mini|hochkant=1.4|Typisches Gründerzeitviertel: Berlin-Kreuzberg mini|hochkant=1.4|Tempo der Gründerjahre von Friedrich Kaiser:Bau von Berliner Mietskasernen, 1875

Ein Gründerzeitviertel oder Gründerzeitquartier ist ein Wohnviertel oder ein gemischtes Wohn- und Geschäftsviertel, dessen Bausubstanz aus der Gründerzeit stammt. Im weiteren Sinne ist es auch ein Viertel, das in jener Zeit entstand, obwohl es (kriegsbedingt) nur noch teilweise oder kaum die ursprüngliche Bausubstanz besitzt. Immobilienmakler tendieren dazu den Begriff auch im weitesten Sinne zu verwenden. Als Gründerzeitviertel werden nur Quartiere aus der Gründerzeit mit Blockrandbebauung bezeichnet, während Viertel mit Villen Villenviertel oder Villenkolonie genannt werden.

Der Begriff Gründerzeitviertel bezieht sich weniger auf die Größe eines Quartiers, aber immer auf die Epoche seiner Entstehung. In Metropolen, wie Berlin, Leipzig, Wien oder Budapest gibt es große, geschlossen erhaltene gründerzeitliche Bebauung, die sich weit über ein herkömmliches Viertel hinaus erstreckt, mitunter sogar über die Grenzen von Stadtteilen oder Stadtbezirken.

Über viele Jahrzehnte fristeten Gründerzeitviertel ein Schattendasein, als Ort billigen Wohnraums, weshalb sie sich in Metropolen im Laufe der Zeit häufig zu Szenevierteln entwickelten. Im 21. Jahrhundert rückten Gründerzeitviertel in den allgemeinen Fokus, wurden vielerorts saniert und werden seitdem als urban und hip empfunden. Gentrifizierung wurde im Zusammenhang mit Gründerzeitvierteln zum Schlagwort, die oftmals zu Vorzeige-Quartieren wurden, weshalb gleich mehrere Städte von sich behaupten, das größte Gründerzeitviertel Deutschlands zu haben. Als Städte mit außergewöhnlich großem, gut erhaltenem Gründerzeitbestand lassen sich beispielsweise besonders Bonn, Leipzig und Chemnitz anführen.

Geschichte Gründerzeit

mini|Gründerzeit: Borsig in Berlin, 1847

Mit Gründerzeit werden in der Wirtschafts- und Kunstgeschichte, auch innerhalb der Fachgebiete, sehr unterschiedliche Phasen bezeichnet. Im weitesten Sinne handelt es sich um den Zeitraum vom Beginn der breiten Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg.

Stilgeschichtlich entspricht die Gründerzeit der Zeit des Historismus, der allerdings um 1900 vom Jugendstil und in weiterer Folge von neoklassizistischen Strömungen abgelöst wurde. Geschlossene Viertel von Jugendstilbauten konnten sich aufgrund der kurzen Phase der Hegemonie dieses Stils allerdings nicht ausbilden. Knapp vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Viertel mit neoklassizistischer Prägung sind gleichfalls nicht häufig, kommen aber insbesondere in Wien vor (Nibelungenviertel).

Im österreichischen Wohnrecht sind Gründerzeitviertel genau definiert:

Es gibt auch Viertel, die mit ihrem Namen auf die Zeit ihrer Entstehung hinweisen, wie z. B. das Gründerzeitviertel in Schweinfurt.

Nationale Unterschiede Auch in anderen europäischen Ländern entstanden infolge von Industrialisierung und Landflucht große Vorstädte. Der in Deutschland und Österreich auch als Gründerzeitstil bezeichnete Historismus beschränkte sich jedoch außerhalb des Deutschen Kaiserreichs und Österreich-Ungarns hauptsächlich auf Kirchen, öffentliche Gebäude und Kurbäder (z. B. Aix-les-Bains, Vichy, Spa).

Planmäßige Vorstädte wurden dort oft schon vorher, in der Epoche des Klassizismus (1770–1840), errichtet. In Deutschland war dies die Ausnahme, wie z. B. die Maxvorstadt in München (siehe: München). Auch die Schweiz wurde vom Klassizismus stark geprägt, während im nachfolgenden Historismus meist nur Boulevards und Uferstraßen (Quais) entstanden. Im klassizistischen Stil erhielt auch Paris durch Georges-Eugène Haussmann sein heutiges Gesicht. Die meist schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen französischen Vorstädte sind schmucklos und trist, ohne die Pracht der Gründerzeit des Historismus; Epoche und Baustil werden dort Belle Époque genannt.

