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Das DP-Lager Hanau entstand nach dem am 28. März 1945 erfolgten Einmarsch der US-Army in Hanau. Es wurde zunächst in zwei ehemaligen Wehrmachts-Kasernen im Hanauer Lamboy-Viertel eingerichtet und war als Assembly Center (Sammelzentrum) für Displaced Persons (DPs) geplant, die von hier aus repatriiert werden sollten. Im Zuge der weiteren Entwicklungen wurde aus dem Sammellager aber mehr und mehr ein Aufenthaltslager mit längerer Verweildauer, in dem sich dann vorwiegend baltische Flüchtlinge aufhielten.Alice Noll: Einleitung und Anmerkungen zu Die UNRRA in Hanau 1949/50 fungierte das DP-Lager Hanau als zentrale hessische Einrichtung, da die anderen Lager in Hessen aufgelöst worden waren. Am 30. November 1950 endete die Geschichte des DP-Lagers Hanau. Dessen letzte Bewohner wurden in die Obhut der Städte Frankfurt am Main und Hanau übergeben.Markus Häfner: Displaced Persons in Hanau
Das DP-Lager Hanau in zeitgenössischen Quellen Das Tagebuch des Harry Heath In der 2006 erschienenen Geschichte der Fremd- und Zwangsarbeiter in Hanau von Edgar ThielemannEdgar Thielemann: "Ihnen begegnen wir überall auf der Straße" bildet das Kapitel über das DP-Lager nur noch den knappen Abschluss des Buches. Eine wichtige Quelle stand ihm damals allerdings auch noch nicht zur Verfügung: Das Tagebuch des ersten Leiters des DP-Lagers, das erst 2022 durch die Publikation von Alice Noll bekannt wurde. Autor dieses Tagebuchs war der Brite Harry Heath, der von April 1945 bis Juni 1947 als freiwilliger Mitarbeiter der UNRRA das Lager leitete. Allerdings erstreckt sich dessen Tagebuch nur auf die Zeit bis zum 31. Dezember 1945 und endet laut Noll abrupt. Trotzdem ermöglicht dieses Dokument einen umfassenden Einblick in die Situation und in die Verwaltung des Lagers in seiner Anfangszeit. Das Tagebuch wird zudem ergänzt durch umfangreiche Erläuterungen der Herausgeberin Alice Noll, einer Historikerin und ehemaligen Studiendirektorin an der Hanauer Karl-Rehbein-Schule, und durch Erinnerungen von Heath’ Ehefrau Muriel Gardner-Heath. Noll sah ihre Aufgabe als Herausgeberin darin, das Tagebuch, das als „Zeitzeugenbericht eine subjektive historische Quelle“ darstelle, „durch den Abgleich mit offiziellen Dokumenten zur Planung, Durchführung und Beurteilung des alliierten DP-Programms aus amerikanischen und britischen Archiven“ zu verifizieren. Ein umfangreicher Anmerkungsapparat veranschaulicht und vertieft die Tagebucheinträge von Heath.
