mini|Gerhart Hauptmann. Zeichnung von Lovis Corinth (1917) Phantom. Aufzeichnungen eines ehemaligen Sträflings sind der Titel und Untertitel eines 1915–1921 entstandenen und 1922in neuen Folgen in der Berliner Illustrirte Zeitung und 1923 bei S. Fischer Berlin publizierten Romans von Gerhart Hauptmann. Die Hauptfigur Lorenz Lubota erzählt die Geschichte seiner Obsession. Durch die Faszination von einem Mädchen verstrickt er sich in kriminelle Handlungen. Die Verarbeitung seiner Zwangsvorstellungen bewirkt eine Wandlung seiner Persönlichkeit und führt ihn zu einem neuen Lebensstil. Überblick Lorenz Lubota erzählt, wie er durch eine platonisch-erotische Obsession zunehmend den Bezug zur Realität verliert, sich in eine große Karriere hineinträumt und dadurch zum Betrüger wird. Auslöser der Tragödie des äußerlich unansehnlichen, hinkenden Magistratsschreibers ist die Liebe zu Veronika Harlan, einem schönen 13-jährigen Mädchen, das er zu seinem Idol erhebt. Um sie einmal heiraten zu können, muss er erfolgreich sein. Er konstruiert sich eine Zukunft als erfolgreicher, von der Gesellschaft anerkannter Dichter. Seine Tante Helene Schwabe, eine zwielichtige Pfandleiherin, überzeugt er mit seinen Aufstiegshoffnungen und Heiratsmöglichkeiten, und sie leiht ihm Geld für ein angemessenes Auftreten. Schwabes Liebhaber Wigottschinski nutzt ihre Schwäche für den Neffen aus. Er schlägt Lubota die Gründung einer Firma mit einem Anschubkredit seiner Tante vor. Diese geht darauf ein und Lorenz kündigt seine Stelle bei der Stadtverwaltung. Die Geschäftspartner versuchen jedoch nicht, ihr Modell umzusetzen, sondern geben das Geld für Vergnügungen aus. Beteiligt ist auch Lubotas Schwester Melanie, die als Prostituierte arbeitet. Wigottschinski ist ihr Zuhälter, und er stellt sie als Sekretärin der Scheinfirma ein. Lorenz steigert sich weiter in seine irreale Welt hinein. Er wirbt bei den Eltern um die Hand Veronikas, wird von diesen nicht ernst genommen und taktisch geschickt vertröstet. Er begegnet der Hetäre Melitta, die seinem Idol ähnlich sieht, und finanziert sie und ihre Mutter. Als das Geld der Tante ausgegeben ist, überredet er sie zu einem weiteren Kredit. Doch diese wird misstrauisch, bespricht sich mit einem Kriminalkommissar und verlangt Einblick in seine nicht vorhandenen Geschäftsbücher. Wigottschinski entwickelt daraufhin den Plan, die Pfandleiherin auszurauben, und rechtfertigt dies mit der Bestrafung der unmoralischen Wucherin. Er lenkt sie in einer Liebesnacht ab, während ein Einbrecher ihren Tresor ausräumt. Helene Schwabe bemerkt jedoch, durch die Haustürklingel aufgeweckt, den Raub und schreit um Hilfe. Wigottschinski erwürgt sie. Der Einbrecher flieht und übergibt, wie geplant, den Raub der Schmiere stehenden Melanie, die damit untertaucht. Der Mord wird entdeckt und der Kriminalkommissar lenkt die Ermittler auf die von ihm vermuteten Täter. Der Mörder Wigottschinski wird hingerichtet, Lubota erhält wegen Beihilfe eine sechsjährige Zuchthausstrafe.
Die Rahmenhandlung spielt nach Lubotas Entlassung. Er hat sich mit Hilfe zweier Freunde, des Buchbinders Starke und seiner Tochter Marie, von seinen Zwängen weitgehend befreit und lebt jetzt zufrieden und mit einer gedämpften Gefühlswelt in einem Dorf abseits der großen Gesellschaft. Er hat Marie geheiratet und sie und ihr Vater sind, auch finanziell durch ihr Krämerlädchen, die Stützen seines neuen Lebens. Als Therapie arbeitet er im Garten und schreibt den Roman über sein Leben.
