal of the Association of Nigerian Musicologists, Nr. 5, 2011, S. 118–129, hier S. 120–123 Andere Holzarten sind osisi egbu, ein weiches helles Holz, oder das härtere Holz ogilisi. Vor der ersten Verwendung wässern manche Musiker die Flöte und lassen sie danach in der Sonne trocknen, was angeblich das Holz fester machen und für die richtige Klangqualität sorgen soll. Diesem Zweck soll auch in die Löcher eingetropftes Palmöl dienen. Für den Musiker bewirken solche Behandlungen auch eine Art der persönlichen Aneignung des Instruments.Joy Nwosu Lo-Bamijoko, 1984, S. 6f