Harry Heath (1896–1951), der am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und für seinen Einsatz in Deutschland zum Major ernannt wurde, war vor seinem Einsatz in Hanau „leitender Angestellter für Flüchtlingsangelegenheiten im Ministerium für Arbeit in London“. Zu seinem Team, dem UNRRA-Team 27, gehörten anfangs außer ihm als Direktor seine Frau Muriel als leitende Sozialarbeiterin im Rang eines Leutnants, die Britin Pamela N. Deed als Verwaltungsleiterin, der französische Arzt Pierre P. Clement als Medizinischer Leiter und zwei weitere Franzosen als Fahrer (A. Thomas und S. Bounefon).Das Tagebuch des Harry Heath, in: Alice Noll: Die UNRRA in Hanau Das UNRRA-Team war einer Spezialgruppe innerhalb der für zivile Angelegenheiten zuständigen Abteilung der SHAEF-Militär-Administration unterstellt, mit der gemeinsam Heath das Lager leitete. Ab Oktober 1945 fungierte er als alleiniger Lagerleiter, blieb aber weiterhin der Militärverwaltung gegenüber verantwortlich. Noll beschreibt die Rolle der UNRRA in dieser Konstellation als eine
Dass mit Heath ein Zivilist die Lagerleitung ausübte, war nicht selbstverständlich und sorgte häufig für Reibereien, da Heath den ihm anvertrauten Menschen mit einer anderen Einstellung gegenübertrat als die Militärs, für die die Repatriierung der DPs oberste Priorität hatte. Noll führt das auch auf Heaths Persönlichkeit und Wertorientierung zurück, die ihn befähigten, seine Spielräume innerhalb der Hierarchie zu nutzen,
Allerdings bestand auch in Hanau die Gefahr, dass ein Armee-Offizier die Lagerleitung übernehmen könnte. Für Heath, der sich „keinen einfallslosen Armee-Major über mir“ vorstellen wollte, war diese Gefahr erst Anfang Juli 1945 gebannt, nachdem ihm mitgeteilt wurde, dass die Idee einer militärischen Lagerleitung nicht mehr weiter verfolgt würde. Er wertete das als eine Anerkennung der Arbeit von ihm und seinem Team. Im November 1945 wurde die Lagerleitung in anderen Camps endgültig vom Militär auf die UNRRA übertragen. Das Team von Heath wurde verstärkt, und er erhielt einen Stellvertreter zur Seite gestellt.
Aron Bernsteins Dissertation über das DP-Lager Hanau aus dem Jahr 1950 Nicht weniger von Bedeutung für das Wissen über die Geschichte des DP-Lagers Hanau ist die 1950 fertiggestellte Dissertation von Aron Bernstein (* 5. Juli 1923 in Korelitscheder Ort Korelitsche gehörte damals zu Polen und heute zu Belarus. – † 14. April 2013 in den USABernstein wurde begraben auf dem Friedhof von Huntingdon Valley, einem Ort im Montgomery County (Pennsylvania)), eines Holocaust-Überlebenden, der selbst als Displaced Person nach Deutschland kam. Bernstein erlebte 1939 die sowjetische Besetzung Ostpolens in der Folge des Hitler-Stalin-Pakts und 1941 den deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Danach überlebte er mehrere Ghettos und Konzentrationslager, zuletzt Mauthausen. Nach der Befreiung durch die US Army blieb er zunächst in Österreich und begann dann im September 1946 ein zahnmedizinisches Studium an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.Noll erwähnt, dass die Universitäten in der britischen und US-amerikanischen Zone verpflichtet waren, mindestens 10 % der Studienplätze für studierwillige DPs zur Verfügung zu stellen. In Frankfurt habe es sich hierbei zu einem großen Teil um litauische DPs gehandelt, die aus dem Lager Hanau gekommen seien. (Alice Noll: Einleitung und Anmerkungen zu Die UNRRA in Hanau, S. 113, Anmerkung 130) Eine der wenigen Untersuchungen über studierende DPs an deutschen Universitäten stammt von Elisa Lecointe: Displaced Persons an der Uni: Litauische Studierende an der Goethe-Universität Frankfurt in den ersten Nachkriegsjahren, in: USE: Universität Studieren / Studieren Erforschen, 24. Januar 2014 (Online) In diesem Kontext verfasste er die für einen Zahnmediziner auf den ersten Blick ungewöhnliche Dissertation über Das DP (displaced persons)-Lager Hanau und seine Gesundheitsverhältnisse. Bernsteins knappe (nur 40 Seiten starke) aber durch Quellen und StatistikenBernstein hatte für seine Arbeit die volle Unterstützung der Lagerverwaltung und konnte auf die Registratur des Lagers zurückgreifen. Auskünfte erhielt er unter anderem vom Chefarzt des Lagers, und er konnte Einsicht nehmen in die Kopien der Gesundheitsberichte, die die Lagerleitung fortlaufend für die Militärregierung erstellen musste. Bernstein erhielt zudem Unterstützung durch verschiedene städtische Ämter. (Aron Bernstein: Das DP (displaced persons)-Lager Hanau und seine Gesundheitsverhältnisse, S. 2–3) gut belegte Arbeit wurde von dem Hygieniker Hans Schlossberger betreut und befasste sich überwiegend mit den hygienischen Verhältnissen und der Ernährungslage im DP-Lager Hanau während der Jahre 1945 bis 1949. Ein Kapitel der Arbeit war der zahnärztlichen Versorgung des Lagers gewidmet und betraf somit das Fachgebiet, in dem Bernstein im März 1950 die ärztliche Prüfung bestand.