Während infolge der Gründung Österreich-Ungarns 1867 und des Deutschen Kaiserreichs 1871 dort erst später die ganz große Bautätigkeit entstand. In Deutschland waren für die Entwicklung der Gründerzeitviertel auch die hohen Kriegsentschädigungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bis 1871 maßgeblich, was wiederum die Bautätigkeit in Frankreich bremste.

Entstehung der Viertel und Bauboom mini|hochkant|Straße mit drei Bebauungen auf rechter Seite:(1) Alte Baulinie mit 2 Geschossen (Mitte);(2) neue Baulinie mit 3Geschossen (hinten) und(3) mit 5 Geschossen (vorne),Berlin-Friedrichshain, 1929

Die Gründerzeitviertel entwickelten sich in Deutschland, insbesondere in Berlin, in einer ersten Bauphase nach der Reichsgründung 1871, bis es schließlich 1873 zum Gründerkrach kam.

In den 1880er Jahren erholte sich die Bauwirtschaft nur langsam. In den wirtschaftlichen Aufschwungjahren von 1895 bis 1913 kam es in Berlin zu einem beispiellosen Bauboom. In beschleunigten Bauverfahren, in ähnlicher Art wie mit heutigen Generalunternehmern, wurden hier Mietskasernen in nur einem halben Jahr errichtet.Johann Friedrich Geist, Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus 1862–1945. München 1984, S. 318 ff. (online, siehe Darstellung in Kollwitz52.de). Währenddessen wurden in vielen anderen deutschen Städten erst zu dieser Zeit geschlossene Erweiterungseitviertel aufgebaut, ebenfalls in einem bisher nie dagewesenen Bauboom. Da aber weder stilistisch noch konzeptuell von den Gedanken der Gründerzeit abgegangen wurde, werden oft auch um die Jahrhundertwende entstandene Viertel so bezeichnet. Von dieser kurzen Bauphase werden bis heute viele Industrie- und Großstädte geprägt. Der Kernraum Berlins besteht fast ausschließlich aus Gründerzeitvierteln.

Die Viertel entstanden entweder auf dem Freiland um die Städte (Weichbild) oder sie verdrängten kleinere Bebauungen. Zudem erfolgten in der Gründerzeit auch Stadterweiterungen, die eng mit den Alt- bzw. Innenstädten verknüpft wurden.

Nach dem heutigen, deutschen Baugesetzbuch hätten damalige, hohe Gründerzeithäuser, die den Maßstab der zusammenhängenden, umgebenden Bauten sprengten, nicht entstehen dürfen:

§ 34

Ausbeutung der Arbeiterschaft

Ein bekanntes Beispiel für die Ausbeutung der Arbeiterschaft waren die sogenannten Ziegelböhmen beim Bau der Wiener Ringstraße und der angrenzenden Gründerzeitviertel. Die Arbeiter schufteten in den Ziegeleien im Süden Wiens, im Bezirk Favoriten. Dazu kamen die Mörtelmischerinnen, die sogenannten Maltaweiber oder Meutaweiba und die Sandler – letztere wurden zu einem Begriff der Obdachlosigkeit.

Erst gegen Ende der 1880er Jahre kam es zu ersten Verbesserungen für die Arbeiterschaft im Süden Wiens. Der Arzt und spätere Mitbegründer der österreichischen Sozialdemokratie Victor Adler lenkte die Aufmerksamkeit auf die Missstände. Infolge des Streiks der Ziegelarbeiter 1895 kam es zu weiteren Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, der Entlohnung sowie der Abschaffung der Sonntagsarbeit.Karl R. Stadler: Victor Adler. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik, Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend und Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 50–60, hier S. 57

Administrative Entwicklung mini|hochkant=1.2|Die seinerzeit selbstständigen Dörfer Wilmersdorf und Schöneberg vor den Toren Berlins, 1860, kurz vor Aufbau der Gründerzeitviertel

Durch den Aufbau von Gründerzeitvierteln wuchsen auch Orte außerhalb der damaligen Stadtgrenzen der Metropolen stark an und wurden im Laufe der Zeit meist eingemeindet, nachdem sie bereits zuvor öfters zu Städten oder sogar kreisfreien Städten erhoben und zu Großstädten angewachsen waren. Deshalb tragen gründerzeitlich strukturierte Stadtteile (in Berlin Ortsteile genannt) oder Stadtbezirke häufig die Namen einstiger Dörfer oder Städte, wie in Berlin z. B. Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg oder in Frankfurt am Main Bockenheim, Bornheim und Sachsenhausen.