Inhalt → Inhalt Rahmenhandlung Der Erzähler Lorenz Lubota wohnt zusammen mit seiner Frau Marie und seinem achtzigjährigen Schwiegervater, dem Buchbinder Starke, in einem Dorf im Hirschberger Tal. Im von Starke gekauften Haus betreiben sie zusammen ein Krämerlädchen und bewirtschaften einen Obst- und Gemüsegarten. Lubota lebt in ländlicher Ruhe und Zufriedenheit. Marie versorgt ihn liebevoll mütterlich und nennt ihn Lenz. Er hat ein kleines Zimmer mit Blick auf den idyllischen Dorfbach und schreibt an einem Buch über sein Leben. Neben der Gartenarbeit dient dieses Romanprojekt, das von seiner Frau gefördert wird („Schreib doch […] Es kann ja möglicherweise ein Buch daraus werden“),zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Phantom“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, S. 275. der Therapie seiner Zwangsvorstellungen und soll seine Heilung stabilisieren. Es ist ein ambivalentes Vorhaben: Von seiner Flucht, nach einer sechsjährigen Zuchthausstrafe, aus Breslau aufs Land und seinen „Irrfahrten“ will er eigentlich nicht sprechen, und mit der Wiederbelebung seiner Erinnerungen könnte sein Heilungsprozess durchkreuzt werden. Denn er vermisst gelegentlich die frühere gefährliche Euphorie mit ihren Höhenflügen und Abstürzen: „Noch das eigene Leiden ist einem teurer als fremdes Glück, […] Ich will lieber mein Leben als dieses Erlebnis hergeben.“ zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Phantom“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, S. 279.. Er hebt immer noch, vor Marie geheim gehalten, eine Fotografie seines Idols auf. Doch er verlegt inzwischen dieses Glücksgefühl als Perspektive ins Jenseits und er hat damit die Chance, sich vom „Banne der Erinnerungen freizumachen“. V. a. Starke zeigt als ehemaliger Okkultist Verständnis für ihn, denn er glaubt an den Einfluss von Dämonen, die ihn auf den schlechten Weg gebracht haben und von denen er sich durch das Aufschreiben lösen kann.
Kindheit Lubota verfolgt seine Krankheit in die Zeit seiner Kindheit in Breslau zurück: Er ist schon als Kind kränklich und bricht sich bei einem Treppensturz ein Bein, das sich durch falsche Behandlung verkürzt. Seither hinkt er, meidet die Öffentlichkeit und entwickelt sich zum Einzelgänger. Mit 23 Jahren wird er lungenkrank. Auch seine Familiensituation ist schwierig. Sein Vater wird als Zollkontrolleur der Schnapsbrennereien zum Alkoholiker und seine Mutter muss immer wieder die Fehlbeträge in seiner Kasse ersetzen und bei ihrer Schwester Helene Schwabe, einer Pfandleiherin, um Geld betteln. Nachdem der Vater an einem Schlaganfall gestorben ist, wird Lorenz die Hauptstütze der Mutter. Er überlässt ihr sein Einkommen als Schreiber bei einem Rechtsanwalt, während seine Geschwister ihrer eigenen Wege gehen: Seine Schwester Melanie kauft sich mit 17 Jahren aufwändige Flitter-Kleidung, die ihren Lohn als Blumenbinderin weit übersteigt, verlässt die Familie und wird Prostituierte. Sein Bruder Hugo konzentriert sich auf die Kunstmalerei und vertritt die These, ohne Kunst komme man nicht ins Jenseits. Diesen Idealismus überträgt Lorenz auf sein überhöhtes Bild einer geliebten Frau.
Marie Starke Weil er die Hausaufgaben seiner Geschwister geduldig kontrolliert, bringt ihn seine Mutter auf die Idee, Lehrer zu werden. Der 26-Jährige kauft sich Bücher und bereitet sich neben seiner Arbeit auf das Mittelschullehrerexamen vor. Durch sein Interesse an Literatur lernt er die gleichaltrige Marie Starke kennen, als sie ihm den von ihrem Vater frisch gebundenen Uhland bringt. Durch ihre natürliche, offene, unbefangene Art verliert er ihr gegenüber seine Befangenheit vor Frauen, und sie entdecken ihre ähnlichen Situationen: er als Versorger der Mutter, sie als Haushälterin ihres Vaters. Beide sind vereinsamte Menschen und haben nicht vor zu heiraten. So entwickelt sich zwischen ihnen eine kameradschaftliche Freundschaft. Im Buchbinder findet Lorenz einen Vaterersatz. Starke liest seine Gedichte, sieht in ihm ein literarisches Genie und prophezeit ihm eine große Zukunft. Einerseits stärkt dies sein Selbstbewusstsein, andererseits schmeichelt es seiner Eitelkeit. Er steigert sich in den Gedanken vom Dichterruhm hinein und verbindet dies mit anderen Phantasien.