Für Markus Häfners Aufsatz über die Displaced Persons in Hanau, eine der seltenen Arbeiten über dieses Thema, war Bernsteins Dissertation eine wichtige Grundlage, weil dessen „Erhebungen unmittelbar am historischen Ereignis vorgenommen wurden“. Damit sei Bernsteins „Zahlen mehr Vertrauen zu schenken“ als späteren Arbeiten zu diesem Thema. Bernsteins Dissertation, das Tagebuch von Harry Heath und die zusätzlichen Informationen von Alice Noll ermöglichen einen umfassenden Blick in die Struktur und den Alltag des DP-Lagers Hanau.
Die Geschichte des Lagers Fremdarbeiter in Hanau Nach der letzten Volkszählung vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten am 17. Mai 1939 in dem Gewerbe- und Industriestandort Hanau 42.191 Einwohner. Dieser Einwohnerzahl, die sich im Laufe des Krieges drastisch reduzierteEinwohner Hanaus im Jahre 1946: 22.067., stand bald eine wachsende Anzahl von Kriegsgefangenen sowie ausländischen Zivil- und Fremdarbeitern gegenüber. Am 1. April 1943 waren in 26 über das Stadtgebiet verteilten Lagern 241 Kriegsgefangene und 1.741 ausländische Fremdarbeiter untergebracht, die überwiegend in der Industrie und in der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisten mussten. Diese Zahlen stiegen in den Folgemonaten weiter an, und erst recht mit dem nahenden Ende des Zweiten Weltkriegs, als nun ehemalige Fremdarbeiter auch von weiter her nach Hanau strömten und das Gros der Displaced Persons stellten.
Eine für die US-amerikanischen Behörden zwischen 1947 und 1949 erstellte Suchliste über in Hanau lebende Ausländer verzeichnete 10.009 Personen aus über 30 Nationen, von denen lediglich 378 – darunter 198 Juden – nicht als Fremdarbeiter anzusehen waren. Die größten Gruppen stellten die Franzosen mit 2.027 Personen und die laut Statistik als Russen geführten Menschen, die vor allem aus Russland, Weißrussland und der Ukraine stammten: 3.449. Eine dritte große Gruppe bildeten die Polen mit 1.722 Personen. Die Zahlen des Ehepaares Heath, die von einer nur geringfügig anderen Gesamtzahl der DPs berichten, vermitteln allerdings für das Jahr 1945 eine von Thielemanns Zahlen abweichende Zusammensetzung der Hanauer DPs.
Die Frühphase des Lagers unter der Leitung von Harry Heath Schon vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die US-amerikanischen Besatzungsbehörden Überlegungen darüber angestellt, wie nach einem Sieg über Nazi-Deutschland mit den Millionen von Verschleppten umzugehen sei. Vorrangiges Ziel war deren geordnete Rückführung (Repatriierung) in die jeweiligen Herkunftsländer. Zu diesem Zweck wurden in den befreiten Gebieten Sammelzentren (Assembly Centers) eingerichtet, die DP-Lager. Mit der Einrichtung dieser Zentren einher ging das Versprechen des Militärs, dort bis zur eigentlichen Rückführung in die Heimatländer Unterkunft, Verpflegung und medizinische Versorgung zur Verfügung zu stellen. Das alles sollte in enger Kooperation mit der UNRRA erfolgen. Als Folge davon „strömten in den Sommer- und Herbstmonaten russische Staatsangehörige aus allen Gegenden Westdeutschlands nach Hanau, von wo aus die Repatriierung durchgeführt wurde“.Aron Bernstein: Das DP (displaced persons)-Lager Hanau und seine Gesundheitsverhältnisse Die Auseinandersetzungen um diese Repatriierungen sind ein fortlaufendes Thema im Tagebuch von Harry Heath, ebenso auch die Auseinandersetzungen zwischen den Nationalitätengruppen, aber auch die gemeinsam gefeierten Feste und die sozialen und kulturellen Entwicklungen.