In Berlin wurden 1920 nahezu alle heute zur Stadt gehörenden Ortsteile eingemeindet und mit der ursprünglichen Stadt Berlin zu Groß-Berlin zusammengefasst (ein Vorgang der in Paris ausblieb). In Hamburg wurden zunächst die inneren Vorstädte, in denen sich die Gründerzeitviertel befinden, 1894 eingemeindet. Die Wiener Vorstädte wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrittweise eingemeindet.

Deutschsprachige und jüdische Oberschicht mini|hochkant|Synagoge Prag-Vinohrady, Königliche Weinberge

Gründerzeitviertel in Österreich-Ungarn wurden maßgebend von der deutschsprachigen und jüdischen Oberschicht geprägt. Juden prägten auch viele Gründerzeitviertel im Deutschen Kaiserreich, wie z. B. die Spandauer Vorstadt oder den Prenzlauer Berg in Berlin, den Hamburger Bezirk Eimsbüttel, mit seinem jüdischen Zentrum im Grindelviertel oder das weithin kriegszerstörte Ostend in Frankfurt a. M.

Größte Städte der Welt am Ende der Gründerzeit

Gegen Ende der Gründerzeit gehörten die beiden größten Städte des deutschen Kaiserreichs und die beiden größten Städte Österreich-Ungarns zu den 15 größten Städten der Welt.

Die größten Städte der Welt um 1910Nach Platz 6 Auswahl Rang Name Region Einwohner Stand1. London Vereinigtes Königreich 7.160.441 19112. New York City Vereinigte Staaten 4.766.883 19103. Paris Frankreich 2.888.110 19114. Chicago Vereinigte Staaten 2.185.283 19105. Wien Österreich-Ungarn 2.083.630 19106. Berlin Deutsches Kaiserreich 2.071.257 191013. Hamburg Deutsches Kaiserreich 931.035 191015. Budapest Österreich-Ungarn 880.371 191016. Shanghai China 832.500 1910

Beschreibung der Gründerzeitviertel Vorkommen Gründerzeitviertel sind typische Großstadtviertel, insbesondere der Metropolen und Handelsstädte sowie der klassischen Industriestädte (z. B. Fürth, Schweinfurt), in denen sie auch in Kleinstädten vorkommen (z. B. Oelsnitz/Vogtl.). Zudem findet man Viertel aus der Gründerzeit in bedeutenden Kurstädten (z. B. Wiesbaden, Karlsbad), während sie in Beamtenstädten kaum vorkommen, da zu ihrer Errichtung, mit repräsentativen Fassaden, viel Kapital von privaten Investoren nötig war. In Beamten- und Eisenbahnerstädten entstanden meist nur einfachere Viertel für Eisenbahnarbeiter in Bahnhofsnähe (z. B. Grombühl in Würzburg).

Lagen in der Stadt mini|Hauptbahnhof Frankfurt a. M. mit der Kaiserstraße, vor dem Aufbau des Bahnhofsviertels, 1889

Gründerzeitviertel lagern sich um die historischen Stadtkerne aus dem Mittelalter oder der Frühen Neuzeit (ab 1500). Dazwischen, auf den Arealen der Wallanlagen, die vor den Stadtmauern lagen, wurden häufig Ringparks angelegt oder Ringstraßen mit großer Gründerzeitbebauung (z. B. Kölner Ringe). In Wien wurde auf dem vor den Wallanlagen liegenden Glacis die Wiener Ringstraße angelegt. Auf dem wiederum vor den Glacis liegenden Festungsrayons entstand der Kölner Grüngürtel, der nicht mehr mit der Gründerzeit in Zusammenhang steht, sondern erst in den 1920er Jahren angelegt wurde.

Die neu angelegten Ringstraßen und Boulevards orientierten sich oft nach dem Pariser Vorbild der Grands Boulevards. Diese entstanden jedoch bereits vor der Gründerzeit, so wie auch die Pariser Boulevards Haussmanns (siehe: Nationale Unterschiede).

Häufig liegen Gründerzeitviertel im Umfeld von Bahnhöfen und sind mit Prachtstraßen an die Altstädte angebunden, wie in Frankfurt a. M. das Bahnhofsviertel über die Kaiserstraße oder in Görlitz die Innenstadt (ehem. Vorstädte) über die Berliner Straße.

Gründerzeitviertel bilden auch Brückenköpfe auf der der Altstadt gegenüberliegenden Flussseite (z. B. Dresdner Neustadt oder Sachsenhausen in Frankfurt a. M.).

Erweiterte Citygebiete mini|…und in der Görlitzer Innenstadt: Berliner Straße mit Blick auf Bahnhof