Marie und ihr Vater ahnen Lorenz‘ Schwierigkeiten und werden für ihn zu treuen Kameraden und Stützen in schwerer Zeit. Nach der Krise helfen sie ihm beim Aufbau eines neuen, in der Rahmenhandlung beschriebenen Lebens. Starke liefert ihm auch ein Erklärungsmodell für seinen Absturz und schlägt ihm ein Hilfsprogramm vor: Die Besessenheit von bösen Dämonen und die Möglichkeit, sich durch literarische Verarbeitung in einer ländlichen Umgebung mit Hilfe von Freunden davon zu befreien.
Veronika Harlan mini|Der Pranger, die Staupsäule, vor dem Breslauer Rathaus Parallel dazu, vor dem Hintergrund dieser Freundschaft, spielt sich Lubotas Tragödie ab, die mit zwei Schlüsselerlebnissen beginnt. Lorenz ist inzwischen 28 Jahre alt und Magistratsschreiber. Am 28. Mai 1900 erblickt er auf dem Breslauer Rathaus-Platz an der „Staupsäule“, dem ehemaligen Pranger, sein Ur-Schönheitsbild, ein Gnadenbild „Jungfrau, Mutter, Königin“. Wie er später erfährt, ist der „Engel“ die 13-jährige Eisenhändlerstochter Veronika Harlan. Seitdem ergreift ihn die Macht der Schönheit. Im Rückblick erklärt er diese Obsession als physisch-psychische Krankheit mit göttlich-teuflischen Komponenten, die sich in seinen Alltag ausdehnt und in seine Seele eindringt, so dass ihn sogar die ärmliche Einrichtung der mütterlichen Wohnung ekelt: „Wie soll man in einer Welt leben, in der einem alles und alles gleichgültig oder zum Ekel ist?“ zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Phantom“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, S. 290.
Lubota versucht sich dem Idealbild zu nähern und es zu erfassen. Er denkt, mit dem Herausfinden des Namens oder einem Bild des Mädchens könnte er einen Teil von ihr besitzen und damit Licht, Luft, Musik, Quellwasser, Brot: „Alles dieses konnte mir nur durch die Gnade meines unumgänglichen Mediums in Gnaden bewilligt werden. Mein Zustand war bejammernswert.“ zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Phantom“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, S. 292. Diese Worte kommen ihm nach Ende seiner Krise „verstiegen“ vor. „Der brennenden Süchtigkeit aller meiner Sinne, sich an der Gegenwart des Mädchens zu sättigen und lebendig zu machen, setzte ich immer neu den Versuch entgegen, ihre krankhaften Triebe auf andere Weise zu löschen.“ zitiert nach Gerhart Hauptmann: „Phantom“. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien und Propyläen Verlag (Centenar-Ausgabe). Das erzählerische Werk. Taschenbuchausgabe in 10 Einzelbänden, 1981, S. 292.
Die Verwirrung und Zerrüttung seines Inneren ängstigt ihn und führt zu Flucht- und Selbstmordgedanken und dem Rückzug in sich, und er beginnt, Gedichte zu schreiben, die sein Mentor Starke bei einer illustrierten Münchener Wochenschrift zur Veröffentlichung einreicht.
Der 13. Juli ist ein weiteres Schlüsseldatum. Er hat bisher täglich den Rathausplatz beobachtet und auf eine Begegnung mit dem Mädchen gewartet. Jetzt sieht er sie in einer Kutsche vorbeifahren. Besinnungslos verfolgt er sie zum Harlanschen Haus. Erst als die Hausdiener und der Kutscher ihn aus dem Hof hinauswerfen, wird ihm das Geschehene bewusst. Er irrt, wie von einem Dämon getrieben, den ganzen Tag und die Nacht durch die Stadt, hat Halluzinationen und kehrt krank in seine Wohnung zurück.